Menschenfresser-Löwen: Tote, die zurückkehren

von Rolf D. Baldus

Wir saßen am Lagerfeuer am Lake Utungi im östlichen Selous. Ringsherum leuchteten die Feuer der Wildhüter, die jetzt nach Einbruch der Dunkelheit ihr Ugali, den Maisbrei, mit Bohnen kochten. Töpfe klapperten, die Geräusche der Wildnis setzten ein. Einer erhob sich und verschwand hinter dem nächsten Busch. Doch bald hörte man von dort ein lautes Getöse, Schmerzensschreie, Hilferufe und dazwischen immer wieder ein tiefes Grollen und Fauchen. Ein Löwe hatte einen Angriff gestartet.
Am Feuer war offensichtlich nicht gerade eine Ansammlung von Helden zurückgeblieben, denn es dauerte einige Zeit, bis eine Rettungsmannschaft bereit war. Schließlich setzte sich – eher verhalten als stürmisch – ein Zug in Bewegung, dessen hintere Ränge dichter besetzt waren als die vorderen. Einer hatte sich einen Safaristuhl geschnappt und gehörte damit zu den besser Bewaffneten. Doch man hatte kaum die Hälfte der knapp 30 Schritt bis zu jenem Busch zurückgelegt, als schon der von einem Löwen angefallene Wildhüter der Rettungsmannschaft entgegentaumelte – blutverschmiert, die Uniform zerrissen, mit tiefen Kratz- und Bisswunden an Hals und Schulter.
Gerald Bigurube flog ihn am nächsten Morgen nach Dar Es Salaam, und nach einigen Injektionen Penicillin und ein paar Tagen im Krankenhaus war er wieder auf den Beinen. Nur die Narben zeugten noch von seinem Ringkampf mit der großen Raubkatze. Ob dieser Löwe ein wirklicher Menschenfresser war, blieb zweifelhaft. Vielleicht trieb er sich bloß aus Neugierde in der Nähe des Feuers herum und war genauso erschrocken wie der Wildhüter, als dieser plötzlich über ihn stolperte. Feuer werden ja seit alters her in Abenteuerbüchern und Anleitungen zum Überleben in der Wildnis als probates Mittel gegen Löwen und andere Raubtiere empfohlen. Aber dass Löwen Feuer gar nicht unbedingt meiden, musste ich schon bald nach jenem Ereignis in Mkangira, eine Tagesreise entfernt, feststellen. Ich hatte abends, kurz nach Einbruch der Dunkelheit, per Funk mit meiner Frau in Dar gesprochen, und während ich die paar Meter zum Feuer zurückging, sah ich plötzlich, dass ich nicht allein war, sondern nicht weit entfernt irgendetwas großes Braunes dieselbe Richtung hatte. Der anwesende Wildhüter trug diesmal jedoch seine Waffe mit sich, und das metallische Scheppern des Verschlusses seiner Kalashnikow zeigte an, dass wir die besseren Argumente hatten. Es war eine starke Löwin, die in wenigen Metern Abstand noch mehrfach unschlüssig hin und her trat und sich dann langsam in ein nahe gelegenes Gebüsch zurückzog, von wo sie sich mit einem markerschütternden Gebrüll verabschiedete.

Löwenopfer
Abbildung: „Erinnerung“ an einen Löwenangriff

Dass der Wildhüter eine Waffe zur Hand hatte, war kein Zufall. An gleicher Stelle war im Vorjahr ein Jagdcamp gewesen, und am helllichten Tag war ein Löwe in das Küchenzelt eingedrungen, hatte den Koch gepackt und mit der Mahlzeit gleich an Ort und Stelle begonnen. Der Hilfskoch war seinem Chef unter Einsatz eines Stuhls zur Hilfe gekommen, hatte aber auch nicht viel ausrichten können. Immerhin überlebte er die Attacke, was dem Koch selbst leider nicht vergönnt gewesen war. Die Pechsträhne des Camps war allerdings noch nicht zu Ende, denn ein nunmehr zum Koch beförderter Küchenhelfer wurde wenige Tage darauf beim Wasserholen aus dem Fluss Mbarangandu von einem Krokodil gepackt.
Unser Besuch in Mkangira diente der Vorbereitung der Wildzählung von 1989, und als wir dort wenig später unser Zeltlager aufschlugen, baute mein Koch Amandus mit seinen Helfern die Kochstelle mit Wellblech zu einer wahren Festung aus, die nachts mit einer Tür verschlossen und von innen verbarrikadiert werden konnte. Löwen blieben uns fern. Wer beschreibt allerdings das Erstaunen der Köche, als sie bemerken mussten, dass in der Nacht ein Leopard über ihren Köpfen gesessen und auf sie herabgeschaut hatte. Sie hatten nämlich nicht mit kletternden Raubkatzen gerechnet und auf ein Dach verzichtet. In den Baum über ihrer Festung hatten sie frisches Wildbret gehängt, und das hatte der Leopard geholt.
Niemand weiß auch, warum um den Selous herum so viel mehr Menschen von Löwen getötet werden als in Nord-Tansania. Schon Brian Nicholson schätzte ihre Zahl auf 200 im Jahr. Heute sind es über 50, mit steigender Tendenz.

