Das Fichtensterben und die heimischen Waldameisen

von Werner Ebach

Bedingt durch den Klimawandel haben insbesondere die Fichtenbestände gelitten. Deutschlandweit galt die schnellwüchsige Fichte (Picea abies) lange als lukrativer Brotbaum der Forstwirtschaft, weswegen sie auch in Regionen angepflanzt, in denen sie von Natur aus nicht vorkam. Ursprünglich ein Bewohner vor allem höherer Lagen unserer Mittel- und Hochgebirge, wo es feuchter und kühler ist, wurden aus ökonomischen Gründen noch bis in die 1970er Jahre große Fichtenmonokulturen gepflanzt.

Spätestens seit fünf Jahren zeigten sich die Auswirkungen aus erhöhten Temperaturen, Wassermangel und Borkenkäferattacken. Einst dunkelgrüne Nadelforste verwandelten sich in braune Baumfriedhöfe voller dürre Skelette. In den Kahlschlägen kämpft der aufwändig nachgepflanzte Baumnachwuchs ums Überleben. Da Fichten einen wichtigen Lebensraum für Waldameisen bieten, bedeutet das Sterben der Bäume eine Katastrophe für die unter ihnen lebenden heimischen Waldameisenarten.

Dies sind die Rote Waldameise (Formica rufa), mit meistens nur einer oder allenfalls wenigen Königinnen im Nest und die Kahlrückige Waldameise (Formica polyctena), mit bis zu 1.000 Königinnen in einem großen Nest.

Abb.: Rote Waldameise (Formica rufa); Bildquelle: Wikipedia
Abb.: Kahlrückige Waldameise (Formica polyctena); Bildquelle: Wikipedia

Für die unter Naturschutz stehenden Waldameisen kann das Fichtensterben – je nach Standort des Ameisenhügels – einen Super-Gau bedeuten. Ihr Fehlen löst im Wald weitere Krisen aus. So sind einerseits Waldameisen Schädlingsbekämpfer, die sich unter anderem von Borkenkäfer ernähren und andererseits wichtige Nahrung für Vögel wie den Grünspecht. Weiterhin sind sie Pflanzenverbreiter, dadurch dass sie Samen verlieren, die sie zu ihrem Nest schleppen.

Waldameisen zählen zu den Hauptflüglern der Untergruppe Insekten und bewohnen den sogenannten Ameisenhügel. Dieser Hügel besteht zumeist aus Holz und Tannen- oder Fichtennadeln. Sie haben Öffnungen, sogenannte Belüftungslöcher, die bei Regen oder Schnee geschlossen werden.

Abb.: Ameisenhügel; Bildquelle: Joachim Orbach

Ob die Ameisenhügel flach oder bis zu drei Meter steil hinaufragen, liegt an der Sonneneinstrahlung. Je mehr die Ameisen besonnt werden, d.h. die Sonne auf den Hügel scheint, umso flacher sind die Hügel. Unter dem Hügel befindet sich das Nest, welches in der Regel auf auf einem Baumstrunk aufgebaut ist. Oft findet man beim Umsiedeln von Ameisennestern auch das morsche Holz oder Wurzelwerk, mit dem der Nestbau ursprünglich begonnen hatte.

Sollten diese Insekten den Winter überleben, sind so gut wie keine Nahrungsquellen mehr auf den Kahlflächen vorhanden. Einerseits fehlt oftmals das Aas toter Tiere und anderseits die Baumläuse, die sich auf den Fichten befanden, um von den Ameisen gemolken zu werden. Für die Königinnen und Nachzuchten der Waldameisen bedeutet dies den Verlust wertvollen Nektars.

Fehlen die Bäume, fehlt ihr Schatten. Im Inneren des Nestes muss eine gewisse Feuchtigkeit herrschen, welche die Ameisenkönigin und ihre Larven kühlt. Wenn ab April die Sonne an vielen Tagen scheint und die Hügel nicht mehr im Schatten liegen, ist die Verdunstungsrate zu hoch. Die Innentemperatur steigt und die Tiere sterben.

Richtig ist, dass die Ameisen von ca. 9 bis 15 Uhr die Sonne lieben. Was jedoch an Sonneneinstrahlung darüber hinausgeht, ist für sie oft zu viel. Hilfsmöglichkeiten gibt es wenige. Man könnte mit viel Aufwand einen Sonnenschutz über dem Ameisenhügel installieren, die Insekten mit Zucker füttern oder bis Mitte April warten, wenn sich die Königinnen und Männchen im Hochzeitsflug paaren und neue Völker bilden. Eine andere Möglichkeit besteht darin, den Ameisenhügel umzusetzen. Dies sollte nur  in Zusammenarbeit mit einem amtlich bestellten Ameisenschutzwart geschehen. Was wir sehen ist nur ein Drittel des Ameisennestes. Der Rest des Baus liegt unterirdisch. Bei einer Umsiedlung wird per Schaufel der ganze Hügel in Kunststofftonnen verladen und an einen anderen Standort gebracht. Bereits in den Tonnen beginnen die Tiere wieder neue Strukturen zu schaffen, welche sie am neuen Standort vollenden.

Ob die Ameisen genau diesen Standort auch immer annehmen, ist ungewiss und muss beobachtet werden. Passt den Ameisen das Kleinklima (zu kalt, zu windig, zu schattig) nicht, ziehen sie gerne weiter. Da bei der Umsetzung die Tiere fehlen, welche auf Nahrungssuche waren, wird am alten Standort nach einigen Tagen nachgeschaut. Ob zukünftig bei extremer Trockenheit und Sonneneinstrahlung neue Hügel der Waldameisen entstehen, gilt  es zu beobachten.

Bildquelle: Foto von Peter F. Wolf auf Unsplash

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Werner Ebach

Werner Ebach, bis zu seinem Ruhestand tätig als Sachbearbeiter für Umwelt- und Naturschutz bei der Naturschutzbehörde der Kreisverwaltung Altenkirchen. Immer noch amtlich bestellter Ameisenschutzwart.

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