Buchvorstellung
Der britische Oxford-Absolvent und Schriftsteller Redmond O’Hanlon ist kein Mann, dessen Reisekompass der gesunde Menschenverstand ist. Nachdem ich Trawler und Ins Innere von Borneo las, begleitete ich ihn nun in Redmonds Dschungelbuch (im Original von 1988 herrlich treffend: In Trouble Again) ins Amazonsbecken.
Das Buch beginnt auf kluge und höchst unterhaltsame Weise mit der Schilderung seiner literarischen Vorbereitung. O’Hanlon las zur Einstimmung die großen Heldenreisen des 19. Jahrhunderts noch einmal – etwa Alexander von Humboldts siebenbändige Reise in die Äquinoktial-Gegenden des neuen Kontinents oder diverse viktorianische Expeditionsschriften. Mit fast masochistischem Genuss schildert er die Parasiten und das Ungeziefer mit all ihren Schrecken:
»Da ist zum Beispiel die Chagas-Krankheit, übertragen von mehreren Arten von Mordwanzen, die einen in Gesicht oder Hals beißen und dann, vollgesogen, am Einstich koten: Wenn man sich kratzt, reibt man die Hinterlassenschaft und eine Ladung Protozoen in den Blutkreislauf; ein Jahr oder auch zwanzig Jahre später beginnt man an unheilbaren Schädigungen von Herz und Gehirn zu sterben. Dann gibt es die Onchozerkiasis, die Flussblindheit, übertragen von schwarzen Fliegen und verursacht von Maden, die zu den Augäpfeln wandern; Leishmaniasis, die der Lepra ähnelt – hervorgerufen von einem Parasiten und übertragen von Sandfliegen (achtzig Prozent der brasilianischen Truppen, die in der Regenzeit Manöver im Dschungel abhalten, werden von ihr infiziert); wenn man sie nicht schnell behandelt, zerfrisst sie dir die Geschlechtsteile. Und es gibt exotische Erscheinungen wie ein Fieber, das in den sechziger Jahren im Staate Pará ausbrach und einundsiebzig Menschen tötete – darunter auch das Forscherteam, das es untersuchen sollte.«
Die Wahl eines passenden Reisegefährten gestaltete sich schwierig, denn Redmond O’Hanlon hat seinen Ruf weg. Der Dichter James Fenton, sein Begleiter aus Ins Innere von Borneo, teilte ihm selbst nach einem guten Abendessen und einer halbgeleerten Flasche Glenmorangie mit, dass er mit ihm nicht einmal mehr in eine U-Bahn steigen würde. Dem Dichter Craig Raine schwärmte Redmond vor, die Reise würde dessen Metaphernvorrat bereichern, doch dieser antwortete nur trocken, dass sie wohl eher seinen Vorrat an Parasiten bereichern würde. Schließlich verfiel er auf Simon Stockton aus Cambridge, der Mitte dreißig als Croupier in einem Londoner Casino arbeitete. In einem Anfall sträflichen Leichtsinns sah dieser darin die Chance seines Lebens. Für ihn hieß es: Amazonas oder Klapsmühle.
Ein tragischer Fehler, wie sich herausstellte. Redmond O’Hanlon mag äußerlich nicht gerade wie Odysseus wirken, ist innerlich jedoch aus dem gleichen Holz geschnitzt. Im Kanu, zu Fuß, kletternd, watend und auf allen vieren stellt er sich Strapazen, Wagnissen und ekelhaften Speisen, die kein vernünftiger Mensch jemals in Betracht ziehen würde.
So starteten sie ihre Expedition in Venezuela, um die bisher unentdeckte Flussverbindung zwischen dem Rio Negro und dem Orinoko zu finden. Begleitet wurden sie von mehreren Einheimischen, die ein venezolanischer Abenteurer vermittelt hatte. Hunger, Durst und Momente echter Todesangst standen auf dieser Expedition auf der Tagesordnung. Immer wieder geriet die Gruppe in furchterregende, aber gleichzeitig haarsträubend komische Situationen. Dabei wurde schnell klar: Selbst die technischen Errungenschaften des späten 20. Jahrhunderts können einem solchen Dschungeltrip kaum etwas von seinem Schrecken nehmen. Der Dschungel des Amazonsbeckens ist mächtiger als modernes Outdoor-Equipment.
Wer nun denkt, ein britischer Akademiker würde mit Snobismus und Dünkel durch den Busch staksen, irrt gewaltig. Redmond warf frohgemut jede Etikette über Bord. Unser Oxford-Odysseus passte sich der rauen Umgebung so kompromisslos an, dass er bald mit den Einheimischen um die Wette rülpste.
Das trieb vor allem seinen Begleiter Simon in den Wahnsinn. Simon war die personifizierte Sehnsucht nach Zivilisation: Er klammerte sich an sein Dosenfutter, hatte an fast allem etwas auszusetzen und warf schließlich nach der Hälfte der Strecke entnervt das Handtuch. Er kapitulierte schlicht vor der unerbittlichen Realität des Amazonas: Myriaden von beißenden Fliegen, eine karge Kost aus Piranhas, Tapir und Affenschenkeln, dazu Hitze und Dreck, Dreck, Dreck – das war zu viel für sein britisches Nervenkostüm. Der Drang nach sauberer Wäsche, einer anständigen Mahlzeit und einer Nacht ohne mörderisches Ungeziefer war am Ende stärker als der Entdeckergeist. Aber mal ehrlich: Wer wollte es ihm verübeln?
