Tafelrunde: Schriftsteller kochen für ihre Freunde

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Vorwort von Angelika Overath, Manfred Koch und Silvia Overath Sent

Mit Dichtern in der Küche: Am Anfang waren zwei Dutzend Rezepte, mit schwarzer Spiralheftung in weinrote Kartonblätter gefaßt: das Geschenk von Karl-Heinz Ott zu unserem ersten Sommerfest in den Bergen. Wir lasen hinein, freuten uns an Formulierungen wie »Es gibt nichts Trostloseres, als wenn man in deutschen Beizen einen Schweizer oder Elsäßer Wurstsalat bestellt, also einen mit Käse, und er ist dann so gut wie nicht angemacht oder nur mit ein bißchen galligem deutschem Essig beträufelt.« Wir blätterten von Spiegelei mit Ingwerpulver zu Entrecôte im Gewürzmantel und sahen: wir bekamen hier nicht nur besondere Rezepte geschenkt. Die Art und Weise, wie Karl-Heinz Ott Nahrungsmittel vorstellte und ihre Handhabung nahelegte, zeigte auch etwas vom Temperament und Ton des Schriftstellers. Durch Zutaten und Zubereitung hindurch blitzte die Haltung unseres Freundes zu den heilig profanen Dingen des Daseins. Hatten wir mit seinen Rezepten nicht eine Essenz vom literarischen Aroma dieses Autors?
   Während wir aßen, lasen, sprachen und tranken, wuchs die Idee eines Kochbuchs der Schriftsteller.
   Rezepte, zumal wenn Autoren sie schreiben, bewegen sich auf dem schmalen Grat von Realität und Fiktion. Die Idee von Geschmack begleitet noch das krudeste Notat der Handgriffe. Das erste Mal kosten wir ein schönes Gericht in der sinnlichen Vorstellung seines Gelingens.
   Wir essen also auch mit Worten. (Wie wir mit Worten erleben. Und auch deshalb lesen wir.) Als das jüngste Mitglied unserer Familie mit vier Jahren eine Phase des Vegetarismus durchlebte, weigerte es sich, Blutorangen zu essen. Wir versuchten es zu den winterlichen Vitaminen zu bringen, indem wir das Obst umtauften: Himbeerorange, Kirschorange. Aber es ließ sich den Namen nicht nehmen, das ursprüngliche Wort war stärker als die Frucht, ja, dem Kind war das Wort eine erste Frucht.

Mit der Speise haben wir die Poesie auf der Zunge.
Wir versuchten also, noch einen Schritt weiter zu gehen, wir wünschten uns mehr als nur ein Kochbuch und schrieben an verehrte Kollegen, schreibende Freunde:

Vermutlich hat jeder die eine oder andere Lieblingsspeise, die zum festen Repertoire seiner kleinen oder großen Küche gehört. Würden Sie /würdet Ihr solch ein Gericht, ein Gebäck, ein Soufflé, eine Suppe, ein Menü mit uns und anderen teilen?

Wir suchen private, besondere Rezepte. Das ist das eine. Dazu wünschen wir uns aber auch eine Geschichte: Wo kommt dieses Rezept her? Wann wird es zubereitet? Und für wen? Und vielleicht entwickelt sich an den konkreten Zutaten zwischen Sellerie und Safran, Anis und Artischocke ein ganz freier Text über Liebe, Leidenschaft, Angst und Tod oder nur ein Erstaunen.

Spielregel:

  1. Die Rezepte müssen nachkochbar sein, das heißt, sie sollten so beschrieben werden, daß eine reelle Chance des Gelingens besteht.
  • Es soll eine Geschichte erzählt werden, die im Zusammenhang mit dem Rezept steht. Sie kann biographische Züge haben und etwas über das Rezept sagen; sie kann sich aber auch nur an den Zutaten entzünden. Sie kann essayistisch sein. (Wir akzeptieren auch einen inneren Monolog, ein kleines Drama, ein Gedicht…)
  • Wir hätten gerne zwei Texte: das Rezept und die Geschichte; wir freuen uns aber auch, wenn Rezept und Geschichte ineinander übergehen.

