»Yukon Quest« – Das härteste Hundeschlittenrennen der Welt

von Bernd Römmelt

Fairbanks, 6. Februar 2016, 8 Uhr morgens. Für Alaska milde Temperaturen von minus 20 Grad. Es herrscht hektisches Treiben im Bereich vor der Startlinie. Überall große Pickups mit den typischen Hundetransportaufsätzen. Ich stehe mittendrin. Kann mich gar nicht auf ein Motiv konzentrieren. Dort werden Hunde aus den Autos geholt, woanders wird ihnen das Geschirr angelegt, ganz vorne stehen sie schon in Reih und Glied, heulen, bellen, wollen endlich los – das Laufen liegt ihnen im Blut.

Yukon Quest

Ich befinde mich im Startbereich des wohl härtesten Hundeschlittenrennens der Welt, des »Yukon Quest«. Tausend Meilen von Fairbanks, Alaska, bis nach Whitehorse im benachbarten Yukon- Territorium sind zu bewältigen. Tausend Meilen durch absolute Wildnis, immer entlang des mächtigen, legendären Yukon River. In harten Fakten hört sich das so an: 23 Teams, eine Strecke von tausend Meilen Länge, vier Berggipfel, neun Checkpoints, drei Hundewechselstellen (Dog Drops), sechs Raststopps (Hospitality Stops), mehr als tausend freiwillige Helfer, die ehrenamtlich tätig sind und einfach eine Riesenfreude daran haben, das Rennen am Laufen zu halten. Der frühe Pioniergeist – jeder hilft jedem – ist hier noch stark zu spüren und imponiert mir ungemein.

Diese nüchternen Zahlen sagen aber nichts über die Gefühle, die sich mit diesem Rennen verbinden. Das »Yukon Quest« verkörpert wie kein anderes Ereignis das Lebensgefühl des hohen Nordens, das Gefühl von Freiheit, Weite, Einsamkeit. Die Auseinandersetzung des Menschen mit der harten, unerbittlichen Natur – irgendwie romantisch. Die Gründung des Rennens erfolgte 1983 tatsächlich aus ähnlich sentimentalen Beweggründen. Damals saßen Roger Williams und Leroy Shank im Bull’s Eye Saloon südlich von Fairbanks zusammen und skizzierten ihre Ideen von einem ganz speziellen Hundeschlittenrennen. Ihnen schwebte ein Rennen vor, das so hart sein sollte, dass nur die Puristen unter den Mushern (Hundeschlittenführern) daran teilnehmen würden. Der Streckenverlauf sollte sich an den alten Handelsrouten orientieren, deren wichtigste entlang des Yukon River, des sogenannten Highway of the North, verlief. Für die Gründerväter war der Gedanke des »free arctic mushing« zentral. Jedes Jahr sollte der Start- und Zielort zwischen Fairbanks und Whitehorse wechseln, damit jeder Ort die besondere Atmosphäre an Beginn und Ende des Rennens erleben konnte. Das »Yukon Quest« war geboren. Seit 1984 findet das Rennen jährlich im Februar statt, wobei es in Jahren mit gerader Jahreszahl in Fairbanks startet, in solchen mit ungerader in Whitehorse.

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Was 1984 klein begann, hat sich zu einem Riesen-Event gemausert. Aus aller Welt kommen heute nicht nur die Musher mit ihren Teams, sondern auch die Zuschauer. Preisgelder von bis zu 125 000 US-Dollar werden vergeben, gespendet von großen Firmen, aber auch von Einzelpersonen. Ganz Alaska und das Yukon-Territorium schauen während dieser knapp zwei Wochen wie gebannt auf das Ereignis – und verehren die Musher und ihre Teams wie Helden.

DAS RENNEN BEGINNT

2016 stehen 23 Teams am Start: 14 Veteranen und neun Rookies, also Neulinge. Die Rookies wollen nur durchkommen, das Rennen beenden, die Routiniers dagegen wollen in der Regel gewinnen. Viele der Kennels (Hundeschlittenteams) sind Profis. Es geht hier um viel Geld, Sponsoren, Ruhm, Ehre. Am Ende kommen 18 Musher ins Ziel, teilweise mit erheblichen Zeitabständen.

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Ich genieße jede einzelne Sekunde der magischen Atmosphäre vor dem Rennen. Alle sind aufgeregt, auch die erfahrenen Hundeschlittenführer. Man glaubt ihnen ansehen zu können, dass die immer selben Fragen sie beschäftigen: ob alles gutgeht, wie sich das Wetter und das Eis auf dem Yukon River entwickeln, wie die Hunde reagieren und ob es gelingt, die Meute als Team zusammenzuschweißen.

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Ich habe schnell zwei Lieblingsmannschaften gefunden: Brent Sass mit seinem Team »Wild and Free Mushing« und Yuka Honda aus Japan, eine von vier Frauen, die am Quest teilnehmen. Brent hat das Quest 2015 für sich entschieden. Seitdem verfolge ich ihn ein wenig, lese seine Facebook-Einträge. Mir gefällt seine Einstellung zum Leben. Er liebt den Norden, ist von Minnesota nach Alaska ausgewandert, um sich hier seinen Lebenstraum zu erfüllen: wild und frei leben. 2014 ist er beim Quest gestürzt und hat sich schwere Kopfverletzungen zugezogen. Ein Jahr später gewann er das Rennen. Eine Geschichte, wie gemacht für das Quest. Yuka Honda dagegen imponiert mir wegen ihrer ruhigen, immer freundlichen Art. Es ist unglaublich, wie so eine kleine, zierliche Person so zäh sein kann und diese unglaublichen Anstrengungen mit einem Lächeln auf den Lippen meistert. Sie ist kein Rookie mehr, hat das Rennen schon einmal durchgestanden. Die Ziele beider könnten aber nicht unterschiedlicher sein. Während Brent als amtierender Champion natürlich seinen Titel verteidigen will und als klarer Favorit gilt, will Yuka das Rennen in erster Linie beenden und ihre persönliche Zeit vielleicht ein wenig verbessern.

*

KRAUTJUNKER-Kommentar: Ende der Leseprobe, aber nicht des Kapitels.

 

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KRAUTJUNKERAnmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Facebook-Gruppe.

Im Bann des Nordens

Titel: Im Bann des Nordens – Abenteuer am Polarkreis

Fotograf und Autor: Bernd Römmelt

Verlag: Knesebeck Verlag

ISBN: 978-3-86873-988-6

Verlagslink: http://www.knesebeck-verlag.de/im_bann_des_nordens/t-1/581

Bernd Römmelt_1

Website des Fotografen und Autors Bernd Römmelt: http://www.berndroemmelt.de/

Bereits veröffentlichte Leseproben:

https://krautjunker.com/2017/09/22/die-serengeti-des-nordens/

https://krautjunker.com/2017/10/08/schlittenhunde-in-groenlands-wildem-osten/

 

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