von Joachim Orbach
Der Bedarf nach schnell verfügbarer Information, rascher Wandel, Schnelllebigkeit und Vergänglichkeit sind herausragende Merkmale unserer Zeit. Was gestern noch Gültigkeit hatte, ist heute oftmals bereits überholt oder für viele auch Schnee von gestern.
Für das Jagdgebrauchshundewesen dürfte das alles aus meiner Sicht u. a. nicht für die einstigen jagdkynologischen Seminare von Springe zutreffen. Praxisbezogenheit und Erfahrungswissen gelten bis heute als ein wichtiges Gut in der Jagd und im Jagdgebrauchshundewesen.
In dieses Erfahrungswissen sind und werden aber auch immer neue Erkenntnisse einfließen – wie einst auch bei der Einführung der Seminare in Springe. Schließlich ist unser heutiges Erfahrungswissen über Zucht, Wesen, Ausbildung und die Prüfung von Jagdgebrauchshunden ja auch nicht auf dem Stand aus der Gründerzeit des Jagdgebrauchshundverband e.V. (JGHV) stehen geblieben. Bedenken wir hier zum Beispiel einmal unsere heutigen Kenntnisse über die Nasenleistung unserer Jagdhunde. Wer hätte in der Gründerzeit des JGHV an eine Verbandsschweißprüfung (VSwP) oder Verbandsfährtenschuhprüfung (VFsP) mit Fährtenstehzeiten von 20 bis 40 Stunden unter Verwendung von ¼ bzw. 0,1 Liter Schweiß auf mindestens 1000 Meter Länge gedacht?
Wenn es nun um die Seminare in Springe geht, muss man auch einmal die Rückfährte aufnehmen. So fand das erste jagdkynologische Seminar am 20.–23.11.1969 im Jägerlehrhof Jagdschloss Springe statt – ein wichtiger und bedeutender Schritt für das Jagdgebrauchshundewesen. Als Erfinder und Pionier gilt der damalige Obmann für das Prüfungswesen des JGHV, Rudolf Neddermeyer. Insbesondere die bis 1992 stattgefundenen Seminare in Springe gelangten in der Amtszeit (1971–1986) von Heinrich Uhde als JGHV-Präsident auf ein hohes Niveau. Zu diesen mehrtägigen Seminaren waren auch immer erfahrene Praktiker und – je nach Themen – Wissenschaftler als Referenten geladen.

Heute finden bekanntlich an anderen Orten die Seminare des JGHV statt. Für die Seminare in Springe wurde auch einst der Begriff „Der Geist von Springe“ geprägt, weil von diesen Seminaren viel Richtungsweisendes ausging – wie zum Beispiel die Einführung der Welpen- und Früherziehungskurse. So dürfte das Sprichwort „Bewährtes bewahren und neue erwiesene Erkenntnisse nutzen“ auch für das Jagdgebrauchshundewesen nicht Schnee von gestern sein.
Zweck dieser Seminare war ursprünglich die Unterrichtung von Vereinsvorsitzenden und Prüfungsleitern, um sodann – von Fachleuten unterwiesen – ihrerseits in ihren heimatlichen Vereinen ihr Wissen und Erlerntes an die Verbandsrichter weiterzugeben. Neben dieser Aufgabe, die letztendlich der „Rechtssicherheit“ eines einheitlichen, prüfungsordnungsgemäßen Richtens von Nord bis Süd dienen sollte, haben die Seminare allerdings auch gezeigt, dass sie wegen des meist hervorragend vertretenen Sachverstandes eine sehr geeignete Plattform waren, jagdkynologische Zeitfragen zu diskutieren und wertvolle Anregungen zu geben.
Von diesen Seminaren ging immer ein entsprechender Wissenstransfer aus. Es wurde auch immer ausführlich im Mitteilungsblatt „Der Jagdgebrauchshund“ über die Seminare berichtet. So wurden u. a. auch wissenschaftlichen Erkenntnissen – zum Beispiel denen des Ethologen Eberhard Trumler (†), eines Schülers des Nobelpreisträgers Prof. Dr. Konrad Lorenz – ein hoher Stellenwert beigemessen, die ja schließlich u. a. auch zur Definierung und Erläuterung der kynologischen und jagdkynologischen Begriffe führten. Wer hatte sich zuvor schon großartige Gedanken über die Nutzanwendung der Erkenntnisse aus der Verhaltensforschung gemacht?
„Der Fortschritt lebt vom Austausch des Wissens.“
Albert Einstein
In diesem Sinne habe ich unseren heutigen Ehrenpräsidenten Heinrich Uhde um einen Kommentar zu den Seminaren in Springe gebeten.

