von Dieter Bertram
Das Fernsehen lieferte uns in den Wintersportsaisons immer wieder aktuelle Katastrophenbilder: Beeinträchtigungen durch unpassierbare, von Lawinen verschüttete Straßen bis hin zu bergabwärts getriebenen Wohnsiedlungen und zahlreichen tödlich verunglückten Menschen.
Die Bergwelt selbst befindet sich am Abgrund. Die Wunden, die der Mensch mit dem naturfressenden Tourismus geschlagen hat, liegen offen. Die Schönheit der Bergwelt wurde ihr zugleich zum Verhängnis.
Hundert Millionen Urlauber muss die Bergwelt ertragen – mit Seilbahnen, Liften und Skipisten in einer Gesamtlänge von 120.000 km.
„Die Alpen sind nach dem Tropenwald das am meisten belastete und gefährdete Ökosystem der Erde“, sagte der ehemalige BUND-Vorsitzende Hubert Weinzierl.
Es mutet schon sonderbar an, dass bei einem solchen Naturverzehr neben der Forstwirtschaft auch das Wild als Verursacher angesehen wird. Zu hoch sind die Gewinne der Tourismusindustrie, als dass hier Zurückhaltung gefordert oder gar Schuldzuweisungen angesprochen würden.
Alljährlich werden durch Stürme, Lawinen und Muren auf mehr oder weniger großen Flächen beträchtliche Waldschäden angerichtet, aber auch fachliche Kontroversen darüber ausgelöst, wie man solche Naturereignisse bewältigen soll. Wenn Millionen Festmeter Holz am Boden liegen, werden damit nicht nur betriebswirtschaftliche Sorgen, sondern auch Diskussionen über die Aufräumung ausgelöst.
Zum einen drängen Forstkreise auf ein rasches Aufarbeiten der Gesamtflächen mit nachfolgender Aufforstung nach dem Gesetz, wonach Blößen innerhalb von drei Jahren aufzuforsten sind und es nur dann Zuschüsse gibt. Die Problematik der Subventionen lautet: Nur wer aufräumt und pflanzt, bekommt Geld. Zum anderen wird auch die Meinung geäußert, wonach Übereifer dem Wald schaden könne. Waldbaulich geeignete Lösungen, die weder Räumung noch Pflanzung erfordern, werden verhindert, der Holzmarkt wird überlastet und unnötige Arbeitskräfte gebunden.
Das sind ökonomisch und ökologisch ungeeignete Lösungsansätze, die sich nur ein reiches Land leisten kann. Man wird jedoch in naher Zukunft an einer Überprüfung der forstlichen Subventionspolitik unter dem Gesichtspunkt der Natur- und Umweltverträglichkeit nicht vorbeikommen. Hierbei wird besonders der Gebirgswald mit seinen komplizierten Ökosystemen berücksichtigt werden müssen.
Der Wurzelteller eines geworfenen Baumes bleibt auch in steilen Lagen in der Regel mit dem Boden verbunden und bietet zusammen mit querliegenden, gebrochenen Baumstämmen eine hervorragende Lawinenverbauung. Trotzdem wird in der Regel das Wind- und Schneebruchholz gründlich abgeräumt, die höhere Stabilität der Naturverjüngung außer Acht gelassen und stattdessen eine Wiederaufforstung in exponierter Lage mit Topfpflanzen durchgeführt. Diese wird wiederum hochgradig durch Wildverbiss gefährdet und kann auch vernichtet werden.
Eine standortangepasste aufkommende Naturverjüngung kann mit den liegen gebliebenen Stämmen und Reisern schnell die erforderliche Schutzfunktion übernehmen. Die erschwerte Zugänglichkeit der Naturverjüngung schützt effektiver vor Wildverbiss, als dies bei abgeräumten Flächen möglich ist.
Solche Überlegungen müssen in Wald-Wild-Fragen einfließen. Die Konzeptionen müssen die Ansprüche von Wildtieren einbeziehen. Die Forstwirtschaft soll nicht durch Umweltpolitik abgelöst werden, aber sie muss einen Blick für Naturabläufe bekommen. Hierfür sind Nationalparke sehr wohl geeignet, um Abläufe auf Windwurfflächen, die nicht aufgearbeitet werden, zu beobachten und festzustellen, wie vielfältige Fauna und naturgemäßer Mischwald gedeihen.

Naturgemäße Waldwirtschaft sind Lippenbekenntnisse, wenn Naturabläufe nicht einmal auf Kleinflächen zugelassen werden, weil nur Räumung und Wiederaufforstung gefördert werden und dieses Sauberkeitsdenken mit Zuschüssen bedacht wird. Tatsächlich ist „naturgemäße Waldwirtschaft“ ein Widerspruch in sich: Wirtschaft ist immer ein Eingriff in die Natur. Einen naturnahen Wald werden wir nur bekommen, wenn wir – wie es ein forstlicher Klassiker formuliert – den Wald „fragen“, was er zu leisten vermag. Den Wald „fragen“ heißt auch, ihm Zeit zur Antwort zu lassen.
Wer im Wald einen Organismus sieht, dem der Mensch in mehrhundertjähriger Geschichte nicht unerheblichen Schaden zugefügt hat, darf sich nicht in Schuldzuweisungen gegen Wild erschöpfen, sondern muss dem Wald Entwicklungen und Stationen zubilligen, zu denen unter anderem auch Windwürfe – sogenannte Katastrophen aus menschlicher Sicht – gehören.
Wenn jedes Reh und jede Gams, jeder Insektenwinzling in der Forstwirtschaft zum Problemtier wird, ist nicht die Existenz des einzelnen Tieres, sondern die Arbeitsweise des Menschen zu überdenken. Sturmwürfe, aber auch Lawinen, können Bestandteil einer natürlichen Waldentwicklung sein, zu der unverzichtbar auch totes Holz sowie stehende und liegende tote Bäume gehören. Ohne sie ist ein natürlicher Lebenslauf von Wäldern nicht möglich.
Naturbelassene Wälder sind ständig solchen Entwicklungen ausgesetzt. Hier können auf ausgesuchten Flächen ökologische Prozesse stattfinden. Die Orkane der letzten Jahre waren keine ökologische Katastrophe, sondern Naturereignisse. Hier könnte die Lebensgrundlage seltener, vom Aussterben bedrohter Pflanzen- und Tierarten neu begründet werden.
Die Ökonomie hat dadurch nicht ihren Stellenwert verloren; man hat ihr jedoch den höchsten Stellenwert eingeräumt und damit einen labilen Wald geschaffen – was nicht nur unökologisch, sondern auch unökonomisch ist.
Umdenken, Neuanfang, Aussöhnung mit der Natur: Die Möglichkeit eines kraftvollen Denkanstoßes besteht.
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Dieter Bertram

Wildmeister Dieter Bertram, Jahrgang 1935
1953-1955 Berufsjägerausbildung in Revieren im Münsterland und Sauerland
Bis 2000 tätig als Berufsjäger in Revieren im Hunsrück und Sauerland
Landesobmann der Berufsjäger NRW
Mitbegründer des Bundesverband Deutscher Berufsjäger
Mitbegründer des Forum lebendige Jagdkultur
Mitbegründer und Vorstandsmitglied in der Gesellschaft zur Erhaltung der Raufußhühner
Zahlreiche Publikationen in Jagdzeitschriften
https://jagdfibel.de/index.php/Bertram,_Dieter
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