Menschenfresser Löwe

Menschenfresser-Löwen zu erlegen ist nicht einfach, denn sie lernen sehr bald, dass sie unnachgiebig verfolgt werden. Normalerweise kann man Löwen leicht vergiften, aber Menschenfresser nehmen keine giftigen Köder an. Sie schlagen dort zu, wo man es am wenigsten vermutet, oft im Dorf und gar nicht an entlegenen Stellen. Dann verschwinden sie und tauchen viele Kilometer entfernt wieder auf. Wo sie nur auf harmlose Dorfbewohner und nicht auf Jäger treffen, verlieren sie oft jegliche Scheu, ganz so, als wüssten sie, von wem ihnen Gefahr droht und von wem nicht. Da kann es nicht ausbleiben, dass in Afrika, wo auch heute noch an Zauberei geglaubt wird, übernatürliche Erklärungen herhalten müssen. Es sind „simba-mtu”, also Tote, die zurückkehren, das Aussehen eines Löwen annehmen und einen Menschen töten. Danach verwandeln sie sich wieder in einen Menschen.
Da gibt es den Fall der Menschenfresser-Löwen von Njombe im südlichen Tansania, die einen ganzen Distrikt in Angst und Schrecken versetzten. Zwischen 1932 und 1946 töteten sie in einem Gebiet, das kaum größer als 2 000 km2 war, um die 1 500 Menschen. Zauberei spielte dabei eine große Rolle. Ein Mann namens Matamula war im Jahre 1932 wegen Korruption als Häuptling des Dorfes Iyayi verjagt worden. Kurz darauf schlugen die Menschenfresser-Löwen zum ersten Mal zu. Matamula fand sich nie mit seiner Absetzung ab und behauptete später, dass die Löwen auf sein Kommando hörten und von ihm die Aufträge entgegennähmen. Die armen Dörfler glaubten ihm bald aufs Wort und brachten ihm Geld, Kühe, Ziegen und Hühner, damit er die Löwen nicht ihnen, sondern anderen auf den Hals schickte. Dann wurde Wildhüter G. G. Rushby auf die Löwen angesetzt, und während er mit seinen Scouts einen Menschenfresser nach dem anderen zur Strecke brachte, kämpfte Matamula um seine Wiedereinsetzung als Häuptling. Die Dorfbewohner versprachen sich davon ein Ende des Löwenterrors, und sie schafften es tatsächlich im Juni 1947, dass die Briten Matamula wieder als Häuptling einsetzten. Am 15. Juli schoss Rushby den letzten von insgesamt 15 Menschenfresser-Löwen. Danach kehrte Ruhe ein – genauso, wie es Häuptling Matamula vorausgesagt hatte.
Zauberei musste auch im Spiel sein, als in den Jahren 1988 und 1989 in Tunduru, einem Nachbardistrikt von Njombe, in kaum zwölf Monaten mehr als 30 Menschen Löwen zum Opfer fielen. Diese Überzeugung wurde bei den meisten Leuten zur Gewissheit, als die Raubtiere sich ausgerechnet den obersten Löwenjäger und Chef der Wildhüter von Tunduru schnappten. Er hatte eines Abends zu tief ins Glas geschaut und wankte, ein frohes Lied auf den Lippen, nach Hause, als ihm die Löwen am Stadtrand auflauerten und nur wenig von ihm übrig ließen. Der arme Warden hatte besonders viele Wilderer geschnappt, und allgemein wurde sein trauriges Ende als gerechte Vergeltung angesehen. Die Löwen schlugen zu, wann und wo sie wollten, und so plötzlich, wie sie gekommen war, hörte die Seuche auch wieder auf; allerdings nur, um nach zwei Jahren erneut über 20 Opfer zu fordern. Ähnliche Opferzahlen in so kurzer Zeit sind von Zeit zu Zeit immer wieder zu beklagen.
„Ja, der Selous hat viele Geheimnisse, die sogar die ‚watafiti’, die Wissenschaftler, nicht enträtseln können“, sagt Wildhüter Hamudi. Vielleicht hat er recht.

 

KRAUTJUNKER-Kommentar: Der Titel wurde als „Jagdbuch des Jahres 2011“ von der Zeitschrift Wild und Hund ausgezeichnet.


Frischling

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

Wildes Herz von Afrika

Titel: Wildes Herz von Afrika

Hrsg.: Rolf D. Baldus

Verlag: Franckh Kosmos Verlag

Verlagslink: https://www.kosmos.de/buecher/ratgeber/jagd/bildbaende-belletristik/4953/wildes-herz-von-afrika
ISBN: 978-3440127896

Titelbild: Gemälde von  © Bodo Meier -> http://www.bodo-meier.de/

Foto vom Löwenopfer: © Rudolf Hahn

 

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