Psychoaktive Pflanzen: Tollkirsche (Atropa belladonna)

Die Tollkirsche, auch bekannt unter volkstümlichen Namen wie Belladonne, Deadly nightshade, Hexenbeere, Höllenkraut, Judenkirsche, Mörderbeere, Todeskraut oder Wolfsauge, wird seit »alters her als Giftpflanze gefürchtet und als Hexenkraut dämonisiert. Sie wurde sogar schon als Grund für das Aussterben der Dinosaurier in Erwägung gezogen. Die mächtigen Echsen sollen sich an dem Gewächs vergiftet oder durch Halluzinationen selbst ausgerottet haben.«

 

von Dr. Christian Rätsch

Geschichtliches
Vielleicht ist die Tollkirsche mit der morion genannten „anderen, bei Höhlen wachsenden „männlichen Alraune“ (Mandragora officinarum) identisch. Morion bedeutet wörtlich „männliches Glied“ und weist auf die Verwendung als Tollkraut (mhd. „toll“ = geil) hin. Tollkirschen wurden seit dem Altertum als Aphrodisiakum benutzt.
Der Gattungsname leitet sich von Atropos (=die Grausame, Unerbittliche“) ab. Sie ist eine der drei Parzen oder Schicksalsgöttinnen, die über Leben und Tod bestimmen. Atropos ist diejenige, die den Faden des Lebens durchschneidet.

 

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Abb.: Atropos oder die Parzen von Francisco de Goya, um 1820

 

Die Tollkirsche wurde im alten Orient Bier und Palmwein zugesetzt. Sie fand anscheinend schon bei den Sumerern als Heilmittel bei vielen Krankheiten, die durch Dämonen verursacht wurden, Verwendung.
Der italienische Kräuterbuchautor Matthiolus hat als erster den Namen belladonna, „schöne Frau“, für die Tollkirsche erwähnt und ihn damit erklärt, daß die Italienerinnen sich den gepreßten Saft in die Augen träufelten, um schöner zu erscheinen. Das im Saft enthaltene Atropin bewirkt eine vorübergehende Vergrößerung der Pupillen (Mydriase). Damals gehörten große, schwarze Pupillen zum Schönheitsideal. Der Tollkirschensaft erlangte in der Augenheilkunde wegen dieser pupillenerweiternden Wirkung große Bedeutung. Bis heute verwenden Augenärzte das nach der Atropa benannte Atropin für denselben Effekt. Der Wirkstoff Atropin wurde erstmals 1833 vom deutschen Apotheker Mein aus der Tollkirsche isoliert.

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Abb.: Belladonna, die Göttin der Tollkirsche, mit einem Blumenkranz aus den Blättern und Früchten der Atropa belladonna, offensichtlich in einen Tollkirschentraum versunken. (»Belladonna«; Gemälde von Gabriel Max)

 

Zubereitung und Dosierung
Die Blätter der Wildform sollen von Mai bis Juni gesammelt werden, da sie dann den höchsten Alkaloidgehalt haben. Sie werden im Schatten getrocknet uns müssen dann lichtgeschützt und gut verschlossen gelagert werden.
(…)
1 bis 2 frische Tollkirschen bewirken ca. 1 bis 2 Stunden nach dem Essen leichte Wahrnehmungsveränderungen. 3 bis 4 frische Tollkirschen gelten als psychoaktives Aphrodisiakum; 3 bis maximal 10 frische Beeren werden als halluzinogene Dosis genannt. 10 bis 20 Kirschen können angeblich tödlich wirken; bei Kindern können bereits 2 bis 3 Beeren zum Tode führen. Im Umgang mit Atropa belladonna ist höchste Vorsicht geboten! Bei manchen Menschen können auch schon kleinste Mengen zu verheerenden Auswirkungen (deliranten Zuständen) führen. Am wenigsten gefährlich ist der Gebrauch als Räucherstoff oder Zusatz in Rauchmischungen.
(…)
Die Tollkirsche soll ein Bestandteil der Hexensalben gewesen sein und ist als magischer Räucherstoff verwendet worden. Eine traditionelle „Orakelräucherung“ hat die Tollkirsche als Hauptbestandteil und –wirkstoff.

