Die Armbrust – Schrecken und Schönheit

Buchvorstellung

Im Jahre 1990 erhielt das Deutsche Historische Museum mit dem Zeughaus (siehe: https://www.dhm.de/ueber-uns/die-gebaeude/zeughaus.html) in Berlin einen besonderen Ausstellungsort.

INSTRUMENTE DER GEWALT – WAFFEN IM MUSEUM

Der barocke Bau mit seinen – berühmten Schlüter-Masken, die sterbende Titanen oder Krieger darstellen, feiert den Ruhm der Waffen und die triumphalen Aspekte des Krieges.

Zwischen 1696 und 1730 wurde das Zeughaus als zentrales Arsenal der brandenburgisch-preußischen Armee errichtet. Die aufwändige Fassadengestaltung und prominente Lage gegenüber dem Schloss an dem seinerzeit neu geplanten Prachtboulevard Unter den Linden weist daraufhin, dass er mehr sein sollte, als ein einfaches Armee-Depot. Der älteste Teil der Sammlung entstammt der Waffensammlung der Hohenzollern, welche die Mark Brandenburg seit 1415 beherrschten. Nach den Befreiungskriegen gegen Napoleon (1813-1815) verwandelte sich das Depot mit seinen Kriegstrophäen allmählich in einen musealen Erinnerungsort. Zuerst nur einem ausgewählten Publikum und Offizieren zugänglich, wurde es 1920, nach der Abdankung des letzten Deutschen Kaisers, Teil der Berliner Staatlichen Museen. Im Anschluss an die nationalsozialistischen Machtergreifung der NSDAP nutzte es das Regime um die Bevölkerung mit Propagandaveranstaltungen auf kommende Kriege einzustimmen. In der DDR sollte hier das marxistische Geschichtsbild der totalitären SED (heute Die Linke) vermittelt werden. Hierzu gab übergab die Sowjetunion einen Teil der im Zweiten Weltkrieg völkerrechtswidrig geraubten Artefakte zurück. Die letzte Regierung der DDR übergab das Haus samt Sammlung im September 1990 dem erst wenige Jahre vorher gegründeten Deutschen Historischen Museum.

Waffen und Gewaltgeschichte werden in Deutschland immer mit Blick auf die traumatischen Kriegsverbrechen der Nationalsozialisten interpretiert. Auch diese Perspektive ist ein deutscher Sonderweg und nur eine Momentaufnahme. Es wäre interessant zu wissen, wie die Menschen in fünfzig, hundert oder zweihundert Jahren hierüber denken werden, denn alles was jetzt selbstverständlich als gut und klug gilt, wird nachkommenden Generationen wie selbstverständlich verstaubt und überholt erscheinen.

DIE ARMBRUST IN KRIEG UND FRIEDEN

Bereits aus dem 3. Jhd. v. Chr. ist mit der Gastraphetes aus dem antiken Griechenland, ein Vorläufer der Armbrust bezeugt. Die Römer perfektionierten die Konstruktion und die Legionen nutzten kleinere Handwaffen bis hin zu geschützartigen Waffen, die große Bolzen oder Steinkugeln abschießen konnten.

Abb.: Moderne Rekonstruktion einer Palintonon (Ballista); Bildquelle: Wikipedia

Im China der Quin-Dynastie (221-207 v. Chr.) verwendete man ähnliche Konstruktionen. In beiden Imperien scheinen Armbrüste stets nur in Ergänzung zu anderen Waffen verwendet worden seien.

Mit dem Ende des Römischen Reiches ging das Wissen um ihre Herstellung verloren. Erst die Wikinger entdeckten sie bei ihren Raub- und Kriegszügen im Orient wieder. Im Europa des Mittelalters beschritten ihre Nachfahren, die in Frankreich sesshaft gewordenen Normannen, nicht nur in Herrschafts- und Regierungspraxis, sondern auch in Kunst, Architektur, Musik und Militärtechnik neue Wege. Zwar werden auf dem Teppich von Bayeux keine Armbrüste gezeigt, aber Textstellen wie Bodenfunde beweisen ihren Einsatz auf dem Schlachtfeld von Hastings 1066 gegen die unterlegenen Angelsachsen.
Ein Grund dafür, dass sie unter den Teppich von Bayeux gekehrt wurde, mag sein, dass diese Waffe als wenig ritterlich und ruhmreich galt.

