Die Kurzvorzwölfträumer

Buchvorstellung

Das Buch ist die Geschichte einer Außenseiterfamilie in ihrer Unangepasstheit und eine Erzählung über erträumte und stattfindende Fluchten in die Sinnhaftigkeit, in die Jagd und das Fischen. In trotziger Selbstbehauptung stehen die Protagonisten anderen und sich selbst im Weg und versuchen das Beste daraus zu machen, was nicht so einfach ist, weil bis auf die Hauptperson niemand so genau weiß, wohin er will.

Handlungstrang: Julius, inzwischen viel zu alt für Abenteuer aller Art, will vor seinem Wohnungswechsel in die ewigen Jagdgründe noch nach Alaska, um dort einen Fluss hinunterzufahren, zu fischen und einmal dort zu sein, wo er sein Leben lang hinwollte. Alle anderen finden die Idee nicht gut und versuchen ihre Umsetzung zu verhindern.

*

Leseprobe

Der Anfang von allem

Julius partielle Unberechenbarkeit begann, noch bevor er selbst existierte, mit seinem Vater. Dem fiel kurz nach dem ersten Weltkrieg nichts Besseres ein, als von Schlesien an den Niederrhein zu ziehen. Beim Versuch, sich dort festzusetzen, brachte er die dort wohnende Gleichförmigkeit gehörig durcheinander: Wenn einer wie Julius Vater in eine solche Landschaft fällt, einer Einheimischen nachsteigt und sich weigert, zur Kirche zu gehen, ist das, als wenn man einen großen Stein in einen spiegelglatten Teich wirft. Man verursacht Unruhe, die Frösche flüchten, die Enten fliegen auf und schauen sich das Spektakel aus sicherer Entfernung an.

Er kam 1918 nach Kriegsende aus tiefstem schlesischen Wald. Förster oder mindestens Jäger hatte er werden wollen. Doch statt wie ein Förster mit Bäumen durfte er nur mit lächerlich dünnen Weidenzweigen arbeiten, denn seine Eltern steckten ihn in eine Korbmacherlehre zu seinem Onkel. Da es nach dem Weltkrieg in Schlesien weder genug für Korbmacher noch sonstiges zu tun gab, was ihm sinnvoll erschienen wäre, sah er sich nach einer anderen Gegend um. So landete er eher zufällig  am Niederrhein, denn dort wuchsen viele Weiden und man suchte in der Kreisstadt an der Korbmacherschule nach Menschen, die aus dem anspruchslosen, biegsamen Gehölz Körbe und Korbmöbel machen konnten.

