Oscar

von Bertram Graf v. Quadt

Dein Platz ist leer. Der auf Deinem Kissen, mit der alten Felldecke drauf, die Du Dir – als sie noch nagelneu war – von meinem Sofa geklaut hast. Dein kleines Kopfkissen liegt noch darauf, Dein Halsband. So wird es noch eine Zeit lang bleiben. Ich werde auch nicht unter das Kissen schauen, um die Reste Deiner diversen Raubzüge durch meine Papierkörbe und meine Küche zu finden oder gar zu entsorgen. Es soll noch eine Zeit lang so sein, als wärest Du nur ausgegangen und kehrtest bald wieder heim. Ein wenig Angst habe ich vor den Nächten. Die sind jetzt kalt im späten Herbst, und deswegen bleibt die Terrassentür zu. Ich werde Dich kratzen hören und leise winseln, wenn Du raus möchtest. Ich werde aufwachen, um Dich rauszulassen, aber Du wirst nicht da sein. Und morgens werde ich ebenfalls lang vor dem Wecker wach werden – zu der Stunde, zu der Du immer aus meinem Zimmer in die Küche wolltest, um ein wenig Wasser zu schlabbern und dann auf Dein Frühstück zu warten. Aber Du wirst nicht da sein. Dein Platz ist leer.

Ende der Woche werde ich auf die Jagd gehen. Saujagd, eine der schönsten Jagden überhaupt. Du wirst dabei sein, auf Deine, auf unsere gemeinsame Weise. Deine erste Saujagd, weißt Du noch? Im Steigerwald war das, und der Jagdherr hatte Dich besonders ins Herz geschlossen. Dich gab es da noch nicht gar so lang in meinem Leben, ein und ein halbes Jahr vielleicht, und von jagdlicher Brauchbarkeit war damals mit Bestimmtheit noch keine wirkliche Rede. Aber von Freundschaft, von tiefer Freundschaft – nicht von der, die am ersten Tag schon da war, sondern von der, die langsam wächst mit den Stunden. „Bring’ ihn einfach mit, egal ob er was taugt oder nicht.“ Das waren die Worte dieses Freundes damals – und danach immer wieder.

Sommers waren wir das erste Mal dort, zum Bockansitz. Die Kanzel, die man mir zugewiesen hatte, war elend hoch, und als ich davorstand mit Dir an der Leine, als ich da hinauf sah und dann Dich anschaute, war es recht schnell klar: Dich da am Leiterfuß ablegen und anbinden – das wäre nicht wirklich sinnvoll. Also packte ich Dich auf meine Schulter und schleppte Dich die Leiter hoch. Auf den ersten paar Sprossen hattest Du Dich noch ängstlich in meinen Nacken gekrallt, aber dann hattest Du Vertrauen gewonnen und glotztest fröhlich in die Landschaft. Als wir dann oben anlangten, da bist Du von meinen Armen direkt in die Kanzel und sofort auf das Sitzbrett gehüpft. Anfänglich hatte ich noch mehr oder minder zaghafte Versuch gemacht, Dich dahin zu bewegen, wo nach deutscher Hundeführermanier der Hund zu liegen hat: auf dem Rucksack zu Füßen des Jägers. Nun bin ich kein Hundeführer, allenfalls ein Hundegeführter, und Du, Du warst kein deutscher Kommisskopf, sondern ein Elsässer Dickschädel. Dreimal hatte ich Dich vom Sitzbrett geschoben, dreimal warst Du wieder hochgehüpft, und beim dritten Mal hattest Du Dich eng an mich gedrückt, mir einmal über die unrasierte Wange geleckt, mich angeschaut und mit Deiner Sprache gesagt: „Stell’ Dich nicht so an.“ Was soll ich sagen – ich war von Anfang an Butter in Deinen Pfoten. Und dass ich Dich damals auf das Sitzbrett gelassen und damit sozusagen eine eherne Tradition begründet hatte, das habe ich damals nicht und auch danach nie wieder bereut. Erstens warst Du wunderbar warm an diesem doch recht kühlen Morgen. Dann warst Du damals und jederzeit erheblich wachsamer und hellhöriger als ich: Mit breitgestellten Ohren zeigtest Du mir jede Bewegung, jedes Wild an, lange bevor es sich in meinen beschränkten Gesichtskreis schob. Und endlich war das, was wir da begonnen hatten, unser gemeinsames Jagen. Kein einsames Herumsitzen mehr, ein gemeinsames Schauen, ein gemeinsames Erleben, ein Leben.