von Heinrich Uhde
Die an mich gerichtete Bitte Herrn Orbachs um einen Kommentar zu seinen Bemerkungen betreffend den „Geist von Springe“ erschien leicht erfüllbar.
Als ich jedoch begann, mir Gedanken über diesen „Geist“ zu machen, wurde mir bewusst, wie schwierig es war, sich diesem Thema zu nähern. Der „Geist von Springe“ ist kein entfernter Verwandter des Gespenstes von Canterville, er hat auch nichts zu tun mit dem Geist von Himbeeren oder Zwetschgen, sondern schon eher etwas mit dem guten Geist einer Sozialstation oder den „guten Geistern“, die einer Veranstaltung zum Erfolg verholfen haben.
Es gibt sicher verschiedene Wege, sich dem Phänomen zu nähern. Ich möchte versuchen, herauszufinden und festzuhalten, was die Seminare in Springe im Vergleich zu anderen, insbesondere auch heutigen, auszeichnete.
Einmal war es die traditionsreiche, mit der Jagd eng verbundene Örtlichkeit des Jagdschlosses Springe, in das der Jagdgebrauchshundeverband seine ersten Seminare verlegte. Das Jagdschloss Springe, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von der königlichen Familie erbaut, diente als deren Aufenthalt mit ihren Gästen, wenn in dem Hofjagdbezirk Saupark Springe gejagt wurde. Häufiger und besonders illustrer Gast war Kaiser Wilhelm II., an den auch heute noch im Jagdschloss der Kaisersaal mit dem entsprechenden Mobiliar erinnert.
Das Jagdschloss ist jedoch nicht nur eine Reminiszenz an die Blüte der höfischen Jagd, sondern seit 1967 wird im Jägerlehrhof Jagdschloss Springe die Ausbildung von jungen Jägern betrieben. Erster Leiter des Jägerlehrhofes war der Wildmeister Ehrhard Brütt, mit dem mich bis zu seinem Tode 2017 viele Gemeinsamkeiten verbanden und der mit seiner einmalig charmant-rauen Art die Seminare in Springe auch zu etwas Besonderem werden ließ.
Neben Brütt waren es jedoch auch die Persönlichkeiten, die die Seminare zu etwas Unverwechselbarem werden ließen. Viele Jahre sind seitdem verstrichen, und die meisten der schon damals etwas Älteren sind nicht mehr unter uns. Für viele dürfte die Jagdkynologie neben anderem ein Stück des vergangenen Lebens gewesen und auch der Vergesslichkeit anheimgefallen sein.
Ich selbst war damals noch relativ jung, 32 Jahre alt, als ich an dem ersten Seminar teilnahm, 33, als ich Präsident des JGHV wurde, und über anderthalb Jahrzehnte fest eingebunden in die deutsche Jagdkynologie und natürlich auch in die Seminare in Springe. Ich meine, nicht eines versäumt zu haben.
So kann ich mich über den „Geist von Springe“ kaum noch mit anderen austauschen. Notwendigerweise sind meine Erinnerungen, Eindrücke und Schlussfolgerungen sehr subjektiv, wobei allerdings festzuhalten bleibt, dass der Begriff „Geist von Springe“ weder von mir erfunden noch von mir propagiert worden ist.
Wenn man über die Seminare in Springe mit ehemaligen Teilnehmern sprach, war es einfach so, dass eigentlich unisono dieser „Geist von Springe“ immer heraufbeschworen wurde.
Es würde zu weit führen, all die Namen der Persönlichkeiten zu nennen, die den Seminaren in Springe von Anbeginn an zu einem hohen Rang verhalfen und ihnen große Anerkennung verschafften. Auch kleine Äußerlichkeiten bestimmten das Bild: Es wurde am Ende des Seminars nicht ein schmuckloses Attest über die Teilnahme ausgehändigt, sondern eine einem Jägerbrief nachempfundene, mit Bildern versehene Urkunde, die von den Präsidenten des Jagdgebrauchshundeverbandes und der Landesjägerschaft Niedersachsen unterschrieben war.
Auf Seiten der Lehrenden waren die klügsten Köpfe der damaligen Jagdkynologie vertreten. Wissenschaftler verschiedener Disziplinen und Experten für bestimmte Sachgebiete fanden den Weg nach Springe. Ihre Ansichten und Ausführungen wurden diskutiert, und nicht selten fanden die Ergebnisse eines solchen Diskurses ihren Niederschlag in den Prüfungsordnungen oder Initiativen des Verbandes.
Eins darf bei alledem nicht verkannt werden: Die Teilnehmer der Seminare waren in aller Regel praktizierende Jäger, für die die Jagd mit dem Hund ein Stückchen Lebensinhalt war.
Die Hasenstrecken in der damaligen Zeit gingen noch bisweilen in die Hunderte, desgleichen die Fasanenstrecken. Und bei der Jagd auf Hühner lief man nicht hinter einer Kette her, sondern suchte eine neue, wenn die gerade beschossenen Hühner zur Strecke gekommen waren. Große Strecken auf Schwarzwild waren noch unbekannt, desgleichen etwa Telemetrie und Nachtsichtgeräte als Hilfsmittel bei der Jagd. Die von allen gleichermaßen gelebte Passion ließ die Seminarteilnehmer zu einer Gemeinschaft werden.
Diese Gemeinschaft, und das ist aus meiner Sicht das dritte Bemerkenswerte, konnte auch über das eigentliche Programm des Seminars hinaus gelebt werden, was heutzutage kaum noch möglich erscheint. Die Seminarteilnehmer reisten im Laufe des Freitags an und verließen Springe erst wieder am Sonntag. Gegessen wurde gemeinsam im Jagdschloss, die schlosseigene Küche zelebrierte Wildgerichte. Auch im Übrigen wurde im Schloss logiert, und man verbrachte die übrige Freizeit miteinander.
Gerade die in dieser Zeit geführten Gespräche, bisweilen heftig geführte Diskussionen, ließen den Aufenthalt in Springe zu einem unvergesslichen Erlebnis werden. Daneben kam die Fröhlichkeit nicht zu kurz. Es wurde getrunken – nicht nur, um den Durst zu löschen – und bisweilen auch gesungen.
Nimmt man dies alles zusammen, so wird deutlich, dass es sich bei der Veranstaltung in Springe eigentlich nicht um ein Seminar im herkömmlichen Sinne gehandelt hat, sondern dass das Treffen der Jagdkynologen in seiner Gemeinsamkeit über mehrere Tage hinweg mehr einem Symposion glich.
Ich kann mich gut erinnern, dass eine ganze Reihe von Seminarteilnehmern alljährlich wieder am Seminar teilnahm – einfach weil es zu einem kleinen gesellschaftlichen Ereignis geworden war, dessen Besuch das Wiedersehen mit alten Freunden bescherte und jedes Mal bereichert die Heimreise wieder antreten ließ.
Diese Faszination, der sich die meisten Teilnehmer des Seminars nicht entziehen konnten, ist vielleicht das, was als „Geist von Springe“ bezeichnet werden könnte.
Wäre es nun sinnvoll, an dieser Stelle einen Vergleich zu ziehen zwischen dem „Springe“ der damaligen Zeit und den heutigen Verhältnissen? Ich möchte es nicht tun. Ich denke, jeder, der kritisch die heutige Zeit erlebt, vermag tiefgreifende Unterschiede zu erkennen.

