Jagdgedanken im April: Von wegen „Männerdomäne“

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von Bertram Graf v. Quadt

„Guten Morgen meine Herren. Äh – meine Damen und Herren, natürlich.“ Es ist schon immer wieder hinreißend, wie sehr sich der durchschnittliche Forstmeister oder Beständer auf – nennen wir das einmal „öffentlichen“ – Jagden bei der Ansprache verhaspelt. Damen auf der Jagd scheinen in der Welt da draußen offenbar immer noch ein Novum zu sein, an das man sich so recht noch nicht gewöhnt hat. Entweder wird die jagende Bürgerin scheel beäugt (Standardkommentar: „Rote Fingernägel gibt’s nur nach dem Aufbrechen!“) oder sie wird derart umbalzt, dass ein gut besetztes Auerhahnrevier Anfang Mai ein müder Tanztee dagegen ist. Dieses Brunftgehabe führt wiederum dazu, dass die jagende Bürgerin zu Hause totgeschwiegen wird, andernfalls nämlich die zumindest nach außen hin stets als die „beste von allen“ skizzierte Ehefrau eine spontane Jagdschärfe entwickelt, die in der Ausbildung von Packermeuten durchaus beispielhaft wirken könnte. 

Ausweislich der aktuellen Statistik des deutschen Jagdverbandes sind mehr als 10% der Jagdscheininhaber Frauen, die Tendenz steigt exponentiell. Und was vom deutschen Waidmann gerne als Männerdomäne beschrieben wird, ist es längst nicht mehr – und das schon seit langem. Zumindest in Familien des Adels hat das durchaus Tradition. Neulich wurde ein jagender Standesherr in einer Jagdzeitschrift portraitiert. Das war eine hochwillkommene Ausnahme von den sonst aus der Regenbogenpresse bekannten Homestories. In diesem Artikel war auch der jagdliche Werdegang dieses Herren beschrieben. Er wurde recht formlos der Großmutter überstellt mit den Worten: „Da nimm Sie ihn und mach Sie aus ihm einen Jäger.“
Mir selbst und einer recht großen Anzahl diverser Vettern und Freunde erging es keinen Deut anders. Die schlechteste Schule war es weiß Gott nicht. Denn wenn es auch gemeinhin heißt, dass Mütter gegenüber ihren Kindern nachsichtiger seien als der gestrenge Herr Papa, so ist das auf der Jagd just andersherum. Da lässt der Vater schon mal den viel zu guten oder viel zu jungen Bock mit einem viertelherzigen Donnerwetter durchgehen. Er war ja meistens auch nicht besser, seinerzeit. Die Mutter sperrt in dem Fall erstmal den Waffenschrank zu und ändert die Kombination.
Es ist mir durchaus klar, dass einige Leser – besonders wenn sie selbst jagende Väter jagender Söhne sind – dies entrüstet von sich weisen und auf ihre eigene und ihrer Väter kompromisslose Strenge in Jagddingen pochen werden. Dagegen nur ein Argument: Wovor hätten Sie mehr Angst, unterliefe Ihnen ein grober jagdlicher Schnitzer? Davor, dass der Jagdherr Sie mit verdrehten Augen und einem Seufzer ansieht und sagt: „Wenn das Dein Vater wüsste.“ Oder davor, dass er Ihnen kurz und scharf ins Auge sieht und diesen unheilvollen Satz ausspricht: „Ich sag’s der Mama!“?

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Geständnis des Autors:

Man kann sich gegen schwere erbliche Belastungen nicht wirklich zur Wehr setzen. Damit war die Jagd unausweichlich. Beim Blick in die Generationen gibt es auf weite Sicht keinen männlichen Vorfahr – und nur wenige weibliche – die nicht gejagt hätten. Vater, Mutter, beide Großväter und so weiter und so fort – alles Jäger, und zum Teil hochprofilierte Jäger: der Vater meiner Mutter, Herzog Albrecht v. Bayern, hat die bedeutendste Monographie des 20. Jahrhunderts über Rehwild verfasst („Über Rehe in einem steirischen Gebirsgrevier“) und darin mit viel Unsinn über diese Wildart aufgeräumt. Meine Mutter war an den Forschungen dazu intensiv beteiligt, gemeinsam mit meinem Vater hat sie die Erkenntnisse im gemeinsamen Revier im Allgäu umgesetzt. Nun will und muss aber jeder junge Mensch rebellieren. Ich habe mir dafür aber nicht das jagdliche Erbe ausgesucht, sondern die Schullaufbahn, das nie begonnene Studium, das Ergreifen anrüchiger Berufe (Jurnalist, pfui!) und anderes mehr. Und ich kann im Rückblick sagen: das war die richtige Entscheidung.

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

Titel : Jagdgedanken – Ein Hochstand-Brevier

Autor: Bertram Graf v. Quadt

Zeichnungen: Rudi Kohl

Verlag: Neumann-Neudamm

Verlagslink: https://www.jana-jagd.de/buecher/jagdbelletristik/erzaehlungen/11348/quadt-jagdgedanken-ein-hochstand-brevier

Foto des Autors: © Stephanie Schweigert

ISBN: 978-3788819484

Buchvorstellung: https://krautjunker.com/2019/02/02/jagdgedanken-ein-hochstand-brevier/

Bereits veröffentlichte Leseproben:
https://krautjunker.com/2019/02/21/jagdgedanken-im-februar-schluss-ist-gut-ist/

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Titelfoto des Blogbeitrages:
Photo by Vidar Nordli-Mathisen on Unsplash

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