Ernest Hemingway, der rastlose Jäger

von Harald Schweim

Geht es Ihnen auch so, immer einmal wieder greift man in seinem Bücherschrank zu Schriftsteller, deren Werke man schon zuvor gelesen hat? Hemingway war der Lieblingsschriftsteller eines meiner Lehrer für Deutsch und Englisch auf dem Gymnasium Mitte der 1960er, der mein Interesse an ihm weckte. Ursprünglich auf Deutsch, später auch auf Englisch habe ich seine Geschichten verschlungen. Nur Der alte Mann und das Meer fand ich nicht so toll.

Als meine Frau kürzlich Paris – Ein Fest fürs Leben hervorholte war es für mich Anlass seine Kurzgeschichte Schnee auf dem Kilimandscharo, die im August 1936 unter dem englischen Titel The Snows of Kilimanjaro im Esquire erstveröffentlicht wurde, wieder hervorzuholen. 1952 wurde die Geschichte von Henry King mit Gregory Peck, Susan Hayward, Ava Gardner und Hildegard Knef in den Hauptrollen verfilmt. Der Film ein Hollywood-Klassiker.

Damals, noch völlig unreflektiert, bewunderte ich ihn als Mann und Macho. Erst Jahre später habe ich realisiert, was für eine tragische und armselige Figur dieser Mann war. Hemingway war nicht nur Schriftsteller, sondern auch Reporter und Kriegsberichterstatter sowie Abenteurer, Boxer, Stierkämpfer, Hochseefischer, Großwildjäger und Frauenheld.

Abb.: Big Game Fishing in der Karibik

Was ich zwar wusste, aber kaum reflektiert hatte war, dass Depressionen und übermäßiger Alkoholkonsum ihn die meiste Zeit seines Lebens begleiteten. Am frühen Morgen des 2. Juli 1961 beendete Hemingway sein Leben im Alter von 61 Jahren selbst. Er erschoss sich –, wie es sein Vater im Dezember 1928 getan hatte. Die hierbei verwendete Flinte hatte er bereits seit längerem als seine „glatte, braune Geliebte“ bezeichnet.

Abb.: Ernest Hemingway mit seiner Flinte

Ernest Hemingway (geb. am 21. Juli 1899 in Oak Park, Illinois/USA; gest. am 2. Juli 1961 in Ketchum, Idaho/USA durch Suizid) war einer der erfolgreichsten und bekanntesten US-amerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. 1953 erhielt er den Pulitzer-Preis und 1954 wurde er mit dem Literaturnobelpreis geehrt. Dieser kernige Bursche galt als der Prototyp einer amerikanischen Hyper-Maskulinität. Welch ein Leben voller Abenteuer und Erfahrungen! Ernest Hemingway ist ein Haudegen, wie er im Buche steht: Bei zwei Weltkriegen mitgemischt, im Spanischen Bürgerkrieg unter Beschuss der Putschisten, monatelange Safari-Jagden in Afrika, jeden Sommer das Bullenrennen in Pamplona, vier Ehen, Dutzende Liebschaften. Ein Mann für die Ewigkeit. Im Gegensatz zu den meisten anderen Autoren seines Genres erlebte er viele seiner literarisch beschriebenen Abenteuer selbst. Seine Erfahrung im Krieg, mit Alkohol, Hochseefischen und Großwildjagden brachten immer eine gehörige Portion Realismus in seine Bücher.

Ernest war von frühester Jugend an mit der Jagd verbunden. Auf einem der ersten Fotos, es zeigt ihn im Alter von etwa fünf Jahren, schrieb seine Mutter: „Ernest bekam im Alter von zweieinhalb Jahren von seinem Vater das Schießen beigebracht und mit vier konnte er schon mit einer Pistole umgehen.“ Erst jetzt, beim Wiederlesen nach so vielen Jahren, wurde mir wirklich klar, dass ich als Jugendlicher einen schwachen, nicht in sich selbst ruhenden, vermutlich sogar psychisch kranken Menschen, allerdings mit einer großartigen „Schreibe“ begnadeten Schriftsteller bewundert hatte. Das er mit seinem ganzen „Männlichkeits- und Macho-Gehabe“ vermutlich nur seine Selbstzweifel und Unsicherheiten kaschieren und der Welt ein „Bild seiner Wahl“ übermitteln wollte, wird in der auch offiziellen Analyse der Kurzgeschichte überdeutlich.

In Schnee auf dem Kilimandscharo, schreibt sich Hemingway auch persönlichen Kummer von der Seele. Er ist der Ehe mit seiner zweiten Ehefrau, Pauline Pfeiffer, überdrüssig.