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Joachim Orbach

Seit 1968 führt Joachim Orbach Jagdhunde (Erd – u. Vorstehhunde). Im gleichen Jahr meldete er auch seinen Zwinger für die Teckelzucht an. Einige Jahre später führte er dann auch Deutsch Drahthaar und Kleine Münsterländer. Ab 1983 begann er damit Artikel für Jagdzeitungen, Mitteilungsblätter des JGHV und Zuchtvereine sowie Jagdblogs zu schreiben. Eine Liste seiner Veröffentlichungen findet sich auf www.jagfibel.de (Suchbegriff Joachim Orbach eingeben). Auch ist er für die Redaktion der Jagdfibel (s. Impressum), Pressesprecher der Bergischen Arbeitsgemeinschaft Schweiß sowie für den JGV Oberbergischer Jäger e.V. tätig. Er ist Mitglied im Forum lebendige Jagdkultur sowie Zucht – und Prüfungsvereinen für Jagdhunde.
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Heinrich Uhde

Heinrich Uhde (* 1937), Richter a.D., Jägerprüfung mit 16 Jahren, seit 1960 Verbandsrichter, als Schweißhundführer führte er 4 Schweißhunde ( 3 BGS u. 1 HS ). Von 1971-1986 Präsident des JGHV, danach Ehrenpräsident. Verantwortlich für das jagdkynologische Sachverständigenwesen im JGHV. Langjähriger Prüfungsleiter der VSwP Elm. Zahlreiche Veröffentlichungen in Niedersächsischer Jäger, Pirsch und Wild und Hund. 2011 Verdienstorden der BRD für sein jahrzehntelanges Engagemant für das Jagdgebrauchshundwesen.
https://jagdfibel.de/index.php/Uhde,_Heinrich
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