Buchvorstellung
Vor etwa zweieinhalb Jahren wurde ich in der Facebookgruppe des KRAUTJUNKERs auf Redmond O’Hanlon aufmerksam gemacht und stellte kurz darauf seinen Reisebericht Trawler vor. Leser des KRAUTJUNKERs wissen, dass mich literarische Collagen aus naturwissenschaftlichen Beobachtungen, psychologischer Selbstreflektion, historischen Erkenntnissen und philosophische Interpretationen beglücken, wie sie für das Nature Writing typisch sind.
Im Jahr 1981 begeisterte der gefeierte britische Dichter James Fenton seinen Freund Redmond O’Hanlon für die wahnwitzige Idee, mit ihm durch Borneos Dschungel zu wandern, um das Borneo-Nashorn wiederzuentdecken. Redmond war seinerzeit der naturkundliche Redakteur des Times Literary Supplement und erschien ihm als perfekter Reisebegleiter.

Der übergewichtige O’Hanlon, 1947 geboren und seinerzeit noch rothaarig, promovierte 1977 über Der Wandel wissenschaftlicher Naturvorstellungen im englischen Roman. Er nahm Lehrtätigkeiten an Universitäten wahr und neben seiner langjährigen Tätigkeit als Redakteur für Naturgeschichte ist er Mitglied mehrerer wissenschaftlicher Gesellschaften für Literatur, Geographie und Naturgeschichte.
Der glatzköpfige 1949 geborene Fenton, gilt als ein stilistisch und technisch versierter Dichter mit besonderem Interesse für gewaltsame Konflikte und fremde Kulturen. Er gehört zu den „100 most influential gay and lesbian people in Britain“ und lebt mit dem US-Schriftsteller Darryl Pinckney in einem wunderbaren Haus. Zwar fuhr er weiland als Kriegsberichterstatter auf dem ersten nordvietnamesischen Panzer in das von der US-Army aufgegebene Saigon, aber das war 1975.
Bei Ins Innere von Borneo handelt es sich um den Bericht dieser 1983 stattgefundenen Reise. Der Leser beobachtet die zwei gealterten britischen Intellektuellen, wie sie von drei einheimische Iban (auch bekannt als Sea Dyak) durch eine Wildnis geführt werden, welche seit fünfzig Jahren von keinem Weißen mehr betreten wurde.

In Britannien anerkannte Geistesgrößen, verfügen sie in Borneos archaischem Dschungel über weniger Bildung als einheimische Kinder. So ertrinkt der Dichter Fenton fasst in einem Fluss und selbst das liest sich lustig und wird allerseits mit Humor aufgenommen. Zum einen, weil jede dumme Situation im Nachhinein eine gute Geschichte ist, zum anderen weil die Zeit alle Wunden heilt und dieser tragische Unfall in ein paar Jahren das grotesk-komische Ende seiner Dichter-Biographie geworden wäre.
Ihre eingeborenen Reisebegleiter übernehmen die Routenplanung, die Jagd und den Fischfang sowie die Essenszubereitung, wenn sie nicht bei fremden Stämmen Gastfreundschaft genießen. Die Rezepte sind es allerdings nicht wert, auf dem KRAUTJUNKER publiziert zu werden.
»Die Mädchen stellten unsere Becher und Teller in einen Kreis um eine große Reisschüssel und die Hinterbeine des Warans und zogen sich dann zurück. Dana gab mir eine Portion Schwanz, den letzten Viertelmeter; die Harzlampen flackerten, die Schweine und Eber und Ferkel grunzten und quietschten unter den Bodenbrettern; die Geckos plapperten miteinander unter dem Dach wie die Spatzen, und mir wurde klar, daß der gelb-schwarze Waranschwanz nicht von meinem Teller verschwinden würde, wie es die Sitte verlangte, wenn ich ihn nicht selber aß.
„Makai! Makai!“ sagte Dana.
Das Fleisch war gelb und weich und roch übel, ähnlich den festen Brocken in der Flüssigkeit, die man in England samstags nachts gelegentlich auf der Straße vor einer Kneipe sieht. Ich nahm die kleinen Knochen heraus, mischte das Fleisch unter den klebrigen Reis und sagte mir, daß auch dieses Mahl vorbeigehen würde.«
Natürlich sind sie auch für den Kontakt mit fremden und teils feindlich gesonnenen Stämmen sowie für ihre Sicherheit zuständig. Dazu gehört, ob sie wollen oder nicht (meistens wollen sie) der traditionelle Alkoholmissbrauch, welcher öfters die Reisegeschwindigkeit reduziert. Es geht mit einem traditionellen Langboot über den Strom Rajang in Sarawak hinauf nach Kapit und anschließend über den viel abgelegeneren Fluss Baleh.