Abb.: Ernest Hemingway und Pauline Pfeiffer

Die Streitereien zwischen Harry und Helen wirken im Ergebnis wie die Aufforderung an ihn selbst, sein Leben nicht zu vergeuden. Der Abenteurer möchte dem Familienleben in Key West mit Pauline und den beiden Söhnen entfliehen. 1936 geht er nach Spanien, um über den Bürgerkrieg zu berichten. Dort bändelt er mit seiner späteren dritten Ehefrau Martha Gellhorn an.

Abb.: Martha Gellhorn und Ernest Hemingway

In Sachen Liebe ist Hemingway über die Jahre zum Zyniker geworden. Denn die große, die absolute Liebe im Leben hat er nicht finden können. Weder bei seinen vier Ehefrauen, noch bei seinen zahlreichen Liebschaften und schon gar nicht bei den schnellen Nummern.
»Liebe ist ein Misthaufen,« klagt sein Alter Ego Harry in Schnee auf dem Kilimandscharo verbittert, »und ich bin der Hahn, der drauf steigt und kräht.« 

Abb.: Hemingway als Hahn im Korb in Havanna, Kuba, 1954


Etliche Frauen schwirren um ihn herum. Ehefrauen, Freundinnen, Verehrerinnen, Musen, Mätressen. Man mag sie seinen zweiten Zirkelkreis nennen, denn sie erfüllen eine andere Aufgabe als der erste Zirkel seiner männlichen Freunde. Frauen sind für ihn Wesen, die erobert werden wollen, die zum Mann gehören, jedoch nicht unbedingt beim Saufen und beim Jagen. Hemingways Frauen sind zarte Rehe auf der Lichtung, sie begründen das Verlangen des Jägers. Der gierige Jäger, das ist er. Neben seinen Ehefrauen hält sich der Autor ein Bataillon an Liebschaften. In Havanna wartet seine Gespielin Leopoldina jeden Tag auf ihn.

Abb.: Ernest Hemingway und Leopoldina Rodríguez trinken Daiquirís im El Floridita.

Was ihn nicht abhält, jedem Besuch mit blonden Haaren und langen Beinen den Schreibturm – sein Liebesnest – auf Finca Vigía zu zeigen.

Abb.: Finca Vigía
Abb.: Wohnzimmer in der Finca Vigía

Natürlich verletzt es seine Frau, wie angriffslustig ihr Ehemann fremde Frauen bezirzt. Und was er in Havanna so treibt, wenn sie nicht dabei ist, sie will es erst gar nicht wissen. Die Liste seiner Seitensprünge, das weiß seine Ehefrau nur zu gut, ist lang. Es gibt Tage, da ist er mit seiner Ehefrau zusammen, dann mit der festen Geliebten und hernach kann noch eine Zufallsnummer dazu kommen. Drei Frauen, bei anderen reicht es fürs ganze Leben, Ernest Hemingway braucht einen Tag dafür. Für viele hören sich seine erotischen Prahlereien an den Kneipentheken nach übertriebenem Maulheldentum an, doch in Sachen Frauen und Sex stapelt Ernest eher tief. In Wahrheit wird dieser Mann „stante pede“ elektrisch, wenn eine Frau in sein Beuteschema passt. Bei manchen Frauen beißt er dann zu als romantischer Träumer, bei anderen Frauen lässt er den triebhaften Macho raushängen. Wobei die überspannte Triebhaftigkeit bei diesem Schriftsteller auch eine übersteigerte Gefühlsaufwallung darstellen kann. Denn Ernest Hemingway ist ein Gefühlsmensch durch und durch, in gutem Licht betrachtet gar ein hoffnungsloser Romantiker. Dieser selbstgefällig auftretende Mann ist – allem Lautsprechen und allem Macho-Gehabe zum Trotz – tief im Innern eine empfindsame und verletzliche Seele. Deren harte Schale meist nur den inneren weichen Kern schützen will. Doch je mehr sein Ruhm wächst, desto spöttischer wird er in Liebesdingen. In der hoffnungslosen Lebensbeichte des sterbenden Schriftstellers Harry, unschwer vermag man Züge und Lebensstationen des Ernest Hemingway ausmachen, geht er in seiner Kurzgeschichte Schnee auf dem Kilimandscharo mit der Liebe hart ins Gericht. Als er nicht mehr meinte, was er sagte, hatte er mit seinen Lügen bei Frauen mehr Erfolg als früher, wenn er ihnen die Wahrheit gesagt hatte.

