Die Hunde der Eiszeitjäger

Zu keinem anderen Lebewesen pflegt der Mensch eine so innige Beziehung wie zu dem Hund. Vermutlich wäre die Verbreitung des Menschen auf diesem Planeten ohne Hunde weit schleppender verlaufen. Als Jagdgefährten, wie als Herdenschützer, sind sie eine großartige und unverzichtbare Hilfe. Zudem würden viele Ehen überhaupt nicht funktionieren, wenn man sich nicht unter dem Vorwand des Gassigehens eine Auszeit nehmen dürfte, in der man bei einem verständnisvollen Zuhörer Dampf ablassen kann.

Seit Urbeginn kooperierten und konkurrierten menschliche Kleingruppenjäger mit Wolfsrudeln. Ständige Begleiter der Wölfe waren die sehr anpassungsfähigen, langlebigen Kolkraben. Beide Arten verfügen über ein großes innerartliches Kommunikationsrepertoire, sowie eine hohe Verhaltensplastizität. Die Raben ziehen ihren Nachwuchs gerne über Wolfsbauten auf, sind also zumindest drei Monate in Baunähe der Wölfe.

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Abb.: Raben bei der Begleitung von Wölfen: © Foto: Thomas Bugnyar, Konrad Lorenz Forschungsstelle, Univ. Wien

Es wurde beobachtet, dass sie im Flug für die Wölfe Beutetiere markieren, sie vor Gefahren warnen und als Aasfresser am Jagderfolg der Wölfe partizipieren. Man vermutet, dass den Steinzeitjägern diese bemerkenswerte Ernährungsgemeinschaft nicht nur bekannt war, sondern dass sie ihr auch angehörten.

Obwohl auch Neandertaler die gleichen Lebensräume bewohnten, setzten nur unsere Vorfahren vom Jungpaläolithikum (ca. 40.000 v.Chr. – ca. 10.000 v.Chr.) gezähmte Wölfe bei der Wildtierjagd ein. Vielfach wird ein möglicher Zusammenhang mit der Jagd auf die eiszeitliche Megafauna, insbesondere Mammuts, vermutet.

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Abb.: Die Fauna Nordspaniens während der letzten Kaltzeit: Illustration von Mauricio Antón auf Wikipedia.

Durch Zähmung und Prägung ist es möglich, wenige Tage oder Wochen alte Wolfswelpen in menschliche Gemeinschaften zu integrieren. Mehr als bei jedem anderen Wildtier wird dies durch bereits vorhandene soziale bzw. kognitive Verhaltensmuster begünstigt, welche denen des Menschen ähneln.

Als intelligentes Sozialwesen passten sich die gezähmten Wölfe ab ab der Wende vom Spätpleistozän zum Frühholozän (ca. 10.000 v.Chr.) zunehmend den menschlichen Sozialverbänden an. Diese Prozesse erfolgten in vielen Regionen der unabhängig voneinander. Damit begannen bei den Wölfen Veränderungen in Morphologie, Genetik und Verhalten, welche zu der endgültigen Trennung von Wolf und Hund führten. Ob in Europa, Nordostasien oder Amerika, überall wurden die Wolfshunde Part der Jäger- und Sammlerhorden, welche die unendliche Wildnis auf der Suche nach Nahrung durchstreiften.

Von jetzt an war die labile Partnerschaft der Eiszeitmenschen mit Wölfen und Raben nicht mehr notwendig und beide Spezies wurden als lästige Nahrungskonkurrenten und Schädlinge verfolgt und getötet.

Mit dem spätglazialen Klimawechsel, also dem Ende der letzten Eiszeit (ca. 10.000 v. Chr.), verschwand in Europa die kalt trockene Mammutsteppe. Das Abtauen des Eises ließ den festgefrorenen Boden aufweichen, was den Mammuts zu schaffen machte und die schweren Tiere im Matsch einsinken ließ. Schließlich führte die zunehmende Erwärmung zu einer Bewaldung und damit einem nahezu vollständigem Faunentausch. Die paläolithischen Jäger erlebten den Verlust ihrer traditionellen Beutetiere und Jagdreviere. In diesem Zeitabschnitt, der von großen klimatischen und biologischen Veränderungen geprägt war, fand auch die Umstellung der Jagdbewaffnung von Speeren mit Speerschleudern auf Pfeil und Bogen erfolgte (siehe Anmerkungen).

In dieser unübersichtlichen Landschaft wurden die Wolfshunde für die menschlichen Jäger immer wichtiger, was sich durch immer mehr archäologische Funde aus diese Zeit belegen lässt. In den bewaldeten und somit für Menschen unübersichtlicheren Landschaften übernahmen die vierbeinigen Jagdgefährten das Aufspüren, Hetzen und Stellen, der durch Pfeile verwundeten und oftmals gefährlichen Wildtiere.

Die enge und herzliche Bindung zwischen Mensch und Hund ist bereits seit dem Neolithikum durch Hundegräber sowie die Mitbestattung von Hunden in Gräbern und durch Hundeplastiken belegt. Einer der bekanntesten und anrührendsten Belege für die spezienübergreifende Freundschaft ist das Grab von Bonn-Oberkassel im nördlichen Rheinland.

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Abb.:Panoramaansichten des heutigen Rheintales und dieselbe Perspektive vor 14.000 Jahren: © Foto: J. Vogel/LVR-LandesMuseum Bonn; Illustration: D. Koch/Bonn

Hier wurden vor 14.700 Jahren ein ca. 40 jähriger Mann, eine etwa 25jährige Frau und ein Hund zusammen begraben. Ein größerer Beweis für die Liebe über den Tod hinaus, ist schwer vorstellbar.

