Buchvorstellung
Tomi Ungerers Kunst kann man nur bewundern oder verabscheuen. Es ist kaum möglich, keine Meinung zu diesem 1931 in Straßburg geborenen, vielseitig begabten und kreativen Künstler und Provokateur zu haben, der von sich behauptete ein Menschenfreund und Gesellschaftsfeind zu sein.

Die Fülle an Einfällen, die ihm täglich kamen, bezeichnete er selbst als „Tyrannei“. In den USA wurde eines seiner Werke 1973 zum „schlimmsten Kinderbuch des Jahres“ gewählt. Immer noch polarisieren seine Kinderbücher aufgrund ihrer skurrilen Geschichten und einer Ästhetik, die so gar nichts von infantiler Anbiederung an kleine Dummerles aufweist.

Ungerer hielt sich weder für einen Deutschen noch Franzosen, sondern für einen Elsässer. Sein Vater und Großvater waren bekannte Uhrmacher und Turmuhrfabrikanten. Zudem kannte man seinen Vater als Historiker, Künstler und Büchersammler. Er starb als sein Sohn erst vier Jahre alt war. Seine aus einer oberrheinischen Industriellenfamilie stammende Mutter zog mit der Familie nach Logelbach, einem Vorort von Colmar.

„Ich bin wirklich aufgewachsen mit dem Respekt vor der Schönheit der Natur. Und das hat mich total geprägt, mein ganzes Leben. Wir hatten ein echtes altmodisches Familienwesen: Jeden Abend nach dem Essen wurde Karten gespielt, aus Büchern vorgelesen oder gesungen.“
Das Landleben inspirierte ihn schon als Schüler, so stand der Tisch an dem er seine Hausaufgaben machte, im Hühnerhof.
„Ach! Meine Hühner! Ich lebte in ihrer Intimität. [Sie] pickten auf meine Schiefertafel. Jede von ihnen hatte einen Namen; der Hahn, der daran gewöhnt war, meinen Befehlen zu folgen, setzte sich auf meine Schultern und sang das französische Cocorico.“

In der Bibliothek seines Vaters entdeckte er Bücher mit Illustrationen elsässischer Künstler wie Jaques Rothmuller, Jean-Jacques Waltz, Gustave Doré und Leo Schnug.
Es führt hier zu weit, die komplizierten Wechsel zwischen deutscher und französischer Obrigkeit vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg aufzuführen, in denen der Junge zu Hause und in der Schule jeweils eine andere Sprache sprechen musste. Nach dem Sieg der Alliierten wurden sowohl Hochdeutsch als auch der regionale Dialekt verboten. Sicher kein Sympathisant der deutschen Eroberer bezeichnete Ungerer dies später als „kulturelles Verbrechen“ und „kulturellen Mord“. Da er zuvor in der Schule auf Deutsch unterrichtet wurde, beherrschte er Französisch nicht perfekt, was dazu führte, dass er knapp das Baccalauréat (Abitur) verfehlte. Schlussendlich beurteilte ihn sein Schuldirektor im Abschlusszeugnis als „pervers“ und „subversiv“.
Sein Motto war stets, dass man seinem Schicksal selbst die passende Richtung geben muss. Die Furchtlosigkeit hatte er von seiner Mutter. So diente er bei der französischen Fremdenlegion in einem algerischebn Méhari-Kamelreiter-Regiment, wo er deutsche Marschlieder einführte, weil die französischen nichts taugten. Laut seiner Auskunft verbrachte er dort die „besten Tage meiner ganzen Jugend“.
Nach seiner Ausmusterung führten ihn seine Wanderungen zu Fuß und per Anhalter bis nach Nordnorwegen bei Murmansk ins sowjetische Grenzgebiet. Anschließend war er als Matrose auf kleinen Frachtern im Nordatlantik unterwegs und wanderte schließlich mit 60 Dollar in der Tasche nach New York aus. Der Autodidakt startete 1957 seine Künstlerkarriere mit dem Bilderbuch The Mellops Go Flying, welches gleich ein großer Durchbruch war.

