Aquatische Jagdgefährten: Zackenbarsch & Muräne

Kooperative Jagd zwischen verschiedenen Arten ist in der Natur eine seltene Ausnahme – doch wenn unterschiedliche Beutegreifer gemeinsam Halali blasen, sind sie unschlagbar erfolgreich. Auf KRAUTJUNKER haben wir bereits einige dieser ungewöhnlichen Allianzen betrachtet: Raben und Wölfe, die gemeinsam Beute machen. Mensch und Hund – ohnehin ein Duo ohnegleichen (Lesenswert! https://krautjunker.com/2017/06/14/die-hunde-der-eiszeitjaeger/). Oder das Trio Infernale jeder Kaninchensippe: Frettchen, Habicht und Mensch (siehe: https://krautjunker.com/2017/01/21/das-frettieren-verschmustes-haustier-nein-mordlustiges-raubtier-ja/).

Doch was an Land schon selten ist, wird unter Wasser zur biologischen Kuriosität: Im Roten Meer, im Indopazifik, am Great Barrier Reef und sogar im Mittelmeer haben sich zwei Raubfische zusammengetan, die unterschiedlicher kaum sein könnten – Zackenbarsch und Muräne.

Normalerweise leben diese beiden Beutegreifer in völlig verschiedenen Jagdrealitäten.

Abb.: Der Braune Zackenbarsch (Mycteroperca marginatus) des Mittelmeers; Bildquelle: Albert Kork auf Wikipedia

Der Zackenbarsch (Familie Epinephelidae) ist ein massiger, oft tag- oder dämmerungsaktiver Räuber. Seine Größe reicht von handlichen 20 Zentimetern bis zu kolossalen zweieinhalb Metern. Er verfügt über kognitive Fähigkeiten, die jenen von Rabenvögeln, Wölfen oder manchen Primaten ähneln.
Er ist ein Wesen der Verwandlung: Zackenbarsche beginnen ihr Leben als Weibchen und werden erst nach vielen Jahren – oft nach einem Jahrzehnt oder mehr – zu Männchen. Der alte massiger Herrscher des Riffs, der mit einiger Gravitas seine Bahnen zieht, hat eine femine Vergangenheit.
Sein Körperbau verrät bereits seine Strategie: kein schneller Schwimmer, sondern ein gerissener Hinterhaltjäger mit einer Wunderwaffe – dem Saugschnappen. Im entscheidenden Moment öffnet er blitzschnell sein Maul, spreizt die Kiemendeckel und erweitert den Rachenraum. Durch den entstandenen Unterdruck saugt er Wasser und Beute gleichzeitig in seinen Schlund. Der Beutefisch wird nicht gebissen, sondern inhaliert.

Abb.: Mittelmeer-Muräne; Bildquelle: Fernando Losada Rodríguez auf Wikipedia

Die Muräne hingegen sieht schlecht und ist keine schnelle Schwimmerin. Ihre kognitiven Fähigkeiten bewegen sich eher auf dem Niveau eines Krokodils – solide, spezialisiert, aber weit entfernt von strategischer Raffinesse. Doch was ihr an Überblick fehlt, macht sie durch perfekte Anpassung wett. Für die nächtliche Pirsch im Riff ist sie ideal gebaut. Mit ihrem schlangenartigen Körper gleitet sie durch engste Spalten und nutzt ihren feinen Geruchssinn, um Beute selbst in völliger Dunkelheit aufzuspüren. Anstatt schützender Schuppen trägt die Muräne eine dicke, schleimige Haut – ein biologisches Gleitmittel, das sie vor scharfkantigen Korallen, Parasiten und Bakterien schützt und ihr erst ermöglicht, sich durch die engsten Fels- und Korallenritzen zu zwängen.
Ihre Bewaffnung wirkt dabei ebenso fremdartig wie effektiv: Neben den sichtbaren, nadelspitzen Zähnen verfügt sie über ein zweites Gebiss im Rachen, der pharyngealer Kiefer, vulgo Schlundkiefer. Dieses schnellt nach vorne, packt die Beute und zieht sie tiefer in den Schlund.

