Die Jagd – Licence for Sex and Crime

am

Buchvorstellung

»„Du solltest einmal über die Jagd schreiben“, meinte Goldy, „das kann keiner so wie du.“ Ich muss ihr Recht geben. Es gibt kaum Autoren, die von der Jagdleidenschaft ergriffen waren und die gleichermaßen über die Kritik und Ablehnung der Jagd schreiben. Ich nehme meine Eignung zum Anlass und erzähle Erinnerungen, dazu Geschichten, die man mir erzählt hat und Literarisches.
Seit meinen ersten Jagdabenteuern weiß ich: Jagd eröffnet einen Freiraum für Verbrechen bis zum Mord und für sexuelle Lust, wann und wo und von wem immer gejagt wird.
Licence hat eine  radikalere Bedeutung als der deutsche Ausdruck Freibrief; Verbote gelten nicht mehr. Wenn man über Jagd schreibt, muss man über geschlechtliche Lust schreiben und über Grausamkeit und Verbrechen.«

Vor zehn Jahren verstarb mit Paul Parin (* 1916; † 2009) ein spannender und in sich widersprüchlicher Psychoanalytiker, Intellektueller, Schriftsteller sowie passionierter Jäger und Angler. Sein Buch Die Jagd – Licence for Sex and Crime ist ein geistreiches und irres Werk, welches Jagdliebhabern wie Jagdhassern gleichermaßen Unterhaltung und Argumente liefert. Das ist im besten Sinn verstörend.

Da das Buch kein Roman ist, sondern eine Sammlung von biographischen Erzählungen und Essays, bedarf es zum Verständnis und zur Urteilsbildung eines Parforcerittes durch sein Leben.

Am 20. September 1916 wurde Paul Parin als Sohn eines liberalen, jüdischen Gutsbesitzers in Slowenien geboren, seinerzeit Untersteiermark und Teil der Österreichisch-Ungarischen Monarchie. Seit seiner Einbürgerung 1866 war sein in Norditalien geborener Vater jedoch Schweizer.

Parin wuchs in wohlhabenden und gebildeten Verhältnissen auf dem elterlichen Gut Neukloster/Novi klošter auf, einem feudalen Anwesen. Er musste keine Schule besuchen, sondern erhielt Hausunterricht. Als vermögenden Herren über ein großes Gut, sprach man seinen Vater, obwohl bürgerlicher Jude, als Grafen an. Mit 16 Jahren erfuhr Parin erstmals von Hitlers Mein Kampf und erkannte die Gefahr, die der Nationalsozialismus für ihn bildete. Sein Medizinstudium nahm er in Graz und Zagreb auf und wechselte 1938 nach Zürich.

Im Zweiten Weltkrieg gab Parin seine Zürcher Wohnung auf und schloss sich Titos Partisanen in Jugoslawien an. Mit seiner späeren Frau Goldy Parin-Matthéy nahm er 1944/45 an der ersten chirurgischen Mission der Centrale Sanitaire Suisse bei der Jugoslawischen Befreiungsarmee teil. Der Krieg ängstigte ihn nicht. »Ich war neugierig, wie sich das entwickeln würde, und ich dachte: Ich komme durch.« In seinem Erinnerungsbuch Es ist Krieg und wir gehen hin schrieb er über seine Zeit als anarchistischer Sozialist bei Tito: »Wir waren diszipliniert, wenn wir selber es für richtig hielten; jeder Befehl verletzte unsere Würde. Wir fühlten uns als Weltbürger, solidarisch mit allen, die unterdrückt und ausgebeutet werden.« Nach dem Sieg über die Nationalsozialisten wurde im Ostblock der real existierende repressive Sozialismus aufgebaut, der wenig mit seinen Utopien gemein hatte.