Im Mittelalter beruhte die Macht der landbesitzenden Adeligen auf der Fähigkeit, als gepanzerte Reiter Scharmützel zu dominieren und Siege idealerweise im heldenhaften Zweikampf zu erringen. Ein Langbogen konnte zwar zehnmal so schnell abgeschossen werden, verlangte jedoch jahrelanges Training und große Körperkraft. Mit einer Armbrust hingegen konnte ein Dahergelaufener auf eine Distanz von 30 bis 40 Meter einen Ritter in seinem Plattenpanzer töten. So geschah es dem kampfgestählten König Löwenherz, der am 26. März 1199 vor den Mauern der Burg Châlus-Chabrol durch einen Armbrustbolzen tödlich verwundet wurde. Ich erinnere mich in einem Buch gelesen zu haben, dass es der Koch der Burg war, der bei der Essensausgabe auf den Zinnen spontan eine Armbrust ergriff und den tödlichen Schuss abfeuerte.

So wurde auf dem Zweiten Laterankonzil von 1139 verboten, die »todbringende und Gott verhasste Kunst der Armbrust- und Bogenschützen« gegen Christen einzusetzen. Doch Rüstungsbeschränkungen lassen sich seit jeher kaum durchsetzen, mögen sie noch so moralisch begründet sein. Die Waffe sprengte das soziale Gefüge des Mittelalters und wurde in der Hand Wilhelm Tells zum Symbol bürgerlicher Wehrhaftigkeit gegenüber dem Adel.

Im 16. und 17. Jahrhundert verdrängten Feuerwaffen Bögen und Armbrüste vom Schlachtfeld. Doch in dem Maße, wie Arkebusen und Musketen die Armbrust beim Militär ersetzten, wurde sie zu einem Objekt der Repräsentation, der Jagd und dem Sport.

Die Jagd war vom Hochmittelalter bis in das 19. Jahrhundert das Privileg des Adels. Bauern war nur die Schädlingsbekämpfung erlaubt, ansonsten mussten sie als Helfer mitwirken. Im Gegensatz zum Bogen verlangt sie weniger Übung, ihre nahezu geräuschlosen Schüsse verscheuchen nicht das Wild und der Jäger kann auch in einem engen Gebüsch lange mit gespannter Waffe der Beute auflauern. So blieb sie lange eine ideale Jagdwaffe und ist dies in vielen Ländern, wie den USA, noch heute. Bis in das Barockzeitalter wurden mit Jagdmotiven reich verzierte und technisch aufwändige Armbrüste bei der Jagd der Adeligen verwendet.

Bei den Verzierungen wurden sehr oft Darstellungen aus der Bibel oder den antiken Sagen verwendet, bei der die weibliche Verführungskraft im Mittelpunkt steht. König David und Bersabea, Sextus und Lucretia, Josef und die Frau des Potifar oder Judith und Holofernes. Die Frau ist die einzige Beute, die ihrem Jäger auflauert, heißt es ja.

»Die erotische Komponente ist dem Kanon der Tugendheldinnen inhärent, ebenso der sanfte Horror der männlichen Ohnmacht angesichts der weiblichen Stärken. Die Betrachtung des weiblichen Körpers verweist auf das Spannungsfeld von Verbot und heimlichem Begehren, von Anziehung und Fluchtgedanken, von verfehltem Begehren und Verleumdung.«

Armbrüste galten in der Kunst als Bedeutungsträger für den sexuellen Erfolg des Schützen.

Neben klassischen Armbrüsten, gibt es noch die italienischen Balester und deutschen Schnepper, von denen auf der Vogel- und Niederwildjagd Kugeln verschossen werden.

Noch im 19. Jahrhundert war die englische Kugelarmbrust aufgrund ihrer Durchschlagskraft eine beliebte Jagdwaffe.

Die deutschen Städten des Mittelalters gewährten ihren Bürgern besondere Freiheiten und Rechte. Um diese gegenüber Feinden zu bewahren, waren männliche Bürger grundsätzlich wehr- und wachpflichtig. Zwar eignete sich das städtische Aufgebot selbst für regionale Feldzüge kaum, doch Unterhalt und Verteidigung der Stadtbefestigungen konnte sehr wohl geleistet werden. So entwickelte sich in vielen Städten Vereinigungen, in denen das Armbrustschießen geübt wurde. Aus den militärischen Übungen entwickelte sich im Laufe der Zeit gesellschaftliche Ereignisse, die wir heute noch als Schützenfeste kennen.

