von Luisa
Das Scheppern eines Randalierers an den Mülltonnen, ist kein willkommenes Geräusch, wenn man so zweisam in der Waldeinsamkeit lebt. Ein Eichhörnchen, das beim Turnen etwas umgestoßen hat? Die folgenden Geräusche belehren mich eines Besseren: Das ist kein Nagetier – nicht einmal ein fettleibiges. Da draußen ist etwas Großes ohne Tischmanieren zugange, und es widmet sich mit beeindruckender Hingabe unserer Mülltonne beziehungsweise dessen verlockendem Inhalt.

Tief durchatmen, die .30-06 laden und dann leise, sehr leise, die Lage sondieren. Könnte es ein betrunkener Nachbar oder randalierende Halbstarke sein? Hier eher unwahrscheinlich.
Ungefähr 10 Meter entfernt bestätigt sich der Verdacht. Ein Schwarzbär hat die Tonne bereits fachmännisch geknackt und wühlt im Buffet. Unser Deeskalationsplan: Akustische Vergrämung. Mit Türenknallen, lautem Rufen und dem üblichen Spektakel versuchen wir Meister Petz klarzumachen, wer hier den Ton angibt und das Hausrecht hat.
Doch weit gefehlt. Der zottelige Störenfried zeigt sich von unserem Lärm gänzlich unbeeindruckt und setzt sein Projekt unbeirrt fort.

Wäre er schlicht von dannen gezogen, hätten wir den Unrat beseitigt und wären zur Tagesordnung übergegangen. Doch durch seine stoische Ignoranz qualifizierte er sich endgültig für die Kategorie Problembär. Ein Bär, der die Scheu vor dem Menschen verliert und die Mülltonne als legitime Futterquelle begreift, wird zur Gefahr – eine logische, wenn auch unschöne Konsequenz in der Wildnis.
Das Warten auf den perfekten Moment erforderte Geduld; Äste verstellten die Sicht, und das Ziel blieb in Bewegung. Dann brach der Schuss der .30-06 die Stille. Ein Satz, eine kurze Flucht von wenigen Metern, bis der Bär unter einer Tanne verhoffte. Dann: absolute Stille. Wir hielten inne. In der Jagd ist die Wartezeit nach dem Schuss ein Gebot der Klugheit – man möchte absolute Gewissheit über das Ende des Geschehens haben, bevor man herantritt.
Schließlich näherten wir uns dem gestreckten Stück, die Waffe im Anschlag. Die letzte Gewissheit liefert in solchen Momenten der Lidreflex-Test: Ein vorsichtiger Druck aufs Auge. Wer hier nicht mehr blinzelt, hat endgültig mit der Welt abgeschlossen.

Die anschließende Inspektion ergab: Ein männlicher Halbstarker im Teenageralter. Der Kanadier nennt ihn übrigens Boar, während das Weibchen als Sow bezeichnet wird – eine Parallele zum Schwarzwild, die dem deutschen Waidmann sofort vertraut vorkommt.
Unser unerwünschte Besucher war noch recht jung, schätzungsweise zwei oder drei Lenze alt. Wahrscheinlich war er erst kürzlich von der Bärenmutter vor die Tür gesetzt worden, damit diese sich dem nächsten Fortpflanzungszyklus widmen kann. Genau diese Halbstarken sind es, die den meisten Ärger machen. Sie tapsen noch recht orientierungslos durch eine Welt, in der sie plötzlich auf sich allein gestellt sind – und das nach einem sechsmonatigen Winterschlaf, der ein gewaltiges Defizit im Magen hinterlassen hat.
Manch einer mag den Schwarzbären für eine harmlose Variante halten, da er sich vorwiegend vegetarisch oder von Fisch ernährt und den Menschen nicht explizit auf der Speisekarte führt. Doch ich weiß aus eigener Erfahrung, wie meine Laune sinkt, wenn ich hungrig erwache und man mir das Frühstück streitig macht.