So ließ er sich in der Nachkriegszeit in Zürich zum Neurologen und Psychoanalytiker ausbilden. Zusammen mit Fritz Morgenthaler gründete er 1950 das Pychoanalytische Seminar und führte von 1952 bis 1990 seine psychoanalytische Praxis. Mit Matthèy und Morgenthaler bereiste er wiederholt und ausgiebig Westafrika, um Studien auf ethno-psychoanalytischem Gebiet zu machen. Das Trio nutzte in der Feldforschung psychoanalytische Methoden zur Untersuchung der Verhältnisse von Individuum und Gesellschaft und veröffentlichte seine Erkenntnisse in vielen Büchern (Die Weißen denken zuviel, 1963). Hierbei begründeten sie in ihrer experimentellen Praxisgemeinschaft mit der Ethnopsychoanalyse eine neue Wissenschaft. Nach ihrem politischen Verständnis benutzten sie die Psychoanalyse als »Fortsetzung des Guerillakampfes mit anderen Mitteln«. Die unter dem Druck der Schweizer Krankenkassen-Gesellschaft erfolgte Verdrängung des Sexuellen in Freudianischen Institutionen prangerten sie energisch an. Mittlerweile stellte sich heraus, dass die drei selbst ein erotisches Beziehungsgeflecht verband, dass sich vom Körperlichen ins Geistige und Künstlerische entwickelte.  Im deutschsprachigen Raum gilt Parin als eine zentrale Figur bei der Entwicklung einer ethnozentrisch orientierten gesellschafts- und kulturkritischen Psychoanalyse.

Der erste Psychoanalytiker, der die Homosexualität nicht mehr als zu behandelnde Krankheit betrachtete war Fritz Morgenthaler. Er beurteilte nicht nur nur die Homosexualität als gleichwüchsige Spielart des Sexuellen sondern auch die Perversion. In ihr findet der »Kranke« ein farbiges Mosaikstück, welches sein Selbstbild ergänzt. 

Nach 1990 widmete sich der kinderlose Parin der Schriftstellerei. Geschult durch seine psychoanalytische Expertise verarbeitete er sein Leben bei den Partisanen (Es ist Krieg und wir gehen hin, 1991) oder hielt seine Erfahrungen in Afrika fest (Zu viele Teufel im Land, 1993). Weiterhin schrieb er Erzählungen und Essays zu Kultur und Politik und wurde wiederholt wurde für sein Werk ausgezeichnet. 1986 wurde ihm der Literaturpreis des Kantons und 1991 jenen der Stadt Zürich verliehen. Im Jahr 1992 folgte der Preis der Internationalen Erich-Fried-Gesellschaft für Sprache und Literatur in Wien, 1999 der Sigmund-Freud-Preis und 2001 eine Ehrengabe des Kantons Zürich. Von der slowenischen Akademie für Wissenschaft und Kunst wurde er 2005 zum Ehrenmitglied ernannt. Er verstarb am 18. Mai 2009 in Zürich.

Im Jahr 2003 wurde sein literarisches Spätwerk Die Leidenschaft des Jägers veröffentlicht.

Das Fundament von Parins Theoriegebäuden sind die Schriften von Karl Marx und Sigmund Freud. Seine persönliche Selbstverortung ist die eines modernen linken Wissenschaftlers, der sich auf der Jagd archaisch und unmoralisch verhält, was den Reiz des Textes ausmacht. Vorteilhaft ist, dass seine marxistisch-freudianische Einnordung den Texten zu einer gut sortierte Struktur verhilft, in der sich das eine in das andere fügt. Nachteilhaft hingegen, dass es sich bei den Theorien von Karl Marx und Sigmund Freud allenfalls um Pseudo-Wissenschaften handelt. Das Wesen der Wissenschaften ist, dass ihre Aussagen und Verfahrensweisen strengen Prüfungen der Geltungen unterzogen werden können. Das ist hier nicht der Fall.

Der Sozialismus ist eine auf Zwang basierende Ideologie. Ein totalitärer Staat zwingt den Menschen in allen Bereichen des privaten und öffentlichen Lebens seinen Willen auf, ohne dass die Politiker für ihre Fehlentscheidungen persönliche Verantwortung tragen. Auf jedem Kontinent, in jeder Klimazone und in allen Völkern endet dies in Despotie und Armut. Aktuelle Beispiele sind Venezuela, Kuba und Nordkorea. Vergessen und verharmlost: die zweite sozialistische Diktatur auf deutschem Boden, in der die Partei Die Linke, zuvor SED, nicht nur den wirtschaftlichen Ruin herbeiführte, sondern auch Andersdenkende wegsperren und foltern ließ. Die Kinder von Regimegegnern wurden zur Zwangsadoption freigegeben. Der große Liberale Eugen Richter hat diese Entwicklungen bereits 1891 in seinem Buch Sozialdemokratische Zukunftsbilder. Frei nach Bebel hellsichtig vorausgesagt.