Die Quelle vieler in dem Buch geschilderten komischen Situationen und Dialoge liegt in der Nichtübereinstimmung der Protagonisten mit dem Ort, an dem sie sich befinden. Mit umgedrehten Vorzeichen denkt man an Filme wie Tarzan in Manhattan oder Steinzeit Junior, wo sich ein verwirrter Wildnisbewohner in der modernen Welt wie in seinem früheren Lebensraum verhält, was zu absurden Situationen und Konflikten führt.
Fenton und O’Hanlon ertragen es mit Souveränität und Selbstironie, dass sie die Hälfte der Zeit nicht wirklich wissen, was zum Teufel vor sich geht. Rückschläge ertragen sie mit einer Mischung aus erschöpftem Phlegma, guter Laune und ohne Reue, auch wenn ihre Führer oft über ihre Ungeschicklichkeit und Unwissenheit lachen. „Redmond, du bist so fett!“ rufen sie und Fenton mit seinem Bart und seiner Glatze, wirkt neben den Dschungelbewohnern wie ein lebendes Fossil aus einer fremden Hochkultur.

Es gibt auch einige Szenen mit kulturellen Missverständnissen, wobei O’Hanlon kultiviert und klug genug ist, nie herablassend zu sein. Es ist ihm klar, dass in Borneos Dschungel er der Tölpel aus der Fremde ist.
Sie stapfen über schmale Pfade durch tropische Bergwälder zum Tiban-Massiv bis über die Grenze ins indonesische Kalimantan.
»James hatte seinen riesigen Kopf an den Haufen unserer Ausrüstung unter der Zeltbahn gelehnt und machte eines seiner Fünf-Minuten-Nickerchen. Seine rechte Schläfenader war geschwollen, ein sicheres Zeichen, daß sein Kleinhirn mit Extra-Sauerstoff versorgt wurde und es etwas ausbrütete, was für die Produktion eines zukünftigen Gedichts von Bedeutung war.
„James!“
Ein Auge öffnete sich. „Was ist los?“
„Nur dies – wenn du ein Stück Holz flußaufwärts treiben siehst, sag mir Bescheid.“
„Krokodile?“
„Na ja, nicht das Mündungskrokodil, das wirklich scharf auf dich ist. Nicht hier oben. Aber Tweedy und Harrisson meinen, wir könnten den Süßwasser-Gharial sehen. Den fünf Meter langen mit eineinhalb Metern Schnauze und den vielen Zähnen.“
„Wirklich, Redmond“, sagte James, stützte sich auf den Ellbogen und blickte um sich, „du bist absurd. Du lebst im 19. Jahrhundert. Alles hat sich geändert, auch wenn du es nicht zu merken scheinst. Heutzutage fällt es nicht mehr schwer, ein Krokodil zu erkennen. Das weiß doch jeder – sie kommen mit einem Außenbordmotor hintendran und einem Kenwood-Mixer vorneweg.“
Ich setzte mich auf den Hosenboden. Wenn die Temperatur bei 42 Grad und die Luftfeuchtigkeit bei 98 Prozent liegen, wenn du triefend naß bist und zwischen den Beinen ein bißchen vor dich hinfaulst, dann wirken selbst die armseligsten Witze umwerfend komisch.«
…
»Ich zog mich leise hinter ein dichtes Felsgewirr zurück, schön außer Sicht, und packte unsere kostbare Ladung aus. Zwei neue Teleskopruten, die stärksten in der Stadt. Hundert Yards schwere Schnur. Ein dicker Beutel mit einem Sortiment Bleigewichte. Ein ganzer Dornbusch aus Haken. Fünfzig verschiedene Blinker, ihre Löffel blitzten in der Sonne, alle Formen und Größen für jede Art von Fischen in jeder Art von Süßwasser.