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Abb.: Lebensbild der Oberkasseler Menschen und des Hundes; © Frithjof Spangenberg, illu-Atelier, Konstanz

Die Beständigkeit dieser besonderen Beziehung nahm durch den Übergang von umherziehenden Jäger- und Sammlern zu sesshaften Bauern keinen Schaden.

Bei der nüchternen Analyse der verschiedenen Funktionen von Hunden in menschlichen Gesellschaften wird der heute wichtigste Grund häufig übersehen: Hunde sind für Menschen nicht nur beliebte Gesellschaft leistende Begleiter, sondern oft regelrecht ziemlich beste Freunde. Einer der scharfsinnigsten deutschen Philosophen, Arthur Schopenhauer (*1788; † 1860), bezeichnete durchschnittliche Menschen grimmig als „Zweifüßler“ und schätzte sie geringer als manch kluge Tiere. Ärgerte ihn sein Pudel, beschimpfte er ihn als „du Mensch!“ Unbestritten erscheint besonders empfindsamen Persönlichkeiten ein Leben ohne Hund als theoretisch möglich, aber sinnlos.

Ab dem Neolithikum (ca. 5.000 – 2.000 v.Chr.) der Epoche, in welcher bei uns der Übergang von Jäger- und Sammlerkulturen zu sesshaften Bauern mit domestizierten Tieren und Pflanzen erfolgte, verwendeten Menschen Hunde zu dem Schutz von Höfen und Herden vor menschlichen und tierischen Räubern. Der Domestikationsprozess beschleunigte sich später und es wurden auch Hunde als Schmusetiere, Statussymbole und Arbeitstiere, sogar als Fleisch- und Felllieferanten gezüchtet.

Besonders berührend und bezeichnend ist es, dass Hunde nicht nur die ersten Tiere waren, die uns Menschen in den Mammutsteppen begleiteten. Auch bei der Eroberung der letzten noch unbekannten Lebensräume im Weltraum, sind sie an unserer Seite. So überschritt 1957 die russische Hündin Laika, an Bord der Raumsonde Sputnik 2, für die Menschheit die letzte Grenze und gab dabei ihr Leben.

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KRAUTJUNKER-Kommentar: Dieser Text ist eine von mir geschriebene Zusammenfassung mehrerer Kapitel des Buches Eiszeitjäger – Leben im Paradies. Es ist das Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung im LVR-LandesMuseum Bonn, die vom 23. Oktober 2014 bis 28. Juni 2015 stattfand und welche ich seinerzeit besuchte.
Mittlerweile gibt es zu der Abstammung der ersten Hunden neue Erkenntnisse aus der Gen-Forschung, welche ich hier nicht aufgenommen habe.
Alle Fehler in diesem Text gehen natürlich auf meine Kappe. Insbesondere bei den Jahreszahlen zu den einzelnen Epochen, habe ich im Internet immer wieder unterschiedliche Daten gefunden.
Der Text wurde natürlich nicht mit dem Anspruch erstellt, Archäologen die neuesten und präzisesten Kenntnisse zu vermitteln und womöglich irgendwo zitiert zu werden. Er wendet sich an interessierte Natur- und Geschichtsfreunde sowie Jäger und Hundehalter. Wer es ganz genau wissen möchte, lege sich das Buch zu.

 

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KRAUTJUNKER

 Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Facebook-Gruppe.

Eiszeitjäger Leben im Paradies

Titel: Eiszeitjäger – Leben im Paradies

Koordination: Liane Giermsch und Ralf W. Schmitz

Redaktion, Lektorat: Morten Hegewisch und Heidrun Voigt

Verlag: Nünnerich-Asmus Verlag & Media GmbH; Auflage: 1 (22. Oktober 2014)

ISBN-13: 978-3943904802

Verlagslink: http://www.na-verlag.de/?s=Eiszeitj%C3%A4ger

Bildnachweise: Die Fotos durften mit freundlicher Genehmigung des Verlages dem Kapitel des Buches entnommen werden.

Aus Eiszeitjäger veröffentlichte Beiträge: 
https://krautjunker.com/2017/04/12/eiszeitjaeger-das-magdalenien/

https://krautjunker.com/2017/05/05/eiszeitjaeger-speerschleuder-pfeil-und-bogen/

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Ausstellungs-Link: http://www.landesmuseum-bonn.lvr.de/de/ausstellungen/archiv/eiszeitjaeger/eiszeitjaeger_1.html

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Bogenbau-Workshop im NEANDERTHAL MUSEUM: https://www.neanderthal.de/de/wochenendprogramme.html

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KRAUTJUNKER über die Steinzeit:

https://krautjunker.com/2017/03/19/die-speere-von-schoeningen-homo-erectus-und-die-%E2%80%8Adeutsche%E2%80%8A-vorgeschichte/

https://krautjunker.com/2016/11/28/steinernes-schneidewerkzeug-der-oldowan-kultur/

https://krautjunker.com/2016/08/17/die-neandertaler-jaeger-mit-glueck-und-verstand/

https://krautjunker.com/2016/07/13/feuer-fangen-wie-uns-das-kochen-zum-menschen-machte-eine-neue-theorie-der-menschlichen-evolution/

https://krautjunker.com/2016/06/16/218/

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