Die Kurzgeschichte handelt von dem Schriftsteller Harry, – sein „Alter Ego“ – , der in der ostafrikanischen Wildnis im Sterben liegt. Die Kurzgeschichte beginnt mit einem rätselhaften, im Originaltext kursiv gesetzten Einleitungsabschnitt, dessen Bedeutung sich erst im Zusammenhang mit der gesamten Geschichte erschließen lässt:
»Der Kilimandscharo ist ein schneebedeckter Berg von 6000 Meter Höhe und gilt als der höchste Berg von Afrika. Der westliche Gipfel heißt ’Ngàje Ngài‘, das Haus Gottes. Dicht unter dem westlichen Gipfel liegt das ausgedörrte und gefrorene Gerippe eines Leoparden. Niemand weiß, was der Leopard in jener Höhe suchte.«
Hemingway selber liefert zugleich einen „Erklärungsversuch“, was der Leopard in dieser Höhe suchte. Er suchte die Unsterblichkeit. Es gelang ihm jedoch nicht, den Gipfel ganz zu erreichen; bei dem Versuch hinaufzukommen scheiterte er und kam um. Sein Gerippe ist ausgedörrt und gefroren. In der Höhe und bei den dort herrschenden Temperaturen bleibt der Leopard jedoch „ewig“. Er kann nicht „verderben“ und deutet derart auf den vollkommenen Gegensatz zu dem Protagonisten der Geschichte, der mit seinem von Wundbrand befallenen Bein nicht nur »sehr sterblich ist und schnell in der Hitze der Niederung dahinsiecht.«

Zwei Wochen schon sitzt Harry mit seiner Frau Helen und zwei Bediensteten fernab jeder Siedlung fest. Auf der Fotosafari hat er sich das rechte Knie an einem Dorn geritzt und die Kleinigkeit nicht sofort fachgerecht behandelt. Nun kriecht der Wundbrand das Bein hinauf. Außerdem ist das Auto defekt. Das Flugzeug aus Arusha wäre die Rettung. Die Bediensteten bereiten eine Behelfspiste vor. Helen – die nette, liebende Frau, die nie Scherereien macht – pflegt Harry, versucht ihn nach Kräften aufzuheitern und geht hin und wieder auf die Jagd. Harry liegt im Sterben und lässt jene Themen Revue passieren, die ihm so wertvoll waren, dass er ihre Niederschrift immer wieder hinauszögerte: Die Kriegserlebnisse auf dem Balkan und in Norditalien, sein Leben im geliebten Paris, in den Alpen, im Schwarzwald und natürlich in seiner nordamerikanischen Heimat. Zum Schreiben bleibt nun kaum noch Zeit. Harrys Bein ist bis zum Oberschenkel vergiftet. Der Schriftsteller ist sich nicht sicher, ob der im Kopf verwahrte Bilderwust so blitzschnell in akzeptabler Form aufschreibbar ist. Eigentlich, so erkennt Harry, seien die auf Eis gelegten kostbaren Themen ein bloßer Vorwand, bloße Augenwischerei. Er hätte einfach beständig schreiben müssen, als es noch Zeit war. Über das Leben armer, aber interessanter Menschen. Stattdessen habe er das bequeme Leben an der Seite der reichen Witwe Helen vorgezogen. Seine Frustration darüber wird in den Gesprächen mit Helen immer wieder deutlich und gipfelt in dem Ausspruch: „Liebe ist’n Misthaufen, […] und ich bin der Hahn, der draufsteigt und kräht.“ Als Harry den Tod nahen fühlt, bittet er Helen, ihn die Nacht im Freien verbringen zu lassen, sodass er unter freiem Himmel sterben kann. Doch Helen, die seinen Tod nicht wahrhaben will, lässt ihn gegen seinen ausdrücklichen Wunsch ins Zelt schaffen. Im Sterben hat Harry eine Vision: Das rettende Flugzeug landet auf der Behelfspiste, nimmt ihn auf und startet zum Rückflug. Die Amputation des Beins erscheint im Bereich des Möglichen. Doch da dreht der Pilot ab und nimmt Kurs auf den Kilimandscharo. Dorthin, in die unermessliche weiße Weite, führt Harrys Weg, dort in Gipfelnähe, wo er das Gerippe eines Leoparden entdeckt, der sich hier einst im Schnee verlief und erfror, liegt Harrys Reiseziel. Was wollte das Tier in dieser Höhe? Und was sucht der Mensch da oben? Harrys Fiebervision endet mit seinem Tod, und erst jetzt wird auch Helen klar, dass Harry wirklich im Sterben lag.

Den gefrorenen Leoparden hat es tatsächlich gegeben. Dieser wurde 1926 von dem wolgadeutschen Missionar und Bergsteiger Richard Reusch bei seiner ersten Besteigung des Kilimandscharo entdeckt. Reusch dokumentierte seinen Fund durch Fotografien und indem er ein abgeschnittenes Ohr des Leoparden mitnahm und als Andenken und Nachweis behielt. Einige Jahre später wurde der Leopard von Unbekannten entfernt.

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Harald Schweim

Seit früher Jugend rund um die Jagd vielseitig interessiert. Musiker, Seemann, Hundeführer, Jäger und Pharmazieprofessor.

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Anmerkungen

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