Heilende Pilze: Matsutake, Echter Krokodilsritterling (Tricholoma Matsutake)

von Jürgen Guthmann

 

TRICHOLOMA MATSUTAKE
Echter Krokodilsritterling, Matsutake

 

KrokodilsritterlingAbb.: Echter Krokodilsritterling, Matsutake (Tricholoma Matsutake); Bildquelle: Wikipedia

 

Synonyme: Tricholoma nauseosum/Armillaria nauseosa
Japanischer Name: Matsu-Take – Kiefernpilz
Chinesische Namen: Song Koumo, Song Rong, Song Jun, Quin Gang Jun

 

EINFÜHRUNG

Der Echte Krokodilritterling (Tricholoma matsutake) oder kurz „Matsutake“ ist bei uns nahezu unbekannt. In Japan ist der Pilz hingegen eine gesuchte und teuer gehandelte Spezialität, die im Land auf eine mehr als tausendjährige Tradition zurückblickt. Der Pilz symbolisiert Fruchtbarkeit, Glück und Gelassenheit. Er dient in Japan als Geschenk, mit dem man seine ganz besondere Wertschätzung ausdrucken kann und wurde verständlicherweise auch in der Diplomatie verwendet.
Sein hohes Ansehen spiegelt sich in zahlreichen künstlerischen Werken (Gedichten, Zeichnungen und Gemälden) wider.

 

Guthmann, Heilende Pilze
Abb.: Tricholoma matsutake; Foto aus Buch; Fotograf Daniel Winkler

 

Die wörtliche Übersetzung des japanischen Begriffes „Matsutake“ lautet Kiefernpilz. Die Japaner lieben seinen strengen Duft und die besondere Form junger Exemplare. Im Jugendstadium umschließt das Velum die Lamellen und der Hut ist noch nicht auf geschirmt, sodass der Pilz an einen Phallus erinnert. Derartige Exemplare von hervorragender Qualität erzielen die höchsten Preise.
In Japan sind die Partnerbäume des Mykorrhiza-Pilzes, insbesondere die Rotkiefer (Pinus densiflora), seit etwa 70 Jahren von einer Nematodenkrankheit bedroht. 1941 wurden in Japan noch 12 000 Tonnen des Pilzes geerntet. Im Jahr 2006 waren es dagegen nur noch 39 Tonnen. Der Pilz wurde immer seltener und damit teurer und wird in großem Umfang importiert (s. dazu auch unter „Wissenswertes“). Auch in China und Korea gilt der Matsutake als Spezialität. Bei der Naxi Minderheit im Südwesten der Volksrepublik China wird der Pilz als traditionelle Hochzeitsspeise gereicht.
In Europa wurde der Pilz ursprünglich als (Tricholoma nauseosum) identifiziert (s. dazu auch unter „Geschichte“). Da Fundorte vor allem in Schweden und Norwegen existieren, wird er oft auch als „Schwedischer“ oder Norwegischer“ Matsutake bezeichnet.
Morphologische Betrachtungen (Kytovuori 1989) legten nahe, dass es sich bei Tricholoma matsutake und nauseosum um ein und dieselbe Art handelt. Zum selben Schluss gelangten Bergius et al. (2000) und Matsushita et al. (2005) durch Vergleich verschiedener genetischer Marker. Vergleichende Untersuchungen von 700 Basenpaaren ergaben eine Übereinstimmung von 99 bis 100 % zwischen schwedischen und japanischen oder koreanischen Matsutakepilzen.
Das beide Arten gleich sind, könnte auch damit zusammenhängen, dass das fast durchgehende Waldgebiet von Schweden über die russische Taiga bis Japan keine genetische Barriere darstellt und sich der Pilz so ungehindert ausbreiten konnte. Eigentlich müsste der Matsutake wissenschaftlich exakt als Tricholoma nauseosumbezeichnet werden. Mittlerweile hat man sich aber darauf geeinigt, den Pilz mit dem Namen Tricholoma matsutake zu benennen. Das Epiheton „nauseosum“ leitet sich vom lateinischen „nauseosus = Ekel erregend, Übelkeit hervorrufend“ ab und bezieht sich auf den Geruch des Pilzes, den der Entdecker wenig gewinnend fand. Man hielt ihn aus diesem Grund auch für ungenießbar. Die Einschätzung des Geruchs variiert weltweit stark. In vielen Ländern, in denen der Pilz gefunden wird, kann man die besondere Vorliebe der Japaner dafür nicht nachvollziehen.
Eine ausführliche Schilderung über Tricholoma matsutake, seine weltweite Verbreitung, Handel, Lebensweise, verwandte Arten und vieles mehr finden sich bei Yun et al. (1997).
Nachfolgend wird Tricholoma matsutake als Echter Matsutake oder schlicht Matsutake bezeichnet.

