Eine Büroklammer in Alaska: Wie ich meinen Schreibtisch gegen die Wildnis eintauschte

Guy Grieve hat den Kanal voll. In seinem Job als Vertriebsangestellter bei einem schottischen Verlag, geht es nach einem spektakulären Flop abwärts. Wahrscheinlich weil ihn seine Aufgaben im Grunde überhaupt nicht interessierten. Er verschwendet zuviel Lebenszeit beim Pendeln im Auto und zuwenig in der Natur. Vor allem jedoch machen ihn die Darlehenszinsen für seinen Neubau und die Rückzahlungen für die Kreditkarte finanziell wie psychisch fertig. Seine Leben ist auf einem so massiven Fundament von Schulden aufgebaut, dass ihm das Gewicht seiner Verbindlichkeiten wie eine Last auf der Brust liegt und ihm die Lebensfreude raubt. Nicht, dass es vielen seiner Freunde besser geht. Sie alle stecken in zermürbenden Zwickmühlen zwischen unerfreulichen Autofahrten, Erledigungen und Bürotätigkeiten, wobei letztgenannte vor allem daraus bestehen, auf Computermonitore zu starren. Die Büroklammer Guy Grieve fühlt sich wie ein Gefangener seiner Verpflichtungen und Verbindlichkeiten und beginnt sein Leben zu hassen, denn »unser Alltag bestand vor allem darin, zu strampeln, um nicht unterzugehen«.

So ein Hundeleben ist bekanntlich kein Einzelschicksal, sondern Alltag für Millionen. Während nun aber andere leidende Angestellte von einer Aussteigerexistenz unter Palmen in der Karibik träumen, mit einer Harley die Route 66 bereisen möchten oder sich nach Feierabend mit Fernsehen betäuben, begleiten wir den Autor dabei, wie er etwas anderes plant: Seine Flucht in die winterliche Wildnis Alaskas.

Er schafft es tatsächlich, den Herausgeber seines Verlag dazu zu bringen, ihm dieses Jahr zu finanzieren. Im Gegenzug verpflichtet er sich regelmäßig bebilderte Schilderungen seines Überlebenskampfes mittels Satellitentelefon zu mailen. Auch andere Sponsoren finden sich. Noch erstaunlicher: Sogar seine Frau stimmt zu, dass er sie mit zwei kleinen Kindern für ein halbes Jahr alleine lässt, während er sein Leben an »einem der einsamsten, wildesten Orte der Erde« riskiert.

Ohne dass der Leser viel von seinen Vorbereitungen erfährt, sitzt Guy Grieve schnell bei minus zwanzig Grad Celsius in einem Zelt in den Urwäldern am Ufer des Yukon-Rivers. Die Büroklammer schafft es tatsächlich, sogar größtenteils alleine, Bäume zu schlagen und eine Blockhütte zu bauen, bevor der mörderische Winter hereinbricht.

Ganz ohne Hilfe oder zumindest Tipps freundlicher Einheimischer geht es natürlich nicht. Wo kann man auch schon lesen, dass man beim Benutzen einer selbstgebauten Latrine darauf achten muss, keine Kotkegel zu fabrizieren? Bei Temperaturen weit jenseits dessen, was mitteleuropäische Thermometer anzeigen können, gefrieren die Ausscheidungen zu einem grässlichen braunen Eis-Stalagmiten. Spätestens wenn die Spitzen des »Scheißzapfens« durch die Klobrille ragen, droht dem Nutzer die Pfählung durch seine eigenen Ausscheidungen. Bei minus fünfzig Grad ist es unmöglich, sich in einer Schneewehe zu erleichtern oder eine neue Grube zu bauen, so dass er dazu gezwungen sein wird, in den Orkus hinabzusteigen und den Kegel mit einer Kettensäge zu zerstückeln. Dies wiederum wird zu einer alptraumhaften Sauerei führen, an die man sich noch auf dem Totenbett mit Schrecken erinnern wird. Doch dieses Elend bleibt ihm erspart und die beim Bau des Daches vergessene Öffnung für den Schornstein seines Ofens kann er im Nachhinein mit einem Gewehrschuss herstellen. Zuerst zusammen mit einem Hund, der dem Städter anfangs nur auf die Nerven geht, dann mit einem Gespann Schlittenhunde, besteht er in der menschenleeren nordischen Wildnis Begegnungen mit Bären, Elchen und Wölfen. Gerne hätte ich mehr von seinen Vorbereitungen erfahren, denn einem Ungeübten wäre all dies ebenso wenig gelungen, wie das Flintenschießen auf fliegende Schneehühner.