Als die ersten Rezepte kamen, mußten wir lachen. Brigitte Kronauer schickte einen Schlesischen Mohnkuchen; Ruth Klüger Haifisch in der Mikrowelle; Hans Magnus Enzensberger die Platte der Kaltmamsell. Das hätten wir nicht erfinden können! Und gespannt beobachteten wir weiter, welcher Autor uns, bei freier Wahl, welche Gerichte anbieten würde.

Viele Rezepte umspielten die Thematik von Familie und Heimat. Die junge, in Baku geborene Olga Grjasnowa servierte eine üppige Menüfolge ihrer Mutter aus Aserbaidschan, Olga Grjasnowa, geboren im ungarischen Sopron an der österreichischen Grenze, setzte mit einer Suppe aus Schweinehirn und Nieren ihrer Herkunft ein Denkmal; sie zitierte die »Pörkölt« zum Abnagen oder das »Pörkölt«, ein Eintopfgericht aus Hühnerhoden, das sie einmal in Szeged aß. Dagmar Leupold  schrieb vom Duft des »Barszcz«, mit dem »Eltern-Heimat« aufsteigt: »Beskiden/Vater, frisches Haff/Mutter, Elche, die den ostpreußischen Schulweg kreuzten.« Es sind die alten Speisen, die im Gekocht- und gemeinsamen Gegessenwerden die Spur von Flucht und Vertreibung immer wieder zurückgehen. Wenn wir essen, tun wir dies oft zum Gedächtnis und im Nachvollzug. Katharina Enzensberger servierte »Saure Rohknöpfle«, eine bäuerliche Armensuppe, die deutsche Aussiedler aus dem Südosten mitgebracht hatten und die in den je fremden Heimaten verlorene Nähe einholte: »Schlüfte die Familie zusammen und schweigend die sättigende Brühe, dann bildete sich eine vertraute Blase, und alles war gut. « Mit Riesenbohnen und überbackenen Quitten hielt Barbara Spengler-Axiopulos den Weg der aus Kleinasien vertriebenen Griechen offen oder gab den Wink der »Soutzoukakia Smyrnaika«, der Fleischklößchen, wie man sie im alten Smyrna zubereitete. Kathrin Schmidt schickte gefüllte Teigtaschen, die es, süß oder salzig, in der Ukraine, in Rußland, in China, Polen, in Kasachstan und in Korea gibt, und schrieb eine Geschichte der Verführung, in der Teigtaschen auch Sprachtaschen waren und zur Initiation wurden, einen Heiratsantrag polyglott zu stellen.

   Oft führten die Gerichte an Orte persönlicher Erfahrung: Mit Avocados und Mangos in ein bäuerliches Ecuador (Leta Semadini); mit Kaviar ins kommunistische Moskau (Hans Magnus Enzensberger); mit frischer Schafsleber nach Tórshavn auf die Färöer Inseln oder mit Käse auf eine Kuhalp: »auf der Schwyzer Seite der Rigi, zwischen dem Hagenzingelboden und der Trieb Alp« (Verena Stössinger). Mit einem Hühnchen in ein bayrisches Wohnzimmer der 70er Jahre, wo Mutter und Sohn vor dem Fernseher die spanische Küche kennenlernen und den »Gott des Knoblauchs« bestaunen (Michael Kumpfmüller). In ein Wien der Schulfreundinnen mit einer Schokoladentorte aus dem Rheinland (Eva Menasse). In ein Indien des kleinen Verrats, mit honigsüßen, sesammilden Keksen (Laura Lichtblau). Und immer wieder nach Italien. So erzählte Theres Roth-Hunkeler über dem einst am Ende eines kalabrischen Sommers aus köstlichen Resten erfundenen Fleischkuchen von einem Familienleben in drei Generationen, das sich immer wieder heiter in neuen (Rest)Konstellationen erfinden muß.