Er wäre irgendwann auch wieder gegangen, wenn er nicht auf der Kirmes im Dorf mit einem einheimischen Mädchen getanzt und sie überaus anziehend gefunden hätte. Für Fremde war es in den damaligen Zeiten nicht ungefährlich, einheimische Mädchen allzu anziehend zu finden. Da das Mädchen nach den damaligen Maßstäben auch noch reich, mindestens aber wohlhabend war, gab es noch einen Grund mehr, mit den einheimischen Hähnen aneinander zu geraten. So nahm das Unglück seinen Lauf: Nachdem er zwei mal mit ihr getanzt hatte und Anstalten machte, sie ein drittes Mal aufzufordern, fanden einige, dass das mindestens einmal zu viel gewesen sei. Die Müllerstochter müsse nicht mit hergelaufenen wie Zigeuner aussehenden Fremden tanzen, die womöglich auch noch evangelisch waren. Sie legten ihm höflich nahe, unauffällig den Saal zu verlassen. Er hörte sich ihre Gründe an, befand ebenso höflich, dass diese für ein Tanzverbot mit Müllerstöchtern nicht ausreichend seien und weigerte sich. In diesem Augenblick kam mein Vater in’s Spiel, denn mein vornamenloser Vater war immer um Ausgleich bemüht. Er schlug vor, aus dem fremden, vermutlich evangelischen Menschen zwecks Eingemeindung einen guten Katholiken zu machen. Leider war er ziemlich betrunken und bedachte die Risiken des Religionswechsel nicht ausreichend. Er schüttete Kaspar Baran in einem Anfall von Wagemut ein Glas Bier über den Kopf, murmelte: Ich taufe dich auf den Namen…„“ und lag im nächsten Augenblick bäuchlings auf der Theke, wo er erhebliche Mengen des Bier-Wasser-Gemisches aus dem Spülbecken trank, in das der bärenstarke Hergelaufene seinen Kopf tunkte. Nachdem mein Vater genug Flüssigkeit geschluckt und die zwei anderen sich von ihrer Überraschung erholt hatten, gingen sie auf Julius Vater los. Es sei alles sehr schnell gegangen, behauptete mein Vater später, weshalb er sich nicht habe wehren können. Ich glaubte ihm das nicht. Aber es hatte laut Dorfgespräch tatsächlich nur Sekunden gedauert, bis einer der beiden sich mit lockeren Schneidezähnen zwischen Bank und Theke wiederfand, während der andere versuchte, das Blut aufzuhalten, das aus der gebrochenen Nase strömte. Der Wirt baute sich vor ihm auf, sagte, er habe ab sofort Lokalverbot. Wenn er nicht gehe, rufe er die Polizei. Solche wie ihn könne man hier nicht brauchen. Kaspar Baran verließ hocherhobenen Hauptes und von weiteren möglichen Attacken unbehelligt den Saal. Nach diesem Ereignis stand er unter Beobachtung und bekam einen vorläufigen Namen: de Schwatte uut Schlesien, denn er hatte fast schwarzes Haar und blaue Augen. Er war zwar nur mittelgroß, aber breit und so muskulös, dass man ihm auf der Kirmes wahrscheinlich vorsichtiger zu nahe getreten wäre, wenn man ihn sich genauer angesehen und dann nachgedacht hätte.

Katharina Thissen, seine Tanzpartnerin, kam aus einer wohlhabenden Familie, deren verschiedene Zweige am ganzen Niederrhein verschiedene Wind- und Wassermühlen besessen hatten und besaßen. Sie war auf der Mittelschule in der Kreisstadt gewesen und hatte eine Ausbildung als Kauffrau erfolgreich absolviert. Die Müllerstochter war eine gute Partie, weshalb viele andere sie gern näher kennengelernt hätten, obwohl sie ein wenig schwierig war. Als einzige Tochter hatte sie in ziemlich allem ihren Willen bekommen. Legendär war ihre im ganzen Dorf bekannte Revolution gegen ihren Vater. Der hatte den Fehler gemacht, sie wegen einer nichtigen Auseinandersetzung zu Stubenarrest zu verurteilen. Sein Fehler bestand darin, anzuordnen, dass der Stubenarrest erst dann beendet sei, wenn sie sich entschuldige. Man konnte vom Dorf aus Katharina sehen, wie sie eine ganze Woche lang in den Sommerferien auf der Fensterbank ihres Zimmers im ersten Stock saß, die Beine in der Sonne baumeln ließ, Blockflöte spielte und gelegentlich an einer Schnur einen mit Essen und Trinken gefüllten Korb in die Höhe zog. Der Müller überhörte eine Woche lang die Bemerkungen der Bauern über aus Fenstern baumelnde Beine, über Kindererziehung im Allgemeinen und im Besonderen. Dann gab er nach. Sie musste nie nachgeben, denn sie war das einzige Kind, das alles bekam, was es wollte. Sie hatte als erste im Dorf ein eigenes modernes Fahrrad. Die einzige Konzession, die sie zu machen hatte, war die Pflicht, den Weiterbestand der Mühle zu gegebener Zeit durch die Requirierung eines geeigneten Ehemannes zu sichern. Einen männlichen Nachkommen setzten ihre Eltern als selbstverständlich und nicht weiter erwähnenswert voraus. Aus der Sicht des Dorfes begann an genau dieser Stelle der Niedergang der Thissenmühle, denn Kaspar Baran fiel in diese Pläne. Sein Auftauchen und seine Absichten widersprachen den Jahrhunderte lang bewährten Spielregeln zum Zusammenhalten und Weitergeben relativen Reichtums. Julius war das Produkt dieser beiden Personen, die nach einem durchaus bemerkenswerten Hindernislauf zusammen kamen und sowohl ihre genetischen Dispositionen als auch ihre Kampferfahrungen an ihn weiter gaben.

