Schritt für Schritt in die richtige Richtung: Entwicklungsphasen unserer Jagdhunde richtig nutzen

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von Joachim Orbach

Vor über 100 Jahren legte Oberländer (Karl Rehfuß, * 1855; † 1926) mit seinem Erstlingswerk Die Dressur und Führung des Gebrauchshundes die Messlatte mit den damals strengen Regeln der sogenannten Parforce-Dressur fest.
Im 20. Jahrhundert haben sich – angepasst an die verschiedenen Jagdhunderassen und deren rassespezifische Aufgaben im Jagdbetrieb (z. B. will man aus einer Bracke oder einem Teckel keinen Apportierhund bzw. Verlorenbringer machen) – aufgrund neuer jagdkynologischer Erkenntnisse, insbesondere auch aus der Verhaltensforschung, andere Ausbildungsansätze durchgesetzt.

„Gleichgültig, wie gut die ererbten Eigenschaften eines Hundes auch sein mögen, sie werden nie so gut werden, wie sie hätten werden können, wenn seine Anlagen bis zu einem Alter von 16 Wochen nicht entwickelt und gefördert wurden.“

Diese Worte von Pfaffenberger kann man – wenn es um die Entwicklung und Förderung unserer Hunde geht – als wissenschaftlich erwiesen betrachten. Die Nutzung gesicherter Erkenntnisse der Verhaltensforschung ist daher angezeigt. Ihre Bedeutung für Zucht und Führung sowie ihre Wechselwirkung mit züchterischen und führerischen Aufgaben und Herausforderungen darzustellen, ist meiner Meinung nach unter anderem auch eine wesentliche Aufgabe der Zucht- und Prüfungsvereine.

Zu bedenken geben möchte ich, dass die Problematik in der praktischen Anwendung der Verhaltensforschung oftmals darin liegt, dass vielfältige Erkenntnisse und Begriffe unterschiedlich definiert und interpretiert werden. Dies liegt insbesondere auch daran, dass vielfach von Hundeausbildern bzw. Abrichtern propagierte oder verfasste neue Bücher – zum Teil mit „neuen revolutionären Methoden“ – erscheinen, die für Jagdgebrauchshunde nicht unbedingt förderlich sind.

Festzustellen bleibt jedoch, dass der Jagdgebrauchshundverband (JGHV) gemeinsam mit dem Verband für das Deutsche Hundewesen (VDH) bereits im Jahre 1975 durch die Veröffentlichung der Arbeiten eines wissenschaftlichen Ausschusses unter Beteiligung namhafter Wissenschaftler den Grundstein für die Nutzung der Verhaltensforschung im Jagdgebrauchshundewesen gelegt hat.

Geht es um die Anwendung verhaltensbiologischer Erkenntnisse im Jagdgebrauchshundewesen, sind unter anderem die Namen Eberhard Trumler, Heinz Weidt und Heinrich Uhde zu nennen. Ausgehend vom sogenannten Geist von Springe wurden jagdkynologische Seminare sowie Welpen- und Früherziehungskurse im Jagdgebrauchshundewesen eingeführt.

Bildquelle: Joachim Orbach

Die verschiedenen Phasen der Entwicklung

Vegetative Phase
Als vegetative Phase werden die ersten beiden Lebenswochen bezeichnet, da die Welpen in dieser Zeit noch völlig blind und taub sind.

Übergangsphase
Die Übergangsphase umfasst die dritte Lebenswoche. In ihr öffnen die Welpen erstmals die Augen, auch der akustische Sinn erwacht. Zudem erfolgt die erste instinktgesteuerte Kontaktaufnahme zu den Wurfgeschwistern.

Prägungsphase (4.–8. Lebenswoche)
Die Prägungsphase erstreckt sich von der vierten bis zur achten Lebenswoche unter der Obhut der Hündin und des Züchters. Prägung ist ein auf einen kurzen Zeitraum begrenztes Lernvermögen, weshalb man auch von einer Prägungsphase spricht.

Außenfaktoren wie das Leben mit Wurfgeschwistern und Mutter, behütetes Erleben der Umwelt, akustischer und geruchlicher Kontakt zum Menschen (nicht nur zum Züchter), Spielmöglichkeiten und freie Entfaltung prägen das spätere Wesen des Hundes maßgeblich. Erwünscht sind eine innerartliche Sozialisierung, eine allgemeine Prägung auf den Menschen, Selbstsicherheit gegenüber der Umwelt, Kontaktfreudigkeit sowie ein ausgeprägter Spiel- und Lerntrieb.
Unerwünscht sind hingegen Angst und Scheu vor der Umwelt, Scheue bis hin zum Angstbeißen gegenüber Menschen sowie gestörtes Spiel- und Lernverhalten.

In dieser Phase ist der Züchter besonders gefordert, insbesondere auch durch einen artgerechten Welpenaufzuchtzwinger und ausreichenden Auslauf. Denn alles, was in dieser Zeit geprägt oder nicht geprägt wird, bleibt im Verhaltensrepertoire des Hundes erhalten. Die Prägungsphase, in der auch Lernfreude und Nachahmungstrieb erwachen, endet etwa mit der achten Lebenswoche. In dieser Zeit wird der verantwortungsbewusste Züchter seine Welpen auf Mensch und Umwelt prägen und ihren Neugier- und Erkundungstrieb möglichst häufig außerhalb des Zwingers befriedigen.