»Manche Geschichten aus Alaska waren schreckliche Lehrbeispiele, wie alles schiefgehen kann« heißt es zu Beginn, denn es ist ein Land von außergewöhnlicher Schönheit und Grausamkeit und kein komfortabler Lebensraum für Menschen. Diejenigen, die doch im Landesinneren leben, verfügen nach unseren Maßstäben über keinen nennenswerten materiellen Wohlstand oder Lebenskomfort. Fleisch aus dem Lebensmitteleinzelhandel ist kaum zu bezahlen, so dass schon Kinder im Alter von sieben Jahren lernen, 800 kg schwere Elche zu erlegen. Die für Mitteleuropäer unfassbar niedrigen Temperaturen zerstören sogar die Uhr des Abenteurers. Bei Minus fünfzig Grad knistern die Balken seiner Blockhütte in der Kälte, wie brechendes Knäckebrot. Um als Einzelkämpfer in der Wildnis zu überleben, muss er sich ununterbrochen plagen, so dass er abends wie ein Stein auf sein selbstgebautes Bett fällt. Der von Arbeit, Einsamkeit und Kälte geprägte Überlebenskampf lässt natürlich weder Zeit noch Energie für Luxus-Depressionen übrig. Andererseits freut er sich dann bei seinen Besuchen im Dorf »wie ein Waisenkind aus einem Charles-Dickens-Roman« über eine Schale Bonbons.

»Growl und go«, murmelt er immer wieder verbissen sein simples Mantra. Diese Losung geht auf den Polarforscher Ernest Shackelton zurück, der sich damit selbst motivierte, wenn es wieder mal nicht lief wie geplant. Einmal aus tiefster Kehle knurren und dann weitermachen, Zähne zusammenbeißen und durch. Was hilft es auch? Ein einsamer, frierender Mann nennt es eben eine »four-dog-night«, wenn er sich vier Hunde aufs Lager holen muss, um nicht zu erfrieren.

Die Sprache des Autors ist nicht die eines Schriftstellers und sein Wissen über Alaska nicht das eines Gelehrten. So genießt der Leser weder literarische Sprachkunst noch erfährt er viel Unbekanntes über das ferne Land. Doch durch den lakonischen Plauderton, in dem er erzählt, wie er durch das Eis eines Flusses bricht, ihm die kluge Leithündin seiner Schlittenhunde das Leben rettet, er Wildtiere jagt oder von ihnen bedroht wird, stellt sich beim längern Lesen der sonderbare Eindruck ein, den bebilderten Nachrichten eines exzentrischen Freundes zu folgen. Ein ganz großes Plus des Buches ist die Gestaltung (siehe Verlagslink in den Anmerkungen). Die Fotos des Autors und vor allem die außergewöhnlich stimmungsvollen Illustrationen Hans Baltzers (Link siehe Anmerkungen) machen Eine Büroklammer in Alaska zu etwas Besonderen.

Nach seiner Rückkehr nach Schottland ist das gemeinsame Haus bereits von seiner Frau verkauft worden, was er schon zuvor seltsam lapidar aufgenommen hat. Nachdem die Familie anschließend von dem Geld um die Welt segelte, ist er mittlerweile im nachhaltigen Meeresfrüchte-Handel tätig (Link siehe Anmerkungen), wie ich gerade zufällig an anderer Stelle las.

Das Buch lässt den Leser mit Fragen zum eigenen Lebensführung zurück und wie sehr sie dem entspricht, was er sich selbst einmal erträumt hat. Ausgerechnet Alaska muss es bei mir dann aber nicht sein. Großartig aber, wie diese Heldenreise die einstige Büroklammer reifen ließ und Guy Grieve danach nicht wieder zwischen die Mühlräder des 08/15-Alltages geriet.

 

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KRAUTJUNKERAnmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

eine-buroklammer-in-alaska

Titel: Eine Büroklammer in Alaska: Wie ich meinen Schreibtisch gegen die Wildnis eintauschte

Autor: Guy Grieve

Übersetzung: Olaf Kanter, Hamburg

Fotografien: Guy Grieve

Illustration: Hans Baltzer, Berlin

Gestaltung: Daniela Greven, Berlin

Verlag: Ankerherz Verlag GmbH

ISBN: 978-3-95898-011-2

Verlagslink: https://www.ankerherz.de/products/eine-buroklammer-in-alaska?variant=43652053907

Website Illustrator: http://www.hansbaltzer.de/Der-Konig-von-Berlin

Leseprobe auf KRAUTJUNKER: https://krautjunker.com/2017/03/05/alaska-eine-unheimliche-begegnung-im-unterholz/

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Guy Grieves neuer Job: http://ethicalshellfishcompany.co.uk/

 

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