Sammeln | Ernten | Kochen

Buchvorstellung

Sammeln Ernten Kochen im Rythmus der Jahreszeiten ist eines der Mottos dieses Blogs für Jäger, Angler und Sammler. Seit Anbeginn der Zeiten mussten sich unsere Vorfahren aus regionalen Lebensmitteln im Zyklus der Jahreszeiten ernähren. Erst seit geschichtlicher sehr kurzer Zeit, können wir nebenan im Winter exotische Früchte aus fernen Ländern erwerben und nehmen dafür viel Durcheinander auf der Tafel und eine fragwürdige Ökobilanz in Kauf (Andererseits war in meiner Kindheit Toast Hawaii mit Oma ganz groß). Als Titel eines Kochbuches klang es für mich Provinzeumel ebenso verheißungsvoll wie sein Ursprung im legendären Restaurant River Cottage in Devon, dessen Küchenchef Gil Meller ist. Der Karriere seines Patrons, Fearnley-Whittingstalls, war es nicht so förderlich in Oxford studiert zu haben, wie in seiner TV-Show die Plazenta einer Bekannten zuzubereiten und mit zu Gästen verspeisen. Selbst in Großbritannien, wo die traditionelle Küche vor allem abhärten soll, sorgte dies für Aufsehen. Inzwischen spielt Fearnley-Whittingstall unter den Fernseh- und Kochbuch-Köchen ungefähr die Rolle, welche Michael Schuhmacher unter den Formel-1-Piloten innehatte. Er ist ganz weit vorne. Im englischsprachigen Raum sind seine Kochsendungen enorm populär und auch seine ins Deutsche übersetzten Kochbücher werden von der Kritik zu den besten gezählt. Gill Meller zählt seit über zehn Jahren zu seinem Team. Er ist nicht nur sein Küchenchef, sondern auch auf internationaler Ebene als Kochlehrer, Foodjournalist sowie -stylist tätig und unterstützt seinen Patron bei dessen Fernsehsendungen und Büchern. Sammeln | Ernten | Kochen ist sein erstes eigenes ins Deutsche übersetzte Buch.

Unser Autor ist ein unbestreitbar schöner Mann, der in einer schönen Landschaft schöne Lebensmittel zusammensammelt und daraus schönes Essen zaubert. Die Bilder des Fotografen Andrew Monotmery machen Sammeln | Ernten | Kochen zu einem wirklich schönen Buch. Handelt es sich hierbei um die ursprüngliche und unverfälschte Schönheit des Landlebens oder ist es glatter Es(s)kapismus? Ich habe sicherheitshalber in einem französischen Kochbuch von ca. 1980 nachgeschaut, wo mir gleich das Foto eines authentischen Provinz-Kochs ins Auge sprang…

 

Köche der Provinz

Abb.: Links Buchautor um 2016; rechts echter französischer Provinzkoch um 1980

 

Also dies nur zur Warnung für die erotisch ausgehungerten Großstadtpflanzen unter meinen Leserinnen, bevor sie sich, in der irrigen Annahme hier sei das Leben ein Rosamunde-Pilcher-Film,  liebeshungrig in ihr Elektromobil schwingen.

Auf durchschnittliche Landbewohner mag es desillusionierend wirken, wenn sie nach einem Blick in die geballte Schönheit des Buches auf ihren Partner oder aus dem Fenster schauen. Dieses Buch wurde für Leser mit Doppel-X-Chromosom geschrieben, welche gerne von „Achtsamkeit“ und „Nachhaltigkeit“ sprechen, SUVs fahren und die pittoreske Welt des Magazins Landlust lieben. Wobei für ihre Männer auch Schönes dabei ist, wie viele herzhafte Wildgerichte und die häufige Verwendung von Speck. Etwas unglaubwürdig, nach der Lektüre über Nachhaltigkeit, Qualität, kurze Wege und Regionalität, wirkt die Information im Impressum, dass das Buch in China gedruckt wurde.