Rezepte sind meist tradierte Texte. Im Geist der kochenden Ahninnen steigt vergangene Intensität auf als Kindheitsduft und Erinnerung (kaum zu unterscheiden). »Natürlich ist man versucht, von Großmüttern zu sprechen«, beginnt Zora del Buono ihre apulische Familiengeschichte, die in der Sommerleidenschaft des Dienstmädchens Draga, der »slowenischen Alpenschönheit« zu gefüllten Auberginen und einem Gärtner gipfelt. Und Walter Grasskamp evoziert die verlorene Anarchie der Kindheit über dem Rätsel der in heißem Fett brutzelnden Reibekuchen (das Rezept wurde nie schriftlich fixiert): frisch aus der Pfanne gegessen, neben der backenden Mutter, ein unerreicht köstlicher Anblick.

Viele Autoren servieren Fleisch, gerne Innereien. Dabei reflektierten sie das Töten. Man bedenke, daß mehr Haie durch Menschen gegessen werden als umgekehrt, schrieb Ruth Klüger. Und Leo Tuor, Schriftsteller, Hirt und Jäger, überblendete die Köpfung eines Huhns mit der Hinrichtung von Marie Antoinette, wie Susan Sonntag sie schildert. »Nimm ein Gewehr« ist der initiale Imperativ von Erica Pedretti, dann ist vom »Schweiß« des Wilds die Rede, damit ist in der Jägersprache sein Blut gemeint. (Erlegt werden also auch Wörter.) Das unsachgemäße Schlachten wird zum Kern der Erzählung um die Weihnachtsgans bei Katja Lange-Müller. Jochen Schimmang formulierte über der Zubereitung seiner Kalbsleber: »Vergessen wir nicht, daß dafür Kälbchen geschlachtet werden mußten.« Und in Iso Camartins Rezeptgeschichte zur alten Bündner Froschschenkel-Mahlzeit lernen wir von einem Protagonisten. »man müsse beim Töten immer still in sich sagen: >Engraziel, ti paupra bestga – Danke, du armes Tier!<«

Gute Autoren wissen, was sie tun, auch beim Kochen. Sie pendeln zwischen freien Kreationen (Alain Claude Sulzer, der »Italien zu Hause« entwirft, je nachdem was Wiese und Markt bringen und welche Freunde kommen) und tradierten Ritualen. Andreas Lebert entwirft über einem bayrischen Schweinebraten das Portrait seiner Großmutter, die die »eiserne Rane« vererbte; nur in diesem, von Generation zu Generation weitergegebenem Gefäß durfte das Fleisch in den Ofen geschoben werden, nach einem uralten Rezept, an dem nichts zu variieren war.
   Wie die Poetik jedem guten Text implizit ist, kann das Kochen selbst eine Rezeptgeschichte ausmachen, so wichtig wie das sich einzuverleibende Ergebnis selbst. Hanns Josef Ortheil entwickelt bei der Zubereitung von Kutteln (eine Metamorphose von »Lumpen« über »blaßgelbe Regenwürmer« zu Erscheinungen in rembrandtschen Licht) eine Performance des Zubereitens, die ganz nah am Schreiben ist. Während des Köchelns liest der Koch (sieben Feuilletons und er blättert in drei Büchern), er trinkt und begießt die Kutteln, die gleichsam mit ihm den Wein genießen und bereit werden. Kochen ist wie Schreiben eine Sache der Gegenseitigkeit. Der Aufmerksamkeit, Hingabe, ja Liebe. (So wie Lesen und Essen eine Frage des Zulassens ist.)
   Stephan Krass dreht das Spiel direkt in die Poetik und geht von den Zutaten der Wörter aus. Er legt sie buchstabenweise seinen Protagonisten auf die Zunge (HURE oder RUHE) und erinnert an die Nähe der zentralen Worte »Gericht« und »Gedicht«. Beide tragen jenes »ich« in sich, ohne das Gericht wie Gedicht nicht gelingen.