Dass da ein Jahrling vor uns stand, scheibenbreit auf der Brache neben dem Landschaftssee, vorm Fichtenwäldchen, das hätte ich glattweg verträumt und verschlafen an diesem Steigerwälder Sommermorgen, so sehr genoss ich das Sitzen und Sein mit Dir. Aber Du, der Du Dich eben noch an mich gelehnt hattest, Du saßest mit einem Mal stocksteif und aufrecht da und stiertest auf den roten Fleck da im Grün vor unserer Kanzel. Ich begriff es immer noch nicht, und erst, als ein langer, nasser Silberfaden aus Deinem Fang auf meine Kurzlederne tropfte, wurde mir klar, dass da was sein müsse, dass da Wild wäre – und war!

Und Du wusstest offenbar instinktiv: „Jetzt gilt’s!“ Als ich mit Gucker und Spektiv ansprach, hieltest Du mucksmäuserlstill, zittertest nicht, hecheltest nicht einmal. Und als ich Dir im Griff zur Büchse noch ein „Platz!“ zuraunen wollte, da machtest Du Dich von selbst klein, den Kopf auf meinem Knie. Dass Du schussfest warst von Anfang an, das kannte ich schon von den Schießstandbesuchen in der Wantzenau nördlich Strassburg her. Trotzdem war ich beeindruckt, dass Du jetzt, als ich den Jahrling schoss, nicht einmal zucktest auf meinem Schoß. Dass Du dich erst wieder auf dem Brett aufsetztest, als ich die Büchse wieder ins Kanzeleck abgestellt hatte. Dass Du Dich jetzt, als ich – wie üblich nach dem Schuss – das große Zittern bekam, Dich noch enger an mich drücktest, mir einmal das Ohr auslecktest, so als wolltest Du mir sagen: „Passt doch.“

Ja, ich weiß, dass mir mancher den Vorwurf machen wird, ich vermenschlicht Dich. Aber so habe ich es damals gefühlt und danach immer und immer wieder. Dass Du keine Intelligenzbestie warst, das war schnell klar. Aber was Du nicht mit dem Hirn konntest, das konntest Du umso besser mit Deinem Herzen.

Der Bock auf der Wiese, der interessierte Dich nicht so recht. Lag halt da. Und? Du hattest zwei, drei Mal dran rumgeschnuppert, ein wenig Schweiß vom Einschuss geleckt und dann waren irgendwelche Wiesenfalter interessanter. Die konnte man wenigstens ein wenig jagen und nach ihnen schnappen. Als der Bock schließlich in der Wildwanne neben Dir im Kofferraum meines Kombi lag, da quetschtest Du wie üblich die Nase zwischen Hundegitter und Fenster durch und sabbertest die Rückbanklehne voll. Alles keine Zeichen eines echten, rechten Jagdhundes. Dennoch: Der Bock wog mir damals und wiegt mir gerade heute besonders schwer. Wir hatten das erste Mal gemeinsam gejagt, Du und ich. Von dem Moment an war Jagen etwas ganz anderes, Tieferes, Schöneres geworden. Als wir im Haus des Freundes den Bock ausluden und in die Wildkammer schafften, war er irgendwann dazugekommen und hatte im Lauf des Gesprächs auch die Einladung zur Saujagd ausgesprochen. Auf mein damals hingenuscheltes „muss halt schauen, was ich mit dem Oscar mach’ dann“, da war sein Satz gekommen vom einfach Mitbringen ohn’ Ansehn einer eventuellen Tauglichkeit.