 

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Die unkonventionelle Kapitelaufteilung des Buches mit knapp 300 Seiten und 120 Rezepten orientiert sich daran, woher die Hauptzutaten der Speisen stammen: Bauernhof, Küste, Gemüsegarten, Obstgarten, Feld, Wald, Moor und Heide, Hafen. Den bezeichneten Kapiteln sind jeweils zwei Doppelseiten mit stimmungsvollen Fotos und Texten vorangestellt. Jedem Rezept wird von einem persönlichen Kommentar eingeleitet. Obwohl der Erwerb der meisten Zutaten kaum jemanden vor Probleme stellen sollte, werden auch oft Ersatzstoffe empfohlen. Also Taschenkrebs statt Seespinne und Weißkohlsalat statt Darmtang. Darmtang? Nun, das Landleben, welches das River Cottage nährt, liegt in der Küstennähe Südwestenglands. So tauchen recht oft Austern und andere Meeresfrüchte auf. Lebensmittel, welche die wenigsten meiner Leser regelmäßig eigenhändig sammeln oder fangfrisch auf dem Markt kaufen können. In den Wild-Rezepten finden sich mehr Rebhühner, Fasane und Wildkaninchen, als in den meisten deutschen Jagdrevieren. Es gibt jedoch auch drei Rezepte mit Wildschwein und eines für über offenem Feuer gebratenem Reh. Bei „Bovist mit Speck, Petersilie und Knoblauch“ hat sich allerdings ein Fehler eingeschlichen. Ein Riesenbovist ist ein anständiger Speisepilz, der Verzehr des als Alternative vorgeschlagenen Dickschaligen Kartoffelbovistes führt hingegen zu einem bunten Strauß von Verdauungsbeschwerden wie Erbrechen und Bauchschmerzen bis hin zur Bewusstlosigkeit. Aber wollen wir mal nicht hysterisch werden. Auch Lebensmittelvergiftungen gehörten früher ebenso regelmäßig zum Rhythmus des Landlebens wie Volkstanz und Blutfehde. Kein Grund für „Mimimi“.

 

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Im ersten Kapitel Bauernhof stehen die Rezepte unter den aufeinander folgenden Mottos Käse, Milch, Schwein, Hammel und Honig. Dazu ist die passende Jahreszeit vermerkt. Das erste Rezept hier ist „Blauschimmelkäse mit Honig, Thymian, Datteln, karamellisierten Zwiebeln und Kürbiskernen“. Soweit so schön und logisch. Bei Schwein folgt auf „Knuspriger Schweinebauch mit Kräutern, Sprossen von dicken Bohnen und Frühkartoffeln“ als nächstes „Speck mit Tintenfisch, Zitrone, Tomate und Lorbeer“. Jetzt kennen wir alle aus der Sesamstraße das Lied vom Garten eines Kraken, aber trotzdem sind wir alt genug um zu wissen, dass das Nonsens ist und es  sich bei Kermit dem Frosch nur um einen grünen Filzlappen mit einer Hand im Po handelt. Andererseits will ich in diesen unchristlichen Zeiten auch nicht päpstlicher als der Papst sein. Ein Kochbuch beurteilt man nicht nach den Maßstäben einer wissenschaftlichen Arbeit, sondern denen eines Kunstwerkes. Das nächste Rezept ist übrigens „Blutpudding mit Salbei, Zwiebeln und Enteneiern“. Den tapferen Vegetariern unter meinen Lesern sei jedoch geflüstert, dass auch für sie viel dabei ist. Wie wäre es mit „In Honig geröstete Kerne mit Chili, Thymian und Rosmarin“ oder „Gefüllter Kürbis mit Fenchel und Gerstengraupen“? Süße und herzhafte Speisen werden munter gemischt. In manchen Fällen verbinden sich auf kreative und unvorhergesehene Weise sehr unterschiedliche Aromen auf einem Teller.

