Der Auerochs: Das europäische Rind

Stell Dir vor, Du bist ein ebenso kühner wie ungewaschener Steinzeitjäger und  betrittst heute vor 15.000 bis 30.000 Jahren eine Höhle im heutigen Frankreich. Du hast eventuell von den bewusstseinserweiternden Pilzen genascht (das Betäubungsmittelgesetz ist noch nicht erfunden worden) und Dein Job als Kultverantwortlicher Deines Stammes  verlangt es, nicht ohne ein paar spektakuläre Tiergraffitis zurückzukehren. Wofür entscheidest Du Dich? Biber? Schwanzdrosseln? Schneehasen? Nein! Du wählst etwas richtig Großes! Etwas mit Kraft, Potenz und Magie! Die entscheidest Dich für den Auerochsen!

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Seit dem Verschwinden von Mammut und Wollnashorn war der Auerochse eines der größten und gefährlichsten Wildtiere. Unsere Mastbullen und Milchkühe des 21.sten Jahrhunderts haben mit ihrem wilden und hochbeinigen Vorfahren so viel gemein, wie Haushunde mit Wölfen. Auerochsenbullen verfügten über eine Schulterhöhe von bis zu zwei Meter, einem Gewicht von bis zu einer Tonne und gewaltigen Hörnern von bis zu achtzig Zentimeter Länge. Sie waren für unsere Vorfahren das Sinnbild „uriger“ Kraft und Wildheit und fanden über die mediterranen Stierkulte Eingang in die Mythen und Religionen Europas (siehe: https://krautjunker.com/2016/10/27/der-auerochs-seine-faehrte-in-unserer-kultur/).

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„…die sogenannten Auerochsen, die in ihrem ganzen Äußeren, besonders an Gestalt und Farbe, dem Stier nahekommen, aber fast so groß sind wie ein Elefant. Diese Tiere besitzen eine gewaltige Stärke und Schnelligkeit; jeder Mensch und jedes Tier, das sie erblicken, ist verloren.“ wusste schon der gute Caesar in seinem gallischen Krieg zu berichten. Auch dass der Germane nichts männlicher fand, als eines dieser Viecher zu überwältigen und sich ihrer Hörner zu bemächtigen. „…man sucht sie eifrig, fasst den Rand mit Silber ein und verwendet sie bei glänzenden Festmählern als Becher.“ Daher wohl auch das populäre Bild unserer Vorfahren als hörnersaufende Waldmenschen.

Ein paar Jahre später waren die Germanen den Römern, zumindest teilweise, tributpflichtig; die Friesen in Form von Kuhfellen. Als die Römer auf die clevere Idee kamen die Größe von Auerochsenfellen als Maßstab anzusetzen, kostete das die Friesen erst alle Kühe und dann noch ihre Frauen und Kinder. Warum sie erst danach zum Aufstand aufriefen, wird wohl für immer friesisches Staatsgeheimnis bleiben.

Doch für Tiere die so groß und wehrhaft waren, wurde es mit der Ausbreitung der Städte und Landwirtschaft seit dem Mittelalter immer enger in Europa und Nordafrika. Mit zunehmender Landwirtschaft, Rodung, Bevölkerungsexplosion und Jagd verschwand dieses mächtige Tier im Laufe des Mittelalters im gleichen Maße, wie seine Heimat, die mitteleuropäische Wildnis. Schließlich konnten sie Feuerwaffen nichts entgegen setzen. Zuerst verschwanden die Wildrinder aus Frankreich, im 15. Jahrhundert gab es nur noch Restbestände in Deutschland und vor 300 Jahren verendete das letzte Tier in Polen. Sein furchtloses Verhalten gegenüber dem Menschen wird sein Übriges dazu beigetragen haben.

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Nicht unbeeinflusst von dem national-romantischen Zeitgeist der 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, begannen die Brüder Dr. Lutz Heck (* 1892; † 1983), Direktor des Zoologischen Gartens in Berlin, und Heinz Heck (* 1894; † 1982), Direktor des Tierparks Hellabrunn in München, aus ursprünglichen Hausrindrassen, den Auerochsen zurück zu züchten. Zu diesem Zwecke reisten sie durch Europa und erwarben beispielsweise Korsische Rinder, französische Kampfstiere aus der Camargue, Ungarische Steppenrinder und Schottische Hochlandrinder. Die Münchener und die Berliner Linie unterschieden sich, den Krieg überlebten bedauerlicherweise nur die Tiere in Süddeutschland.

Was in dem Buch verständlicherweise nicht groß behandelt wird, aber ganz interessant ist: Die Idee der Rückzüchtung so archaischer Wildtiere begeisterte auch die Nationalsozialisten in ihren mythologischen Phantasien. Sie entwickelten die Idee, in abgelegenen Urwäldern im Osten Polens rückgezüchtete Auerochsen auszuwildern, um dort ihren Elite-Soldaten der Waffen-SS Gelegenheit zu geben, diese nach Art der alten Germanen mit Speer und Bogen zu jagen. Der Historiker Toby Thacker von der Universität Cardiff bezeichnete dies in der Dailymail als die „ultimative Herausforderung für einen Jäger.“ Im Internet findet sich hierzu ein reißerischer Film vom National Geographic Channel mit einem Titel, der jeden Boulevard-Journalisten applaudieren lässt: Hitlers Jurassic Parc oder im Originaltitel Hitler’s Jurassic Monsters (Link siehe unten in Anmerkungen).