Bevor wir aber zu dieser Deiner ersten Saujagd wieder in den Steigerwald fuhren, kam gänzlich unerwartet Deine erste Nachsuche – mehr aus der Not denn aus der Planung geboren. Wir wohnten damals noch selbander selbzweit hoch droben im Schwarzwald und ein Jagdkumpan hatte den Ausgang hinterm Haus. „Pass auf, heut’ Abend schießen wir ein Schwein für Deinen Hund.“ Du saßest – wie bereits üblich – zwischen uns auf dem Sitzbrett und starrtest gemeinsam mit uns in den zunachtenden Bestand hinein. Irgendwann wurdest Du wieder starr, begann es aus Deinem Fang zu tropfen, die Sau bekam vom Freund einen guten Schuss – und war weg. Da war denn großes Schauen und Fragen vom Hochstand in die Sommernacht hinein. Stablampen hatten wir beide nicht dabei und im einsehbaren Umkreis der kleinen Blöße, auf der die Sau gut gezeichnet hatte, lag außer Reisig zwar sonst recht viel herum, aber halt kein Schweindl. Zu Hause hatte ich wohl eine lichtstarke Lampe liegen, so war es halt nach einigem Hinum und Herum an mir, rasch eben heimzufahren und Licht zu holen. Aber als ich nach keiner Viertelstunde wieder am Ort war, da half uns der Leuchtkegel auch nicht, denn Schweiß war am Anschuss ebenso wenig zu finden wie die Sau, von der er hätte stammen müssen. Ich will jetzt nicht behaupten, dass wir lange das Für und Wider abgewogen hätten, den möglichen Fehlschuss gegen den denkbaren Krankschuss gegen die warme Sommernacht gegen das beinah sichere Verhitzen des wahrscheinlich doch tödlich getroffenen Wildes. Wir standen einfach beide reichlich blöd in der freien Natur herum und irgendwann sagte ich, ohne groß zu überlegen: „Da ist ein Hund im Auto. Vielleicht lassen wir den einmal schauen, weil viel mehr können wir eh schon nicht mehr kaputt machen.“

Was der Freund damals gebrummt hatte, das ist nur bedingt druckreif, aber probiert wollte es halt sein. Du watscheltest in Deinem beinah noch Welpengang einher, wie halt nur ein Jahrlingshund watscheln kann, bis Du am Anschuss ankamst. Und da legtest Du Dich in den Riemen – halt, nein, jetzt verkläre ich, das hast Du nicht nötig. Du zerrtest derart an der Leine, dass selbst die ganz gewaltfreien Hundeflüsterer insgeheim nach dem Haslinger geschielt hätten. So zerrtest Du mich durchs dichteste Gewachs, dass mir die Taxen nur so ins Gesicht schlugen, keuchtest wie ein brunftiger Hauptbär durch den Wald, und hinterdrein kam nur immer und immer wieder das „So ein Schwachsinn, da ist die Sau niemals hin!“ des Schützen. Abgetragen habe ich Dich damals nicht, denn dagegen hattest Du so lautstark protestiert, dass das klang wie schlimmste Folter und übler Gesang. Abgezerrt eher, einmal, zweimal. Beim dritten Mal hatte ich Dir trotz aller Schützenproteste einfach den Gang gelassen, bis die Leine mit einem Mal schlaff wurde und Du mitten auf einem großen, dunklen Haufen saßest. Ich tastete mich durchs Dunkel hin zu Dir, unter Deinen Pfoten spürte ich raue Borsten. Du saßest mitten auf der Sau und, wiewohl wir beiden Menschen so ziemlich alles falsch gemacht hatten, was man nur irgend falsch machen konnte, wiewohl wir Dich blutjungen und völlig unausgebildeten Hund – und auch uns beide – nicht ganz unernsten Gefahren ausgesetzt hatten, war ich unsagbar stolz auf Dich, wie Du da dreckverschmiert und grauenhaft stinkend auf Deinem Schwein throntest. So lagst Du dann später am Abend neben mir, den Kopf auf meinem Knie, auf dem Vorplatz vor dem Haus neben der Feuerschale, verdautest riechbar Dein Fressen und den Knackwurstlohn, Deine Beine zuckten, Deine Lefzen bebten, leis’ tönte Dein Jiffen.