Nach Simons Abreise verliert die Reisebeschreibung etwas an Reiz, denn er fungierte als eine Art zynischer „Jedermann“, der selbst nicht so recht wusste, wie er in Redmonds besessenem Vorhaben gelandet war. Gerade seine distanzierte Haltung verlieh der Erzählung eine nötige Würze. Nach seinem Abgang verblieben lediglich ein kolumbianischer Wissenschaftler und die bezahlten Begleiter an O’Hanlons Seite, die im weiteren Verlauf der Reise leider etwas blass und austauschbar wirkten.
Redmond hingegen blühte inmitten dieses urweltlichen Wahnsinns förmlich auf. Für ihn war die Expedition die Erfüllung eines Kindheitstraums. Mit ansteckender Begeisterung katalogisierte er alles, was im Unterholz kreuchte und fleucht. Für jeden Leser mit einem Herz für Flora und Fauna ist das Buch ein Fest, zumal O’Hanlon immer wieder kluge Auszüge aus historischen Reiseberichten einflicht.
Nachdem das erste Vorhaben nach etlichen Qualen scheiterte, setzte er alles auf eine Karte: Er wollte zu den Yanomami – jenem legendären, unberührten Stamm im Herzen des Dschungels, der für sein Temperament und seine urtümliche Wehrhaftigkeit berüchtigt war. Auf den letzten fünfzig Seiten kommt es schließlich zur Begegnung. Basierend auf den damals weit verbreiteten (und heute weitgehend widerlegten) Thesen des Anthropologen Napoleon Chagnon erwartete die Gruppe das Schlimmste: Giftpfeile und feindselige Kannibalen.
Die Realität sah jedoch völlig anders aus: Die Yanomami erwiesen sich als humorvolle, lebhafte und freundliche Gemeinschaft von Jägern und Sammlern. Statt Aggression zeigten sie eher eine gesunde Portion Schläue und Neugier. Vier von ihnen schlossen sich der Expedition sogar an, wurden zu geschätzten Gefährten und beeindruckten durch ihre Fähigkeiten als Waldläufer und Jäger. O’Hanlon bereitete es sichtlich Vergnügen, die gängigen Klischees der Anthropologie genüsslich zu demontieren – was letztlich den besonderen Reiz des Buches ausmacht.
Besonders reizvoll ist die Umkehrung der Verhältnisse: Die Yanomami blicken mit echtem Mitleid auf O’Hanlon. In ihren Augen ist er ein hoffnungsloser Tollpatsch, ungeschickt, unmännlich und in der Wildnis völlig hilflos. Sie behandelten den Oxford-Akademiker konsequent wie ein großes, dickes Kind, das ohne ihre Führung verloren wäre. Das ist nicht nur amüsant zu lesen, sondern hebelt ganz nebenbei die alte kolonialistische Sichtweise auf „primitive Völker“ aus. Am Ende ist es der moderne Europäer, der im Dschungel die Rolle des schutzbedürftigen Anfängers übernimmt.
O’Hanlons Bericht ist eine fesselnde Mischung aus Witz und schierer Erschöpfung. Hinter der Exotik verbirgt sich eine enorme körperliche und seelische Belastung. Man meint, die feuchten Gerüche des Dschungels in der Nase zu haben, das vielstimmige Konzert des Regenwaldes zu hören und die schillernden Farben der Wasserwege vor sich zu sehen. Der Leser leidet mit, während sich die Reisenden gegen eine urweltliche Flora und Fauna behaupten müssen. Dank seiner präzisen Beobachtungsgabe ist man fast selbst mit dabei – und gleichzeitig froh, das Abenteuer sicher im heimischen Sessel genießen zu dürfen.
Trotz der vielen starken Momente muss ich gestehen, dass mich dieses Werk nicht ganz so restlos überzeugt hat wie seine beiden Vorgänger. Stellenweise wirkte der Bericht auf mich etwas langatmig, da sich die Strapazen und Flusswindungen im tiefen Dschungel dann doch sehr ähneln. Wer O’Hanlon liebt, kommt an diesem Klassiker natürlich nicht vorbei – wer jedoch kein erklärter O’Hanlon-Aficionado ist, kann auch direkt zur YouTube-Serie O’Hanlon’s Heroes übergehen.
Die Persönlichkeit des Autors kommt auf dem Bildschirm fast noch besser zur Geltung als auf dem Papier. In der Serie folgt er den Spuren viktorianischer Entdecker durch die entlegensten Winkel der Erde und stellt dabei gewohnt skurrile Fragen, die unerwartete Antworten ergeben. Meiner Meinung nach ist die Folge, in der O’Hanlon in Pakistan den Spuren von Sir Richard Francis Burton folgt, eine der besten.
Es ist das Porträt eines Entdeckers, der mit der begeisterten Unvoreingenommenheit eines Kindes die erhabene Pracht dort findet, wo andere nur Gefahr und Elend sehen.
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Redmond O’Hanlon

Redmond O’Hanlon, geboren 1947 in Dorset, studierte englische Literaturgeschichte in Oxford, promovierte 1977 über Sich wandelnde wissenschaftliche Naturkonzepte im englischen Roman, 1850–1920 und ist Mitglied der Society for the Bibliography of Natural History, der Royal Geographical Society und der Royal Society of Literature. Er ist Professor für Englische Literatur in Oxford.
In seiner britischen Heimat ist O’Hanlon längst eine Legende für seine waghalsigen Expeditionen in die entlegensten Winkel der Tropen. Seine tiefe Verbindung zur Wissenschaftsgeschichte zeigt sich auch in seinem Fernsehengagement: 2009 und 2010 begab er sich für das niederländische Fernsehen auf eine ganz besondere Zeitreise und rekonstruierte die historische Fahrt von Charles Darwin auf der Beagle.
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Anmerkungen

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Titel: Redmonds Dschungelbuch
Autor: Redmond O’Hanlon
Verlag: GmbH & Co. KG, April 1995
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