In der politisch turbulenten Epoche der USA, die von Rassenunruhen, dem Vietnamkrieg und vielen gesellschaftlichen Umbrüchen wie der sexuellen Revolution geprägt war, führte er nicht nur ein turbulentes Künstlerleben, sondern war auch politisch subversiv aktiv und provozierte das Establishment.

Der künstlerische Senkrechtstarter fand schnell Freunde unter Künstlern und in der Upperclass. Mit dem Schriftsteller Philip Roth teilte er sich ein Ferienhaus auf Long Island. Zu seinen weiteren literarischen Freunden zählen Tom Wolfe und Saul Bellow. Es dauerte nicht lange, bis der in den Fokus des FBI geriet, welches seine Post öffnete. Ungerer reagierte darauf, dass er sich selbst geheimnisvollen Nachrichten mit Zahlen-Codes schrieb… Die repressive Unterdrückung der Meinungsfreiheit liest sich gruselig, unterscheidet sich aber auch nicht grundlegend von dem, was aktuell in Deutschland durch den Verfassungsschutz und in den sozialen Medien veranstaltet wird.
Der Kurater einer Ausstellung in Hamburg sagte, „Er hat immer den Sprengstoff, der in der Zeit lag, in wenige Striche bündeln können. … Noch einmal den Kern der Problematik einer Zeit, der Zustände so wahrzunehmen und so präzise ins Bild zu setzen, dass es eben nicht nur in der Zeit gültig ist, sondern etwas hat, was heute wieder brandaktuell ist.“
Seine Gesellschaftsserie The Party führte 1969 zu einem Skandal, denn Ungerer zeigt die New Yorker Kulturelite als sich gegenseitig anschleimende Zombies.


Als bekannt wurde, dass er in Europa sexuell explizite Bücher schuf, wurden seine Werke in den prüden USA aus dem Sortiment der Verlage und Bibliotheken entfernt. Auf die Frage einer Interviewerin, wie er gleichzeitig Kinder- und Sexbücher verfassen könnte, antwortete er, dass es keine Kinder ohne Sex gäbe.


Der gesellschaftlich Geächtete gewann nach einem „Abend voll Meskalin“ die Erkenntnis, dass es reicht und zog 1971 mit seiner dritten Ehefrau Yvonne für fünf Jahre in das kanadischen Nova Scotia. Eine heile Welt fand er dort nicht vor. Es war eine Zeit mit massiver Kriminalität und vor allem Brandstiftungen.
»The firemen are volunteers, and so are the fires, it seems.«

Der meinungsfreudige Querulant bekam auch schon mal eine Leiche vor die Haustür gelegt.
In einem Text aus dem Magazin Spiegel vom September 1975 liest man:
»Atlantisches Gestade mit Sand, Klippen und eigener Insel vor dem Haus; nebenan ein Süßwasser-Teich mit armlangen Aalen; rundum Hühner, Gänse, Enten, Fasane, Schweine, Schafe, Pferde und Sascha, ein 90 Kilo schwerer Neufundländer. Der Herr der Idylle durchstreift sein Land in Jeans und Gummistiefeln, sammelt körbeweise Pfifferlinge und Walderdbeeren und grölt dazu das Horst-Wessel-Lied: der Zeichner Tomi Ungerer, 43.
Nur ein steiniger Pfad führt zur Einöde bei Lockeport im Süden der kanadischen Halbinsel Neuschottland. Fünf schwere, vom Eigentümer gezimmerte Tore sichern das Anwesen. Wer ungebeten vordringt, läuft Gefahr: Im Zeichenstudio, Wohnraum und Schlafzimmer stehen schußbereite Flinten parat. „Manchmal“, so Ungerer, „schieße ich wild drauflos, dann herrscht wieder Ordnung.“
Selbst ist der Landmann. Ungerer schlachtet, wurstet, gerbt Leder, braut Bier, kastriert Lämmer, räuchert Heringe, Lachs und Schinken. Sein Ziegenkäse lagert in feuchtem Salzheu, „bis er richtig schön stinkt“.
Yvonne, Ungerers scheue, schöne, dritte Frau, spinnt die Wolle aus eigener Schur und backt zehn verschiedene Brotsorten aus selbstgeschrotenem Korn. Einer Handvoll Besucher tischt sie gern zehn ausgewachsene Hummer auf. „Speck“, philosophiert der kunstsinnige Farmer, „ist wichtiger als Malen.“«