Da alles, was der Kot-Midas Nationalsozialismus berührte, im Nachkriegsdeutschland als besudelt gilt, bedurfte es Logik und Zivilcourage, gegen Widerstände und Ablehnung einen Neuanfang bei der Rückzüchtung zu wagen. In wieweit es sich bei den Heck-Rindern um Rückzüchtungen oder immer noch um Hausrinder handelt, wird daher teilweise übermäßig emotional diskutiert. Zur besseren Unterscheidung von den ausgestorbenen Wildrindern, bezeichnet man die kleineren und kurzbeinigeren Rückzüchtungen als Aueroxen. Die unten eingefügte Grafik habe ich dem kritischen Wikipedia-Beitrag entnommen, ich finde jedoch, dass die Tiere auf den Fotos schon imposanter und dynamischer aussehen, als in der Grafik.

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Der Architekt Walter Frisch begann nach dem Kauf und der Sanierung eines dreihundert Jahre alten oberbayerischen Bauernhofes als erster damit, Aueroxen ganzjährig ohne menschliche Eingriffe in der freien Natur zu halten.

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Nicht nur, dass es jeden an Biologie interessierten fasziniert, wie man über die Generationen versucht, aus Haustieren Wildtiere wieder zurückzuzüchten, es ist auch spannend zu beobachten, wie sich die Natur durch die Beweidung großer Pflanzenfresser ebenfalls zurück verändert. In der Megaherbivorenthese wird beschrieben, dass Europa durch die Beweidung von Herden großer Pflanzenfresser nicht aus dichten Wäldern, sondern halboffenen Landschaften mit großer Artenvielfalt bestand. Da sich diese Erkenntnis immer mehr verbreitet, spielt das Thema Waldweide im Naturschutz als landschaftspflegerisches Instrument eine zunehmend wichtige Rolle. Hierbei geht es auch um die Umwandlung von Fichten-Monokulturen in standorttypische lichte Mischwälder, was durch den Borkenkäfer und die Beweidung mit Aueroxen gefördert wird. Walter Frisch befasst sich mit diesem Thema in seinem Buch im Zusammenhang mit dem Beweidungsprojekt Insel Wörth.

Wer sich mit den europäischen Wildrindern beschäftigen möchte, kommt um sein Buch nicht herum. Zum einen, ist es ein aufwändig gestalteter Titel, der von der Naturgeschichte über die Rückzüchtung und den aktuellen Stand nahezu jeden Aspekt beleuchtet und dabei verschwenderisch mit Farbfotos und Illustrationen geschmückt ist, zum anderen gibt es gar kein anderes im Handel erhältliches Buch über diese Tiere.

Was mich am meisten beschäftigte, ist die Naturgeschichte der Auerochsen sowie die Lebensweise und das Sozialverhalten der Aueroxen.

Meine persönliche Hoffnung ist, dass es bald gelingen wird, mit dem Einbau von Gen-Sequenzen aus Museums-Exponaten in die Stammzellen von Rückzüchtungen, die Auerochsen wieder neu zu erschaffen und es uns gelingt, ihnen in Europa die Lebensräume zu schenken, die sie verdienen. Auf kurze Sicht besteht zumindest die Möglichkeit, durch den Erwerb des Buches einen Aueroxen-Züchter und -Förderer zu unterstützen.

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Facebook-Gruppe.

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Titel: Der Auerochse

Verlag:Frisch, Ilka

ISBN: 978-3000267642

Verlagslink: http://www.derauerochs.de/

Verein zur Förderung des Auerochsen: http://www.aueroxen.de/

 

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Bildquellen

Abb. 1: Jean-Marie Chauvet: Altsteinzeitliche Höhlenkunst im Tal der Ardèche, Foto © SXGMA, Jan Thorbecke Verlag, 1995

Abb. 2 + 3: © Walter Frisch, 1981 bis 2007

Abb. 4: Wikipedia

Abb. 5: © Walter Frisch

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KRAUTJUNKERs erster Beitrag zum Buch: https://krautjunker.com/2016/10/27/der-auerochs-seine-faehrte-in-unserer-kultur/

Hitler’s Jurassic Monsters (englisch): http://www.natgeotv.com/uk/hitlers-jurassic-monsters

Hitlers Jurassic Park (deutsch): http://www.natgeotv.com/de/hitlers-jurassic-park/fotos/bizarre-tierexperimente

Etwas seriöser behandelt die WELT das Thema: https://www.welt.de/vermischtes/article156223521/Der-Urwald-der-Hitlers-Jurassic-Park-war.html

Toby Thacker in der Dailymail: http://www.dailymail.co.uk/news/article-2657396/Hitler-wanted-bring-prehistoric-wild-Auroch-cows-dead.html

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