Neuwald

Buchvorstellung von Thomas Thelen

Wann ist ein Wald ein Wald? – Das ist die zentrale Frage, die über dem gesamten Essay von Uwe Rada steht mit dem Titel Neuwald in der Reihe European Essays on Nature and Landscape erschienen im KJM Buchverlag, Hamburg im Jahr 2024.

Wann also ist ein Wald ein Wald? – Diese Fragestellung ist mitnichten nur eine rhetorische, allein die Vielzahl der differenzierenden Begrifflichkeiten in Radas kurzem Büchlein lässt erahnen, wie unterschiedlich die Antwort auf diese Frage im Detail ausfallen kann: Wald, Neuwald, Teslawald, Aufforstung, (Baum-)Plantagen(-Wald), Kippenwald, Pionierwald, Tiny Forest, Mischwald, Urwald, Tropenwald, Kurzumtriebsplantage, Jungwald, Böschungswald, Regenwald, Bergwald, Mehrgenerationenwald, Generhaltungswald, Tropenwald, Reinbestand, Altersklassenwald, Dauerwald, Kaltregenwald, Nahrungswald, Niederwald, Auenwald, Hutewald oder Waldweide…

Die Begriffe lassen sich grob in zwei Hauptgruppen sortieren – die einen differenzieren nach der Entstehung des jeweiligen Waldes, die anderen nach der Nutzung des Waldes resp. des Holzes aus dem Baumeinschlag.

Ausgangspunkt für Radas Essay ist seine persönliche Beobachtung direkt an seinem Wohnort im Osten Brandenburgs: Schwere Landmaschinen roden überraschenderweise bereits vor der Erntezeit eine benachbarte Kurzumtriebsplantage, um Platz zu schaffen für umfangreiche Pflanzungen für einen Neuwald, für den Neuwald als vorgeschriebene ökologische Ausgleichsmaßnahme für die Waldrodung beim Bau der Tesla-Gigafabrik in Grünheide, südöstlich von Berlin im brandenburgischen Sand. Daher nennt der Autor diesen Neuwald auch schlicht und präzise Teslawald. „Platz schaffen“ bedeutet konkret: Auf mehreren Hundert Hektar soll hier ein ökologisch wertvoller, nachhaltig den Kapriolen von Wind und Wetter, Boden und Klima widerständiger Mischwald entstehen, der allen lokalen, regionalen, bundesdeutschen und europäischen relevanten Richtlinien entspricht. Oder trotzt…

Die romantische Überhöhung des Waldes, des Deutschen Waldes, des Waldes und der Deutschen, ja, die hat auch Peter Wohlleben mit befeuert, den Rada treffsicher als führenden „deutschen Waldseufzerer“ klassifiziert. Trotzdem muss man Wohlleben zugestehen, dass seine Bücher und Filme maßgeblich dazu beigetragen haben, die Erkenntnis Allgemeingut werden zu lassen, dass Wald mehr ist als die Summe seiner Stämme – ein hochkomplexes Ökosystem, dessen wissenschaftliche Erkundung erst am Anfang ihres Weges steht…

Vor diesem Hintergrund erscheinen die Fragestellungen, die die unterschiedlichen Verwaltungsebenen in Bezug auf die relevanten Richtlinien zur Planung und Anlage eines Neuwaldes an den Tag legen, teils eher bizarr. Das gipfelt in präzisen Vorstellungen von Art, Mischung und Herkunft der Pflanzen und wenig Offenheit in Bezug auf zielführende Experimente als Antwort auf die Veränderungen durch den Klimawandel. Sarkastisch: Lieber ordentlicher arischer Mischwald als eine diverse Waldgesellschaft. Selbst fachkundige Assisting Migration, also die kontrollierte Anpflanzung (noch) nicht heimischer Arten, setzt das Bohren dicker Behördenbretter voraus – und muss ihrerseits wiederum mit ökologischen Ausgleichsflächen „bezahlt“ werden. Immerhin: Damit wird die Waldfläche verdoppelt!

Andererseits zeigen vielfältige negative Erfahrungen v.a. aus der Fauna, wie schnell Ökosysteme unter Druck geraten können durch invasive Arten (Nutria, Waschbären, Signalkrebse, Kamtschatkakrabbe, graue Eichhörnchen etc.). Insofern ein herausfordernder Abwägungsprozess, der bei den langfristigen Perspektiven des Waldbaus auch der komplexen Frage gerecht werden muss, ob zuviel vorweggenommener Klima-induzierter Anpassungsveränderung nicht genau das Eintreten des Nichtgewollten wahrscheinlicher macht: Ob also bspw. die Anpflanzung von Baumarten, die besser mit Trockenheit umgehen können, nicht im Ergebnis die Wasserspeicherfähigkeit des Gesamtsystems Wald möglicherweise reduziert und damit ungewollt die Effekte des Klimawandels verstärkt.