„Der Haken an der Sache ist“, sagte James, als er die Rute in der Hand hielt und zusah, wie sich die einzelnen Abschnitte in das Blau des Himmels teleskopierten, „der Angler in unserer Familie war mein älterer Bruder. Das war sein Ding, weißt du, und deshalb mußte ich so tun, als wäre es langweilig, und ich habe es nie gelernt.“
„Was? Du hast nie geangelt?“
„Nein, nie. Und was ist mit dir?“
„Na ja, mein älterer Bruder ging angeln.“
„Du kannst es also auch nicht?“
„Nicht richtig. Nicht mit einer Rute. Ich hab immer Makrelen gefischt mit einer Schnur.“
„Makrelen gefischt! Was du nicht sagst!“ meinte James und sah wirklich sehr erregt aus, während er eine hellorangefarbene Libelle von seinem Hut scheuchte.
„Trotzdem“, sagt er und beruhigte sich wieder, „wenn die das konnten, kann es doch nicht so schwierig sein, oder?“
„Natürlich nicht – man steckt einfach den Blinker und die Haken und Gewichte ans Ende und schwingt es durch die Luft.“
Die Hitze war unerträglich. Das Gefummel war unerträglich. Die Schnur verwickelte sich, die Haken stachen uns in die Finger, das Knotendiagramm hätte Baden-Powell einen Blutstau im Gehirn verschafft. Dann kriegten wir alles hin und vergaßen die häßlichen kleinen Gewichte. Und schließlich waren wir bereit, Fische umzubringen.
„Die von der SAS sagen, es wäre einfacher, wenn man eine Handgranate hineinwirft.“
„Sie haben recht“, sagte James.
„Aber der Major sagte, man bräuchte nur den Pimmel ins Wasser zu halten und könnte ihn mit Fischen dran wieder rausziehen.“
„Warum hältst du deinen Pimmel nicht hinein?“ sagte James.
James hatte sich fest und gerade hingestellt und warf den Blinker in den Fluß. Er landete im Wasser direkt unter dem Ende der Rute. Klonk. James sog. Die Schnur riß. Wir wiederholten das ganze blöde Getue – mit neuen Haken, Gewichten und Blinkern.
„Versuch’s nochmal. Wirf sie ein bisschen weiter.“
James holte weit aus und schwang die Rute zur Seite und nach vorn, als wollte er einen Baum umhauen. Und genau in diesem Moment muß die Borneo-Hornisse, Vesta tropica, ihren Stachel in meine rechte Hinterbacke gebohrt haben.
„Verdammt“ schrie ich.
„Sie war riesig und gelenkig, diese Hornisse, und blitzte rot-silbrig in der Sonne.
„Du hast angebissen“, sagte James beiläufig. „Du hast einen Blinker am Hintern.“
Hinter uns ertönte ein eigenartig gurgelnder Dschungellaut. Dana, Leon und Inghai lehnten an den Felsen. Wenn die Iban beschließen, daß irgend etwas wirklich lustig ist, und wenn sie wissen, daß sie lange lachen werden, legen sie sich erst einmal hin.
Dana, Leon und Inghai legten sich hin. „Ihr solltet es mit Harpunen versuchen!“ kreischte Leon, hilflos vor Lachen.«
O’Hanlon ist ein gebildeter Gentleman mit scharfer Beobachtungsgabe und viel Sinn für Humor. Insbesondere für die Vogelwelt kann er sich wie ein kleines Kind über Weihnachtsgeschenke begeistern. So zitiert er immer wieder ausführlich aus historischen Büchern von Naturforschern. Vor allem Bertram Smythies The Birds of Borneo hat es ihm angetan.

