von Wolfgang Abel
Aus Selbstverständlichkeiten werden Bucket Listen und Ernährungsratgeber zusammengeschustert. Die erste von zehn Regeln der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e.V. verrät uns tatsächlich: „Je abwechslungsreicher Sie essen, desto geringer ist das Risiko einer einseitigen Ernährung. “ Das zehnte Gebot der Deutschen Gesellschaft für Medienhygiene e.V. müßte heißen: „Traue weder Ernährungsberatern noch Medienköchen.“ Leider gibt es diesen Verein nicht.
Ein frühes Vorbild von Listen heißt Das Kopfkissenbuch einer Hofdame. Vor gut 1.000 Jahren notierte Sei Shonagon, Dame am japanischen Kaiserhof, Stimmungen und Meinungen in ein Heft aus edlem Papier. Obwohl die Sammlung zunächst nur zum persönlichen Gebrauch gedacht war, wurde ein Klassiker daraus (eine ansprechend gebundene Ausgabe ist im Manesse Verlag erschienen).

Die luftigen Gedankenskizzen einer japanischen Hofdame lesen sich heute wie Beobachtungen einer Frau, die in einer Gondel über der Welt schwebt und ab und zu den seidenen Vorhang etwas zurückzieht.
Unter der Überschrift Was zu nichts zu gebrauchen ist notierte die Hofdame nur eine Erscheinung: „Ein häßlicher Mensch, der ein schlechtes Herz hat.“ Unter Ein Hochgenuß schreibt sie: „Wenn man in ganz heller Mondnacht durch einen Fluß fährt und das Wasser bei jedem Tritt des Ochsen aufspritzt, als schlage man Kristalle in Stücke.“ Glückliche Hofdame, wie rein war deine Welt, als es noch keine Mondlichtverschmutzung, keine Teebeutel, weder Schmelzkäse noch Pizza-Express gab! Mit einem Ochsenkarren durch einen Fluß zu fahren, kann sich heute ohnehin niemand mehr leisten. Neue Kraftfahrzeuge bocken schon beim Spurwechsel wie kretische Esel. Was dem intelligenten Automobil der Zukunft angesichts eines unbefestigten Flußufers noch alles einfallen wird, mag man sich kaum vorstellen.

Einige Eigenschaften auf der Liste des Unbrauchbaren sind in meinem Kopfkissenbuch bereits ausformuliert. Zum Beispiel Rundfunkmoderatoren, ohne deren Brachialfröhlichkeit der Tag heiterer wäre. Wer von Eckpunkten redet, aufkommensneutral herumwabert, ein bißchen genauer draufschauen möchte oder sein Teewasser in der Mikrowelle erhitzt, qualifiziert sich ebenfalls für meine persönliche Liste. Und für die sehr Blonde, deren nachtschwarzer und kantiger Ochsenwagen gleich zwei Parkplätze belegt, wäre in meinem Kopfkissenbuch auch noch ein Plätzchen reserviert.
In die Rubrik Ein Hochgenuß gehört bei mir unter anderem: „Eine Bedienung im Gasthaus, die mit dem Rücken sehen kann“. Oder: „Drei Aromen auf einem flachen, weißen Teller, der nicht allzu groß ist.“ Eine Fleischereifachverkäuferin, die ein Lyonerbrötchen à la minute so sorgfältig belegt, als sei es für einen Tenno bestimmt, ist auch ein Hochgenuß. Mir wurde so ein Sekundenglück einmal im Kaiserstuhl zuteil. Wo genau, steht in meinem neuen Buch. Diese Kolumne könnte eigentlich auch in den Vier Jahreszeiten stehen. Das war aber nicht mehr möglich, weil das Buch mit 462 Seiten bereits rund und wohlbeleibt, sowie in Produktion ist.
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Wolfgang Abel

Vincent Klink: Wolfgang Abel ist ein wirklich sturer Hund vom Rande des Schwarzwalds. Er schreibt für südbadische Zeitungen, lebt in Badenweiler und nervt mit seinen Berichten die häufig vehement sich selbst lobende badische Gastronomie. Seine Texte führten schon zu Prozessen, die er als gründlicher Rechercheur und der Wahrheit verpflichtet immer gewann.
In seinem Oase Verlag (www.oaseverlag.de) erschienen die intelligentesten Reiseführer, die ich kenne. Wer in Süddeutschland, Ligurien, im französischen Jura, im Elsass, auf Lanzarote, in Portugal oder sonstwo ohne diese Bücher unterwegs ist, gehört wegen sträflicher Ignoranz verprügelt.
Ehrlich!
Zu den Kolumnen geht es direkt hier:
https://www.oaseverlag.de/Abels_Kolumnen/Die_Kolumne_von_Wolfgang_Abel/
Wolfgang Abel auf KRAUTJUNKER: https://krautjunker.com/?s=Wolfgang+Abel
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