Auch die Theorien von Freuds Psychoanalyse sind nicht belegbar, sondern eher ein vereinfachtes Spiegelbild der Köpfe ihrer Schöpfer. Die Naturwissenschaften sind mittlerweile tiefer in das Verständnis des menschlichen Denkens vorgestoßen. Wie unter anderem Friedrich-Wilhelm Deneke, emeritierter Professor für Psychosomatik und Psychotherapie am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf, ausführlich belegte, müssen zentrale Aussagen der klassischen Psychoanalyse zu den Akten gelegt werden.

»Der Autor rekapituliert zunächst ausführlich das aktuelle Wissen über die Funktionsweise des Gehirns. Schon hier zeigt sich, dass Freuds Modell vom Ich, Es und Über-Ich als teilautonome psychische Instanzen überholt ist. Das Gehirn kennt kein Zentrum und arbeitet weitgehend autonom. Seine Hauptfunktionsweise ist die Assoziation: Neues wird mit altem Gespeichertem verglichen. Erleben, Erinnern, Vergessen und Gedächtnis laufen weitgehend unbewusst ab und nur mit Mühe bewusstseinsfähig. Weitere wesentliche Teile der klassischen Psychoanalyse müssen laut Deneke aufgegeben werden: Ein Dynamisches Unbewusstes als relativ eigenständiges System gibt es offensichtlich nicht; es gibt kein Unbewusstes, dass ständig ins Bewusstsein drängt; es gibt keine psychische Energie im Sinne einer physikalischen Kraft; die Freud’sche Traumtheorie darf als weitgehend obsolet gelten; das Triebmodell findet keine Bestätigung in der Neurobiologie und wird auch der Vielfalt menschlicher Strebungen, Motive und Wünsche nicht gerecht. Ferner muss die Bedeutung von Konflikten im Rahmen der psychoanalytischen Krankheitslehre relativiert werden.«
(Quelle: Ärzteblatt)

Friedrich August von Hayek (* 1899; †1992) prophezeite, dass spätere Generationen mit Blick auf Marxismus und Freudianismus vom 20. Jahrhundert als dem Zeitalter des Aberglaubens sprechen würden.

Soviel zu meinen grundsätzlichen Schmerzen beim Lesen.

Andererseits: Es war ein guter Schmerz, denn Parin bereitete es Spaß zu schreiben, was sich auf den Leser überträgt, selbst wenn er ihm weit außerhalb der eigenen Komfortzone folgt. Ich stimme Michael Klonovosky zu, wenn er sagt, „Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist.“ „Lesen ist Denken mit fremden Gehirn“, behauptete Jorge Luis Borges und es ist ein reizvoller und gesunder Genuss sich in spannende Köpfe hineinzudenken, auch wenn diese in fremden Filterblasen leben.

Laut Parins Freund und Kollegen Morgenthaler ist die Perversion eine Brücke, die auf eine Insel des Ich mitten im Es führt. Diese Brücke soll nicht demontiert und die emotionale Leistung, die zu ihrem Bau führte ermuntert werden, um weitere Inseln des Ich zu erschliessen. So erzählt Paul Parin in seinen Essays und Erzählungen über seine Lust am Mord.

Bei dem Titel Die Jagd – Licence for Sex and Crime handelt es sich um die ursprüngliche und ungekürzte Version von Die Leidenschaft des Jägers mit dem vom Autor gewünschten Titel.

Seine 24 Erzählungen sowie Essays sind schräge und verstörende Texte über das Jagen, Töten, freiwilligen und unfreiwilligen hetero- und homosexuellen Geschlechtsverkehr. Parins besondere Gabe besteht darin, autobiografische Erlebnisse mit psychoanalytischen Theorien zu verknüpfen. Locker und literarisch beschreibt er ihn prägende brutale, frühkindliche Erfahrungen. Für Parin sind Sexualität, Jagdpassion und Mordlust zusammengehörende Passionen, die kulturell nicht oder nur mit Ambivalenz akzeptiert werden. Jagdlust könne »ohne sexuelle Gier nicht zustande kommen«.

