von Wolfgang Abel
Unter den unzähligen, meist öffentlich finanzierten Denunzier- und Meldestellen zur Erfassung von Verhalten unterhalb der Strafbarkeitsgrenze fehlt eine Meldestelle zur Erfassung von Bäckereiprodukten unterhalb der Genußgrenze. Tankstellenbrot und halb aufgetautes Krankenhausbrot verletzen zweifellos die Menschenwürde, nur kümmert das keine Meldestelle. Auch keiner der immerhin 66 Bundesbeauftragten und Bevollmächtigten hat das Thema auf dem Schirm. Allein von der letzten Nochregierung wurde der Hofstaat um 18 solcher Pfründe erweitert. Es gibt Schienen-, Meeres-, Queer- und Sonderbeauftragte, dem Brotmißbrauch bleibt der Bürger ausgeliefert.
Dabei ist das Problem weder neu noch befriedet. Schon vor gut 500 Jahren wurden verbindliche Brotmaße in den Sandstein des Freiburger Münsterturms gemeißelt; freilich ist Größe allein – spätestens seit Erfindung künstlicher Triebund Backmittel – längst kein Kriterium für ehrbares Tun. Ein lebenskluger Dorfschullehrer und passionierter Eigenbrötler warnte mich bereits vor Jahrzehnten: „Hüte dich vor Vogelfutterbrot und Styroporweckle.“

Vor gut einem Jahr habe ich den Ausnahmebäcker Michael Schulze auf dem Gehweg vor seiner Bäckerei brotbruder im Freiburger Stadtteil Wiehre getroffen. Zufällig, wir waren weder verabredet noch befreundet. Allerdings kannte ich sein Handwerk. Ich würde seine herausragenden Sauerteigbrote, das Kleingebäck und die süßen Teilchen von Butterkuchen bis zum Affenbrot Monkey-Bread einer landesweiten Meldstelle für begehrenswerte Lebensmittel hemmunglos melden. Nur am Rande: Auch weil es keine solche Einrichtung gibt, habe ich einschlägige Meldungen gesammelt und unter dem Namen Brotzeit kostenlos veröffentlicht.,
Michael Schulze ist ein Vollblut-Handwerker, was auch daran zu erkennen ist, wie er in seinem Reich herum tigert. Eine Backstube ist ein Revier und ein Revier muß bestreift werden. Mitsamt dem Ladenlokal sowie dem Gehsteig davor. Also ist Schulze Chef, Springer und Ersatzmann in einem. Bei unserem Zufallstreffen auf dem Gehsteig fragte ich Schulze schließlich, ob ich mal in der Backstube im Weg stehen und ein paar Fragen stellen dürfe. Er sagte „kein Problem“, einen Termin fanden wir flott wie beim Brezelschlingen. Wenige Tage später stand ich mit einem Dutzend Mitarbeitern im fuchsbauengen Mikrokosmos einer Backstube und kam schnell zum Zwischenergebnis, daß backen auch etwas mit geschmeidig ausweichen zu tun hat. Beim Baguette einschießen ging es vor dem Ofen zu wie bei einem Pas des Deux, auch das Solo am Brezelposten hat mich beeindruckt. Der gute Mann war im Flow, oder im Tunnel. Ich weiß bis heute nicht, ob er mich registriert hat.

Nicht zu übersehen bei meinem Lokaltermin waren auch Gelassenheit und Eselsgeduld von Brotbruders Verkäuferinnen. Zwei Eigenschaften, die in einem Stadtteil besonders gefordert sind, in dem schwarze Lastenräder wie edle Rappen geritten werden und manch‘ ein Kunde auftritt wie von höheren Gnaden bevollmächtigt, andere hingegen sich angesichts der lockenden Auslagen einfach nicht entscheiden können. Auch zu den Arbeitszeiten in Michael Schulzes Bäckerei wäre noch einiges zu sagen, hier und heute nur soviel: ein exzellenter Bäcker muß, der Teigführung und einem straffen Sortiment sei‘s gedankt, längst nicht mitten in der Nacht aufstehen. Weitere Einsichten zu Handwerk, Qualität und gelingender Lebenspraxis werden am kommenden Sonntagabend anläßlich der 2. Auflage der Kanderner Tischgespräche serviert. Brühwarm und ofenfrisch.
https://www.instagram.com/brotbruder_fr/?hl=de

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Veranstaltungshinweis: „Kanderner Tischgespräche“, 2. Runde. Sonntag 05. Januar 2025, Holzmanufaktur Benz, Bewirtung ab 18 Uhr (Programm ab 19 Uhr). Infos zum Programm und den Teilnehmern auf der folgenden Seite. Rechtzeitige Anmeldung erforderlich.

Das Tischgespräch ist denkverbotsfrei, aber keinesfalls dialektfrei.
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Wolfgang Abel

Vincent Klink: Wolfgang Abel ist ein wirklich sturer Hund vom Rande des Schwarzwalds. Er schreibt für südbadische Zeitungen, lebt in Badenweiler und nervt mit seinen Berichten die häufig vehement sich selbst lobende badische Gastronomie. Seine Texte führten schon zu Prozessen, die er als gründlicher Rechercheur und der Wahrheit verpflichtet immer gewann.
In seinem Oase Verlag (www.oaseverlag.de) erschienen die intelligentesten Reiseführer, die ich (Vincent Klink) kenne. Wer in Süddeutschland, Ligurien, im französischen Jura, im Elsass, auf Lanzarote, in Portugal oder sonstwo ohne diese Bücher unterwegs ist, gehört wegen sträflicher Ignoranz verprügelt.
Ehrlich!
Zu den Kolumnen geht es direkt hier:
https://www.oaseverlag.de/Abels_Kolumnen/Die_Kolumne_von_Wolfgang_Abel/
Wolfgang Abel auf KRAUTJUNKER: https://krautjunker.com/?s=Wolfgang+Abel
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