Die große Zeit der gesellschaftlichen Armbrust-Wettschießen begann, als mit Feuerwaffen ausgestattete Soldaten bereits die Verteidigung übernommen hatten. Da im christlichen Europa alle Bruderschaften selbstverständlich mit der Kirche verbunden waren, fanden sie im Heiligen Sebastian ihren Patron.

Bei den Festen wurde in Distanzen von 80 bis 90 Meter auf Scheiben mit weniger als 14 Zentimetern Durchmesser geschossen. Auch heute noch eine Herausforderung. Es wurde freihändig im Sitzen auf Hockern bei aufgeknöpfter Kleidung geschossen. Daneben gab es das Schießen auf eine Vogelfigur, zumeist den doppelköpfigen Reichsadler. Schützenkönig wurde, »der dem Vogel abschoss«.

»Der Wettbewerbsgedanke an sich lag von Anfang an dem Armbrustschießen und den Schützenfesten zugrunde. Er äußerte sich, anders als auf den Turnieren des Adels, weniger archaisch und blutrünstig, damit geradezu bürgerlich. So betrachtet gehört das Armbrustschießen auch zu den Vorläufern der bürgerlichen Welt Europas und ihres Denkens: in Form des modernen Wettbewerbsgedankens, der nach der Reformation große Teile von Europa bestimmte und vom 17. Jahrhundert an die Welt überzog.«

ZUR JAGD MIT DER ARMBRUST IM ZEITALTER KAISER MAXIMILIANS I.

Der 500. Todestag des als »der große Weidmann« bekannten Kaisers Maximilian (gebürtig Erzherzog Maximilian von Österreich; * 1459; † 1519) war Anlaß sich mit den zwei »Maximiliansarmbrüsten« aus den Sammlungen des Deutschen Historischen Museums zu befassen.

Obwohl seit seiner Jugend im Schießen geübt und den Umgang mit dem Handbogen gewohnt, war die Armbrust zweifellos sine bevorzugte Jagdwaffe. Nur auf einem Bild im Theuerdank ist ein Jäger mit einer Feuerwaffe dargestellt. Der Gebrauch von Büchsen auf der Jagd verachtete er, da sie seiner Meinung zur Ausrottung des Wildes führen würde. Aus adeliger Sicht bedeutete die Jagd nicht nur Vergnügen oder Nahrungsbeschaffung, sondern wurde als ein Weg zur körperlichen Ertüchtigung und Erprobung des persönlichen Mutes gerühmt.

»Die Begeisterung Maximilians für die Armbrustjagd ist durch vielerlei Begebenheiten bezeugt: 1490 etwa schenkte Maximilian dem ebenso leidenschaftlichen Jäger Erzherzoog Sigmund (1427-1496) bei dessen Übergabe Tirols an den Kaiser eine große Armbrust. Vor entscheidenden Ereignissen erholte sich Maximilian gern beim Jagen und entzog sich damit oft unangenehmen Situationen. Zweifellos bot die jagdliche Umgebung nicht zuletzt eine entspannte Atmosphäre, um prekäre diplomatische Themen zu verhandeln. Auch wenn die Zeitgenossen vermutlich übertrieben, so darf durchaus angenommen werden, dass Maximilian ein sehr guter Schütze war. Quellen zufolge war er zudem ein geschickter Handwerker, der seine Pfeilspitzen selbst schmieden konnte.«

Um einen Bogenbruch zu vermeiden wurde im Winter ein Hornbogen verwendet. Bei einem gefrorenen Hornbogen steigt zudem das Zuggewicht um ein Drittel, da Horn bei fallender Temperatur steifer wird.

Seit dem frühen 16. Jahrhundert genossen Kugelarmbruste bei Damen und Förstern eine steigende Beliebtheit.

Weiterhin verwendeten die Jäger Armbrustfallen, deren Schuss durch einen Aktivator ausgelöst wurde. Als Geschosse nutzte man Bolzen mit sichelartigen Spitzen. Sie vergrößerten nicht nur die Trefferwahrscheinlichkeit, sondern verursachten auch stark blutende Wunden, aufgrund derer das Wild leichter aufgespürt werden konnte. Sie wurden vor allem bei der Jagd auf Wölfe, Biber und Fischottern verwendet.

