Schwarzwildjagd: Das Lüneburger Modell

von Norbert Happ

Mit dem Namen Lüneburger Modell werden Bejagungsrichtlinien bezeichnet, die seit 1969 im Regierungsbezirk Lüneburg sehr erfolgreich angewendet und anschließend schnell bekannt wurden. Wegen der Bestandesexplosion des Schwarzwildes und der Schweinepestausbrüche sind sie heute – unberechtigt – in Verruf oder Vergessenheit geraten, leider auch im Raume ihrer Entstehung (Gert v. Harling, 2016, mündl.).
In der Lüneburger Heide war es seinerzeit – wie allenthalben – durch fehlerhafte Bejagung zu einer vermeintlichen „Verzwergung“ (Deceleration) des Schwarzwildes gekommen, die Strecke an alten und reifen Stücken war äußerst gering. Es war mit Sicherheit keine phänotypische Veränderung der Wildart, sondern eine Absenkung des Durchschnittalters des Schwarzwildbestandes, wie sie heute in den meisten Populationen immer noch zu konstatieren ist. Federführend bei der Erarbeitung des Bejagungsmodells war Norbert Teuwsen, Landwirt, gelernter Forstmann und weiland Kreisjägermeister in Lüneburg. Er hatte sich mit einigen jagenden Berufskollegen zusammengetan, um dem Schwarzwild eine artgerechte Behandlung zukommen zu lassen und gleichzeitig die immensen Wildschäden einzudämmen. 

ZIELE UND MERKMALE
Hegeziel war nicht der jagdbare Keiler, sondern ein Schwarzwildbestand mit gesundem Altersklassenaufbau in einer für die Landeskultur tragbaren Höhe und mit der Möglichkeit seiner nachhaltigen Nutzung durch biologisch richtige Regulation und Verminderung der Wildschäden. Starke Keiler sollten schließlich der Lohn für nachhaltige Bemühungen sein. Dabei spielten die Beobachtungen eine große Rolle, dass ältere Stücke für eine bessere räumliche Verteilung eines Schwarzwildbestandes sorgen und wegen ihrer Lebenserfahrung mit ihrem Anhang besser von den Feldern fernzuhalten sind, was ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen und unterstreichen kann.
Das Lüneburger Modell orientiert sich an den Vorgaben, wie sie in den Abschussvorschlägen verschiedener Arbeiten über die Bewirtschaftung des Schwarzwildes zu finden sind, so bei Wagenknecht (1967), E. Ueckermann (1977), L. Heck u. G. Raschke (1985), L. Briedermann (2009) und R. Henning (1998), übernommen auch in die „Hinweise zur Hege und Bejagung des Schwarzwildes im Lande Nordrhein-Westfalen“. Alterspyramiden stellen die ideal aufgebauten Schwarzwildbestände und die notwendigen jagdlichen Eingriffen dar.
Die Eingriffe orientieren sich an natürlichen Vorgängen bei jagdlich unbeeinflussten Populationen. Hier finden die Eingriffe durch Beutegreifer – überwiegend Wölfe – hauptsächlich in den am leichtesten zu erbeutenden Altersklassen statt, nämlich beim Jungwild und bei ganz alten Stücken.

GEWICHT ALS HILFSGRÖSSE
Teuwsen schreibt im Niedersächsischen Jäger 9/80 vom 5. Mai 1980: „Nach einigen gescheiterten Versuchen, über den Gesetzgeber Abhilfe zu schaffen, gingen Lüneburger Jäger daran, sorgfältig den Boden für eine freiwillig zu vereinbarende Bejagungsform vorzubereiten. Die Erfahrungen aus gescheiterten – weil zu klein angelegten – Versuchen waren dabei wertvolle Hilfen. Aus den gescheiterten Versuchen wusste man schon, dass besonders in devastierten Beständen die Einordnung lebender, ja selbst gestreckter Stücke in die richtige Altersklasse Schwierigkeiten bereitet, und die Orientierung an Gewichtsgrenzen wurde zum wesentlichen Merkmal des Lüneburger Modells.“
Teuwsen (2000, mündl.) bezeichnet das Lüneburger Modell als Bejagungsmodell und weniger als Hegemodell. Er betont, dass beim Schwarzwild die Hege mit der Büchse im Sinne von F. v. Raesfeld erfolgen muss.
Dem kann man nur zustimmen.

 

Wildschwein (Sus scrofa)

Abb.: Die starke Keilertrophäe ist nicht das vorrangige Ziel des Lüneburger Modells, sondern „zwangsläufige Folge“ eines naturgemäßen Bestandsaufbaus.

