Jagd und Medien

von Tim Wesly Hendrix

Es ist schön, noch vor Handy-Kameras geboren zu sein. Wenn wir uns fotografierten, sah das maximal derjenige, der die Bilder nach dem Entwickeln eintütete. Heute sieht das anders aus. Ein Bild ist schnell gemacht, noch schneller verbreitet und dann unweigerlich für immer in den Tiefen des Netzes auffindbar. Das ist schlimm genug bei peinlichen Saufgelagen pubertierender Teenager, aber noch viel schlimmer, wenn es um riskante Themen geht.

Der Mensch ist eigentlich noch in der Steinzeit stehen geblieben. Mehr als unser früherer Jäger und Sammler können wir nicht wirklich, und so wird man schnell verleitet, beim Gespräch in die Kamera nicht an die Millionen von mehr oder weniger wohlgesonnenen Betrachtern zu denken. Die Konsequenz des eigenen Auftritts und die Reflexion des eigenen Handelns kommen dabei schnell zu kurz.

Da wundert es auch nicht, wenn plötzlich ein Video im Internet erscheint, das selbst sein Schöpfer mit ein wenig Selbstreflexion sicherlich nicht so hochgeladen hätte. Auch die Reaktion des Publikums war wenig überraschend: eine Welle medialer Entrüstung – wieder einmal eine Kerbe im Baum der Jagd. Aber fällt dieser dadurch?
Sicherlich nicht durch dieses eine Video, aber je mehr von diesen Videos erscheinen, desto mehr wird es jeden in der Jagd betreffen.
Nun könnten wir einfach sagen, wir ziehen uns als Jägerschaft geschlossen aus der medialen Welt zurück. Aber selbst wenn es das unmögliche Konstrukt der geschlossenen Jägerschaft gäbe, würde ein Nichtstattfinden der Jagd in modernen Medien sich schädlich auswirken. Wir würden das Feld dem Feind überlassen – das ist kein Sieg, das ist Kapitulation.

Das Problem ist: Wir sind als breite Masse in Bezug auf Medienkompetenz einfach zu schlecht aufgestellt. Anstatt an diesem Problem zu arbeiten, machen wir aber lieber interne Gräben auf. Mit fatalen Folgen.

Kurz nach dem Skandalvideo klingelte mein Handy mehrfach. Inhalt: immer wieder ein kleines Video. Medial sehr gut gemacht und in einem grandiosen Schnitt, der nur wenig mit dem Ursprungsmaterial zu tun hatte, dafür umso besser das Feindbild „Jagd-Influencer“ aufbaut.
Die Zielgruppe: Jäger mit Traditionsbewusstsein, weil früher alles besser war und niemand jemals Fehler gemacht hat.
Einziges Manko: fehlende Medienkompetenz. Ich denke, die Schöpfer des Videos wollten nicht der Jagd schaden, aber genau das haben sie, weil so ein Video natürlich nicht netterweise nur bei Jägern läuft, sondern dummerweise auch auf den Geräten der Jagdgegner, der Öffentlichkeit und der Politiker die Bilder transportiert. Plötzlich haben wir also die Munition für unsere eigene Verurteilung geliefert. Bravo!

Nur wo liegt die Lösung für unser Medienproblem?

Bildquelle: Filmvorführung auf Jagdmesse; Bildquelle: KI-Bildgenerator

Man glaubt es nicht, aber es gibt zahlreiche Personen, die durchaus wissen, wie man mit Medien umgeht – Jagd-Influencer.
Warum wir das dann nicht auch nutzen? Da ist halt doch ein Annäherungsproblem.

Ich kenne das von mir selbst. Alleine schon die Hunt on Demand-Halle in Dortmund war schon immer abschreckend. Fantum und Autogramme stoßen mich einfach zu sehr ab. Das fortlaufende Sich-selbst-auf-die-Schulter-Klopfen nach amerikanischem Vorbild ist einfach so ganz und gar nicht meine Welt.

Aber Jagdfilme mag ich dennoch. Bei meinen langen Einheiten auf dem heimischen Foltergerät, besser bekannt als Rudermaschine, laufen die Filme von Halali, Bonnekesse oder FAOS – sind das nicht auch Jagd-Influencer? Oder die zahlreichen Zeitschriften. Sind die Redakteure nicht auch Meinungsbildner der Jagd? Von der Jagdliteratur, die in den Regalen meiner Bibliothek ruht, will ich gar nicht sprechen. Bei genauem Nachdenken muss man zu dem Schluss kommen – irgendwo sind dann doch Gemeinsamkeiten zu sehen.

