von Harald Schweim
Die Jagdzeit auf den Rehbock rückt unaufhaltsam näher. Während in einigen Bundesländern bereits ab dem 1. April Unruhe im Revier herrscht, halten wir es lieber mit der alten Schule: Nur weil man jagen darf, muss man es noch lange nicht erzwingen. In Tschechien beispielsweise pflegen wir die Tradition der Altvorderen und lassen die Büchse erst ab Mitte Mai sprechen.
Doch Vorfreude entbindet nicht von der Pflicht zur Vorbereitung – das gilt für Jungjäger wie für alte Hasen gleichermaßen. Neben dem obligatorischen Kontrollschießen auf dem Stand, bei dem die Rehwildmunition präzise auf die Optik abgestimmt wird, lohnt sich ein Blick in die Theorie.
In der Ausbildung lernt man den klassischen Blattschuss: mittig auf die Kammer, so wie es die DJV-Wildscheibe vorgibt. Doch die Realität im Wald hält sich selten an die Zweidimensionalität des Schießplatzes. Ein Bock steht selten perfekt breit, und oft erfordern die Geländestruktur oder die Nähe zur Reviergrenze einen Treffer, der das Stück unmittelbar an den Platz bannt. Wer hier im entscheidenden Moment den Finger krümmt, muss die Anatomie des Wildkörpers wie seine Westentasche kennen. Die bekannte DJV-Scheibe (Abb. 1) ist ein gutes Trainingsobjekt, kann aber bei der Einschätzung der tatsächlichen Organlage im lebenden Wildkörper gefährlich täuschen.

Betrachtet man die klassische Ringscheibe genauer, fällt auf: Die höchstdotierte „Zehn“ liegt etwa eine Handbreit hinter dem eigentlichen Blatt. Rein anatomisch werden hierbei lediglich die Lungenflügel durchschlagen – ein Treffer, der zwar als wildpretschonender Küchenschuss gilt, aber tückisch sein kann. In der Theorie ist dieser Schuss tödlich, in der Praxis führt er jedoch häufig zu Fluchtstrecken. Wenn dann noch ein zu hartes Geschoss gewählt wurde, das im Wildkörper nicht ideal anspricht, kann das Stück weit gehen.
Die Folge sind schwierige Nachsuchen, bei denen das Wild im schlimmsten Fall erst gefunden wird, wenn es für die Verwertung bereits zu spät ist. Hier kollidieren sportlicher Ehrgeiz und Jagdethik. Meiner Ansicht nach wäre es daher sinnvoll, bereits in der Ausbildung auf modernere Zielhilfen umzustellen. Ein Beispiel ist die von Wild und Hund entwickelte Rehbockscheibe (Abb. 2), die den Fokus weg von der Wildpretschonung und hin zum Tierschutz lenkt – also auf einen Treffersitz, der das Stück unmittelbar an den Anschuss bannt.

Doch selbst wenn das Stück perfekt breit steht, lauern in der Praxis Tücken, die auf dem Schießstand schlicht nicht simuliert werden. Ein entscheidender Faktor ist die Körperhaltung: Man sollte mit dem Schuss unbedingt warten, bis der Bock das Haupt hebt. Äst das Wild mit tiefem Haupt, wird die Decke – besonders bei starken Stücken – extrem gespannt.
Erfolgt der Schuss in dieser Phase, passiert nach dem Zeichnen und der unvermeidlichen Todesflucht Folgendes: Sobald sich der Körper entspannt, verschiebt sich die Decke über die Ein- und Ausschusswunden. Dieser Effekt wirkt wie ein natürliches Pflaster und unterbindet das Austreten von Schweiß fast vollständig. Ohne diese optischen Pirschzeichen wird die Suche am Anschuss selbst bei einem tödlichen Treffer zur unnötigen Herausforderung. Gerade für Jungjäger ist es deshalb essenziell, die Anatomie nicht nur als statisches Bild, sondern als bewegliches System zu verstehen (Abb. 3).