Und eines ist sicher: Ein missmutiger Schwarzbär richtet am Ende doch deutlich mehr Flurschaden an als ein schlecht gelaunter Rottweiler. Ausgewachsene männliche Schwarzbären können bis zu 400 kg Kampfgewicht auf die Waage bringen. Nicht auszudenken was passieren kann, wenn diese Spitzenprädatoren menschlichen Siedlungen als ihr Revier betrachten (siehe: https://krautjunker.com/2024/02/10/barenattacken-stoppen/).
Nachdem das Ableben und das Geschlecht zweifelsfrei festgestellt waren, folgte der bürokratische Akt der Wildnis: Das Entwerten der Abschusserlaubnis, der sogenannte Tag. Monat, Tag, Geschlecht und Jagdzone müssen sauber ausgeschnitten werden. Beim Bären wird dieses Dokument vorschriftsgemäß am Schädel befestigt. Ein kleiner Schnitt durch den Unterkiefer, ein Kabelbinder – und Meister Petz ist offiziell registriert.

In Kanada ist es übrigens völlig legal, einen Bären auf dem eigenen Grund und Boden zu strecken, wenn er sich als unbelehrbarer Störenfried erweist. In diesem Falle müsste man jedoch umgehend die Jagdbehörde verständigen, die dann zur Inspektion anrückt und das Stück einkassiert. Da Tyrel für diese Saison jedoch noch zwei reguläre Lizenzen besaß, konnten wir uns den Behördengang sparen und den Bären selbst verwerten.

Ein kurzes Telefonat mit unserem Freund James klärte die Logistik. Er bot uns nicht nur seine Werkstatt an, sondern verfügte auch über die entscheidende Infrastruktur: Robuste Sperrholztische, die sich mit Planen schnell in hygienische Zerlegtische verwandeln ließen, fließend Strom und – ganz wichtig – eine fast leere Tiefkühltruhe, die in den kommenden Stunden noch eine tragende Rolle spielen sollte.
Der Entschluss war gefasst: Der Bär sollte zur weiteren Versorgung zu James transportiert werden. Doch wie überführt man einen solchen Gast würdevoll? Ein offener Transport auf der Ladefläche des Trucks erschien uns dann doch zu pietätlos. Kurzerhand wurde eine großzügige Kunststoffbox zweckentfremdet, in der normalerweise mein Daunenschlafsack seine Ruhephasen verbringt – ein improvisierter, aber funktionaler Sarg für Meister Petz.

Beim genaueren Hinsehen zeigte sich der Treffersitz: Unmittelbar hinter dem Blatt, etwas tief liegend. Das spätere Aufbrechen bestätigte die tödliche Präzision: Das Herz war vollkommen zerfetzt. Ein schlagartiger Zusammenbruch ohne Lautäußerung war die Folge. Man darf wohl festhalten, dass ein natürliches Ende in der Wildnis mit weitaus mehr Qualen verbunden gewesen wäre als dieser saubere Blattschuss.
Zeit ist bei der Fleischhygiene der entscheidende Faktor. Kaum bei James angekommen, machten wir uns ans Werk. Das Stück muss schnellstmöglich aus der Decke geschlagen und ausgeweidet werden, damit das Wildbret abkühlen kann. Zudem gilt es, das Risiko einer Kontamination durch verletzte Organe wie Magen, Darm oder Galle zu minimieren. In unserem Fall war das Glück auf unserer Seite: Bis auf Herz und Lunge war das Innenleben intakt geblieben – eine saubere Sache.
Nachdem die Bauchdecke geöffnet und die Organe entfernt waren, folgte das „Quartern“: Das fachgerechte Abtrennen der Vorder- und Hinterläufe vom Rumpf. Nach zweieinhalb Stunden intensiver Arbeit zu zweit war das erste Etappenziel erreicht. Während viele Jäger das Wildbret noch einige Zeit abhängen lassen, um die Fleischreife zu fördern, beließen wir es bei einer kurzen Verschnaufpause. Der handwerkliche Teil war geschafft, nun wartete die Veredelung.