Abb.: Schlundkiefer der Muräne; Bildquelle: Wikipedia

Ein Mechanismus, der weniger an einen Fisch erinnert als an das Monster aus dem Film Alien. Man könnte denken, dass sich der Schweizer Künstler H.R. Giger, der das Alien-Monster (den Xenomorph) entwarf, sich von Muränen inspirieren ließ, aber er betrieb keine Studien von Tieren, sondern wollte lediglich etwas „Schreckliches und Grauenhaftes“ erschaffen. Das ist Mutter Natur auch bei der Muräne gelungen.

Abb.: Der Xenomorph aus Alien; Bildquelle: https://avp.fandom.com/de/wiki/Xenomorph(Alien)

Eigentlich sind diese beiden Raubfische Konkurrenten. Doch die Natur ist nicht nur „rot an Zähnen und Klauen“, wie Tennyson schrieb; man ist dort auch fähig zu strategischen Bündnissen. Wenn Zackenbarsch und Muräne gemeinsame Sache machen, agieren sie so schlagfertig wie die Old School Heroes Bud Spencer und Terence Hill.

Der eigentliche Clou liegt im Verhalten des Zackenbarschs. Entwischt ihm ein Beutetier in eine Felsspalte– also unerreichbar für ihn – lauert er bis zu 25 Minuten vor ihrem Versteck. Diese Gedächtnisspanne gleicht der von Menschenaffen, bis er aktiv nach einer Muräne sucht. Hat er eine gefunden, bittet er sie durch auffälliges Kopfschütteln oder ein signalartiges Wedeln mit der Rückenflosse regelrecht zum Tanz. Es ist, wenn man so will, eine Einladung zur Komplizenschaft. Hat die Muräne Hunger, nimmt sie die Einladung zur Jagd an.

Dieses Kopfschütteln ist deshalb so außergewöhnlich, weil es über den Augenblick hinausweist: Es kündigt ein Geschehen an, das erst später und an einem anderen Ort eintreten wird – ein Verweis auf Zukunft, Raum und gemeinsame Absicht, wie man ihn selbst im Tierreich nur selten beobachtet. Akzeptiert die Muräne die Einladung und folgt diesem stummen Ruf, führt der Zackenbarsch sie gezielt zum Versteck der Beute und eine der faszinierendsten Jagdallianzen des Tierreichs beginnt.

Der Zackenbarsch führt die Muräne gezielt zu der Spalte, in der sich die Beute versteckt. Die Muräne gleitet hinein – und für das Beutetier gibt es kein Entkommen mehr. Bleibt es in seinem Versteck, wird es von der Muräne gefasst. Flieht es ins offene Wasser, wartet dort bereits der Zackenbarsch. So wird das Riff, einst Kathedrale der Zuflucht, zum Tatort einer geradezu mustergültigen Arbeitsteilung.
Die perfekte Zwickmühle der räuberischen Allianz, vergleichbar mit der Kooperation des Frettchens mit dem Habicht des Falkners bei der Kaninchenjagd.
Die Erfolgsquote dieser Zusammenarbeit ist beeindruckend: Gemeinsam jagen sie bis zu fünfmal erfolgreicher als alleine.

Abb.: Brauner Zackenbarsch und Mittelmeer Muräne auf der Jagd; Bildquelle: KI

Dabei ist der Zackenbarsch keineswegs wahllos. Er ruft Muränen nur dann, wenn er sie wirklich braucht – und er merkt sich, welche Partner kooperativ sind. Unzuverlässige Muränen werden bei zukünftigen Jagden schlicht ignoriert.
Was hier geschieht, ist mehr als bloßer Instinkt. Es ist Auswahl, Erinnerung, Strategie – und damit ein Verhalten, das wir lange Zeit nur „höheren“ Tieren zugeschrieben haben.

Selbst in der scheinbar stummen und dummen Unterwasserwelt der Fische existieren Kooperation und Planung zwischen verschiedenen Arten von Raubfischen. Was hier im Riff geschieht, ist weder Freundschaft noch Selbstlosigkeit. Mich erinnert es an Adam Smiths (* 1723; † 1790) berühmte Worte aus Der Wohlstand der Nationen: „Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers oder Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, daß sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen“.
Zackenbarsch und Muräne beweisen eine Grunderkenntnis der Wirtschaftswissenschaften: Man muss sich nicht mögen, um gemeinsam Erfolg zu haben und die eigene Lebensqualität zu verbessern. Wer das Halali gemeinsam bläst, freut sich am Ende über die größere Strecke.

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