von Hagen Schnauss
Im November 2005 war ich mit Reinhold Messner auf Schloß Juval, seinem Wohnsitz am Schnaltal, verabredet.
Tags zuvor fuhr ich als Tramp nach Innsbruck, in meiner damals häufigsten Reiseart. Schon in der Dämmerung bestieg ich dort einen Bus nach Meran und trampte sodann weiter unter nachtdunklem Himmel bis zum Bergfuß des Schlosses, zu dem ich nun langsam hinaufging, nur meine eigenen Schritte im Ohr, vor mir die gerade erkennbare Straße. Ich wußte nicht, wie weit sie noch zu gehen war und beschloß, mich am Straßenrand abzulegen. Als ich gerade den Schlafsack aus dem Affen zog, näherten sich Schritte, die vor mir verharrten. Nach einem wechselseitigen »Wer da?« stand eine junge Frau vor mir, deren Blond durch die Nacht schimmerte. Als ich ihr meinen morgigen Tagesplan skizzierte, bat sie mich, ihr zu folgen. Sie sei die Tochter des Wirtes unterhalb des Schlosses. Alles erschien mir wie in einer Erzählung von Eichendorff, das Traumhafte behauptet sich bevorzugt in der Nacht. Oben am Wirtshaus angekommen, bestiegen wir ihren Landrover, dessen Seitentür Sekunden später aufgerissen wurden. Ein Mann, offensichtlich ihr Freund, packte mich an den Waden und schrie „wer ist das?“. So ward ich plötzlich Zeuge einer Eifersuchtsszene, deren Ursache ich war! Mein Theaterstück des Tages wechselte innerhalb von Sekunden von Romantik auf Drama. Erst viele Jahre später begriff ich, daß das Leben eine Art Film ist, der eigens für mich gedreht wird. Das ist seither meine Lebensauffassung. Lena, ihr Name ist im Kalender vermerkt, schrie etwas zurück und trat aufs Pedal. Einem Konflikt kann man durch Ortswechsel entgehen. Der Eifersüchtling blieb im Dunkel zurück und wir ereichten wenig später den Heuschober ihres Vaters, den sie mir als Schlafstätte anwies und verabschiedete sich. Auf dem Polster trockener Halme schlummerte ich königlich als Günstling Fortunas.
Am kommenden Morgen stieg ich zum nahen Schloß hinauf, das eher einer Burg glich.

Pünktlich erschien die Bergsteigerlegende, die Uhrzeit habe ich vergessen. Handlung steht über der Zeit. Das Einzige, was der Mensch beisteuern kann, ist Bereitschaft.

Ich übergab ihm zwei Barytabzüge mit Porträts von Anderl Heckmair, die er sich bei diesem Treffen ausbedungen hatte, um sie in seinem Museum auszustellen. Heckmair war die Legende vor ihm, der Erstbesteiger der Eiger-Nordwand, in einer Seilgemeinschaft mit drei anderen, darunter Heinrich Harrer, der sieben Jahre in Tibet war. Eine Handvoll Helden ist das, die man als Photograph streifen darf. Ihre durchstandenen Gefahren und Strapazen meißelten ihre Gesichter schärfer aus. Der Mensch wird durch Leiden groß.

Meine Leica R7 tastete sich an das Gesicht von Reinhold Messner heran, zuerst unter freiem Himmel, darauf in einem kleinen Holzschuppen, weil dort das Licht gerichteter fiel. Damals hatte ich noch keine Lichtwurfmaschine, die ich mühsam anschleppen mußte. Alles verlief zügig, bis zur Verabschiedung. Er hatte nur zwei Gesichter: ein leidvolles nach innen Gerichtetes und ein versucht Freundliches. Das erste war sein Wahres.
Hernach speiste ich unten in der warmwandigen Schenke. Ob mich meine Wagenlenkerin des Vorabends bediente, ist mir entfallen.
Zurück im Tal, hielt ich den Daumen hoch. Natürlich wurde ich mitgenommen. Alle diese endlosen Fahrten in fremden Karossen verschwimmen in der Erinnerung zu einer einzigen großen Fahrt. Tage danach tauchte langsam das Konterfei einer Legende auf dem Papier im Entwicklerbad auf, im Rotlicht des Photolabors — Magie des Erscheinens. Erst Jahre später tauschte ich die Silberionen der Negative gegen die Pixel des Sensors.

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Hagen Schnauss

Hagen Schnauss trat 1970 in Thüringer Landen in Erscheinung, verbrachte Kindheit und Jugend in Mecklenburger Wäldern. Nach Irrwegen des Lebens, die er mit verlorenen Idealen bezahlte, beendete er in München sein Studium der Kunstgeschichte und zeugte zwei gelungene Söhne. Immer noch lebt er als literaturbesessener Bibliomane und Porträtphotograph in München.
www.behance.net/hagenschnauss
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