Es lohnt sich, immer beide Seiten eines Konflikts anzusehen.

Da saß ich nun also am Stammtisch des Hegerings und hörte zu: „Social Media und Jagd, das verbietet sich. Hunt on Demand macht besonders nur Schund“ Das gleiche kommt aus der Kreisjägerschaft. Da wird dann auch genau aufgezeigt, welche Fehler begangen werden und wie schlimm hier die Jagd in Verruf gezogen wird. Man selbst ist natürlich immer waidgerecht und ein strahlendes Vorbild für die Jagd. Ganz schlimm, wenn dann noch eine etwas quirlige junge Frau durch Instagram poltert und etwas für den Landesjagdverband macht.
„Die kann ich nicht leiden“, sagte mir einer. Was ihn denn an dem Auftritt störte?
„Ja alles, das ist doch unseriös!“
„Was hast du denn davon gesehen?“
„Sowas gucke ich mir doch nicht an.“

Ich muss gestehen, so dämlich das klingen mag – weit weg von meinem eigenen Verhalten ist das nicht. Erst das Gespräch mit einem befreundeten Jäger – eigentlich auch ein Jagd-Influencer – den ich sehr schätze und bei dem ich mir vor allem sicher bin, dass seine Leidenschaft für Jagd und Tradition kaum zu übertreffen ist:
„Das ist nicht alles falsch, was du da siehst. Einige von denen sind wirklich gut.“ So oder so ähnlich formulierte er es. Die Worte hingen mir nach.

Ich jage zudem im Nachbarrevier des Huntingrooms – also der Brüder, die Hunt on Demand gegründet haben. Was man dort hörte, klang nicht nach wildem Geballer oder unwaidmännischer Jagd, sondern ein wenig wie die Traditionen, die ich bei meinem Großvater und Großonkel noch erleben durfte, die aber heute meist der „pragmatischen“ Bewirtschaftung des Wildes gewichen sind.

Nun verbringe ich viel Zeit auf dem Weg zur Arbeit und zur Jagd im Auto. Da sind irgendwann die geliebten Hörbücher zum dritten und vierten Mal gehört und ein neuer Podcast ist auch noch nicht raus. Warum nicht einmal die Zeit nutzen, um sich die Podcasts der Jagd-Influencer anzuhören? Dann würde das vorgefasste Bild sicher schnell bestätigt, und man kann sich endlich wieder sicher sein, doch die richtige Meinung zu vertreten.

Finger weg von der Maisjagd – der Titel macht schon stutzig. War da nicht die vernichtende Analyse eines solchen Videos im Überläufer gewesen? Stand Hunt on Demand also nicht für genau diese oftmals schnelllebige und meist gefährliche Jagd? Was sollte jetzt so ein Titel? Das, was ich dann eine Stunde lang von Rouven und Jan hörte, war im Wesentlichen meine eigene Meinung. Das ist schon verstörend. Dann doch lieber Blatten & Beute machen hören. Das klingt wenigstens nach gnadenlosem Rehwild-Gemetzel. Auch hier blieb es bei einer Enttäuschung. Wieso konnten die Podcasts nicht einfach meine Vorurteile bestätigen? Ein lästiges Problem!

Gut, das Problem galt es endgültig zu lösen. Ich schloss also ein Monatsabo ab und erwartete dort genau die Szenen zu finden, die immer wieder in einem bereits erwähnten Printmedium aufgeführt werden: Frischlingstetris und Erntejagd mit beinahe Paternizid.
Gut, dass man beim Rudern so viel Zeit hat, eine genaue Studie der Filme zu machen. Natürlich nur unter der Prämisse einer eingehenden Untersuchung zwecks Herstellung eines vernichtenden Urteils.

Wo fängt man dann am besten an? Der Name Wild Boar Fanatic kam direkt auf der Startseite. Klingt schon einmal gut. Ja, der Unterschied zu Wild Boar Fever ist marginal, aber da könnte schon etwas kommen. Der junge Mann hat Tunnels, das entspricht doch schon einmal optisch dem, was ich erwarte. Leider kann er auch schießen und – weitaus wichtiger – lässt dann doch irgendwie den Finger gerade, wenn man wildes Schießen erwartet. Das taugt also nicht.

