Wein & das gute Leben: Ein Plädoyer für Genuss, Verantwortung und die Kunst des Augenblicks

von Sabine Noelle-Wying

Der Sommer war heiß – nicht nur meteorologisch. Es war ein Sommer, in dem alles gleichzeitig passierte: leben, lieben, genießen, debattieren. Eine Jahreszeit, in der Kreativität aufglühte und eine unbestimmte Sehnsucht nach Freiheit die Luft erfüllte. Doch Freiheit ohne Verantwortung? Kann das funktionieren? Europa sucht Orientierung. Amerika blickt fragend in den Spiegel. Und während Putin, China und andere globale Krisen die Welt beschäftigen, fragen wir uns: Wohin geht die Reise? Wie gestalten wir das fragile Gleichgewicht zwischen Mensch, Technik und Natur? Und wie verteidigen wir die Demokratie – mit Haltung, aber auch mit Herz?

Der Sommer ist vorüber, die Krisen bleiben. Und dennoch – es gibt Momente, die Trost spenden, die uns erden. Ein solcher Moment ist ein Glas Wein.

Denn Wein ist mehr als ein Getränk. Er ist Gespräch, Verbindung, Kultur – das gute Leben in flüssiger Form. Gute Gespräche bei einem Glas Wein sind wie Philosophie in Bewegung. Ich liebe es, mit Menschen zu essen, die mir etwas bedeuten. Und zu trinken. Ein Glas Wein am Meer – die Sonne sinkt, die Gedanken schweifen, und plötzlich scheint alles möglich.

Wenn sich die Blätter färben und die Weinreben in allen Nuancen leuchten, dann erinnern uns ihre Farben daran, dass Genuss und Gelassenheit keine Gegensätze sind. Vielleicht ist das gute Leben genau das: den Moment bewusst kosten, Verantwortung annehmen – und dennoch Raum für Freiheit bewahren. Ein Glas, ein Atemzug, ein Gleichgewicht. Ein Prosit auf das, was bleibt: die Balance zwischen Anspruch und Sinnlichkeit, zwischen Stil und Haltung.

Wir alle – ob jung oder alt, nachdenklich oder lebenshungrig – balancieren zwischen Zweifel und Zuversicht, zwischen Natur und Maschine, Fortschritt und Vernunft. Wer an der Côte d’Azur oder in Ligurien zwischen Meer und Bergen steht, spürt: Widersprüche sind kein Makel. Sie sind das Salz des Lebens. Und wo Salz ist, darf Wein nicht fehlen.

Wein ist das Gespräch, das noch vor dem ersten Wort beginnt. Er ist das leise Glühen hinter einem Satz, das Versprechen eines langen Abends. Am Meer trinke ich ihn am liebsten allein – mit Blick auf den Horizont, der nie endet. Ein Glas, ein Gedanke, ein Lächeln – und plötzlich scheint die Welt stillzustehen.

„Was empfiehlst du unseren Lesern für einen Wein?“, fragt mich Jens.
Ich lächle. Ist das eine Glaubensfrage? Vielleicht. Meine Antwort kommt ohne Zögern: Terre Bianche aus Dolceacqua – ein Wein, der mit seiner Qualität und Vielfalt verführt. Ich kenne den Winzer persönlich, und ja – es ist Magie. Kein Lokalpatriotismus, sondern Überzeugung. Dieser Wein ist ehrlich, zugänglich, voller Charakter – wie ein gutes Gespräch, das nachklingt.

Filippo Rondelli, Präsident der Winzergemeinschaft der Provinz Imperia und Nachfahre jener Familie, die 1870 den ersten Rossese di Dolceacqua in Terre Bianche pflanzte, spricht vom Wein wie von einem alten Freund. Für ihn ist Wein das Ergebnis von Wissen, Handwerk und Demut. Keine Tricks, keine grellen Effekte. Nur Erde, Sonne und der Mensch, der mit Verstand formt. Kein romantischer Mythos – sondern präzises Können.

Wer Terre Bianche besucht, versteht: Genuss und Bescheidenheit schließen einander nicht aus. Zwischen alten Rebstöcken, Meeresluft und Sonnenlicht schmeckt man das Leben selbst.

Bildquelle: Terre Bianche

Ein Pigato – leicht, salzig, ein Hauch Meer.
Ein Vermentino – zitrisch, elegant, wie ein Spaziergang im Spätsommer.
Und der Rossese – samtig, fruchtig, charakterstark.
Er begleitet Fisch wie Fleisch, Fernweh wie Heimweh. Leicht gekühlt zeigt er: Sommer kann ein Geisteszustand sein.