Im frühen Winter dann waren wir wieder im Steigerwald, und Du warst unsagbar aufgeregt: Was es heißt, wenn ich mich ins Zeug stecke, die Stiefel anziehe und die Büchse umhänge, das wusstest Du ja schon und das war etwas, was Du liebtest. Aber da waren zwanzig von meiner Sorte, in denen die gleiche Unruhe wohnte, die gleiche Vorfreude, das gleiche Verlangen. Im packvollen Kleinbus wolltest Du nicht mehr unten auf dem Boden bleiben, matschnass und schlammig, wie Du vom Warten am Sammelplatz bereits warst, sprangst Du auf meinen Schoß, klettertest auf meine Schultern, zwängtest Dich zwischen meinen Rücken und die Lehne und drücktest Deine Nase in den kleinen Spalt, den das Fenster offen stand, um den Dampf von Mensch und Tier abziehen zu lassen. Ein Engländer, der damals mit uns jagte, schaute Dich und mich an und sagte nur: „I know friends when I see them. – Ich erkenne, wer wem Freund ist, wenn ich es sehe.“

Draußen auf dem Drückjagdbock, da hielt es Dich nicht mehr auf dem Sitzbrett – wohl auch deswegen, weil ich nicht saß, sondern stand. Du hattest Dich in die Einstiegsöffnung gelegt und verfolgtest von dort aus mit bebender Nase und doppelkopfbreit gestellten Behängen diese neue, aufregende Jagd: die Gerüche, das Geläut – und als dann endlich ein Rehbock direkt an unserer kleinen, offenen Kanzel vorbeiflüchtete, da hielt es Dich nicht mehr. Mit einem Satz warst Du draußen und auf der Fährte laut jiffend hinter dem Wild her. Allerdings nur für gute fünfundzwanzig Mannsschritte. So lang war die Feldleine, deren eines Ende an Deiner Halsung hing, deren anderes Ende ich aber am Eckpfosten der Kanzel angebunden hatte – wohlweislich sozusagen. Diese fünfundzwanzig Mannsschritte entsprachen ungefähr zehn Deiner Fluchten. Dann blieb Dein Haupt stehen, Dein Hinterteil überholte Dich und Du landetest mit einem unsagbar dämlichen Gesicht auf der leicht schneebezuckerten Streu des Waldbodens. Mit eben solchem Gesicht kamst Du dann zu unserem Stand zurück. Seit damals bist Du nie wieder Wild nachgeprellt. Hautest Du mir auch gelegentlich auf Spaziergängen ab oder verlorst Dich auf irgendwelchen Duftspuren junger Hundedamen – auf der Jagd brauchten wir seit dem Tag keine Leine mehr. Und es war ein guter Tag, auch jagdlich: zwei Überläufer fielen und eine Rehgaiss. Die beiden Schweine lagen im Knall, die Gaiss hatte noch ein paar gute Todesfluchten hangab gemacht und lag gut fünfzig Schritt unterm Anschuss am Talboden. Zuerst gingen wir ans Schwarzwild, aber das interessierte Dich nicht wirklich. Die Gaiss aber ließ ich Dich frei verloren suchen. Da zeigtest Du mir zum ersten Mal, was Du konntest: Das war kein blindes Rennen der klaren Fährte nach, ganz langsam, ganz behutsam suchtest Du, verwiesest Schweißtropfen um Schweißtropfen, buchstabiertest Dich richtig die ganze Bahn entlang, und als Du an der Gaiss standest, machtest Du kehrt und kamst wedelnd und wackelnd wieder zu mir heraufgejagt. Als ich die Gaiss dann keuchend den steilen Hang zum Stand hinaufzog, schnapptest Du Dir einen Hinterlauf und zogst selbst aus Leibeskräften, immer noch heiser jiffend und japsend. Mag sein, dass das so in keinem Lehrbuch steht. Um Lehrbücher haben wir zwei uns nie gekümmert, wir haben halt so miteinander gejagt, wie es sich ergab. Am Abend dann, im Haus, im Zimmer, als ich mir den Smoking fürs Jagddiner anzog, da ließest Du Dich – schlammverkrustet und übel duftend – auf meinem Bett auf den Rücken fallen und schliefst ein. So fand ich Dich einige Stunden später wieder vor, in gleicher Haltung, die in die Luft gereckten Läufe in wilder Hatz strampelnd, leis aus dem Mundwinkel Deine Beute meldend. Ich glaube, Du warst damals wirklich glücklich. Ich war es auch, und sehr.