Als Nächstes fliegt mir Dreispross entgegen. Der Herr kommt mir irgendwie bekannt vor. Aber schon die Beschreibung ist erneut enttäuschend: „Jagdfilme von Dreispross sind nicht gespickt von Erlegungen in einer Endlosschleife, sondern mit dem, was die schönste Passion der Welt noch so ausmacht.“ – da schalte ich vielleicht später einmal ein.

Schwarzwaldhunters dann vielleicht, aber auch da schreiben sie mir das Falsche: „Wir sind Jonas und Johannes – Jäger aus dem Herzen des Schwarzwalds. Seit Generationen sind wir hier verwurzelt, und die Jagd ist für uns mehr als ein Hobby: Sie ist Leidenschaft, Abenteuer und Verbundenheit mit der Natur.“

Schlimm wurde es dann doch für mich. Die Hunterbrothers kannte ich schon aus vielen YouTube-Videos. Dass die nicht taugten, um negative Vorurteile zu bestätigen, war mir klar. Aber wie sah es bei Huntingroom aus? Blattjagd und Eifelhirsch. Da lag dann plötzlich Jens neben einem Hirsch. Ausgepumpt, glückseelig und gefühlt kurz vorm emotionalen Kollaps. Der Grund? Ein reifer Hirsch im eigenen Revier. Das war schon gut zu sehen. Da war jemand, der leidenschaftlich und mit ganzem Herz bei der Jagd war. Die Erklärung, dass er am Tag zuvor noch unsicher war, ob der Hirsch reif genug sei, das Hin und Her, die Bemühung, nicht den falschen zu schießen – das ist waidgerechte Jagd, und das könnte man durchaus auch Nicht-Jägern zeigen.

Und wie sieht es mit den Szenen aus, die ich auf der Jagd und Hund gesehen habe? Vielleicht waren die Herren hinter und vor der Kamera ja eingebildete Egomanen. Der nächste Schritt war also einfach mal anzufragen. Die Antwort kam schnell und passte leider auch nicht so recht zu dem, was ich heimlich vielleicht erhofft hatte.
Was in den Filmen oft schon zu sehen war, kam auch hier zum Vorschein: Tradition als wichtiger Bestandteil der Jagd, die aber auch gelebt werden muss und damit nicht in Stein gehauen sein kann, sondern sich manchmal auch anpassen muss. Das leidige Thema Technik zum Beispiel: Als Werkzeug richtig angewandt, kann Technik ein wichtiger Baustein sein.

Ein Punkt, der in den Antworten anklingt, ist, dass es immer weniger Jäger mit jagdlichem Hintergrund gibt. Dass dies die Kluft zwischen Tradition und Moderne verstärkt, ist klar.
War das nicht das Hauptargument der Kritiker?
Wenn nun beide Seiten die gleichen Probleme sehen und eine gemeinsame Lösung an der Optik, dem Alter oder dem Medium scheitert, ist das dumm. Dumm und gefährlich für die Jagd. Denn abholen können die klassischen Vereine schon lange niemanden mehr. Sie wollen es auch nicht richtig. Das Resultat: Nachwuchsprobleme, wo man nur hinschaut, und ein Umgang, den ich noch abschreckender finde als die Hunt in Demand-Halle.

Social Media wird bleiben, sich dem zu entziehen, bringt nichts. Wenn dann ein Unternehmen wie Hunt on Demand erfolgreich ein vielschichtiges Bild der Jagd vermittelt, sollte uns das alle freuen.
Warum gibt es wohl trotz der Fülle an Videos keine Skandale? Eigentlich müsste doch ein dauerhafter „Shithurricane“ aus den Videos auf Hunt on Demand gespeist werden. Natürlich gab es Fehler, aber daraus wurde gelernt, weiterentwickelt und sich professionalisiert. Dass das Ganze auch ein kommerzieller Erfolg ist, sollte uns für die Publisher freuen. Neid steht niemandem gut. Natürlich kann ich jeden verstehen, der auch gerne 24/7 jagen würde und dafür auch noch Geld und Ausrüstung erhält. Ich wäre der Erste, der das selbst machen würde. Nur andere zu verurteilen, weil sie es geschafft haben, ist wenig attraktiv als Lebensentwurf.

