von Bruno Schulz
Der Mittagswein ist verschwunden. Nicht verboten. Nicht offiziell abgeschafft. Einfach leise aus dem Alltag gedrückt. Zwischen Terminen, Tabellen und der Vorstellung, dass Klarheit nur noch ohne Alkohol zu haben sei. Was geblieben ist, ist Misstrauen. Gegen das Glas. Gegen den Moment. Gegen alles, was nicht effizient wirkt.
Dabei war der Mittagswein nie Exzess. Er war Maß.
Historisch betrachtet ist der Mittagswein kein Dekadenzrest, sondern ein Arbeitsinstrument. In Weinregionen, aber nicht nur dort. Ein kleines Glas, oft verdünnt, zum Essen. Nicht, um etwas zu erreichen, sondern um etwas zu begleiten. Arbeit. Gespräch. Pause. Übergang. Der Wein markierte keine Flucht, sondern einen Rhythmus.
Dass das funktioniert hat, war kein Zufall. Der Alkoholgehalt war niedrig. Die Menge begrenzt. Der Kontext klar.
Der Mittagswein war kein Rausch, sondern ein Bindemittel. Zwischen Küche und Tisch. Zwischen Körper und Kopf. Zwischen Pflicht und Lust. Er verlangte Aufmerksamkeit, aber keine Hingabe. Genau deshalb passte er so gut in den Alltag.

Heute wird er behandelt, als sei er der erste Schritt in eine persönliche Abwärtsspirale. Ein Glas mittags, und schon steht Christiane F. mit erhobenem Zeigefinger im Raum. Diese Gleichsetzung ist bequem, aber falsch. Sie verwechselt Genuss mit Kontrollverlust. Und sie unterschätzt die Fähigkeit des Menschen zur Differenzierung.
Der Mittagswein ist nicht das Problem. Das Problem ist das Tempo, in dem wir trinken gelernt haben. Und die Erwartung, dass jedes Glas entweder nützt oder schadet. Dazwischen scheint nichts mehr zu existieren.
Dabei wussten frühere Generationen sehr genau, wovon sie sprachen. Jean Anthelme Brillat-Savarin schrieb sinngemäß: „Ein Mahl ohne Wein ist wie ein Tag ohne Sonne.“ Das ist keine Aufforderung zur Dauertrunkenheit, sondern ein Plädoyer für Einbettung. Für Maß. Für das richtige Getränk zur richtigen Zeit.
Der Mittagswein war nie allein. Er gehörte zum Essen. Und er endete mit ihm.
Er war ein Piffchen. Ein Glas, das mehr über Geschmack als über Wirkung sprach. Ein Gruß an die Küche. Ein Zeichen von Respekt vor dem, was auf dem Teller liegt. Wer glaubt, man könne frische Muscheln, eine gute Pasta oder ein schlichtes Omelett ernst nehmen und dazu Fanta trinken, hat ein anderes Problem als Alkohol.
Rettet den Mittagswein heißt deshalb nicht: Trinkt mehr. Es heißt: Trinkt bewusster.
Nicht jeden Tag. Nicht überall. Nicht als Trotzreaktion gegen Abstinenz.
Sondern als Erinnerung daran, dass Genuss nicht laut sein muss, um legitim zu sein. Dass ein kleines Glas Wein am Mittag kein Kontrollverlust ist, sondern ein Zeichen von Vertrauen. In sich selbst. In den Moment. In die Fähigkeit, aufzuhören.
Der Mittagswein ist subversiv geworden, weil er nichts beweist. Keine Leistung. Keine Haltung. Keine Moral.
Er sagt nur: Jetzt ist jetzt. Und das reicht.
Rettet den Mittagswein, weil er uns an etwas erinnert, das wir gerade dringend brauchen: Dass Maß kein Verzicht ist. Und Genuss kein Gegner der Klarheit.
Ein kleines Glas.
Zum Essen.
Dann weiter.
Sehr zum Wohl.
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Bruno Schulz

Bruno Schulz ist achtundfünfzig Jahre alt und Vater eines Sohnes. Er hat Innenarchitektur studiert und einiges Geisteswissenschaftliche. Nach einigen Stationen in Deutschland, Europa, in Asien und in Afrika arbeitet er als Designer, Texter und Moderator. Mit seiner Agentur schulzundtebbe (www.schulzundtebbe.de) entwickelt, gestaltet und pflegt er Marken. Mit Schwerpunkt in den Disziplinen „Fressen, Saufen und Genuss“. Er liebt und lebt das Storytelling und schreibt immer und leidenschaftlich. Essays, Short Stories, Reiseberichte, dies und das. Oft geht es dabei um die Liebe, das Leben, Kulinarik und Kultur.
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Anmerkungen

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Titel: Easy Drinking: Mehr Wein – weniger Theater
Autor: Bruno Schulz
Herausgeber: Bookmundo
Verlagslink: https://publishde.bookmundo.com/site/?r=userwebsite/bookdetails&id=22044787
ISBN: 978-9403867946
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