Für das finale Zerwirken und Verpacken zogen wir in die Küche um. Das Licht war dort schlichtweg besser, und der bullernde Ofen verbreitete eine wohlige Wärme, die nach den Stunden im Freien gut tat.
Ich platzierte eine Keule – das Hind Quarter – auf dem massiven Schneidebrett, zückte das Ausbeinmesser und hielt inne. Mein innerer deutscher Ingenieur suchte nach dem anatomisch korrekten Plan. Wie zerlegt man das nun fachgerecht, um ein Maximum an Qualität zu erzielen? Die Antwort von Tyrel und James war entwaffnend kanadisch: „Völlig egal. Es gibt kein Richtig oder Falsch, am Ende ist alles Fleisch. Willst du Steak? Dann schneid dir ein Steak. Willst du Braten? Dann lass die Muskelpartien zusammen. Wenn du Sehnen erwischt, schneid sie raus – wenn nicht, auch egal. Dann schmorst du es eben einfach ein bisschen länger.“

Nach dieser herrlich unkomplizierten Devise schritten wir zur Tat. Päckchen um Päckchen füllte sich, wurde vakuumiert und trat die Reise in die Tiefkühltruhe an.

Beim anschließenden Reinemachen folgte noch ein Hauch von alter Wildnis-Tradition: Während Knochen und Reste entsorgt wurden, sicherten wir die Gallenblase und hängten sie zum Trocknen auf. James ist mit einer First-Nations-Medizinfrau befreundet, die daraus traditionelle Heilmittel gewinnt. Auch der Schädel wurde fachgerecht aus der Decke gelöst und wieder mit dem offiziellen Tag versehen – Ordnung muss sein, auch in der Wildnis.
Nach insgesamt sechs Stunden harter Arbeit war das Werk vollbracht: Rund 25 Kilogramm bestes Bärenfleisch lagerten nun im Frost.
Zum krönenden Abschluss zauberte James noch eine Pfanne aus dem Backstrap – dem Rückenlachse –, kurzgebraten mit Zwiebeln und Paprika. Erschöpft, aber mit jener tiefen Zufriedenheit, die nur ehrliches Handwerk bietet, genossen wir unser erstes Bärengericht zusammen mit einer ordentlichen Portion Mac and Cheese, der nordamerikanischen (und etwas barbarischen) Variante der italienischen Käse-Makkaroni.