Bildquelle: Terre Bianche

Filippo schreibt mir kürzlich:
„Das Jahr war heiß und trocken, die Trauben kräftig, die Menge geringer. Ein üppiger Frühling, ein intensiver Sommer. Die roten Trauben exzellent, die weißen fein.“

Meine Vorfreude auf die Verkostung ist groß – die Qualität wird beeindruckend sein.

Bildquelle: Terre Bianche

Während in der Redaktion bereits über Weihnachtsgeschenke diskutiert wird, denke ich: Was schenkt man, wenn man Nähe schenken will? Vielleicht eine Flasche Terre Bianche. Oder besser: eine ganze Kiste. Für Freunde, für Gespräche, fürs Leben.


Liguriens Weine – Charakter mit Meerblick

Ligurien – diese schmale, wilde Küste zwischen Bergen und Meer – ist bekannt für ihre Schönheit, ihre Oliven, ihre Dörfer, die wie Terrassen in den Himmel gebaut scheinen.

Bildquelle: Ligurien

Doch wer genauer hinsieht, entdeckt ein weiteres Juwel: den ligurischen Wein.

Die Region ist geprägt von weißen Rebsorten, allen voran Pigato, den man nicht ohne Grund den Wein des Meeres nennt. Frisch, leicht salzig, wie eine Brise über der Brandung – perfekt zu Meeresfrüchten und leichten Gerichten. Eine autochthone Rebsorte, die zunehmend internationale Aufmerksamkeit gewinnt.

Terre Bianche

Vermentino, mit seinen zarten Blüten- und Zitrusaromen, ist der elegante Begleiter würziger Speisen, Pasta oder Fischgerichte. Zwar auch andernorts kultiviert, entfaltet er in Ligurien eine unverwechselbare, mediterrane Seele.

Und dann ist da der Rossese di Dolceacqua – ein Rotwein, der sich mit der Anmut eines leichten Sommerabends präsentiert. Samtig, mit Noten von Kirschen, Beeren und einem Hauch Veilchen. Er passt zu Fleisch, Hartkäse, aber auch – leicht gekühlt – zu exotischen Küchen, ob indisch, thailändisch oder japanisch.

Bildquelle: Terre Bianche

Besonders bemerkenswert: der Bricco Arcagna, benannt nach dem Gipfel, auf dem seine Reben gedeihen. Das Bauernhaus auf dem Etikett beherbergt das Gasthaus des Weinguts – mitten in den ältesten Rossese-Weinbergen.

Wer einmal dort war, versteht: Wein ist nicht nur Genuss. Er ist Haltung. Eine Form von Schönheit, die bleibt – selbst, wenn der Sommer längst vergangen ist.

Ein Ausdruck von Zeit, Geduld und Aufmerksamkeit. Wer Liguriens Weine trinkt, trinkt die Idee von Balance: zwischen Erde und Himmel, Pflicht und Vergnügen, Vernunft und Emotion. Denn vielleicht, ganz vielleicht, ist Wein das, was bleibt, wenn alles andere lauter wird: ein stiller Beweis, dass Schönheit, Verantwortung und Genuss sich nicht ausschließen.

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Sabine Noelle-Wying

Abb.: Symbolbild von Sabine Noelle-Wying; Bildquelle: Girotti

Ihr Vater nannte sie ´Ricke mit Lackschuhen´, ihr Großvater nannte sie Zicklein, ihr Bruder nannte sie auch schon mal Schmeißfliege… Dieser Mix aus kuriosen Tieren ergibt eine Bienenfreundin, die Honigkreationen aller Art liebt. Außerdem liebt Sabine Bäume, Sträucher und Pflanzen und was sich daraus machen läßt, wie z.B. Gin und Champagner.  Vieles mehr, was uns die Natur anbietet wie Geräusche oder Stille, alle kleinen oder großen Bewohner des Waldes, der Flüsse und Seen, auf oder unter Steinen, in der Luft, über- oder unterirdisch, sind ihreFreunde und Freude!

Ihr Revier teilt sie mit Heini, dem Kaninchendackel – er hat die bessere Nase, Sabine die längeren Beine. Ein gutes Team!

Langes Warten in der Natur ist nie langweilig. Sabine und Heini haben gerne Gäste und genießen inspirierende Gespräche wie auch sie versucht, Paradiesvögel aller Art zu inspirieren.

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Anmerkungen

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