Seine Erzählung Der Haselhahn beginnt so: »Am 20. September war ich dreizehn geworden, bis Ende Oktober musste ich einen Haselhahn schießen.« Stimmungsvoll beschreibt er die Lockjagd auf einen Haselhahn im slowenischen Bergwald des Sevčnik.
»Im dünnen Buchenbestand um eine Fichtendichtung setzte ich mich auf einen Baumstrunk. Weil ich ungeduldig war, musste ich auf die Armbanduhr schauen, bis fünf Minuten herum waren. Ich begann mit der tiefer gestimmten Pfeife: tiu, ti-ti-ti-tiu. Keine Antwort. Leichter Wind von Nord. Nach fünf Minuten nochmals. Die Antwort von weit her: tiu, ti-ti-ti, tiu, tiu-ti-tiu. Ich antwortete sogleich; die gleiche Stanze schon näher.
Lockruf, gleiche Antwort, etwa zwanzig Mal Der Hahn ist näher gekommen, will aber nicht angreifen. Ich versuche es mit der höher gestimmten Pfeife, imitiere einen jungen Hahn, lasse den Schlussschnörkel weg: tiu, ti-ti-tiu, tiu. Knattern der Flügel, dann die Antwort. Der alte Hahn hat Mut gefasst, wiederholt seinen Ruf zwei Mal. Ich bleibe still. Knattern der Flügel.
Der Hahn setzt auf, sitzt auf dem Stamm einer Jungbuche, die vom Schnee zu Boden gedrückt ist, plustert die Federn, spreizt die Flügel, schlägt mit den Steißfedern ein Rad. Der Spiegel unter dem Kamm ist tiefrot aufgebläht. Freies Schussfeld, zwanzig Schritt.
Ich drücke ab, höre keinen Knall, spüre den Rückstoß nicht. Ich bin aufgesprungen, blind und taub steh‘ ich da. Eine unerträgliche Spannung, irgendwo im Unterleib, etwas muss geschehen. Plötzlich löst sich die Spannung, in lustvollen Stößen fließt es mir in die Hose (der wunderbare Samenerguss, der erste bei Bewusstsein). Ich stehe aufgerichtet, das Gewehr in der Linken, kann wieder hören und sehen. – Dort liegt die Beute, ein Haufen bunter Federn.
Die Hennen, die bisher stumm waren, laufen mit leisem tiu-tiu-tiu fort. Die Farne, die schon braun sind, wippen ein wenig.
Das Ereignis des ersten Samenergusses im Wachen habe ich bis heute nicht vergessen. Es ist mir unerwartet passiert, hat alle Sinne gelöscht: Seither gehören Jagd und Sex zusammen.«
Das Titelbild des Buches stellt Schuss und Ejakulation grafisch dar.

Unvergesslich für Parin, wie das Reiten auf einem Pferd in ihm sexuelle Gefühle bis zum Samenerguss weckt. Peitschenhiebe mit anschließendem Oralverkehr machen ihn offen für Sado-Masochistische-Gelüste. »Das Triebziel bleibt sexuell und wird mit krimineller Energie aufgeladen,« erklärt er im Aufsatz Pubertät. Er sei »nicht tugendhafter als das Gesellschaftsgefüge oder das Milieu, das mich erzogen hat.«

Abb.: Paul Parin; Bildquelle: Wikipedia

In vielen Kapiteln beschreibt Parin die unüberbrückbaren Fronten zwischen passionierten Jägern und ebenso leidenschaftlichen Jagdgegnern. »Der Gegensatz führt zu Unverständnis, Ablehnung, Abscheu und oft zu Hass auf beiden Seiten.« Der Psychoanalytiker erklärt dies als das Ergebnis seelischer Spaltungsprozesse. Zwischen allen Fronten er, der sich »als menschenfreundlichen Arzt und Forscher« begreift. Auch aufgrund seiner Religion müsste er eigentlich Jagdgegner sein, denn für das Judentum gilt die Jagd als Tierquälerei. So blieb Paul Parin zeitlebens nach seinem eigenen Verständnis ein Linksintellektueller »und immer wieder verbrecherischer Jagdmörder.«