Manche der Rezepte bleiben sehr nah an diesem Ich. Andrea Köhler nähert sich den Zutaten über das memento mori von Stilleben und erkennt im gestürzten Kelch ihr Angesicht. Die von ihr evozierten realen Stillebgen aus dem New Yorker Metropolitan Museum korrespondieren mit den imaginierten Bildern in der Küche Ortheils, wo etwa ein »Kuttel-Kegel, wie ihn Chardin als Stilleben gemalt haben könnte«, aufscheint. So lebt das Buch immer wieder von Spiegelungen und Echos. Wenn Beate Rothmaier in einer Erzählung (der Liebesanlockung durch Speisen) von ihrer Doppelexistenz als Autorin und kochender Mutter handelt, schlägt sie den Bogen zu Leo Tuor, der auch täglich Kinder sattbekommen muß, die am liebsten seine Buchstabensuppe löffeln: womit er wiederum an den Text von Stephan Krass anschließt. In der Kippfigur von Feinden, die man nicht verlieren will, und Freunden, die wieder einmal zu lange bleiben, berührt der Text von Theresia Walser sich mit der kleinen Kriminalgeschichte von Georg Klein, wo die ländliche Idylle am Wattenmeer unversehens ins Zwielicht eines bizarren Mordes umschlägt. Was gut, was böse ist, bleibt auch im schrillen Gesellschaftsspiegel des Kindergeburtstags für eine 40-jährige (Lea Singer) in der Schwebe.

Sprache ist Handlung; Kochen Kommunikation. Es kann magisches Nähren sein, das die Köchin selbst zu stillen verspricht (Katrin de Vries), Liebes-Verführung (Beate Rothmaier, Kathrin Schmidt, Katja Lange-Müller). Oder schönste Leibesbehauptung, apfelrund, amazonenhaft (Ulrike Draesner).  Es kann eine Hommage sein, wie die Fischsuppe »Kuddl Dutt«, die Armin Schreiber im Gedenken an den Fischhändler und Mittelstürmer seines Vereins kocht (»Schleswig 06«, der damals »noch in der Bezirksliga Nord, also gegen TSV Westerland und Frisia Husum spielte«. Und manchmal muß eine Brennesselsuppe in Tateinheit mit einem Kinderbuch Herd und Buchstaben verbinden (Franz Hohler). Auch deshalb sind die Herdstellen der Poeten Hexenküchen, wo Reizker milchen, Totentrompeten duften und der ernährungspolitisch nicht korrekte Aromat-Suppenteufel Knorrli seine rote Kelle schwingt (Peter Weber).

Wie es leichte und schwere Mahlzeiten gibt, versammelt das Buch der Tafelrunde Geschichten unterschiedlicher Verträglichkeit. Alle sind sie besonders und uns unverzichtbar. Wir haben – von offensichtlichen Flüchtigkeitsfehlern abgesehen – nicht lektorierend eingegriffen. Die Spielvorgaben waren für alle gleich; uns interessierten auch die Abweichungen.

Um der Höflichkeit bibliographischer Angaben etwas Aroma beizugeben, haben wir die Autoren abschließend gebeten, uns „Fünf Favoriten“ ihrer Küche zu nennen: die fehlen, wenn sie fehlen, ohne die es nicht oder schlecht geht. Es erreichten uns kleine kulinarische Visitenkarten der Poeten, die studierend zu verbleichen jede Tafelrunde bereichern kann.

Zur besseren Nutzbarkeit des Buches, da ja auch ein Kochbuch ist, sind den Rezepten und Geschichten Listen mit den benötigten Zutaten vorangestellt.

Wir wünschen allen, die lesen und kochen, schreiben und essen, gute Stunden mit unserem Buch: für ihre eigenen Tafelrunden!

Ludwigsburg, Sommer 2012

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe sowie Porzellantassen. Weitere Informationen hier.

Titel: Tafelrunde: Schriftsteller kochen für ihre Freunde

Herausgeber: Angelika Overath, Manfred Koch, Silvia Overath Sent

Verlag: Luchterhand Literaturverlag

Verlagslink: https://www.penguin.de/buecher/tafelrunde/ebook/9783641088668

ISBN: 978-3-630-87390-9


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