Wir nutzen also diesen Fundus an Wissen über die moderne digitale Welt nicht, weil uns Kleinigkeiten stören, und anstatt hier offen ins Gespräch zu gehen, verhalten wir uns lieber wie Kinder im Sandkasten: „Du bist doof, ich will nicht mit dir spielen“ könnte man fast schon aus dem Diskurs heraus hören.

Die Jagd heute ist nicht die Jagd, die unsere Großeltern hatten; die Jagd morgen wird nicht unsere Jagd sein – das ist klar. Inwiefern wir aber Einfluss auf die Entwicklung des Kulturguts Jagd haben, hängt unmittelbar damit zusammen, wie stark wir selbst als Vorbilder agieren wollen und können. Das Werkzeug und Know-how dafür gibt es schon. Man müsste es nur nutzen!

Ich mag die Atmosphäre der Hunt on Demand-Halle immer noch nicht. Ich werde auch Loden und Kipplaufbüchse treu bleiben. Aber das bin ich. Das ist meine Jagd. Andere haben eine andere Sicht. Das ist nicht schlimm, solange das Fundament der Jagd dasselbe ist – und das ist es. Genau wie im Fall der Technik ist die Anwendung die Krux an der Sache. Der Wärmebildspotter zum Ansprechen ist hilfreich. Jede Nacht dem Schwarzwild mit ihm nachzustellen, ist mehr als fragwürdig. Jagdfilme als tägliche Ausübungsrichtlinie sind sicherlich ungeeignet. Als Unterhaltung mit Bildungsanspruch hingegen helfen sie sicher auch dem Jungjäger, an die Jagd herangeführt zu werden. Wenn er sich dann von alten Werten abwendet, ist dies sicherlich nicht die Schuld von Hunt on Demand, sondern von uns als Vorbilder in der Realität.

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Dr. Tim Wesly Hendrix

Tims Frau beschreibt ihn so: „Der ist einfach ein wenig verrückt“ würde sie sagen. Nun liegt das Genie nah am Irrsinn, er nimmt das also als Kompliment.

Aus dem Bergischen kommend zog es ihn in die weite Welt zum Studium – also nicht ganz so weit weg vielleicht – nach Köln. Mit Zwischenstation in Edinburgh beurteilte ihn dann eine Reihe von Professoren als soweit gereift, um ihm den Doktortitel im Fach Kunstgeschichte zu verleihen. Man möge es ihnen verzeihen. Nebenbei gab es dann noch einen Master in Anglophone Literature – was wiederum nichts anderes ist als das schnöde Anglistik Studium vergangener Tage.

Man sieht also, Tim ist den britischen Inseln und der englischen Sprache sehr zu getan. Seine Frau fragt ihn schon nicht mehr, wo der Jahresurlaub seiner Meinung nach hingehen soll, die Antwort ist ihr hinreichend bekannt. Schottland mit seiner raue, poetischen Westküste hat ihn so in den Bann gezogen, dass er dort jeden Urlaub verbringen könnte.

Das heißt nicht, dass er die anderen Länder nicht wertschätzt – aber keines, nicht einmal die berühmten Wasser Afrikas – haben ihn so vollkommen einnehmen können.

Das spiegelt sich auch in der Leidenschaft für Whisky nieder, obwohl er einem guten Wein auch nicht abgeneigt ist. Kommt dann noch eine Zigarre, oder eine seiner geliebten Pfeifen dazu – das ist wahrer Es(s)kapismus für ihn.

Früh schon zog es ihn ans Wasser, um den heimischen Forellen in kleinen Bergbächen nachzustellen und auch heute noch schwingt er gelegentlich seine Fliegenrute. Was gibt es auch schöneres, als bei ausreichend Wind an einem Bach auf einer Hebrideninsel zu stehen und Fliegen aus der Vegetation zu befreien?

Das seine Hardy Ruten nur noch gelegentlich genutzt werden, liegt vor allem an seiner wohl größten Passion: Der Jagd.

Sie war immer irgendwie da. Schon als kleiner Junge vor der beeindruckenden Wand seines Großonkels. So richtig hat er aber erst vor relativ kurzer Zeit zu ihr gefunden. Dies konnte er freilich durch Eifer, seine Frau spricht von manischem Zwang, ausgleichen.


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