Jagdverpachtung, Pirschbezirke und Begehungsscheine

von Dieter Bertram

Nun füllen sie wieder die Seiten der Jagdzeitungen: die Jagdverpachtungen, Vergaben von Pirschbezirken und Begehungsscheinen.
Ein so angepriesenes Revier habe ich einst recht gut gekannt. Für einen Jäger war es ein kleiner Vorgarten Edens von 2.000 ha, weitab von Städten. Zwölf Kilometer vom Dorf lag das Jagdhaus und war nur auf schlechtem Wege zu erreichen.

Hase und Fuchs sagten sich hier gute Nacht, die Wildkatze war Standwild, und das Rotwild konnte vom Frühstückstisch aus beobachtet werden, wenn es mit den Kälbern vertraut in die Tageseinstände zog.

Wenn in reifen Nächten die Hirsche pausenlos meldeten, konnte es passieren, dass meine bessere Hälfte unter Protest das Schlafzimmerfenster schloss und auf die „Blödmänner“ schimpfte, die einen seit Tagen nicht schlafen ließen.

Mehr als drei Jahrzehnte war das Revier in der Hand eines Jägers, der mit dem Herzen jagte. Von den Möglichkeiten, aus dem Vollen zu schöpfen, wurde nie Gebrauch gemacht. Es war eine Vergünstigung, in diesem Revier jagen zu dürfen, in dem noch nicht jeder Hirsch, jeder Bock katalogisiert war.

Ein Jahr vor Anlauf der Pacht wird dem Jagdherrn das Halali geblasen. Mit der Hinrichtung eines herrlichen Reviers wurde danach begonnen, indem es zunächst einmal gedrittelt wurde.

Obwohl der Ausgang dieser Verpachtung für mich ohne Bedeutung war, bangte ich um dieses Revier. Das Argument der neuen Revierinhaber, mit dem Wildschaden müsse etwas geschehen, wollte die Jagdgenossenschaft sich nicht verschließen. Die Erteilung von Jagderlaubnisscheinen wurde sehr großzügig gehandhabt.

Einige Jahre später ergab es sich, das ehemalige Revier noch einmal aufzusuchen, um sich zu erinnern. Jetzt sind die Wechsel und Rutschen an den Hängen mit Gras bewachsen, die Suhlen sind klar, man kann bis auf den Grund blicken. Die Kanzeln waren zum Abend-Nachtansitz bereits besetzt. Zwanzig Meter hinter den Sitzen standen die mehr oder weniger großen Wagen.

Ich kam am Jagdhaus vorbei und sehe gerade, wie sieben weitere Jäger aus den Wagen steigen. Ja, man konnte wohl erkennen, dass hier etwas gegen den Wildschaden getan wurde.

Ich muss gestehen, dass mich die Neugier packte, und ich besuchte einen ehemaligen Nachbarn, einen Bauern. Meine Vermutung bestätigte sich. „Es wimmelte von Jägern, und dauernd knallt es“, wurde mir erklärt.

„Das müsste doch in eurem Sinn sein: Wenn ordentlich abgeräumt wird, bleiben doch die Felder wildschadenfrei“, war mein Einwand. Mein ehemaliger Nachbar war nicht ganz zufrieden. Der Wildschaden hatte abgenommen. Er gestand aber auch ein, dass damit in der Vergangenheit übertrieben worden ist.

Die Jagd ist für die Gemeinde, für die Jagdgenossenschaft ein Stück Kapital. Es sollte ihr nicht gleichgültig sein, wie mit diesem Wert umgegangen wird.

Ein ausgeschossenes Revier kann mit einem leeren Banksafe verglichen werden. Für den wildleeren grünen Wald und blauen Himmel werden von manchem Greenhorn auch noch Pachtpreise gezahlt, aber doch nicht hohe.

Der vierte Kugelschuss an diesem Abend ließ mich zusammenfahren. „Haben die Hirsche in diesem Jahr überhaupt schon gemeldet?“, fragte ich.
„Im letzten Jahr wenig, in diesem Jahr noch gar nicht.“

Bildquelle: Diana Parkhouse auf Unsplash

In der Nähe dieses einsamen Bauerngehöfts war früher Hochbrunft. Wir erinnerten uns an den kleinen Rüben- und Kartoffelacker hinter dem Haus, auf dem manche Nacht das Rudel stand. Gewiss, es entstand auf diesen dürftigen Parzellen auch Schaden, auch schon einmal Streit, der aber in der Regel beim Auseinandergehen beigelegt war.

Ich bin überrascht, wie dieser Mann, Nichtjägerwild und der Berufsjäger, der sich bei der Exekution widersetzte, sind zur Strecke gebracht. Hier ist kein Arbeitsfeld mehr für ihn; man wurschtelt lieber unter sich. Für die groben Arbeiten bieten sich ausreichend Freiwillige an, die nicht sehr anspruchsvoll sind. Man spart den Lohn und entschädigt mit Raubwild-, Ricken- oder Kahlwildabschuss.

Diese, oft jungen Jäger, sind unendlich dankbar für jede sich bietende Jagdmöglichkeit. So gibt es keine Diskussion, aufkommende Gewissenskonflikte würgt man zweckmäßigerweise herunter. Man lässt sich in die Nähe der Bekämpfer von Schadinsekten rücken, leistet nicht einmal Widerstand und versucht, das Beste daraus zu machen. Gedankenlos wird geerntet, und man weiß nicht, ahnt nicht einmal, wie so etwas heranwächst.

Heiliger Hubertus, ich will mein Amt als Hegeringleiter an den Nagel hängen; vielleicht solltest du auch einen Antrag stellen und den Schutzpatron aufgeben. Hier sind wir nicht mehr unter uns.

Mit diesem Gedanken fuhr ich noch am gleichen Abend zu einer weit draußen liegenden Gastwirtschaft, um meinen Kloß im Hals herunterzuspülen. Ich war überrascht, hier noch einige Wagen stehen zu sehen.

Zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass auch hier über Rotwild gesprochen wurde. Es war kein Jäger unter ihnen. Seit vielen Jahren fährt man schon hierher, um die Hirsche zu hören; vergeblich in diesem Jahr. Man spart nicht mit Kritik an den Jägern. Diese Menschen sind wild- und naturverbunden, sie sprechen auch mir aus dem Herzen.

Fazit: Ein Beitrag zum Nachdenken von einem alten Wildmeister.

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Dieter Bertram

Wildmeister Dieter Bertram, Jahrgang 1935
1953-1955 Berufsjägerausbildung in Revieren im Münsterland und Sauerland
Bis 2000 tätig als Berufsjäger in Revieren im Hunsrück und Sauerland
Landesobmann der Berufsjäger NRW
Mitbegründer des Bundesverband Deutscher Berufsjäger
Mitbegründer des Forum lebendige Jagdkultur
Mitbegründer und Vorstandsmitglied in der Gesellschaft zur Erhaltung der Raufußhühner
Zahlreiche Publikationen in Jagdzeitschriften
https://jagdfibel.de/index.php/Bertram,_Dieter

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Anmerkungen


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