Auch wenn wir beide nicht so intensiv miteinander gejagt haben, wie es hätte sein können, hätte ich ein Revier vor der Haustür gehabt – wir haben es halt so getan, wie es sich bot und versucht, das Beste daraus zu machen. Du hast mir auf der Jagd lange Hochstandstunden verkürzt, hast mich gewärmt und dich an mir warm gehalten, hast meinen Rucksack bewacht, mich geweckt, wenn Wild kam, mich unterhalten, wenn kein Anlauf war. Hast doch so einige Fährten gearbeitet und mir oft genug den am Stück eingeholfenen Schweiß wieder ins Auto gespien. Was gäbe ich darum, Du tätest es jetzt in dieser Sekunde.

Mit anderen Hunden hast Du Dich nur dann vertragen, wenn sie nicht mehr zwischen den Beinen hängen hatten als Du. Nachdem Du aber schon zu recht frühem Zeitpunkt da nur noch recht wenig hattest, war das ein Problem. Dafür warst Du ein Star mit Kindern. Und es gab durchaus auch Jagden, auf denen Du nicht mit hinausdurftest, weil die Hausfrau Dich zum Enkelsitting verhaftet hatte. Dann konntest Du stundenlang vor der Wiege eines im Zahnen schreienden Kindes sitzen, das nur ruhig wurde, wenn es Dir ins grinsende Gesicht sah. Meinen Freunden warst Du Freund. Hatten sie Angst vor Hunden, dann setztest Du Dich neben sie aufs Sofa, legtest Deinen Kopf in ihren Schoß und zwangst sie so sanft, dich zu kraulen – so lange, bis sie spürten, dass Du und Deinesgleichen Wesen voller Liebe sind. Ebenso großartig warst Du als Gartenwächter: Stundenlang konntest Du vor dem Haus in England sitzen und Deinen Garten, die Rosensträucher und vor allem die Apfel- und Birnbäume bewachen. Ebenso gern saßest Du dann später hier auf den sonnenheißen Steinen der Dachterrasse und wärmtest Deine alten Knochen, aber kein Blatt, das von einem der Sträucher fiel, entging Dir. Solange Du da draußen saßest, solange wusste ich, dass mir kein Garten und keine Terrasse je würde abhanden kommen. Ab heute werde ich jeden Tag nachsehen, ob sie noch da sind.

Als Wachhund warst Du eine helle Katastrophe. Sei ehrlich, Du hättest jeden Einbrecher reingelassen und ihn gebeten, Dir den Kühlschrank aufzumachen oder den Küchenkasten. Selbst damals im späten Dezember, als ich auf dem Sofa eingeschlafen war, mein Adventskranz Feuer fing und die gesamte Wohnung abzufackeln drohte, selbst da war das Einzige, was ich im Rauchgas-Trudel noch gewahr wurde, Dein haariges Hinterteil, das sich vom brennenden Salon ins weniger brennende Schlafgemach empfahl.

Ein echter Jagdhund warst Du auch nie. Richterliche Prüfungen kannten wir nicht und unser gemeinsames Leben folgte keinen Ausbildungsrichtlinien. Siegertitel trugst Du nicht, außer „Stinker“, „Mistvieh“, „mein Guter“ und später dann „mein guter Alter“. Es gab Momente, wo Du mir den letzten Nerv zu rauben drohtest und auch solche, in denen es Dir mit mir wohl genauso ging. Verbockt hast Du sicher einiges in den fünfzehn Jahren gemeinsamen Wegs, und ich sicher umso mehr. Du warst mein erster Hund, nicht nur nach Rang, ich wusste es nicht besser. Verzeih!