 

VOR- UND NACHTEILE
Die Orientierung an Gewichtsgrenzen ist – wenn auch biologisch nicht konsequent – eine praxisgerechte „Eselsbrücke“, die sich beim Aufbau und Erhalt von gut strukturierten Schwarzwildbeständen bewährt hat (siehe Abschnitt „Die Hegegemeinschat am Beispiel Kottenforst-Süd“).
Der Nachteil der Ausrichtung des Abschusses an Richtgewichten liegt ohne Zweifel darin, dass es mitunter bei Tieren eines Jahrgangs erhebliche Gewichtsunterschiede gibt. So beobachtete ich hin und wieder – wenn auch selten – an von mir markierten erwachsenen Stücken starke Differenzen im Körpergewicht, die ich auf bis zu 20 kg (aufgebrochen) schätzte. Mit solchen Ausreißern muss man bei der Orientierung an Gewichtsgrenzen rechnen und leben. Insgesamt gleicht sich das in der Buchführung wieder aus. Wenn man von allen gestreckten Sauen das exakte Alter haben möchte – bis zum Ende der Überläuferzeit leicht zu ermitteln –, bekommt man mit Sicherheit, wenn überhaupt, meist auch nur grobe Schätzungen und die wiederum nach Gewicht und Größe.

 DAS MODELL UND DIE PRAXIS
Heute wird wegen Unkenntnis der biologischen Zusammenhänge oft vorschnell die Gefälligkeitsbehauptung aufgestellt, dass durch die Anwendung des Lüneburger Modells die Schwarzwildbestände allenthalben aus dem Ruder gegangen sind. Gerne vergleiche ich das Lüneburger Modell mit einem scharfen Jagdmesser, das man einem Waidgenossen in die Hand gibt, der sich damit in die Finger schneidet. Das Messer ist am Unfall zwar beteiligt, trägt aber daran keine Schuld. Gutes Werkzeug ist wichtig, entscheidend ist, wie man damit umgeht.

BEZUGSGRÖSSE NORMALBESTAND
Das gilt ganz sicher für das Lüneburger Modell, das in einem Hauptpunkt oft Probleme bei der Umsetzung bereitet: Die angegebenen Abschussprozentwerte des Lüneburger Modells beziehen sich zunächst auf den Normalbestand, wie hoch man ihn auch immer ansetzen mag. Sie setzen voraus, dass die Sauen immer wieder auf den Grundbestand einreguliert werden, also dass der Gesamtabschuss von der Zahl her dem tatsächlichen Zuwachs entspricht und diesen zur Gänze abschöpft.
Das bedeutet aber auch, dass trotz idealster Aufgliederung des jährlichen Abschusses nach den Modellvorgaben der Bestand dann automatisch anwachsen muss, wenn der Gesamtabschuss unter dem jährlichen Zuwachs liegt. Es bleiben zu viele weibliche, also reproduktive Sauen – vor allem der Jugendklasse – am Leben und die Bestandsexplosion ist programmiert. Die Verteilung des Abschusses auf 90 % Jugendklasse und 10 % Altersklasse gilt auch bei der heute normalen Hauptvermehrung aus der Jugendklasse heraus immer!

 NOTWENDIGE „MODELLPFLEGE“
Die im Lüneburger Modell vorgegebene, mehrmonatige Jagdruhe ist heute nicht mehr zu verantworten. Wir jagen im Frühjahr auf Sauen – je nach Gesetzeslage der einzelnen Bundesländer – mit dem Wissen, dass eine Vielzahl der jungen Stücke aktuellen Nachwuchs hat. Bei den übrigen Schalenwildarten würde das niemand tolerieren. Der Schwarzwildjäger hat ein hohes Maß an tierschützerischer Verantwortung.
Insgesamt ist jedenfalls das Lüneburger Modell mit einer Richtgewichtsregelung ein hervorragendes und vor allem ganz einfaches Praxismodell. Erfolge sind nachweisbar, bei anderen Vorgehensweisen warte ich schon seit Jahrzehnten vergeblich darauf. H. Meynhardt hat das unbestrittene Verdienst, uns als Erster die biologischen Zusammenhänge von Schwarzwildpopulationen allgemeinverständlich vermittelt zu haben. N. Teuwsen und seine Mitstreiter haben uns gezeigt, wie man mit dem Schwarzwild umgeht und sich die Meynhardt’schen Erkenntnisse in der Jagdpraxis erfolgreich nutzbar machen kann. H. Meynhardt hat das ausdrücklich bestätigt. Ich habe seine Worte noch im Ohr.

 

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook

Happ_Hege und Bejagung_U1.indd

Titel: Hege und Bejagung des Schwarzwildes

Autor: Norbert Happ

Foto: Horst Jegen

Verlag: Franckh-Kosmos Verlag

Verlagslink: https://www.kosmos.de/buecher/ratgeber/jagd/jagdpraxis-hege/9026/hege-und-bejagung-des-schwarzwildes

ISBN: 978-3440154113

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Erste Leseprobe: https://krautjunker.com/2018/07/23/die-rotte/

 

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Website des Autors: https://norberthapp.de/

Deutsches Jagd Lexikon über den Autor: http://deutsches-jagd-lexikon.de/index.php?title=Happ,_Norbert

Zeitungsartikel über Autor: http://www.general-anzeiger-bonn.de/region/vorgebirge-voreifel/wachtberg/Schwarzwildexperte-Norbert-Happ-kl%C3%A4rte-auf-article908279.html

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Nachtrag vom 26. Juli 2018:
https://www.jaegermagazin.de/jagd-aktuell/news-fuer-jaeger/sauen-legende-norbert-happ-verstorben/

 

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