Gut gefallen hat mir auch seine Erzählung Gazellenjagd und die Jagd auf Perlhühner, weil Parin hier humorvoll die Konflikte zwischen Idealismus und Passion beschreibt. Während einer Expedition zu den Tuareg am Südrang der Sahara begleitete ihn neben seiner Frau Goldy sein Freund und Kollege Frédéric.
»Er hielt die Jagd für schrecklich und barbarisch, ernährte sich jedoch nicht vegetarisch. Wir hatten vor der Reise abgemacht, ich dürfte mein Jagdgewehr unter dem Gepäck verstaut mitnehmen. Im Gegenzug versprach ihm ihm, nicht in seiner Gegenwart zu jagen.«
Am Ende der Reise verfügten sie nur noch über zwei Dosen aus Tamanrasset. Der Inhalt dieser kaum genießbaren Konserven schmeckt nach Leim.
»Sag Paul, gibt es nicht zu viele Perlhühner hier? Glaubst du, dass man die essen kann?« … »Frédérics Abscheu gegen das grausame Jagdvergnügen ließ immer erst am späten Nachmittag nach, wenn er an das Nachtessen dachte. Dadurch wurde die Jagd spannend wie ein Indianerspiel: Hühner finden, aufjagen, schießen, treffen, Beute finden, auflesen, schnell zur Piste zurück. …
Da es noch viele Tage nötig war, auf die Jagd zu gehen, und Frédéric zögerte, haben wir ein Ritual erfunden: Sobald er etwas vom Nachtessen verlauten ließ, sagte ich: „Fleischfresser, Carnivore“, er darauf: „Vogelmörder, Schützenkönig, Lustmörder.“ (Bei vielen Völkern Westafrikas – und in anderen Weltgegenden – gibt es das Ritual der Spottverwandtschaft, parenté à plaisanterie. Man zeigt dem Nachbarn mit groben oder obszönen Beschimpfungen ironisch, was man von ihm denken würde, wenn er nicht freund wäre, und er antwortet ebenso. Statt Streit gibt es Spaß.)«

Extrem interessant ist der längere Abschnitt Lebensroman eines Truthahnjägers. Es ist die Lebensgeschichte eines Mannes, der in Titos Partisanenkrieg des Zweiten Weltkriegs seine Eltern verlor, teils als Wolfskind lebt, dann in einer Art provisorischem Heim in Titos Jugoslawien Schläge und sexuellen Mißbrauch erlebte – offensichtlich ohne daran zu leiden. Am Ende seines Lebens war er Professor für Geschichte an der renommierten kalifornischen Universität Berkeley – SM-Gelüste und Jagdpassion begleiteten ihn zeitlebens.

Persönlich sind mir die politischen und intellektuellen Grundsätze und Leidenschaften von Parin komplett fremd. Insbesondere totalitäre Ideologien, mögen sie angeblich noch so menschenfreundlich und wissenschaftlich begründet werden, lehne ich ab. Auch seine sadomasochistischen Neigungen finde ich eklig.

Natürlich ist meine Biographie in der westdeutschen Provinz Nachkriegsdeutschlands weit weniger spektakulär. Die perversesten und ungerechtesten Bestrafungen, die ich erlitt, sind die Steuerbescheide des Finanzamtes und die wirken auf mich überhaupt nicht erektionsfördernd. In der Jagd die gleichen Gefühle wie bei Vergewaltigung und Mord erleben zu wollen, halte ich schon für ziemlich krank. Im Gegenteil verstehe ich das gute Jagen, wie das Pilzesammeln oder Fischen, als Rückkehr zum Steinzeit-Bewusstsein beim Eintauchen in die Natur. Wenn es um Lustgewinn beim Töten ginge, könnte man ja preiswerter ein Praktikum im Schlachthof machen oder Hauskaninchen halten und im Keller heimlich foltern. Wer macht denn so etwas?

