Es gibt Lebewesen, die so vollendet sind, dass ihre Existenz andächtig macht. Der Rote Thun, auch Blauflossen-Thunfisch (Thunnus thynnus) genannt, ist so eine Kreatur: Perfekt gebaut wie ein Rennpferd und dabei eine große Delikatesse. Doch erstaunlicherweise erkannte man erst in jüngster Zeit, dass dieser Fisch aus der noblen und weitverzweigten Familie der Makrelen undThunfische (Scombridae) ein König der Ozeane ist.

Ein ausgewachsenes Exemplar kann die Marke von drei Metern Länge überschreiten und bis zu 600 Kilogramm auf die Waage bringen. Der größte gefangene Fisch war unglaubliche 4,58 Meter groß und der schwerste Fisch wies ein Gewicht von 684 Kilogramm auf. Zum Vergleich: Ein männlicher Kaffernbüffel (Syncerus caffer) wiegt im Durchschnitt zwischen 500 und 800 Kilogramm.
Die Reise dieses schnell schwimmenden Giganten beginnt unter denkbar fragilen Vorzeichen: Als frisch geschlüpfte Larve im Golf von Mexiko oder im Mittelmeer ist er kaum größer als eine menschliche Wimper, schutzlos den Strömungen ausgeliefert, bevor er zu einem der beeindruckendsten Prädatoren der Weltmeere heranwächst.
Auf der Oberseite seines Kopfes befindet sich ein kleines, fast transparentes Fenster aus Knorpelgewebe. Dieses Zirbeldrüsen-Fenster fungiert wie ein biologischer Belichtungsmesser. Es hilft dem Fisch, das Licht der Sonne und des Mondes wahrzunehmen, um seine vertikalen Wanderungen und Fortpflanzungszyklen zu steuern. Wie Zugvögel kehren die Schwärme nach jahrelangen Wanderungen quer durch den Atlantik zu ihren Laichgründen zurück, um den Fortbestand der Art zu sichern.