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Rituelle Verwendung
Wahrscheinlich wurde die Tollkirsche seit dem Altertum genauso oder sehr ähnlich wie die Alraune benutzt. Möglicherweise diente ihre Wurzel auch als Ersatz für die Alraune oder wurde alternativ zu ihr eingesetzt. Im Volkstum haben sich auf jeden Fall Rudimente eines Tollkirschenkultes erhalten, die darauf schließen lassen. So wird z.B. in Ungarn die Wurzel „in der Sankt-Georgen-Nacht nackt unter Darbringung eines Brotopfers wie an einen elbischen Unhold ausgegraben“. In Rumänien heißt die Tollkirsche auch „Wolfskirsche“, „Blume des Waldes“, „Dame des Waldes“ und „Kaiserin der Kräuter“.
Die Tollkirsche kommt in südgermanischen Gebieten häufig vor. Es ist unklar, ob die Pflanze zur einheimischen Flora gehörte oder erst im frühen Mittelalter eingeführt wurde. Die deutschen Namen der Pflanze deuten auf ihre psychoaktiven Wirkung („Schlafbeere“, „Rasewurz“, „Tollkirsche“) und verweisen auf heidnische Bezüge („Wolfsauge“, „Wutbeere“); der Wolf ist das Tier des Wotan und der Wut (= Raserei, Ekstase) seine Eigenschaft (wuotan, „der Wütende“). Die Tollkirsche ist mit den Töchtern des Wotan assoziiert: „Am Niederrhein nennt man ihre Früchte Walkerbeeren und sie selbst Walkerbaum, in dem jeder, der von den Beeren aß, den Walkyren anheim gefallen war“. Die Walküren sind die Töchter von Himmel und Erde (Wotan und Erda) und die Seelengeleiterinnen der im Kampf gefallenen Helden. Sie führen diese nach Walhall, wo sie bis zur Götterdämmerung, d.h. der Wiedergeburt der Welt, von ihnen mit berauschendem Met bewirtet werden.

 

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Abb.: Walküren, Zeichnung von Emil Doepler, 1905

 

Da Wotan Herr der wilden Jagd, aber auch der Jagd und des Waldes ist, stand er in enger Beziehung zu den Jägern. So haben noch im 19. Jahrhundert süddeutsche Jäger vor der Jagd drei bis vier Beeren der Tollkirsche gegessen, um ihre Wahrnehmung zu schärfen und besser jagen zu können.
Obwohl die Tollkirsche als klassische „Hexenpflanze“ gilt, sind nur sehr wenige Angaben über ihren magischen Gebrauch in Hexenritualen überliefert. Giovanni Battista della Porta (ca. 1535 – 1615) schreibt in seinem Werk über die „Natürliche Magie“, daß man sich mit einem Arcanum (Geheimmittel) in einen Vogel, Fisch oder eine Gans – das heilige Opfertier für Wotan/Odin zur Wintersonnenwende – verwandeln und dadurch viel Spaß haben kann. Er führt als brauchbares Mittel an erster Stelle die Tollkirsche an.
In keltischen bzw. in neoheidnischen Ritualen bestimmter, an keltische Traditionen anknüpfender, moderner „Hexenkulte“ (Wicca) wurde und wird nach einer vorangegangenen Fastenzeit von 14 Tagen (one fortnight) in der Nacht des Vollmondes vor dem Samhainfest (1. November) – an dem ein Tee aus Amanita muscaria getrunken wurde –die oben angeführte Orakelräucherung vollzogen.
„Die Angehörigen eines Verbundes von Kräuterkundigen versammelten sich dann in der „heiligen Nacht und wählten eine/n der ihren aus, der/die sich als Orakelpriester/in vor das Räuchergefäß zu setzen und die giftigen Dämpfe einzuatmen [hatte].
Die daraufhin einsetzenden toxischen Wirkungen der Räucherung versetzten den/die Priester/in in einen Trancezustand, in welchem sie/er dann als Orakel die Fragen der anderen beantwortete oder Kontakt zu Geistern oder Göttern aufnahm. Interessant ist weiterhin, daß niemals die/der gleiche Priester/in zweimal hintereinander als Orakel fungieren durfte.“

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KRAUTJUNKER-Kommentar: Bis auf den Abschnitt „Rituelle Verwendung“ wurde dieses Buchkapitel über die Tollkirsche von mir stark gekürzt. Die Bilddateien stammen aus technischen Gründen nicht aus dem Buch. Weitere hier nicht aufgeführte Inhalte sind beispielsweise „Anbau“, „Medizinische Anwendung“ und „Inhaltsstoffe“. Wer sich ein Bild von einem vollständigen Kapitel machen möchte, verweise ich auf die erste Leseprobe über Wermut oder natürlich das Buch.

 

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

Enzyklopaedie_der_psychoaktiven_Pflanzen_2017

Titel: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen

Autor: Dr. Christian Rätsch

Verlag: AT Verlag

ISBN: 978-3-03800-995-5

Verlagslink: https://www.at-verlag.ch/buch/978-3-03800-995-5/Dr_Christian_Raetsch_Enzyklopaedie_der_psychoaktiven_Pflanzen.html

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Erste Leseprobe: https://krautjunker.com/2018/03/28/psychoaktive-pflanzen-wermut-artemisia-absinthium/

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Mehr Infos zum Autor:

1057294

Abb.: Quelle https://www.at-verlag.ch/autoren/1057294-raetsch-christian.html

 

Die Website des Autors:

http://www.christian-raetsch.de/

 http://www.christian-raetsch.de/portrait/dr-phil-christian-raetsch.html

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