Das letzte Viertel des Buches ist ebenfalls spannend und besteht aus folgenden Essays:
* Nachwort – geschrieben von dem Herausgeber
* Vom Mörder zum Jäger und zurück – geschrieben von der Zoologin und Humanbiologin Karoline Schmidt
* Der Wilderer – geschrieben von der Historikerin Gesine Krüger
* Paul Parin, die Jagd und die Ethnospsychoanalyse – geschrieben von dem Ethnologen und Psychoanalytiker Mario Erdheim
* einer umfangreichen und inspirierenden Liste weiterführender Bücher und Schriften

Bei Mario Erdheim liest man Sätze, die Urs Widmer anlässlich von Parins neunzigstem Geburtstag aussprach:
»Paul Parin lügt in seinen Geschichten wie gedruckt, wie ich in den meinen. Wir erzählen beide lieber eine gute Geschichte als eine schlechte. Und in guten Geschichten geht es darum, das die, die sie lesen oder hören, hic et nunc belebt werden, und nicht darum, ob alles genau so war. Kafka war nie ein Käfer, trotzdem ist seine Verwandlung wahr und berührend.«

Egal wo man sich selbst politisch, ethisch oder religiös verortet, ist Parins Jagdbuch extrem lesenswert. Es ist nicht banal, die Texte verfügen über großen Unterhaltungswert sowie literarische Qualität. Der Leser kann sich an den Neurosen, (pseudo)wissenschaftlichen Theorien sowie sexuellen Perversionen des Autors reiben. Daher regt das Buch zum Denken ohne Geländer an.

Die Jagd – License for Sex and Crime müsste wie Nietzsches Zarathustra den Untertitel tragen: Ein Buch für Alle und Keinen, weil es im besten Sinn verstörend ist.

***

Von KRAUTJUNKER existiert eine Facebook-Gruppe.

Titel: Die Jagd – Licence for Sex and Crime

Autor: Paul Parin

Verlag: mandelbaum verlag

Verlagslink: https://www.mandelbaum.at/buch.php?id=868&menu=buecher

ISBN: 978385476-581-3

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Pascal Glarner sagt:

    Mord im Zusammenhang mit Jagd ist falsch.
    Das richtige Ansprechen des Tieres legitimiert mich die Beute zu nehmen.
    Sich einer anderen Art zu bemächtigen muss nicht sexuell motiviert sein.
    Diese Thematik ist für jeden Jäger zumindest ein Gedankenspiel wert.
    Voller Vorfreude habe ich das Buch bestellt, auch um vertieft zu ergründen, warum ich töte.

    Pascal Glarner, Zürich

    Gefällt 1 Person

    1. KRAUTJUNKER sagt:

      Es ist auf jeden Fall ein Buch, welches zum Nachdenken anregt und dabei gut unterhält. Und das ist schon allerhand. Texte zu lesen, die einen nicht überraschen und denen man in jeder Hinsicht zustimmt, ist in den meisten Fällen überflüssig.

      Über Dein Resümee würde ich mich freuen.

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  2. Pascal Glarner sagt:

    Nach aufmerksamer Lektüre von „Licence for Sex and Crime“ öffnen sich frische Landschaften in meiner persönlichen Auseinandersetzung mit der Jagd, welche ich weiter erwartungsfroh durchwandere.
    Glorifizierende Jagderzählungen sind sehr üblich.
    Parins Essays über die Jagd
    hingegen sind durch seine vielseitigen Sichtweisen aussergewöhnlich.
    Die psychologischen Interpretationen behindern leider das losgelöste, analysenfreie Eintauchen, in die ansonsten äusserst lesenswerten und bewegenden Erzählungen.
    Inhaltlich bleibt bei mir insbesondere die ganze Wucht patriarchaler Macht haften, welche der Vater ausgeübt und Parin tief geprägt hat
    Die Beschreibung seiner Kindheit und Jugend inmitten stilgerechten, sehr kraftvollen Geldadels, wirkt durch die literarische Verarbeitung etwas romantisiert.
    Die im Text angesprochene ödipale Überwindung des Vaters führt Ihn ja symbolisch betrachtet nicht zur Mutter, sondern konfrontiert Ihn immer wieder mit Männlichkeit.
    Versucht er schreibend sein zerrissenes Wesen zu rechtfertigen?
    Parins Ambivalenz, entspringt einem Humanismus, mit welchem meine eigene Einordnung in die Natur ringt.

    Pascal Glarner, Zürich

    Gefällt 1 Person

    1. KRAUTJUNKER sagt:

      Vielen Dank für dieses interessante Resümee.

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