Nun drängt sich dem geneigten Krautjunker aus der Alten Welt unweigerlich die Frage auf: Wie schmeckt er denn nun, der Bär? Meinem Empfinden nach erinnert das Wildbret des Schwarzbären stark an Rindfleisch – ein wenig wilder im Aroma, mit einer dezenten Süße, aber keineswegs völlig fremdartig (siehe: https://krautjunker.com/2018/07/04/kostprobe-schwarzbaer/).
Allerdings gibt es beim Bären wohl enorme geschmackliche Variationen, die stark von der Jahreszeit und der Diät des Tieres abhängen. Im Frühjahr, nach dem Erwachen, ist die Qualität meist durchweg gut. Im Herbst hingegen entscheidet der Speiseplan über das kulinarische Glück: Hat sich der Bär in den Bergen an Beeren gütlich getan, ist sein Fleisch eine Delikatesse. Stammt er hingegen von der Küste und hat sich den Winterspeck mit Lachs angefressen, können das Fett und damit auch das Fleisch eine unangenehm tranige, fischige Note annehmen. In jedem Fall gilt in der Küche die eiserne Regel: Bärenfleisch muss stets vollkommen durchgegart werden. Wie das Hausschwein kann auch der Bär Träger von Trichinen sein – hier ist jagdliche Vorsicht die Mutter der Porzellankiste.
Interessanterweise schreibt das Gesetz in Kanada die Verwertung des Fleisches beim Bären nicht zwingend vor – ganz im Gegensatz zu Hirsch, Elch oder Karibu. Gesetzlich geschützt sind hier primär die Trophäen: Das Fell samt Klauen sowie der Schädel dürfen nicht verkommen.
Der letzte Akt des Abenteuers ist schließlich der Gang zur Jagdbehörde. Bis zum 15. Tag des Folgemonats muss man dort mit dem Schädel und dem entwerteten Tag vorstellig werden, um den Abschuss offiziell zu melden. Wer der Wissenschaft einen Dienst erweisen möchte, stellt zudem eine Fellprobe zur Verfügung und markiert den präzisen Erlegungsort auf der Karte. Damit schließt sich die Akte Problembär – und öffnet die Tür zur Tiefkühltruhe.
Was das Fell betrifft, steht man vor der Wahl: Entweder man legt selbst Hand an, schabt mühsam das Fett ab, salzt die Decke und spannt sie auf – was sie allerdings bretthart werden lässt. Oder man vertraut sie einem Gerber an, damit das Leder geschmeidig bleibt wie ein feiner Handschuh. Vorerst ruhen Haupt und Balg jedoch in Müllsäcken verstaut in der Tiefkühltruhe und warten auf unseren nächsten freien Tag. Kälte ist in der Wildnis der beste Archivar; was gefroren ist, verdirbt nicht.
Rückblickend ist es bemerkenswert, dass die Angst völlig ausblieb. Natürlich pochte das Herz schneller, die Aufregung war greifbar – schließlich war alles ungemein spannend. Doch eine Furcht, nun vor die eigene Tür zu treten, hat sich nicht eingestellt. Ich lebe schlicht im Bärenland; Besuche gehören zum Alltag. Wer sich dessen bewusst ist und keine Einladungen in Form von Lebensmitteln im Zelt ausspricht, lebt hier statistisch gesehen sicherer, als wenn man in Deutschland in ein Auto steigt.
Nach all der Aufregung gönnte ich mir zur Belohnung ein Eis aus meinem Lieblingsladen. Eine Besonderheit in Kanada: Blaues Eis schmeckt hier weder nach Vanille noch nach Kaugummi oder Schlumpf.

Während Vanille hier logischerweise cremefarben und Kaugummi rosa ist, assoziiert man Blau unmissverständlich mit Zuckerwatte. „Wie schmeckt bitteschön Zuckerwatte?“, fragte ich mich skeptisch, „außer nach purem Zucker?“ Doch kaum schmolz das blaue Eis zwischen den Kekswaffeln in meinem Mund, war sie da: die lebhafte Erinnerung an Rummelplätze und Jahrmärkte. Tatsächlich, genau so schmeckt Zuckerwatte.
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Luisa

Luisa ist in Salzgitter aufgewachsen und startete ihren Lebenslauf sehr rational: Ausbildung zur Industriemechanikerin, Ingenieurstudium des Maschinenbaus und nebenberuflich der Wirtschaftswissenschaften. Mit 28 Jahren war sie bereits fünf Jahre als Ingenieurin in der Stahlindustrie tätig. Doch ihr Berufsalltag passte nicht zu ihren eigentlichen Leidenschaften: Metal-Musik und gutes Essen, vor allem aber die wilde Natur des Nordens.
Nach dem Studium gönnte sie sich eine Auszeit im winterlichen Yukon – zwei Wochen in der Wildnis, ohne Strom und fließend Wasser. Die Erfahrung war entscheidend: Sie fühlte sich in der rauen Landschaft heimisch wie nie zuvor. Konsequent hat sie anschließend den Sprung über den Atlantik gewagt. Für Luisa ist das Leben zu kurz, um nicht dem eigenen Herzen in die Wälder zu folgen.
Per E-Mail ist zu erreichen unter lukonblog (at) gmail (Punkt) com

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Anmerkungen

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Luisas Bericht erschien zuerst am 15. Mai 2017 auf ihrem eigenen Blog; für KRAUTJUNKER habe ich den Text behutsam für Euch aufbereitet.
https://lukonblog.wordpress.com/2017/05/15/wenn-die-muelltonne-dreimal-raschelt-achtung-blutige-bilder/
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