Bei Far Out Isn’t Far Enough handelt es sich um sowohl im künstlerischen als auch im literarischen Sinne skizzenhafte Memoiren fern jeder Kanada-Provinz-Romantik. Von Idylle keine Spur, wenn Ungerer über das erste Jahr reflektiert, welches er und seine schöne Frau an der wilden Atlantikküste Nova Scotias verbrachten.

Heute würde man die bewaffneten, regimekritischen Selbstversorger als Prepper bezeichnen. Ihre Heimat im Hinterland eines abgelegenen Fischerdorfes war ländlich, aber keineswegs verschlafen.

Bevor wohlhabende Europäer und Nordamerika die rückständige Halbinsel als Ferienort entdeckten, war sie im wirtschaftlichen Niedergang begriffen und von Kriminalität gebeutelt.

Die harte Realität auf dem Hof dreht sich um die Notwendigkeiten des Gedeihens und Erntens sowie Schlachtens. Ein Leben im Rhythmus der nördlichen Natur mit ihren Freuden und Schmerzen.

Seine scharfsinnigen Beobachtungen der kuriosen und derben Einheimischen mit ihrer für den Elsässer obskuren Kultur hielt er mit dem oft düsteren Witz in Wort und Bild fest, der ihn weltberühmt machte. Um seine deutschen Besucher zu schocken, backt er schon mal eine Pastete in Form eines Hakenkreuzes. Seine Sprache ist dabei gleichermaßen ironisch wie poetisch, alles daran auf bestmögliche Weise eindringlich.

In Nova Scotia arbeitete er an Das große Liederbuch mit dem er den Deutschen das von den Nationalsozialisten besudelte kulturelle Erbe wiedergeben wollte.

Viele Szenen in dem Buch sind dem alten Elsaß und der historischen Rheinprovinz des Deutschen Reiches nachempfunden. Seine Sehnsucht nach Europa erwachte. Als Yvonne schwanger wurde, beschlossen sie Nova Scotia zu verlassen, da es sich unter den verlorenen Seelen von Nova Scotia seinerzeit zu gefährlich lebte.
»The arm of the law here is boneless…«

1976 zog er mit seiner Frau nach Irland, wo als Künstler und Schafzüchter auf seiner 160 Hektar großen Farm lebte und noch drei Kinder kamen.

Ebenso wohnte der geborene Wanderer zeitweilig in Straßburg. Ungerer genoss großartige künstlerische und wirtschaftliche Erfolge, erkrankte an Depressionen, überlebte Krebs sowie drei Herzinfarkte und verstarb 2019 im Alter von 88 Jahren. Sein Werk umfasst mehr als 150 Bücher, 30.000 Zeichnungen und unzählige Skulpturen.

Gleichwohl überzeugter Europäer lehnte er die aus seiner Sicht bürgerferne Brüsseler Bürokratie ab und diagonistizierte der EU »Bruxellose«. Ungeachtet dessen ernannte ihn der Europarat in Straßburg 2000 zum Botschafter für Kindheit und Erziehung. Ungerer wurde zudem Kommandant der Ehrenlegion und seit 2007 präsentiert ein Museum in Straßburg sein riesiges künstlerisches Erbe, welches auch nachfolgende Generationen anregen, ärgern und inspirieren wird.


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Anmerkungen

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Titel: Far Out isn’t Far Enough: Life in the Back of Beyond
Autor: Tomi Ungerer
Verlag: Phaidon
Verlagslink: https://www.isbn.de/buch/9780714860770/far-out-isnt-far-enough
ISBN: 978-0-7148-6077-0
KRAUTJUNKER-Kommentar: Wie ich erst am Ende meiner Buchvorstellung erfahren habe, gibt es auch eine deutschsprachige Version des Buches mit dem Titel Heute hier, morgen fort im empfehlenswerten Diogenes Verlag.
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