Sozialisierungsphase (8.–16. Lebenswoche)
Unter Sozialisierungsphase verstehen wir ein auf einen bestimmten Zeitraum begrenztes Lernvermögen zur Gemeinschaftsbildung. Spielen mit Artgenossen, dem Führer und Fremden, Zuwendung und Geborgenheit, Geduld und Konsequenz sowie eine behütete, schrittweise – den Welpen jedoch nicht überfordernde – Konfrontation mit Umwelt- und Jagdbelastungen sind hier entscheidend.

Beispiele hierfür sind Beutefangspiele an der Reizangel, Futterschleppen, die schrittweise Gewöhnung an unterschiedliches Gelände und Wasser, an stärkere optische und akustische Reize oder Übungen an einem kurzen, freien Rohrstück für Erdhunde, die später in der Baujagd eingesetzt werden sollen. Dies bedeutet jedoch nicht, den Welpen in dieser Phase mit möglichst vielen neuen Sinnesreizen zu überfluten.

Mit der Übernahme des Welpen durch den neuen Besitzer beginnt neben der Beziehungsarbeit auch die artgerechte Erziehungsarbeit. Tabuisierung, artgerechte Disziplinierung, Autoritätsaufbau und die konsequente Einhaltung von Regeln sind besonders zu beachten – nicht jedoch ein starres Drillen einzelner Handlungen.

Spielen bedeutet einen beständigen Wechsel des Tuns (besser täglich drei Mal 15 Minuten als einmal eine Stunde). Spielschritte gehen stets den parallelen Ausbildungsschritten, etwa Sitzübungen, voraus. Besonders empfehlenswert ist die Teilnahme an einem Welpenkurs für Jagdhunde. Zucht- und Jagdgebrauchshundvereine sowie LJV-Kreisgruppen bieten solche Kurse – regional unterschiedlich – altersgerecht an, häufig unter Berücksichtigung von Rasse und Verwendungszweck.

Wird die Sozialisierungsphase durch Führer oder Führerin nicht richtig genutzt, sind Unsicherheit, übersteigertes Aggressionsverhalten gegenüber Menschen und anderen Hunden, Verlassenheitsangst, Hemmungen des Lern- und Spielverhaltens sowie mangelnde Führigkeit vorprogrammiert.

Bildquelle: Joachim Orbach

Rangordnungsphase (ca. 14.–20. Lebenswoche)
Der Begriff Rangordnung beschreibt das Vorhandensein ranghöherer und rangniederer Individuen innerhalb einer Gruppe. In dieser Phase wird diese Rangordnung „eingespielt“. Das erzieherische Spiel mit klarer Konsequenz bleibt auch hier das zentrale Element, denn es werden die Voraussetzungen für die Akzeptanz des Hundeführers als Rudelführer und für die spätere Gefolgschaftstreue geschaffen.

Rudelordnungsphase (ca. 20.–28. Lebenswoche)
Diese Phase ist geprägt vom Lernen in der Praxis, das über das reine Spiel hinausgeht. In ihr muss der Hund Gefolgschaftstreue (Arbeitsteilung zwischen Führer und Hund) sowie Unterordnung (klare Rangfolge) als normalen Bestandteil des Zusammenlebens begreifen. Auch hier gilt: kein stumpfes Drillen, sondern ein beständiger Wechsel des Tuns.

Pubertätsphase (ca. 28.–36. Lebenswoche)
Die Pubertätsphase markiert den Übergang in einen neuen Lebensabschnitt. Werden Regeln wie Konsequenz, artgerechte Disziplinierung und Tabuisierung eingehalten, verläuft diese Phase – ähnlich wie beim Menschen – meist ohne nachhaltige Probleme.

Fazit

Wo Welpen- und Früherziehungskurse mit entsprechenden Hausaufgaben angeboten werden, sollten diese von der Sozialisierungs- bis zur Pubertätsphase konsequent genutzt werden. Gegenüber reinen Welpenspieltagen bieten strukturierte Kurse mit Kursplan deutliche Vorteile. Wichtig ist dabei stets, dass der zweite Schritt nicht vor dem ersten getan wird.

Entsprechende Kurse bieten fast alle Jagdgebrauchshundvereine sowie einige Zuchtvereine als Mitgliedsvereine des JGHV (siehe www.jghv.de, Mitglieder) und LJV-Kreisgruppen an.
Welpenspieltage liegen zwar im Trend, entfalten jedoch ohne weiterführende, regelmäßige Arbeit nur begrenzte Wirkung. In der Welpenerziehung liegt ein enormes Potenzial für die Entwicklung des Jagdhundes, das nur durch regelmäßige, sachgerechte und qualitativ hochwertige Kursarbeit in den entscheidenden Wochen ausgeschöpft werden kann.

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Joachim Orbach

Seit 1968 führt Joachim Orbach Jagdhunde (Erd – u. Vorstehhunde). Im gleichen Jahr meldete er auch seinen Zwinger für die Teckelzucht an. Einige Jahre später führte er dann auch Deutsch Drahthaar und Kleine Münsterländer. Ab 1983 begann er damit Artikel für Jagdzeitungen, Mitteilungsblätter des JGHV und Zuchtvereine sowie Jagdblogs zu schreiben. Eine Liste seiner Veröffentlichungen findet sich auf www.jagfibel.de (Suchbegriff Joachim Orbach eingeben). Auch ist er für die Redaktion der Jagdfibel (s. Impressum), Pressesprecher der Bergischen Arbeitsgemeinschaft Schweiß sowie für den JGV Oberbergischer Jäger e.V. tätig. Er ist Mitglied im Forum lebendige Jagdkultur sowie Zucht – und Prüfungsvereinen für Jagdhunde.

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