Randexistenzen

Julius und ich hatten, als wir eingeschult wurden, eine einzige Gemeinsamkeit: Julius war der auffälligste und ich der unauffälligste Schüler in der Klasse, schon am ersten Schultag. Er setzte sich ganz selbstverständlich in die erste Reihe unmittelbar vor das Pult. Ich blieb an der Tür stehen, wartete, bis alle saßen und setzte mich dann auf einen der verbliebenen zwei Plätze. Auch in körperlicher Hinsicht waren wir sozusagen Randexistenzen. Julius war mittelgroß und für einen Sechsjährigen ziemlich breitschultrig. Er hatte fast schwarzes Haar und blaue Augen, fiel auch dadurch auf. Er, sein Vater und seine Brüder hatten ein Kinn, und zwar ein ausladend breites und nach vorne vorstehendes. Ich war größer als alle anderen, schmaler als alle anderen, ängstlicher als alle anderen und habe kein Kinn, sondern eine angedeutete Erhebung zwischen Unterlippe und Hals, die man, wie ich später erfuhr, als fliehendes Kinn bezeichnet. Einen Vornamen hatte ich auch nicht, sondern hieß, wie mein Vater, nur Heinrichs. Ich hätte schon bei meiner Geburt, so behauptete meine Mutter, skeptisch, kinnlos und misstrauisch in die Welt geblickt.

Während ich mich bemühte, nicht aufzufallen, was mir am Anfang auch gelang, stand Julius oft unfreiwillig im Vordergrund: Alles, was tat oder ließ, geschah mit einer solchen Selbstverständlichkeit, dass es den Anschein hatte, als gebe es gar keine anderen Möglichkeiten. Niemand verschlief so auffällig und selbstverständlich alles, was ihn nicht interessierte. Niemand glänzte so bei komplizierten Aufgaben, an denen die Ständigaufzeiger, die hier,hier, Frau Thissen! riefen, sich die Zähne ausbissen. Dazwischen sah er immer aus wie jemand, der nach innen in sich selbst hinein schaut und nur vorübergehend aufwacht, wenn etwas Interessantes aus der Umwelt in ihn hinein will. Julius beteiligte sich wie alle anderen – außer mir – an den Schulhofspielen, und wirkte dabei so, als sei er in einer anderen Welt. Ich kenne bis heute niemanden, der so deutlich sichtbar gleichzeitig anwesend und abwesend sein kann.

Bis heute ist es so, dass alle, die Julius und mich zum ersten Mal zusammen sehen, offenbar einen inneren Zwang verspüren, sich in einem zweiten Blick zu vergewissern, dass wir nicht nur zufällig etwa nebeneinander stehen, sondern zusammengehören. Es begann damit, dass  ich im Begriff war, zum Fußabtreter einiger Söhne von reichen Bauern zu werden. Es genügte ihnen nicht mehr, sich über meine Gestalt und über mein Stottern lustig zu machen. Sie stellten fest, dass ich mich zum Verprügeln hervorragend eigne, weil von mir als dem Unauffälligsten am wenigsten Gegenwehr zu erwarten war. Ich hatte Angst und die allmählich sich steigernden Demütigungen ließen mich schlecht schlafen. Heute kriegt der Heinrichs eine Abreibung, sagte einer der beiden, die mir besonders Angst machten. An der Kirche Heinrichs, nach der Schule, drohte der andere. Für den Rest des Schultages konnte ich mich dann nicht mehr konzentrieren, weil ich darüber nachdenken musste, auf welchen Um- und Schleichwegen ich nach Hause kommen könnte, ohne den beiden in die Hände zu fallen.