Die Detailtiefe, die zu beachten es gilt bei der Waldanlage, steht aus meiner Sicht in krassem Kontrast zu der Grundfrage „Wann ist ein Wald ein Wald?“ Denn Wohlleben und viele andere Forscher und Naturwissenschaftler haben klar aufgezeigt, dass das zentrale Wesensmerkmal eines Waldes eben nicht eine definierte Anzahl an Bäumen oder eine Mindestfläche ist, sondern das, was sich auf und unter dem Waldboden abspielt. Das wunderbare Zusammenspiel von Flora und Fauna, ein stetes Kommen und Vergehen, eine vielschichtige, hochkommunikative Waldgesellschaft, die ganz offensichtlich mehr ist als die Summe ihrer Teile: Erst das macht Bäume zu Wald.

Und spätestens an diesem Punkt muss die Frage sein, ob ein „gemachter“ Wald dieses Wesensmerkmal wird erzielen können. Und wie der Zeithorizont bemessen sein muss, um überhaupt dieses Kriterium bewerten oder erfüllen zu können – Hundert Jahre? Mehrere Hundert Jahre? Noch länger? – Wie werden dann die EU-Förderlinien dafür ausgelegt?

Für den Teslawald aber ticken die Behörden- und Richtlinienuhren anders, kurzfristiger: Angelegt um 2020 / 2021, muss der Neuwald in den kommenden Jahren „liefern“, das heißt, er muss den Nachweis erbringen, dass die jungen Bäumchen einen umfassenden regulatorischen Kriterienkatalog erfüllen, um als Wald klassifiziert und als ökologische Ausgleichsmaßnahme anerkannt zu werden. Bis dahin bleibt der Neuwald ein erhebliches Wirtschaftsrisiko für die Betreibergesellschaft, denn nur der eingetretene Erfolg wird honoriert werden.

Der Essay ist Lesegenuss und Inspiration pur, viele Fakten werden anschaulich vermittelt, viele Fragen gestellt, viele unterschiedliche Beispiele für neue Waldungen skizziert. Wunderbar! Der Band ist erschienen im Hamburger KJM, der mit der gesamten Essayreihe einen Leuchtturm des Nature Writing geschaffen hat.

Edition European Essays on Nature and Landscape

Landschaften und Lebensräume sind das große Thema der Edition European Essays on Nature and Landscape. Immer wieder stellen sich dabei Querverbindungen her, fügen sich zu einem über die einzelne Landschaft hinausgreifenden Thema – existieren sie doch auf einem gemeinsamen, erdgeschichtlichen Grund. Die EUROPEAN ESSAYS ON NATURE AND LANDSCAPE sind keine historischen Naturkunden, sondern behandeln auf vielfältige Art und Weise unsere gegenwärtigen Lebensräume. Dabei ist es aufregend zu verfolgen, wie sich Vergangenheit und Gegenwart durchdringen und bedingen, wie sie die nächste Zukunft vorherbestimmen.

Die Zielvorstellung der Edition ist die Entstehung einer europäischen Bibliothek der Landschaften und Naturphänomene.

Darüber hinaus wird es im Juni 2025 das erste NATURE WRITING FESTIVAL in Hamburg geben. Mehr dazu hier: https://europeanessays.eu/festival/

Das Programm des Festivals hier: https://europeanessays.eu/wp-content/uploads/2025/03/Kurzprogramm-Festival.pdf

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Uwe Rada

Redakteur taz.Berlin, Jahrgang 1963, ist Redakteur für Stadtentwicklung der taz. Weitere Schwerpunkte sind Osteuropa und Brandenburg. Zuletzt erschien bei Bebra sein Buch Morgenland Brandenburg. Zukunft zwischen Spree und Oder. Er koordiniert auch das Onlinedossier Geschichte im Fluss der Bundeszentrale für politische Bildung. Uwe Rada lebt in Berlin-Pankow und in Grunow im Schlaubetal.
https://taz.de/Uwe-Rada/!a20/

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Thomas Thelen

Thomas Thelen ist Deutsch-Drahthaar-Bändiger, Leihhund-Bespaßer, Fliegenfischer, Holzwerker und Genießer – und eher nebenher Unternehmensberater und Autor.
Zuhause in den südbadischen Weinbergen, hält er nicht nur nach Schwarz- und Rehwild Ausschau, sondern auch nach empfehlenswerter Lektüre und leckeren Rezepten. Wenn sie seinen Geschmackstest bestehen, werden sie hier umgehend weiterempfohlen – oder kritisch betrachtet.