Wer sich intensiver mit der Anatomie befasst, wird schnell feststellen, dass Schalenwild nicht gleich Schalenwild ist. Zwischen dem kompakten Aufbau einer Sau und dem eines Wiederkäuers wie dem Reh liegen entscheidende Unterschiede – sowohl in der Lage der Wirbelsäule als auch in der gesamten Silhouette. Um in den oft nur sekundenkurzen Momenten der Schussabgabe instinktiv richtig zu handeln, braucht der Jäger ein plastisches, dreidimensionales Bild des Wildkörpers vor seinem geistigen Auge.
Besonders anspruchsvoll wird es bei steilen Schusswinkeln: Wer von einer hohen Kanzel aus kurzer Distanz oder im steilen Gelände bergauf oder bergab schießt, muss seinen Haltepunkt zwingend korrigieren. Versäumt man es in der Aufregung des Jagdfiebers, den Sitz der Kugel nach oben oder unten anzupassen, verlässt das Projektil die Kammer nicht dort, wo es soll. Das Ergebnis ist oft ein qualvolles Krankschießen, das vermeidbar gewesen wäre. Eine hervorragende visuelle Stütze, um dieses räumliche Verständnis zu schulen, ist die sogenannte Elchuhr (Abb. 4).

Die Grafik der schwedischen Elchuhr des Schwedischen Jägerbundes verdeutlicht sehr anschaulich, wie sich der tödliche Bereich der Kammer mit den lebenswichtigen Organen je nach Schusswinkel verschiebt. Geht man von der Idealposition aus – das Stück steht breit und bietet die größtmögliche Trefferfläche –, so ändert sich der notwendige Haltepunkt massiv, sobald sich das Wild dreht.
Wendet sich das Stück vom Schützen ab, muss man das Absehen unter Umständen bis auf die letzten Rippen zurücknehmen. Nur durch diesen diagonalen Geschossweg werden Lunge, Herz und die großen Blutgefäße sicher zerstört. Dreht sich das Wild hingegen zum Schützen hin, verfährt man umgekehrt: Der Haltepunkt wandert nach vorne, am Blatt vorbei in Richtung Stich. Wie sich dieses Prinzip der Elchuhr ganz konkr

Wir alle kennen das Idealbild: Der Bock steht perfekt breit und bietet die optimale Treffläche. Doch selbst in dieser vermeintlich einfachen Situation ist Besonnenheit gefragt. Ein erfahrener Jäger lässt den Finger so lange gerade, bis das Stück das Haupt sicher gehoben hat (Abb. 5). Es gilt, den flüchtigen Moment der Unaufmerksamkeit des Wildes zu nutzen, ohne dabei die anatomischen Risiken zu ignorieren, die das äsende, tiefstehende Haupt mit sich bringt.

Wir müssen uns bewusst machen: In brenzligen Situationen – sei es das nahende Büchsenlicht, die unmittelbare Reviergrenze, eine gefährliche Straßennähe oder schwieriges Gelände ohne verfügbaren Hund – steht die sofortige Tötungswirkung an erster Stelle. Wer darauf angewiesen ist, dass das Stück sicher am Anschuss bleibt, muss den Haltepunkt konsequent auf das Blatt setzen.
Natürlich ist dies, selbst bei modernen Geschosskonstruktionen, nicht ohne Wildbretverlust zu haben. Doch der entscheidende Vorteil liegt auf der Hand: Durch den harten Widerstand der dichten Muskelpartien und der knöchernen Strukturen der Blattschaufel oder des Oberarmknochens wird eine maximale Energieabgabe erzielt. Je nach Laborierung pilzt das Geschoss stärker auf oder deformiert sich so, dass Schusskanal, Gewebe und Nervenbahnen massiv zerstört werden. Das bannt das Wild an den Platz.
Steht der Bock jedoch leicht schräg oder gar halbspitz zum Jäger, weitet sich das Spektrum der Anforderungen. Hier muss der Haltepunkt korrigiert werden und – je nach Winkel – vom Vorderrand des Blattes bis fast zum Stich wandern. Ziel ist es, dem Geschoss den längstmöglichen Weg durch die Kammer zu ermöglichen, um Herz und Lunge sicher zu zerstören.
Dabei ist bei starken Stücken Vorsicht geboten: Wer zu leichte, hochrasante Geschosse nutzt, riskiert, dass diese an harten Knochen zersplittern oder durch einen ungünstigen Auftreffwinkel abgelenkt werden, bevor sie die lebenswichtigen Organe erreichen. Rutscht der Schuss hingegen zu weit nach hinten, landet man unweigerlich im „Weichen“. Oberstes Gebot bleibt jedoch immer: Das Stück muss frei stehen und darf durch nichts verdeckt sein (Abb. 6).