Auf der Jagd lagen Schußdistanzen bei bis zu 60 Metern.

Besonders die Gemsenjagd bereitete dem Kaiser Freude. Der Reiz lag wohl auch in der Gefahr, welche die Jagd im Hochgebirge bietet. Die Tiere wurden von Hunden und Knechten aufgetrieben und in jene Felsabstürze gehetzt, wo die Jäger sie erreichen konnten. Diese kletterten mit dem Gemsenschaft in die Wand, einer mehrere Meter lange Stange mit aufgesetzter Klinge. Die Ausrüstung der Schützen bestand aus Hornbogenarmbrust, Zahnstangenwinde, Bolzenköcher mit Gemspfeilen sowie einem Jagdhorn.

Im Weißkunig wird von einer Gemsenjagd berichtet, bei der Maximilian einen Bock auf 100 Klafter (170 Meter) erlegte. Zur Erinnerung wurde die Felswand als »kunigs Schuß« bezeichnet.

Neben der Gemsenjagd genoss die Hirschjagd das höchste Renommee. So erscheint sie als Dekormotiv auf den »Maximiliansarmbrüsten«. An einem halben Jagdtag soll der König zehn Rothirsche geschossen haben.

Wildschweine und Bären wurden ausschließlich mit Spießen gejagt. Nur zur Einleitung der Bärenjagd wurde eine Armbrust verwendet, wobei der Schütze stets durch zwei Gefährten in seinem Rücken gesichert wurde.

Kleinwild und Vögel erlegte man mit stumpfen Prellbolzen, um ihr Fell oder Gefieder nicht zu beschädigen. Maximilian soll angeblich mit 105 Bolzenschüssen 100 Enten und ohne einen Fehlschuss 26 Hasen erlegt haben.

Bei Untersuchungen der Maximiliansarmbruste wurde ein Zuggewicht von 444,65 kg ermittelt. Die ermittelte maximale Spannung ist fast über den gesamten Bogenrücken verteilt und beträgt 1.526 N/mm². Durch die Verzierung der Stahlbögen mit Ätzmustern entstand eine Kerbwirkung, was die Zugspannung weiter erhöht. Eine Maximiliansarmbrust wiegt ungefähr 3,2 kg. Zu ihrer Fertigstellung sind etwa 150 Arbeitsstunden nötig.

Die dazu gehörenden Zahnstangenwinden verfügen über eine Übersetzung von 1 : 142. Sie wiegen 2,4 kg und ihr Arbeitsaufwand kommt dem der Armbrust gleich.

Für einen Spannvorgang wurden durchschnittlich 45 Sekunden benötigt. Bei einem Abschusswinkel von 45° erreicht man Schussweiten von rund 250 Metern. Dabei wird ein 41 g schwerer Spitzbolzen auf eine Anfangsgeschwindigkeit v0 von 61 m/s beschleunigt, womit sich eine kinetische Energie von 76,3 Joule ergibt. Mit etwas Übung erzielt man auf 50 Meter gute Ergebnisse, wenn man das Ziel über die Bolzenspitze anvisiert. Weiter entfernte Ziele sind schlechter zu treffen, da die Säule das Ziel verdeckt. Für das Schießen auf große Distanzen oder bewegliche Ziele benötigt man viel Übung. Auch verliert der Bolzen bei großen Entfernungen seine optimale Durchschlagskraft.

RESÜMEE

Das zur gleichnamigen Sonderausstellung erschiene Buch beinhaltet neben vielen Essays eine ausführliche Beschreibung von 94 Objekten. Sie werden detailliert beschrieben und auf je mindestens einer Farbaufnahme dargestellt. Die rundum geglückte Zusammenstellung vervollständigt ein umfangreiches Literaturverzeichnis.

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es nicht nur eine Facebook-Gruppe, sondern jetzt auch Outdoor-Becher aus Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

Titel: Die Armbrust – Schrecken und Schönheit. Ein Bestandskatalog Des Deutschen Historischen Museums

Herausgeber: Sven Lüken

Verlag: Hirmer; 1. Auflage (19. Mai 2020)

Verlagslink: https://www.hirmerverlag.de/de/titel-1-1/die_armbrust-1927/

ISBN:  978-3777433769

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