Buchvorstellung
»Ich begann meine Nachtwanderungen aus schierer Notwendigkeit. Der freundliche Pub, der Wadsworth-Bier an Minderjährige ausschenkte, lag leider nicht bei uns im Dorf, sondern erforderte nach der Sperrstunde einen Fünf-Kilometer-Fußmarsch nach Hause. Der Pfad zu meiner heimischen Höhle verlief flussabwärts am Ufer des Wye entlang. Einmal beobachtete ich um Mitternacht Schleiereulen, die wie geisterhafte Greifvogelscheiben über der gefrorenen Dezember-Sumpfwiese jagten. In der Hitze einer Sommernacht wirbelten vom Holunderduft berauschte Wasserfledermäuse um meinen Kopf herum, so dicht, dass ich den kühlenden Hauch ihrer Lederflügel auf meinem Gesicht spürte. Oft gab es die reine Romantik von Mondlicht auf dem Wasser. Und so wurde eine Notwendigkeit meiner Teenagerzeit zu einem lebenslangen Vergnügen.
Nachts über das Land zu wandern – das bedeutet, einen dunklen, abenteuerlichen Kontinent zu betreten, von dem man mit wundersamen Entdeckergeschichten zurückkehrt. Ich habe einen Mondregenbogen gesehen, einen Halbkreis aus weißem Licht am Himmel; ich habe Hasen auf einem sternverzauberten, pflugfurchigen Feld beim Boxen beobachtet; ich habe die menschliche Bedeutungslosigkeit verstanden, als ich zur kosmischen Weite der Milchstraße emporblickte.
Nachts sind die normalen Regeln der Natur außer Kraft. Im nächtlichen Wald bin ich einem entgegenkommenden Dachs begegnet, habe an meine Mütze getippt und „Hallo“ gesagt. Die Tiere rechnen nicht damit, dass wir Menschen im Dunkeln draußen sind; das ist ihre Zeit, und die Welt gehört noch ganz ihnen.
Das Zusammentreffen mit dem Dachs fand im Winter statt. Der Schrei eines Waldkauzes hallte von den kahlen Bäumen wider. Man kann immer noch den Ruf der Wildnis hören, wenn man nach dem Ende des Tages, der sicheren Zeit der Menschen, hinausgeht und den Straßenlaternen der „Zivilisation“ entflieht. Es ist absolut möglich, im Dunkeln zu sehen – in einer wolkenlosen Mittsommernacht ist es sogar so hell, dass man Buchzeilen lesen kann. Aber draußen in der gewöhnlichen Dunkelheit erwachen andere, sonst ruhende Sinne zum Leben. Die Finger des Nachtwanderers folgen den Braille-Buchstaben der Baumrinde (Wildkirschen tragen narbige Ringe, Buchen sind glatt wie Robbenfell); seine Füße ertasten die physischen Konturen der Erde. Der Nachtwanderer wird außerdem von seinem geschärften Gehör geleitet. Die Ohren empfangen Laute und Noten, die reine Tagwesen nicht bemerken: das weinerliche, windsirrende Vibrato des Novembersturms im kahlen Weißdorn um zwei Uhr morgens (dem kältesten Moment der Nacht), die Nocturnes der Nachtigallen, die schaurigen Flötentöne der Triele über den Hügeln.
Die größte Offenbarung in der Dunkelheit ist jedoch der Geruchssinn. Jede Blume, jede Wiese, jeder Wald duftet nachts stärker. Tagsüber bekommt die Nase wenig vom Schwarzdorn mit, weil unser Blick von seinen kristallweißen, perfekten Blüten angezogen wird. In der Nacht dagegen ist die Luft von seinem würzigen Hauch erfüllt. Jeder Ort hat seinen spezifischen Duft. Meist durchstreife ich mein heimatliches Herfordshire, wo der Wind mit einem Hauch von Eisen weht. Außerdem arbeite ich als agriculteur ganz im Osten der der französischen Charente-Maritime, und dort ist die Nachtluft vom Kreidestaub der Schulerinnerungen gesättigt. An beiden Orten hängen die Sterne so tief, dass man sie pflücken kann wie Diamanten von einer Stoffbahn mit schwarzem Samt.«
Die ersten Zeilen der Einleitung von Wandern bei Nacht erklären, warum jedes Buch von John Lewis-Stempel ein Lichtblick ist. Die von ihm erschaffenen Wortmusik visualisiert dem Leser mit farbigen Formulierungen vier Wanderungen, die er in Begleitung seines Hundes in der ländlichsten englischen Grafschaft in den vier Jahreszeiten unternahm. Es ist eine wunderbare Welt, von der die meisten Menschen nichts erfahren und erfühlen. Der Landwirt und Historiker verfügt über einen großen Schatz an biologischem und historischem Wissen. Verknüpft mit seinen persönlichen Gedanken und Gefühlen ist dieses vierte Buch, welches ich von ihm auf dem KRAUTJUNKER vorstelle, wieder einmal delikates Nature Writing. Ein Dachs erscheint ihm wie ein etwas zerstreuter, fülliger Landadeliger und den weiten schwarzen Nachthimmel, der wie von Millionen weißer Nadelstiche durchbohrt ist, rühmt er als vollkommen. Er zitiert George Orwell, welcher befand, Kröten hätten »ein vergeistigtes Aussehen wie ein strenggläubiger englischer Katholik gegen Ende der Fastenzeit« und dann wiederum lockt ihn nichts nachts hinauszugehen, denn »manchmal ist die Nacht so dunkel, dass wir in einen schwarzen Spiegel starren, ins Innere des eigenen Kopfes. Wir betrachten das Dunkel, und das Dunkel betrachtet uns.«
»Genau wie traditionelle Heuwiesen und mohngesprenkelte Felder gehört der dunkle Himmel zu jenen Teilen der Natur, die wir verloren haben. In nur zehn Jahren, von 1990 bis 2000, nahm die Lichtverschmutzung in England um 24 Prozent zu; inzwischen können nur noch 10 Prozent der britischen Bevölkerung nachts die Milchstraße sehen. Uns wird der Blick gen Himmel verwehrt, zum majestätischen nächtlichen Firmament, den alle Menschen vor uns genießen konnten. Lassen uns die allgegenwärtigen Straßenlaternen besser schlafen? Oder büßen wir unsere uralte, natürliche innere Uhr ein und leiden unter dadurch verursachten Gesundheitsproblemen? (Antwort: Längere Störungen des Tag-Nacht-Rhythmus hängen kausal mit Schlafstörungen, Fettleibigkeit, Depressionen, Diabetes und dem schnelleren Wachstum von Krebszellen zusammen.)«
Wer es John Lewis-Stempel in unserer des Nächtens lichtverschmutzten Welt nachmachen möchte, dem seien die International Dark Sky Sanctuary empfohlen, die einen herausragenden Blick in den Sternenhimmel bieten. 18 dieser Schutzgebiete gibt es an zumeist an extrem abgelegenen Orten dieses Erdenknödels. Das Prädikat International Dark Sky Reserve wird an größere Lichtschutzgebiete vergeben. In Deutschland sind es der Naturpark Westhavelland sowie der Sternenpark Rhön.
International Dark Sky Park sind der Nationalpark Eifel, in den bayerischen Alpen die Winklmoosalm, die Schwäbische Alb bei Münsingen, Sankt Andreasberg im Nationalpark Harz und der Naturpark Nossentiner/Schwinzer Heide in Mecklenburg-Vorpommern.