Der Lebensraum des Roten Thuns ist das offene Meer. Er bewegt sich in den oberen Wasserschichten, meist zwischen der Oberfläche und einer Tiefe von einhundert Metern. Während Jungfische auf wärmere Strömungen angewiesen sind, dringen ausgewachsene Tiere problemlos in kalte Regionen vor.
Seine eindrucksvolle Gestalt ist ganz auf Leistung und Flexibilität optimiert. Diese Eigenschaften verdankt er einer biologischen Besonderheit: Der Rote Thun ist ein Warmblüter. Als einer der wenigen warmblütigen Fische verfügt er über eine partielle Endothermie. Dies bedeutet, dass er seine Körpertemperatur signifikant über der des umgebenden Wassers halten kann. Mit einer konstanten Körpertemperatur von etwa 27 Grad ist er in der Lage, seine eigene Wärme über mehrere Stunden hinweg aktiv an die Umgebung anzupassen. Seine kräftige, tiefrote Muskulatur wird durch warmes Blut erhitzt, was ihn zu einer Ausnahme in der Fischwelt macht. Dieser energetische Kraftakt ermöglicht ihm eine schnellere Informationsverarbeitung im Gehirn und eine immense Muskelkraft, selbst wenn er in den eisigen Fluten der Ozeane jagt. Seine thermische Unabhängigkeit verschafft ihm einen entscheidenden Vorteil bei der Jagd.
Sogar bei Höchstgeschwindigkeiten von bis zu 65 km/h bleibt er hydrodynamisch perfekt, indem er seine Flossen in spezielle Einbuchtungen am Körper einklappt. In diesen Momenten wirkt er vollkommen glatt, als hätte er seine Gliedmaßen weggezaubert, um dem Widerstand des Wassers zu trotzen.
Sein Speiseplan ist vielseitig und umfasst Schwarmfische wie Makrelen, Heringe oder Seehechte, aber auch Kalmare. Dabei nutzt er zwei unterschiedliche Techniken: Kleinere Beute wird effizient durch die Kiemenreuse aus dem Wasser gefiltert. Bei größeren Tieren setzt er auf das Überraschungsmoment. In plötzlichen Angriffen beschleunigt der Fisch auf bis zu 80 km/h – eine Geschwindigkeit, die ihn in seinem Element fast konkurrenzlos macht.
Zum Vergleich: Tigerhaie erreichen bei der Jagd kurzzeitig allenfalls Spitzenwerte von etwa 32 bis 40 km/h. Ein Schnellboot der Bundesmarine erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von etwa 38 bis 40 Knoten, was rund 70 bis 74 km/h entspricht.
Diese physiologische Überlegenheit hat jedoch ihren Preis. Der Thunfisch ist ein sogenannter Ram-Ventilator: Er kann nicht aufhören zu schwimmen. Um genügend Sauerstoff aufzunehmen, muss er kontinuierlich Wasser mit offenem Maul durch seine Kiemen pressen. Ein Stillstand ist gleichbedeutend mit dem Erstickungstod.
US-Amerikanische und japanische Forscher und Ingenieure, die weltweit führend in der Bionik (Biomimetik) sind, und erkannten bereits früh, dass der Körperbau und die Schwimmweise des Thunfischs (Thunniform) das Nonplusultra an Effizienz und Geschwindigkeit darstellt. Bereits ab den 1990er Jahren inspirierte sie dieser Fisch zum Bau von U-Boot-Robotern mit der steifen Körperform eines Thunfisches, bei der nur das hintere Drittel und die Schwanzflosse Flossenschläge ausübte. Diese Konstruktion erzeugt enormen Vortrieb bei minimalen Energieaufwand. Neuere japanische Prototypen nutzen keine klassischen Motoren mehr, sondern künstliche Muskeln (Shape Memory Alloys oder weiche Aktuatoren), um die lautlose und geschmeidige Bewegung der echten Thunfischmuskulatur nachzuahmen.
Doch die extreme Physiologie birgt eine kuriose Gefahr, die Fischer und Feinschmecker gleichermaßen fürchten. Thunfische sind so „heiß“ auf Bewegung, dass sie ihre Temperatur um bis zu 20 Grad über das Umgebungswasser aufheizen können. Gerät ein Fisch an den Haken und wird zu lange gedrillt, setzt ein Prozess ein, den Fischer salopp als Burn-out und Meeresbiologen wissenschaftlich als Burnt Tuna Syndrome (BTS) bezeichnen. Durch den extremen Stress und die körperliche Anstrengung „kocht“ sich der Fisch von innen selbst. Die Kombination aus Hitze und sinkendem pH-Wert lässt die Proteine denaturieren. Das Fleisch wird blass, wässrig und säuerlich – die wertvolle Sashimi-Qualität ist innerhalb von Minuten zerstört.
Unsere Wertschätzung für sein Fleisch ist jedoch ein historisch junges Phänomen. Es ist eine der großen Ironien der gastronomischen Kulturgeschichte, dass der Rote Thun lange Zeit als minderwertig galt. Im Japan des 19. Jahrhunderts bevorzugte man über Jahrhunderte subtilere Aromen wie Weißfisch oder Schalentiere. Der Thunfisch trug den wenig schmeichelhaften Beinamen neko-matagi – ein Fisch, über den selbst eine hungrige Katze hinwegsteigen würde.
Bevor der Rote Thun zur Ikone wurde, war er an der US-Ostküste als lästiger Beifang verrufen. Kommerzielle Fischer nannten ihn abfällig Horse Mackerel (Pferdemakrele). Der große und muskulöse Fisch galt als Brutalo, der regelmäßig die Netze für wertvollere Speisefische zerriss. Niemand wollte ihn essen, da das blutrote Fleisch seinerzeit als unappetitlich galt.
Die Verwandlung vom Schädling zur Delikatesse begann über das Sportfischen. Ab etwa 1920 entdeckten gut betuchte Pioniere der Oberschicht den Nervenkitzel im Kampf gegen die 300 bis 400 Kilo schweren Giganten. Inspiriert von den Safaris auf die gefährlichen Big Five, welche man als Big Game Hunting bezeichnete, erfanden sie das Big Game Fishing. Hierbei angelten sie mit einer aus heutiger Sicht unglaublich primitiven Ausrüstung. So unterstützen sie die Rolle händisch mit „Leder-Daumenställen“ (leather thumb stalls), um die Mechanik des primitiven Bremssystem zu unterstützen. Oft hielten die Rollen nur für einen einzigen Fisch, bevor sie Schrott waren. 1939 wurde das Bailey Island Tuna Tournament in Maine gegründet, das als ältestes kontinuierliches Thunfisch-Turnier der Ostküste gilt.
Der berühmte Autor Zane Grey, ein leidenschaftlicher und visionärer Sportangler, zog in seinen Texten explizite Parallelen zwischen den Ozeanen und der Wildnis. Er verglich riesige Thunfischschwärme mit den gewaltigen Büffelherden, die Buffalo Bill einst in den Great Plains beschrieben hatte. Für ihn war das Meer die letzte ungezähmte Grenze, die man mit dem „Gewehr“ der Angler – der Rute – bezwingen musste.