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe sowie Porzellantassen. Weitere Informationen hier.

Titel: Neuwald

Autor: Uwe Rada

Verlag: KJM Buchverlag

Verlagslink: https://www.kjm-buchverlag.de/produkt/neuwald/

ISBN: https://www.kjm-buchverlag.de/produkt/neuwald/

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ND Aktuell

Buch Neuwald: Dem Tesla-Wald beim Wachsen zusehen

Uwe Rada hat ein Buch über die bei Grunow erfolgte Ersatzpflanzung für die Autofabrik geschrieben

  • Andreas Fritsche
  • 01.05.2024

Uwe Rada ist seit 30 Jahren »Taz«-Redakteur in der Hauptstadt und hat dort eine Wohnung. Er hat aber auch einen Wohnsitz im ostbrandenburgischen Grunow. Schließlich leitet seine Frau Inka Schwand im Landkreis den Naturpark Schlaubetal. Von Grunow sind es 20 Kilometer bis zur polnischen Grenze. Die Berliner Innenstadt ist 90 Kilometer entfernt, die Tesla-Autofabrik in Grünheide 60 Kilometer.

Eines Morgens im Sommer 2021 sieht Rada vor seinem Fenster schweres Gerät vorfahren. Er recherchiert, dass rund um Grunow auf 520 Hektar ein Wald aufgeforstet werden soll – als Ausgleichsmaßnahme für die in Grünheide auf 302 Hektar für die Tesla-Fabrik gefällten Bäume. Keine schlechte Bilanz, denkt sich Rada. Zwar ist der Forst in Grünheide vielen Anwohnern bei Spaziergängen lieb und teuer geworden. Zwar führt dort selbst eine Befürworterin der aktuell umstrittenen Werkserweiterung ihren Hund Gassi, die zuerst an ihren in der Fabrik beschäftigten Sohn denkt. Zwar harren Aktivisten in einem Protestcamp mit Baumhäusern in dem für sie so wunderschönen Wald aus. Doch eigentlich ist diese Kiefernmonokultur schlecht gewappnet gegen die mit dem Klimawandel einhergehende Hitze und Trockenheit. Sie kann bei einem Sturm leichter zu Bruch gehen, einem Waldbrand nicht gut standhalten. Mit alldem kommt ein Mischwald aus Eichen, Ahorn und Buchen wie im Ersatzwald bei Grunow besser klar. Aber warum dann nicht gleich die robuste Libanon-Zeder?

Uwe Rada hat das, was bei Grunow entsteht, Teslawald getauft und zum Ausgangspunkt für sein neues Buch »Neuwald« gemacht. Er stellt darin viele Fragen und gibt einige Antworten. Der Wald der Zukunft ist Forschungsgegenstand und Experimentierfeld. Mit Wissenschaftlern von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde hat der Autor über ihre Erkenntnisse gesprochen, mit Förstern über ihre Erfahrungen.

Landwirt Axel Behmann, der den Teslawald verantwortet, würde es gern mit der Libanon-Zeder versuchen. Doch die Naturschutzbehörde lässt nur heimische Gehölze zu, und auch die Flächenagentur fördert keine anderen. Behmann wird nach Erfolg bezahlt. Eine gewisse Ausfallquote ist ihm gestattet. Sterben zu viele Setzlinge ab, muss er welche nachpflanzen. Er hat sich auf dieses finanzielle Risiko eingelassen.

Uwe Rada besucht ganz verschiedene Neuwälder in Brandenburg, die auf den Kippen ehemaliger Tagebaue oder auf Truppenübungsplätzen entstanden sind oder entstehen sollen. Er geht auch der Frage nach, ob ein abgebrannter Wald wieder aus den Wurzeln hochschießt, wenn man das Totholz liegen lässt. Auf so einer Versuchsfläche bei Jüterbog ist er dabei, als ein Forstwissenschaftler 43,9 Grad im Boden misst und gesteht, bei so einer Temperatur könne das nichts werden.

Auch den Miniwald auf dem Freigelände einer Kita in Frankfurt (Oder) besichtigt Rada und trifft sich mit Tabea Selleneit vom Verein Miya, der diesen und 17 weitere Miniwälder in Brandenburg zustande brachte. Tiny Forest werden sie neudeutsch beziehungsweise englisch bezeichnet, obwohl das Konzept von Akira Miyawaki stammt, einem Biologen, der in den 70er Jahren die ersten Miniwälder in japanischen Städten pflanzte.