Seiner Beobachtungsgabe entgeht nicht, dass sie deswegen im Vergleich zu den Ureinwohnern so uralt wirken, weil die Lebenserwartung ohne Kontakt zu modernen Krankenhäusern rapide sinkt.
»„Wieviel Kinder sie alle haben“, bemerkte ich zu Leon.
„Nein, nein“, sagte Leon. „die Mütter und die Väter – alle tot. Meine Eltern auch. Krankheit oder beim Bäumefällen oder tschiktschik“, sagte Leon und mimte das Niedersausen einer Parangschneide, „oder im Fluß, Kopf am Fels gestoßen oder ein Giftfisch, oder im Dschungel bei der Jagd. Du hast einen Schnitt. Du hast eine Beule. Sehr schmerzhaft. Du hast viel Glück, wenn es heilt. Dann wirst du adoptiert. Ich bin adoptiert. Mein Onkel und meine Tante sind sehr gute Menschen. Oder die Leute in den Bileks (Räumen) nebenan. Sie müssen die Kinder nehmen.
So sind also diese prachtvollen Krieger-Bauern, dachte ich, all diese Gesundheit und prallen Muskeln um mich herum, all die schönen Gesichter und Brüste, ihr Lächeln und die baumelnden Ohrringe das Produkt einer natürlichen Auslese in ihrer brutalsten Form.«
Sein Dichterfreund Fenton führt ebenfalls eine kleine Reisebibliothek mit sich und genießt es, in den Marschpausen in seinen schöngeistigen Klassikern zu schmökern. Die aus den brackigen Wassern gefangenen Fische bilden mit Reis die Hauptnahrungsmittel. Gelegentlich wird Wildbret gespeist und die Herren trösten sich mit Whisky und Tabak.
Neben elenden Strapazen und miserablen Speisen gibt es auch zauberhafte Szenen, wie jene, als Wolken von Schmetterlingen den Körper des Autors umflattern, um die Feuchtigkeit seiner Kleidung, den Schweiß auf seiner Haut und sogar den zu seinen Füßen aufzusaugen.
Eine der aufschlussreichsten und bedrückendsten Szenen findet am Schluss bei dem Volk der Ukit statt. Die jungen Menschen des Stammes halten die Alten für dumm und sind vor allem daran interessiert, einen aktuellen Discotanz zu erlernen, ganz abgesehen davon, dass sie vor allem bei den beiden Alten an der ganz falschen Adresse sind.
Das Borneo, welches sie vor vierzig Jahren bereisten, hat bedauerlicherweise viel seiner unberührten Natur aufgrund von Brandrodung in Kombination mit unkontrolliertem Holzeinschlag sowie der Ausbreitung von Palmölplantagen verloren.
O’Hanlons Reisebericht weist viele Qualitäten auf, hinterläßt bei mir jedoch am Ende einen etwas gemischten Eindruck. So konnte ich bei der Lektüre der knapp 280 Taschenbuchseiten keine tiefergehende Erkenntnisse über Borneo gewinnen. Vor allem fehlt mir der rote Faden bei der Aneinanderreihung von Reiseepisoden, welche durch Beschreibungen aus ornithologischen Wälzern aufgelockert werden. Wenn ich nach ein, zwei Tagen Pause wieder zum Buch griff, konnte ich gar nicht genau sagen, wo sie gerade waren. So entstand in mir kein Lesesog. Ins Innere von Borneo ist nicht schlecht, allerdings verdient es auch keine uneingeschränkte Leseempfehlung.
*
Ein englisches Interview mit dem Autor. Notfalls über DEEPL übersetzen:
https://www.theguardian.com/culture/2011/mar/28/redmond-ohanlon-life-in-books
***

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe sowie Becher aus Porzellan und Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

Titel: Ins Innere von Borneo
Autor: Redmond O’Hanlon
Übersetzung: Meinhard Büning
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag
ISBN: 3-423-200220-3
Anmerkung: Es gibt mehrere Taschenbuch-Ausgaben. Ich empfehle den Titel bei Buchhai einzugeben.
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