Verzeih mir bitte jedes Mal, wenn ich Dich weggeschoben habe, Dich nicht gestreichelt oder gekrault habe, wenn Du es wolltest und mir das zeigtest, verzeih mir jedes abgebrochene oder gar nicht erst begonnene Spiel mit Dir, jedes Wegschicken, jedes ungerechte laute Wort, jede ungerechte Tat. Die bereue ich jetzt – und viel mehr noch die ungenutzten Momente und Gelegenheiten. Ich danke Dir so vieles: so viele Tage, die Du nur durch Dein Dabeisein reicher und schöner gemacht hast. So viele gemeinsame Gänge, die durch Dein hirnlos-seliges Herumtollen und Herumrasen zum Erlebnis wurden – besonders dann, wenn Du auf Ruf oder Pfiff irgendwann dann doch mal reagiertest in Deinem Hundeglück, und dann, wenn ich in die Knie ging und die Arme ausbreitete, die Ohren richtig anlegtest, richtig Gas gabst und freudestrahlend auf mich zugerast kamst, mich umwarfst und wir beide uns balgend im Dreck wälzten. In den späteren Jahren, als Du ruhiger wurdest, da waren es Deine tapsigen Tänze, wenn ich nach Hause kam, die mir jedes Mal das Herz füllten – und auf Deine alten Tage, als Deine Augen trüb und blind geworden waren und Deine dicke, rote Nase Dein einziges Radar wurde, da war es diese ganz eigene, unverwechselbare Bewegung, mit der Du Dein Haupt in meine Hand legtest und Dich unterm Kinn kraulen ließest, um dann irgendwann auf Dein Kissen zu stiefeln, Dich einzurollen und einzuschlafen. Die Tür zur Terrasse, die musste offen bleiben, auch in den kalten Nächten, damit Du rauskonntest. Ich deckte Dich, wenn Du wieder reingekommen warst, mit Deiner Decke zu. Du öffnetest dann Deine blinden Augen, schmatztest ein, zwei Mal und schliefst wieder ein.

Einfach warst Du nie. Du hattest einen Dickschädel und Deine gewaltigen Macken. Aber das trifft auch auf mich zu. Vielleicht waren wir deswegen die Richtigen füreinander. Was uns aneinander gebunden hat, das haben nur wenige verstanden. Aber wir wussten, was wir aneinander haben und was wir einander waren: Freunde. Freunde bis zu dem letzten Moment, Deinem letzten Atemzug in meinen Armen. Jetzt ist Dein Platz leer. Der auf Deinem Kissen, mit der alten Felldecke drauf, die Du Dir – als sie noch nagelneu war – von meinem Sofa geklaut hast. Dein kleines Kopfkissen liegt noch darauf, Dein Halsband. Dieser Platz ist leer. Dein Platz in meinem Herzen nimmer.

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Geständnis des Autors Bertram Graf v. Quadt

Man kann sich gegen schwere erbliche Belastungen nicht wirklich zur Wehr setzen. Damit war die Jagd unausweichlich. Beim Blick in die Generationen gibt es auf weite Sicht keinen männlichen Vorfahr – und nur wenige weibliche – die nicht gejagt hätten. Vater, Mutter, beide Großväter und so weiter und so fort – alles Jäger, und zum Teil hochprofilierte Jäger: der Vater meiner Mutter, Herzog Albrecht v. Bayern, hat die bedeutendste Monographie des 20. Jahrhunderts über Rehwild verfasst („Über Rehe in einem steirischen Gebirsgrevier“) und darin mit viel Unsinn über diese Wildart aufgeräumt. Meine Mutter war an den Forschungen dazu intensiv beteiligt, gemeinsam mit meinem Vater hat sie die Erkenntnisse im gemeinsamen Revier im Allgäu umgesetzt. Nun will und muss aber jeder junge Mensch rebellieren. Ich habe mir dafür aber nicht das jagdliche Erbe ausgesucht, sondern die Schullaufbahn, das nie begonnene Studium, das Ergreifen anrüchiger Berufe (Jurnalist, pfui!) und anderes mehr. Und ich kann im Rückblick sagen: das war die richtige Entscheidung.

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

Titel: Jagdgänge

Autor: Bertram Graf v. Quadt

Fotos: Jagdgänge

Illustrationen: René G. Phillips

Verlag: Neumann-Neudamm Melsungen

Verlagslink: https://www.jana-jagd.de/buecher/jagdbelletristik/erzaehlungen/7509/quadt-jagdgaenge

ISBN: 978-3788818418

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. juliane klünter sagt:

    Ich habe nie etwas schöneres, zu herzen gehenderes gelesen wie dies.
    Schreiben sie mehr und vielen dank

    Gefällt 1 Person

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