Hemingway war die personifizierte Schnittstelle beider Welten. Er jagte in Afrika auf Safari und war auf seinem Boot Pilar im Golfstrom oder vor Peru unterwegs, wie es in dem Buch Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru geschildert wird. Für ihn war der Kampf gegen einen riesigen Blauflossen-Thunfisch oder Marlin ein fairer Wettbewerb zwischen Mann und Natur, ganz ähnlich wie die lebensgefährliche Pirsch auf einen Löwen oder Kaffernbüffel. Tatsächlich brachte so ein Kampf kräftige Männer an ihre nervlichen und körperlichen Grenzen oder liess sie kollabieren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Thunfischfischen zum Inbegriff des modernen Luxus. Es war die Ära der klassischen Chris-Craft– und Rybovich-Boote, die speziell für das Big-Game-Fischen entworfen wurden. Orte wie Galilee in Rhode Island entwickelten sich zu wahren Tuna Towns, in denen während der Turniere Hunderte von Luxusyachten ankerten.

Das United States Atlantic Tuna Tournament (USATT) wurde zu einer Art Super Bowl des Angelns mit Volksfestcharakter.

Doch in Nordamerika war der große Thunfisch bis in die 1950er Jahre lediglich eine begehrte Beute für Sportfischer. Der Reiz lag allein darin, ihn mit einer groben und riesigen Angelrute im stundenlangen Kampf zu bezwingen.

Anschließend wurde der Fisch für ein Foto an Land gehievt. Wenn die Kadaver nicht auf Mülldeponien entsorgt wurden, verarbeitete man sie zu Katzenfutter, welches für wenige Cent verkauft wurde. Niemand dachte daran, das blutige, rote Fleisch selbst zu verzehren.

Der Wandel zum Statussymbol der gehobenen Gastronomie war ein Zufall der Logistik. In der Nachkriegszeit exportierte Japan massenhaft Unterhaltungselektronik in die USA, doch die Frachtflugzeuge kehrten oft leer zurück. Auf der Suche nach einer rentablen Rückfracht stieß man auf die billigen, von Sportfischern entsorgten Thunfisch-Karkassen. Man begann, sie nach Japan zu fliegen und bei Sushi-Köchen zu bewerben.
Das Timing war historisch perfekt: Die japanische Gesellschaft befand sich nach dem 1945 verlorenen Krieg in einem radikalen kulinarischen Umbruch. Mit dem schwindenden Einfluss des jahrhundertealter religiöser Speiseverbote, die den Verzehr von Fleisch lange Zeit geächtet hatten, und unter dem Eindruck der siegreichen US-Besatzung, wandelte sich der nationale Gaumen. Man aß nun Rindfleisch und gewöhnte sich an schwere, fettige Aromen. Der fleischige, fast steakartige Geschmack des Roten Thuns traf diesen neuen Zeitgeist exakt – der einstige Außenseiter wurde zum kulinarischen Inbegriff des neuen Wohlstands.

Der Siegeszug des toro (des fetten Bauchfleischs) begann und mit dem Sushi wurde er schließlich aus Japan zurück in die ganze Welt exportiert. Was einst Bio-Müll entwickelte sich zu einer teuren Delikatesse – eine Parallele, die mich stark an das Buch Raubzug – Der teuerste Fisch der Welt und die Jagd nach seinen Jägern über den Schwarzen Seehecht erinnert.

Heute werden auf den Neujahrsauktionen in Tokio astronomische Summen erzielt. Kiyoshi Kimura, der selbsternannte Thunfischkönig, Präsident der Kiyomura Corp., welche die populäre Restaurantkette Sushi Zanmai betreibt, zahlte bereits 2019 die Summe von 333,6 Millionen Yen (rund 2,7 Millionen Euro) für ein Tier. Im Januar 2026 ersteigerte er einen 243 kg schweren Fisch für umgerechnet 510,3 Millionen Yen (aufgrund der Abwertung des Wechselkurses ca. 2,8 Millionen Euro). Seine Begründung: „Der erste Thunfisch des Jahres bringt Glück. Wir hoffen, dass möglichst viele Menschen ihn genießen und sich davon beleben lassen können“.

Dieser kommerzielle Druck auf die drei Hauptarten den Atlantischen (Thunnus thynnus), des Nordpazifischen (Thunnus orientalis) und des Südlichen Blauflossen-Thunfisches (Thunnus maccoyii) führte fast zum Kollaps der Bestände. Von je 50 Atlantischen Blauflossen-Thunfischen, die 1940 noch lebten, war 2010 noch einer übrig.
Doch die Geschichte hat eine positive Wendung genommen, denn auf Grundlage wissenschaftlicher Gutachten wurden internationale Schutzmaßnahmen und Fangquoten beschlossen. Die Bestände im Ostatlantik und Mittelmeer haben sich massiv erholt und gelten heute als eine der größten Erfolgsgeschichten des marinen Artenschutzes. Inzwischen wird die Art in diesen Regionen von Experten nicht mehr als überfischt eingestuft.

Bildquelle: kate estes auf Unsplash
Eine schöne Erfolgsgeschichte des Artenschutzes – zum Wohle eines der faszinierendsten Bewohner unserer Ozeane und zum Glück für Angler und Gourmets.
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