Hymne an die Nacht
von Henry Wadsworth Longfellow
Es rauscht dein schleppendes Gewand, o Nacht,
Durch Marmorhallen,
Auf seinem schwarzen Saum seh‘ ich voll Pracht
Das Silber wallen.
Ich fühle deine Näh‘ wie Zaubermacht
Zu mir sich neigen:
Wie die Geliebte, nah’st du mir, o Nacht,
In Ruh‘ und Schweigen.
In Glück und Kummer wechselvoll erwacht,
Sind sanfte Klänge,
Durchschweben wieder den Pallast der Nacht,
Wie Bardensänge.
Mein Geist trinkt aus der Nachtluft kühler Welle
Die Ruhe wieder,
Dort wogt des ew’gen Friedens frische Quelle
Sanft auf und nieder.
Was tragen kann der Mensch, in dieser Stund‘
Lehr‘ es mich tragen!
Du legst den Finger auf des Grames Mund,
Still sind die Klagen.
O Ruhe, Ruhe, hör‘ Orest’s Gebet:
Senk‘ dein Gefieder,
Willkommen, hold, geliebt, dreimalerfleht,
Nacht, auf mich nieder!
*
Pressestimmen
Es würde etwas fehlen, ließe man sich nicht wenigstens einmal im Buchjahr von John Lewis-Stempel die Augen für die Schönheit der Natur öffnen.
-Christian Endres, DOPPELPUNKT
[John Lewis-Stempel] zeigt sich als genauer Beobachter. […] da [ist] auch echte sprachliche Kraft dahinter.
-Susanne Billig, DEUTSCHLANDFUNK KULTUR – STUDIO 9
Prosa mit literarischen Qualitäten, angereichert mit wissenschaftlichen Einschüben.
-Matthias Schmidt, STERN
Es hat seine Gründe, dass man statt Naturschriftstellerei Nature Writing sagt, und einer dieser Gründe heißt John Lewis-Stempel.
-Wieland Freund, WELT AM SONNTAG
John Lewis-Stempel nimmt uns mit auf seine Nachtwanderungen über Heuwiesen, mohngesprenkelte Felder und durch raschelnde Wälder, und das zu allen Jahreszeiten. Da schimmert die Welt nicht nur im Perlmuttglanz, sondern auch die Tiere lassen sich blicken.
-Erwin Uhrmann, DIE PRESSE
Ein Muss für alle Natur- und Wanderfreunde.
–Herbert Pardatscher-Bestle, BÜCHERRUNDSCHAU
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John Lewis-Stempel

John Lewis-Stempel ist Farmer und Autor zahlreicher hochgelobter Bücher. Er ist zweifacher Preisträger des renommierten Wainwright Prize for Nature Writing. Bei DuMont sind bisher seine Bücher Ein Stück Land (2017), Mein Jahr als Jäger und Sammler (2019), Im Wald (2020) und Das geheime Leben der Eule (2022) erschienen. Mit seiner Frau und seinen beiden Kindern lebt er in England und Frankreich.
***

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe sowie Porzellantassen. Weitere Informationen hier.

Titel: Wandern bei Nacht: Was wir in der Dunkelheit erleben können
Autor: John Lewis-Stempel
Übersetzung: Sofia Blind
Übersetzung: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG
Verlagslink: https://www.dumont-buchverlag.de/buch/john-lewis-stempel-wandern-bei-nacht-9783755810162-t-5926
ISBN: 978-3832168261
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