Wortwanderung zum Wildschwein

von Rita Mielke

wühlen, suhlen, rennen, jagen, grunzen, wechseln, kreuzen

Eigentlich ist das Wildschwein ein Pleonasmus. Denn ursprünglich, vor gut und gern elftausend Jahren, war das Schwein ebenso »wild« in den Wäldern dieser Erde unterwegs wie Reh oder Hirsch, ohne dass eines dieser Tiere eines »wilden« Namenszusatzes bedurft hätte. Dann aber wurde das Schwein domestiziert und stieg zum bevorzugten Nutztier des Menschen auf. Fortan galt es zu differenzieren, zwischen dem »Wild-Schwein« auf der einen und dem »Haus-Schwein« auf der anderen Seite. Allerdings war das Hausschwein niemals »Haustier« wie Hund oder Katze, sondern wurde gezüchtet, um es zu schlachten. Und auch dem Wildschwein war nur bedingt Ruhe vor menschlichen Zugriffen vergönnt, denn als »Schwarzwild«, so die jägersprachliche Bezeichnung, gehörte es zu allen Zeiten zu den bevorzugten jagdlichen Wildarten.

Sau oder Keiler
Vom Schwein führt sprachgeschichtlich ein direkter Pfad zum weiblichen Tier: Der Name, aus einer adjektivischen Form – lateinisch »suinus«, indogermanisch »sui-no-s« – entstanden, beinhaltet den Wortstamm »sus«, Sau, der zwei Deutungen zulässt. Zum einen könnte er auf die Verbalwurzel »Su« im Sinne von »gebären« zurückzuführen sein, eine andere Möglichkeit wäre die Deutung als Nachahmung des typischen Grunzlauts – also Sau als die »Su-Su-Macherin«. Auffallend häufig wird in der Überlieferung explizit unterschieden zwischen weiblichem und männlichem Schwein. Wenn es um Fruchtbarkeit, auch um triebhaft-sexuelle Qualitäten geht, ist die Sau gefragt: Demeter, der griechischen Göttin der Fruchtbarkeit, werden regelmäßig trächtige Sauen zum Opfer gebracht. Freya, die germanische Muttergöttin, trägt die Sau (Syr) im Beinamen und thront oder reitet auf Hildisvini, einem weiblichen Schwein. In den Sprüchen Salomos heißt es explizit: »Ein schönes Weib ohne Zucht ist wie eine Sau mit einem goldenen Ring durch die Nase.« Vom griechischen Wort für »Sau« – »hys« – ist »hystera«, Gebärmutter, abgeleitet. Zur gleichen Wortfamilie gehört das mittelhochdeutsche »Hecse«: Nicht zufällig reitet Baubo, in der griechischen Mythologie Mutter der Demeter und Verkörperung von Sexualität, Trieb und Fruchtbarkeit und in Goethes Walpurgisnacht (Faust I) als »Hexe« charakterisiert, auf einer Sau: »Die alte Baubo kommt allein. / Sie reitet auf einem Mutterschwein. / … / Ein tüchtig Schwein und Mutter drauf / da folgt der ganze Hexenhauf.«
Ein »Zötchen« wird Thomas Mann im Zauberberg (1924)diese Passage später nennen. In diversen umgangssprachlich benutzten Wortableitungen – von »Sauerei« über »versauen« bis zu der Redewendung »die Sau herauslassen« – schwingt die sexuelle Dimension triebhaften, ungezügelten Verhaltens immer noch mit.
Andere Wortbildungen – »saudumm« oder »saublöd« – spielen auf die dem Schwein gern unterstellte beschränkte Auffassungsgabe an, die ebenfalls als spezifisch weibliche Eigenart gedeutet wird. Im Gegensatz zu diesen weiblichen Konnotationen werden die männlichen Vertreter, Eber oder Keiler, gedeutet als Inbegriff von Mut, Wildheit, zuweilen auch zerstörerischer Kraft. Aus der antiken Mythologie überliefert sind der sogenannte »Kalydonische« und der »Erymanthische« Eber. Der nach dem Berg Erymanthos benannte Eber ist ebenso wild wie gefährlich: Ihn einzufangen und lebend nach Mykene zu bringen ist eine der Aufgaben, die Herakles gestellt wurden und die er mannhaft bewältigt. Der Kalydonische Eber ist die Strafe der Jagdgöttin Artemis für den König und die Bewohner von Kalydon, die vergessen haben, sie in ihre Opfer einzubeziehen. Der Eber soll Felder und Weinberge vernichten, und es braucht gehörig Personal, um die brachiale Kraft des Tiers zu brechen. In einem anderen Mythos ist es der in einen wilden Eber verwandelte Kriegsgott Mars, der Adonis, den Inbegriff der Schönheit, niederstreckt.
Ob triebhaft-dumme Sau oder ungezügelter Eber: Im einen wie im anderen Fall verkörpert das Tier die niederen unzivilisierten Dimensionen des Menschseins. In William Goldings Roman Herr der Fliegen (1954) symbolisiert ein von Fliegen übersäter Schweinekopf all das, was den Menschen (wieder) zum Tier macht. Bestätigung für solch skeptischen Blick auf die Spezies Mensch, die vom Tier viel weniger weit entfernt ist, als manchem Idealisten lieb sein mag, hatte Ende des 19. Jahrhunderts die Evolutionslehre geliefert. Darauf nimmt auch Gottfried Benn in zynischer Zuspitzung Bezug: »Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch« (Der Arzt II, 1917).

