von Henner Garth
Mensch Mädchen, was sind wir beide alt geworden!
Fast drei Jahrzehnte sind wir nun schon zusammen und es wird Zeit, Dir endlich das zu sagen, was mich seit langem bewegt:
Am Anfang stand ich Dir skeptisch gegenüber. Du warst so etwas wie eine Uniform, rochst etwas komisch und warst teuer. Aber schon nach kurzer Zeit mochten wir uns mehr und mehr.
Wie viele Male hast Du mich gewärmt und vor Regen geschützt? Unzählige!
Auch wie oft Du mir Bier ins Kino geschmuggelt hast, weiß ich heute nicht mehr.
Wie oft wurden uns auf dem Campus Beleidigungen nachgeworfen, wenn wir als Farbenstudent auftraten. Wir haben sie ziehen lassen, weil wir an Ignazio Silones Vorhersage dachten: „Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: ‹Ich bin der Faschismus›. Nein, er wird sagen: ‹Ich bin der Antifaschismus›.“
Was die über uns dachten, war uns egal.
Und was haben wir nicht alles gemeinsam von der Welt gesehen? Du kennst fast jedes Corpshaus, von Innsbruck bis nach Kiel. In Kanada dientest Du mir bei dem verspäteten Flug in der Nacht auf der Flughafenbank als Decke. In Frankreich warst Du während des Flirtens das Sitzkissen für die süße französische Studentin, weil ihr die Steinmauer zu kalt war. Was wir in England erlebt haben, wird als Gentleman für immer mein Geheimnis bleiben! Und weißt Du noch, wie wir uns beide erschrocken haben, als in norwegischen Birkenwäldern plötzlich dieser riesige Elch vor uns stand?

Sicher, ich war manchmal grob zu Dir. Habe Dich im Suff oft achtlos in die Ecke geworfen, ohne zu wissen, was ich an Dir habe. Ich hätte Dir öfter die Aufmerksamkeit und Zuneigung geben sollen, die Du verdienst. Es tut mir leid. Betrogen habe ich Dich jedoch nie. Einige wollten mich verführen. Diese Belstaff, diese Fjällräven oder diese sexy Wellensteyn. Nein, treu war ich nur Dir. Du bist die Eine!
Aber auch Du hattest Möglichkeiten. Als diese Buxe versucht hat, Dich mir zu entreißen, merkte er schnell, dass nur wir zusammengehören. Am nächsten Morgen brachte er Dich kleinlaut zu mir zurück, bat um Entschuldigung und hatte Angst vor einer eingerissenen Visitenkarte. Was haben wir ihn ausgelacht.
Im Wald haben wir uns immer zuhause gefühlt. Fichten, Eichen und Buchen haben bei Nachsuchen Wunden an uns beiden hinterlassen. Sie wurden wieder zusammengeflickt. Die Narben tragen wir heute mit Stolz. Und wie oft hast Du den Schweiß abbekommen? Sei es derdes erlegten Wildes oder der meine. Beklagt hast Du Dich nie! Den Hunden hast Du bei Drückjagden auf gefrorenem Boden als Decke gedient. Sie haben es Dir nie gedankt. Ich tue es. Heute dürften sich höchstens Ayk oder Daggi auf Dich legen. Die Ehre hast Du Dir im Alter verdient.
Und auch wenn mancher schmunzelt oder die ganze Welt über mich lacht. Es ist mir egal! Für Dich stelle ich mich auf den höchsten Berg und rufe es heraus: Du meine Treue. Ich liebe Dich! Ich hoffe, wir bleiben noch lange zusammen!
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Henner Garth

Als Henner Garth geboren wurde, war er noch sehr jung. Ganze 47 Jahre ist das her. Aufgewachsen in Marburg/Lahn und Bad Karlshafen, verschlug es den bekennenden Hessen nach der Offiziersausbildung zum Studium der Jurisprudenz in die Leine-Stadt Göttingen.
Nach mehreren Semestern und noch mehr Deckelschoppen beim Corps Brunsviga wachte er plötzlich als Rechtsanwalt und Fachanwalt für Strafrecht in der über 120 Jahre alten Göttinger Kanzlei Menge/Noack auf. Zwischenzeitlich hatte man ihn dort sogar zum Partner gemacht.
Durch die Familie vorbelastet erwarb er schon mit 16 Jahren den Jagdschein und bleibt dieser Leidenschaft auch heute noch treu, wenn er nicht gerade mit guten Freunden auf dem Tontaubenstand Löcher in die Luft schießt, Rotwein oder ein gutes Buch genießt oder den Schauspielern auf der Theaterbühne applaudiert.
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Anmerkungen

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