Besondere Vorsicht ist geboten, wenn die Flugbahn nicht vollkommen frei ist. Hochrasante Geschosse, insbesondere moderne Teilzerleger, reagieren extrem empfindlich auf kleinste Hindernisse. Schon ein winziges Ästchen, eine Getreideähre oder ein Blatt im Weg kann dazu führen, dass das Projektil vorzeitig anspricht und zersplittert. Die Folge: Das Geschoss wird unkontrolliert abgelenkt oder schlägt nur noch als Splitterregen im Wildkörper ein. Solche Treffer führen oft zu qualvollen Verletzungen und machen eine erfolgreiche Nachsuche extrem schwierig.
Etwas richtungsstabiler verhalten sich in solchen Situationen meist schwerere und massestabile Geschosse, wie man sie häufig in der .30er-Kalibergruppe (.308 Win. oder .30-06 Spring.) findet – zumindest wenn es sich lediglich um sehr weiche Hindernisse wie einzelne Grashalme unmittelbar vor dem Wildkörper handelt. Dennoch bleibt die goldene Regel der Waidgerechtigkeit bestehen: Ist die Flugbahn durch Bewuchs nicht zweifelsfrei frei, muss der Finger gerade bleiben (Abb. 7). Das Risiko unkontrollierter Splitter oder einer Ablenkung des Projektils ist schlicht zu groß.

Wir jagen heute glücklicherweise nicht mehr, um eine hungernde Familie ernähren zu müssen. Diese Freiheit erlaubt uns die nötige Zurückhaltung bei riskanten Schüssen. Ein Schuss auf den Träger (Hals) mag in absoluten Ausnahmesituationen – auf kurze Distanz und bei absolut stabiler Auflage – technisch machbar sein, doch das Restrisiko eines grausamen Gebrechschusses bleibt bestehen. Wer diesen Schuss dennoch anträgt, sollte dies nach Möglichkeit von hinten tun, um die Wirbelsäule sicher zu treffen.
Dabei muss der Jäger immer den gesamten Ausschusskanal im Blick haben: Bei einem Schuss direkt von vorn besteht die Gefahr, dass das Projektil durch den Wildkörper bis in den Rücken oder die Keulen durchschlägt. Seitliche Trägerschüsse hingegen bergen ein hohes Risiko für reine Drosselschüsse, da schon geringe Höhenabweichungen die Wirbelsäule verfehlen. Je stärker das Wild, desto schwieriger wird es, diesen schmalen Bereich sicher zu treffen.
Völlig inakzeptabel bei gesundem Wild ist der Schuss auf das Haupt. Dieser sollte ausnahmslos dem Fangschuss auf kürzeste Distanz vorbehalten bleiben. Das Risiko, den Kiefer oder die Nackenmuskulatur nur zu zertrümmern, ist viel zu hoch – insbesondere bei seitlicher Stellung. Waidgerechtigkeit bedeutet hier vor allem, die eigenen Grenzen und die der Ballistik zu respektieren.

Die Jagd auf den Reh bock ist weit mehr als das bloße Beherrschen der Schießstand-Optik. Sie verlangt ein tiefes Verständnis für die Anatomie in der Bewegung und die Disziplin, im Zweifelsfall den Finger gerade zu lassen. Ob wir uns für den wildpretschonenden Kammerschuss oder das bannen am Platz durch einen Blattschuss entscheiden, muss stets von der Situation und der eigenen Fertigkeit abhängen. Wer die Dreidimensionalität des Wildkörpers verinnerlicht und die Grenzen der Ballistik respektiert, jagt nicht nur erfolgreicher, sondern vor allem waidgerechter. In diesem Sinne: Bereiten wir uns gewissenhaft vor, damit der erste Bock der Saison sauber liegt.
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Kommentar von Harald Schweim: Inhaltlich und illustrativ folgt dieser Artikel den Darstellungen von Wildmeister Matthias Meyer aus der Ausgabe 09/2023 des Jagdmagazins PIRSCH.
KRAUTJUNKER-Kommentar: Um kein Copyright zu verletzen, verwendete ich soweit möglich auf KI erzeugte Bilder. Der Blog ist ein Nonprofit-Projekt aus Liebhaberei und ich kann keine Lizenzgebühren für Fotografen zahlen.
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Harald Schweim

Seit früher Jugend rund um die Jagd vielseitig interessiert. Musiker, Seemann, Hundeführer, Jäger und Pharmazieprofessor.
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