Die Miniwälder sind viel zu klein, um so viel CO2 zu binden, dass dies den Klimawandel aufhalten würde. Aber Uwe Rada glaubt sowieso nicht, dass die Aufforstung selbst großer Wälder ein Rezept gegen die Erderwärmung ist und die Menschheit von der Pflicht entbinden könnte, den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Schon 2020 war ein neun Jahre zuvor gefasstes Ziel kläglich verfehlt worden. Statt 150 Millionen Hektar, die bis dahin weltweit aufgeforstet werden sollten, waren es lediglich 27 Millionen geworden. Außerdem wird immer noch Regenwald für die Landwirtschaft abgeholzt. Lediglich China kommt mit seinem Aufforstungsprogramm nennenswert voran.

Rada erzählt, wie er sich eine Neuwaldbewegung vorstellt: Nicht von oben verordnet, sondern von unten wachsend – und sie soll keine Entschuldigung für das Unterlassen anderer Klimaschutzmaßnahmen sein, sondern eine Zugabe. Auch sollte mehr Wald in staatlichem statt privatem Eigentum sein.

Radas Buch ist sehr gut geschrieben. Man fühlt sich von ihm mitgenommen auf Aussichtspunkte wie den sogenannten Generalshügel. Von da aus wurde 1970 das große Manöver »Waffenbrüderschaft« beobachtet, an dem sich alle Armeen der Warschauer Vertragsstaaten beteiligten. Heute lässt Uwe Rada hier immer wieder seinen Blick über die Lieberoser Heide schweifen. Sein Buch »Neuwald« kostet 22 Euro und ist jeden Cent wert.

Uwe Rada: Neuwald, KJM-Buchverlag, 139 S., geb., 22 €.

https://www.nd-aktuell.de/artikel/1181882.uwe-rada-buch-neuwald-dem-tesla-wald-beim-wachsen-zusehen.html

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Neue Bundeswaldinventur Der Deutsche Wald wird zum Klimaproblem

Alle zehn Jahre erfassen Experten, wie viel Wald es in Deutschland gibt und in welchem Zustand er ist. Die neueste Studie zeigt: nicht gut. Dem Klima hilft der deutsche Wald daher nicht mehr wie bisher.

08.10.2024, 11.40 Uhr

Wegen klimabedingter Schäden gibt der Wald inzwischen mehr Kohlenstoff ab, als er aufnehmen kann. Der Wald sei mittlerweile zu einer »Kohlenstoffquelle« geworden, sagte Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) in Berlin bei der Vorstellung der neuen Bundeswaldinventur. »Das bedeutet, der Verlust an Biomasse ist durch Stürme und Dürre sowie Käferbefall größer als der Zuwachs an lebender Biomasse.«

Die Auswirkungen der Klimakrise machten sich ganz real bemerkbar. »Die Folge davon: Der deutsche Wald hilft uns nicht mehr in dem Maße, wie wir es bis dann gewohnt waren bei der Erreichung unserer Klimaziele«, sagte Özdemir.

Die Bundeswaldinventur muss laut Gesetz mindestens alle zehn Jahre stattfinden. Die Untersuchung liefert auf Basis umfangreicher Stichproben Informationen etwa zur Waldfläche, zu Schäden an Bäumen, den Anteilen der Baumarten sowie zur Holznutzung. Das Bundeslandwirtschaftsministerium bezeichnet sie als umfangreichste Erhebung zum Zustand der Wälder in Deutschland und hat das Thünen-Institut für Waldökosysteme mit der Leitung der Untersuchung beauftragt.

Waldfläche nahm in vergangenen zehn Jahren geringfügig zu

Die Untersuchung zeigt aber auch, dass der Umbau hin zu Mischwäldern durchaus vorankommt. Mischwälder können einem veränderten Klima besser standhalten, sie gelten daher als ein Beitrag zum Klimaschutz.

»Dieser gesellschaftlich erwünschte Waldumbau ist ein Mehrgenerationen-Projekt«, sagte der Präsident der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände, Andreas Bitter, der dpa. Voraussetzung für eine gelingende Wiederbewaldung der vom Borkenkäfer geschädigten Flächen  und für einen erfolgreichen Waldumbau seien verlässliche forstpolitische Rahmenbedingungen, im Bund wie in den Bundesländern.

Wald bedeckt rund ein Drittel der gesamten Fläche Deutschlands. Seit der Bundeswaldinventur 2012 hat die Waldfläche geringfügig um 15.000 Hektar zugenommen. Der Wald in Deutschland hat einen Holzvorrat von 3,7 Milliarden Kubikmeter – der damit auf zehn Jahre gesehen weitgehend unverändert blieb.


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