Heute, heute bist du wirklich dran, Heinrichs. Ich fürchtete mich vor dem Weg zur Schule, vor der Schule und vor dem Weg von der Schule, konnte das aber niemanden sagen. Am Ende der Woche, am Freitag, konnte ich nicht mehr, begann mich mit meinem möglichen Tod abzufinden und sehnte mich danach, grundlos verprügelt zu werden, damit ich es endlich hinter mir hätte. Ich nahm mir vor, keinen Umweg mehr zu gehen, als Frenken auf mich zeigte, mich scharf ansah und sagte: Heute. Lasst ihn in Ruhe!, mischte sich plötzlich Julius ein. Und wenn nicht? Probier es aus.

Julius und ich gingen nach der Schule zusammen die Dorfstraße hinunter. Wir sprachen nichts, sahen schon von weitem Frenken und Schmitz vor der Kirche stehen. Frenken ging sofort auf mich los. Ich konnte mich nicht wehren, hielt nur die Hände vor das Gesicht. Julius packte Frenken an den Haaren, Schmitz trat Julius in den Rücken. Frenken ließ von mir ab und beide fielen über Julius her. Ich stand heulend mit herunter hängenden Armen zwei Meter daneben und sah zu, wie die beiden Julius verprügelten. Plötzlich stürzte der Küster aus dem Pfarrhaus, brüllte irgendetwas und die beiden Schläger ließen von Julius ab. Bis morgen, dann bist du dran Heinrichs, grinste Frenken. Ich schämte mich, schluchzte, entschuldigte mich bei Julius. Er wischte sich das Blut von der Nase, befühlte mit seiner Zunge die Unterlippe und legte mir die Hand auf die Schulter. Du brauchst dich nicht zu schämen, wenn du dich wehren könntest, hätte ich dir ja nicht helfen müssen. War ja klar, dass ich die beide am Hals habe. Aber das bleibt nicht so, sagte er, das bleibt nicht so. Ich erinnere mich noch heute an die Welle von Zuversicht, großer Ruhe und Müdigkeit, die ich fühlte, als Julius mir versprach, dass das nicht so bleibe. Ich glaubte ihm uneingeschränkt, denn niemand in der Familie Baran war bekannt dafür, dass er oder sie auf halbem Wege stehen blieb. In der darauf folgenden Nacht schlief ich tief und fest und träumte von fünf identischen Juliusen, von denen auf dem Schulweg einer vor, einer hinter, zwei neben mir gingen und einer über mir schwebte.

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KRAUTJUNKER-Autor Werner Berens

Abb.: Werner Berens beim Fliegenfischen; Bildquelle: Werner Berens

Werner Berens ist Fliegenfischer, Jäger, Autor (siehe: https://www.kosmos.de/search?sSearch=werner+berens) und Genussmensch, der den erwähnten Tätigkeiten soweit als möglich die lustvollen Momente abzugewinnen versucht, ohne aufgrund kulinarisch attraktiver Beute übermäßig in die falsche Richtung zu wachsen. Als Leser und Schreiber ist er ein Freund fein ziselierter Wortarbeit mit Identifikationssmöglichkeit und Feind von Ingenieurstexten, die sich lesen wie Beipackzettel für Kopfschmerztabletten. Altermäßig reitet er dem Sonnenuntergang am Horizont entgegen und schreibt nur noch gelegentlich Beiträge für das Magazin Fliegenfischen.

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es nicht nur eine Facebook-Gruppe, sondern jetzt auch Outdoor-Becher aus Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

Titel: Die Kurzvorzwölfträumer

Autor: Werner Berens

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Das Buch ist als E-book bei verschiedenen Buchhandlungen erhältlich

https://www.hugendubel.de/de/ebook_epub/werner_berens-die_kurzvorzwoelftraeumer-24866530-produkt-details.html

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