 

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Technisch ist alles in Butter: Die Auflistung der Zutaten samt Nennung von Alternativen sowie die Beschreibungen der Zubereitungsschritte sind fehlerlos. Alleine den Ofen-Garzeiten darf man nicht blind vertrauen. Allerdings trifft dies eigentlich auf jedes Kochbuch zu, da alle Backöfen unterschiedlich arbeiten.

 

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In erster Linie ist das Kochbuch wirklich sehr hochwertig gestaltet. Dem Zauber der Fotos von Landidylle und ausgefallenem Essen aus der Natur können sich auch emotional übersichtlich ausgestattete Leser kaum entziehen. Es gibt zwar einige unkomplizierte Rezepte, aber auch Herausforderungen für Anspruchsvolle. Ich fand viele Speisen innovativ und überraschend komponiert. Die meisten, aber eben nicht alle Zutaten, erhält man mal eben so in jedem Supermarkt um die Ecke. Passenderweise hält der Autor seine Leser dazu an, auf dem Markt mit Bauern ins Gespräch zu kommen, selbst in der Natur zu sammeln oder auf dem Land direkt die Erzeuger zu besuchen. Wenn man Fleisch isst, sollte man eigentlich auch einmal Jäger begleitet haben oder auf einem Schlachthof gewesen sein. Abgesehen davon gibt es auch genügend andere Kochbücher für diejenigen, welche es gerne einfach und praktisch haben. Sammeln | Ernten | Kochen inspiriert dazu, die regionale Natur und die Jahreszeiten im Speiseplan einzubeziehen und die Lebensmittel ungewöhnlich miteinander zu kombinieren. Abgesehen davon ist es so schön, dass bei Dreckswetter das Durchblättern viel ästhetischer ist, als tatsächlich durch den Matsch zu stampfen, aus dem die Natur eben auch oft besteht.

 

***

Von KRAUTJUNKER existiert eine Facebook-Gruppe.

Sammeln Ernten Kochen

Titel: Sammeln Ernten Kochen

Autor: Gill Meller 

Fotograf: Andrew Montgomery

Verlag: Knesebeck GmbH & Co. Verlag KG

ISBN: 978-3-95728-032-9

Verlagslink: http://www.knesebeck-verlag.de/sammeln_ernten_kochen/t-1/585

Autoren-Website: http://www.gillmeller.com/

Fotografen-Website: https://www.andrewmontgomery.co.uk/

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Hier bereits veröffentlichte Rezepte:

https://krautjunker.com/2018/08/30/gebratene-pastinaken-mit-brombeeren-honig-radicchio-und-roggenflocken/

https://krautjunker.com/2017/10/09/steinpilze-mit-topinambur-und-schnittlauch/

https://krautjunker.com/2017/09/20/wildragout-mit-brennnesselknoedeln/

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Restaurant River Cottage: https://www.rivercottage.net/

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Luisa sagt:

    Genial geschrieben, gerne gelesen! 🙂
    Dass sich mir beim Anblick des Kochs nicht von allein die Bluse aufknöpft, erkläre ich mal mit meiner Vorliebe für Schrate.
    Viele Grüße,
    Luisa

    Gefällt 1 Person

    1. KRAUTJUNKER sagt:

      Hahaha, als kleines Mädchen zuviele Trollbücher gelesen? Bist selber eine geniale Schreiberin, die ich oft und gerne weiterempfehle.

      Gefällt 1 Person

      1. Luisa sagt:

        Dankeschön für das liebe Kompliment! 😊
        Ich weiß nicht genau, was mich geprägt hat aber seit ich denken kann fand ich das, was eigentlich als typisch männlich gilt, viel spannender als Mädchenkram und hab immer selbst fleißig mitgemischt. Ein Bart ist mir komischerweise nie gewachsen, auch wenn mir manchmal nachgesagt wurde ich sei ein 50-jähriger Trucker, gefangen im Körper einer jungen Frau 😁
        Aber dahingehend kann man sich ja dann einen Partner aussuchen, der besseren Bartwuchs und co besitzt und einem darüberhinaus noch Waffen-, Jagd- und Wildniskunde lehrt. 🙂
        Liebe Grüße!

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