Mensch und Schwein
Dass insbesondere Mensch und Schwein charakterlich und genetisch eine Menge Gemeinsamkeiten haben, ist wissenschaftlich schon lange kein Geheimnis mehr. Die Reaktionen darauf sind bis heute ambivalent.  So versucht der derbe, von Verachtung für den Angesprochenen getragene Ausspruch »Du Schwein!«, größtmögliche Distanz zwischen Mensch und Schwein zu legen, und diffamiert damit Mensch wie Schwein gleichermaßen.
George Orwell hingegen verkürzte diesen Abstand in der Farm der Tiere (1945) auf null. Menschen, so heißt es da, sind Schweine – und Schweine auch nur Menschen, und beide sind getrieben von niederen Instinkten: »Die Tiere draußen blickten von Schwein zu Mensch und von Mensch zu Schwein, und dann wieder von Schwein zu Mensch; doch es war bereits unmöglich zu sagen, wer was war.«
Bereits hundert Jahre vor Orwell hatte der amerikanische Schriftsteller Edgar Allan Poe erschreckende Ähnlichkeiten zwischen Mensch und Schwein konstatiert, nicht nur was das Schnarchen im Sessel und das Grunzen im Heu anbelangte, sondern auch hinsichtlich der Essensglocke, die, so Poe, wie das Scheppern der Futtereimer im Schweinestall klinge.
Auf die Seite der Schweine-Sympathisanten schlug sich Wins-
ton Churchill, der aus eigener Anschauung – er war lange Jahre passionierter Schweinehalter – um die Qualitäten des Borstenviehs wusste und ihnen nicht Verachtung, sondern Wertschätzung entgegenbrachte: »Hunde schauen zu uns auf, Katzen auf uns herunter. Schweine aber betrachten uns als ihresgleichen.«
Piglet, das sympathische Ferkel im Freundeskreis von Pu, dem Bären, wurde von Alan Alexander Milne als Antibild zum herrschenden Schweine-Mythos konzipiert: Es ist nicht wild und zerstörerisch, sondern ängstlich und scheu, es ist nicht schmutzig, sondern ausgesprochen reinlich, und kein »dummes«, sondern ein ausgesprochen kluges kleines Schwein, das über liebenswerte Eigenschaften verfügt, die auch Menschen durchaus gut zu Gesicht stehen: »Ferkel merkte, dass er zwar nur ein ganz kleines Herz hatte, aber darin sehr viel Dankbarkeit Platz hatte« (Pu, der Bär, 1926).
Und auch ein anderer Schriftsteller von Weltrang entpuppte sich unvermutet als Schweine-Sympathisant – Thomas Mann. Zumindest steht sein Professor Kuckuck (Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, 1957) der verwandtschaftlichen Nähe von Mensch und Schwein durchaus wohlwollend gegenüber: »Die bewimperten Blauäuglein und die Haut des Schweines haben vom Menschlichen mehr als irgendein Schimpanse – wie ja denn auch der nackte Körper des Menschen sehr oft an das Schwein erinnert.« Wie sagt man da? »Schwein gehabt!«

***

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Facebook-Gruppe.

Titel: Im Wald – Eine Wortwanderung durch die Natur

Autorin: Rita Mielke

Illustration, Umschlaggestaltung, Layout und Satz: Hanna Zeckau http://www.kiosk-royal.com/

Verlag: DUDEN

Verlagslink: https://shop.duden.de/Shop/Im-Wald

ISBN: 978-3-411-74258-5



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