 

KURZBESCHREIBUNG DER MEDIZINISCHEN WIRKUNG

≫ immunmodulierend
≫ hemmt das Krebswachstum
≫ antioxidativ
≫ entzündungshemmend
≫ anitarteriosklerotisch

 

MEDIZINISCHE VERWENDUNG

Die heilkundliche Verwendung des Matsutake reicht in China einige tausend Jahre zurück. Darüber hinaus wurde er auch rituell verwendet. Man nutzte ihn zur Behandlung von Magenschleimhautentzündung, Fieber und Krämpfen. Außerdem bei Mandelentzündung und zur Behandlung von Eingeweidewürmern.
Der Pilz weist krebshemmende Eigenschaften auf. Im Tierversuch zeigte er positive Effekte bei soliden und chemisch induzierten Tumoren (Ikekawa et al. 1969, Ebina et al. 2002). Er unterdrückt die Metastasenbildung bei Carcinomazellen, indem er das Immunsystem positiv beeinflusst. Außerdem konnte gezeigt werden, dass Extrakte aus dem Myzel den Dickdarm vor den schädlichen Auswirkungen stark krebserregender Chemikalien wie Azoxymethan schützt (Matsanuga et al. 2003).
[Rest dieses Kapitels gekürzt]

 

Guthmann, Heilende Pilze
Abb.: Tricholoma matsutake; Foto aus Buch; Fotograf Petri Roponen

 

GESCHICHTE

Eine der ersten Erwähnungen des Pilzes findet sich in einem japanischen Gedicht aus dem 8. Jh. n.Chr. Nach Schilderungen aus dem 13. Jh. genoss man den Pilz am Hof und verschenkte ihn zu besonderen Anlässen. Dieser Brauch ist bis heute erhalten geblieben. Im 11. Jh. mussten Frauen am kaiserlichen Hof in Kyoto ihre besondere Wertschätzung dem Pilz gegenüber durch die Bezeichnung O-Matsutake ausdrücken. Bis ins 18. Jh. hinein war der Verzehr des Pilzes vor allem dem kaiserlichen Hof vorbehalten.
Je mehr sich der Konsum des Pilzes in zahlreichen Bevölkerungsschichten ausbreitete, umso mehr nahmen auch die Anspielungen auf seine phallische Form zu und fanden Eingang in Kunst und Gesellschaft. Damit einher gingen auch erste wissenschaftliche Betrachtungen. Ein buddhistischer Mönch notierte die jährlichen Fundmengen in einem Bergwald bei Kyoto. Auf der Grundlage dieser Aufzeichnungen konnte der Japaner Hamada die jährlichen Niederschläge, Temperaturbedingungen, das Alter und Vitalität des Bergwaldes im Zeitraum von 1636 bis 1667 abschätzen. Der Matsutake war ursprünglich in ganz Japan verbreitet. Man fand ihn in den nördlichen Kiefernwäldern Hokkaidos ebenso wie im südlichen Kyushu. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er immer seltener und die Funde erreichten 1961 gerade noch ein Zehntel der Mengen vor Kriegsausbruch. Im gleichen Maß wurden die Importe ausgeweitet.
Seit Anfang des letzten Jahrhunderts werden die Kiefernwälder in Japan von mikroskopisch kleinen Fadenwürmern (Nematoden) befallen, die von einem Käfer von Baum zu Baum übertragen werden. Besonders Rot- und Schwarzkiefern reagieren sehr empfindlich auf diesen Schädling. Die Invasion begann im Süden der Insel und breitete sich immer weiter nach Norden aus. Der Befall mit den Nematoden tritt immer wieder in Wellen auf und bringt die Wirtsbäume schließlich zum Absterben. Es gibt Hinweise darauf, dass sich der Parasit auch aufs Festland ausbreitet. Besonders schlimm wütet der Schädling, wenn die Bäume durch ungünstige Witterung mit Trockenheit und großer Hitze bereits vorgeschädigt sind. Hierbei spielen aber auch Einflüsse der forstlichen Nutzung und die allgemeine Klimaveränderung eine Rolle. Seit 1603 gibt es in japanischen Büchern immer wieder Beschreibungen und Abbildungen des Pilzes. In dem aus dem Jahr 1695 stammenden Buch „Honcho Shokkan“ wurde erstmals die innige Verbindung zwischen dem Pilz und der Kiefer erkannt. Seit etwa 1930 wird in Japan die Lebensweise des Pilzes wissenschaftlich untersucht.

Der erste nichtjapanische Wissenschaftler der sich mit dem Matsutake befasste, war der Schwede Thunberg (1784). Den ersten Bericht über den Pilz publizierte zwei Jahre später Fries in Halmbyboda in der Nähe von Uppsala. Er bezeichnete den Pilz zunächst als Agaricus focalis var. Goliath. Die in Schweden verwendete Bezeichnung „Goliatmusseron“ gründete sich auf Fries Name. Fries war damit der Erste, der den heute weithin bekannten Tricholoma matsutake mit einem Namen versah. Belegexemplare davon sind nicht erhalten geblieben. Allerdings gibt es im schwedischen Naturkundemuseum in Stockholm zwei Abbildungen des Pilzes von Fries, die den Schluss zulassen, dass es tatsächlich um den Echten Matsutake gehandelt hat. Diese Meinung teilten auch Lundell und Nannfeldt (1949). Fries ordnete den Pilz noch fälschlicherweise in die Gattung Agaricus ein. Blytt bezeichnete ihn 1905 als Armillaria bzw. Tricholoma nauseosum. Damit hätte dieser Name nach den Regeln der Botanik eigentlich Vorrang vor Ito und Imais Namengebung von 1925, die ihn als Armillaria bzw. Tricholoma matsutake bezeichneten.

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KRAUTJUNKER-Kommentar: Dieses Buchkapitel aus „Heilende Pilze“ wurde von mir um folgende Unterkapitel gekürzt: INHALTSSTOFFE, VERWENDUNG IN DER KÜCHE, WISSENSWERTES, STANDORT, BESCHREIBUNG; GATTUNGSMERKMALE, WEITERE ARTEN und VERWECHSLUNGSMÖGLICHKEITEN. Wer mehr als nur oberflächlich interessiert ist, möge zum unten bezeichneten, sehr empfehlenswerten Buch greifen.
Unten finden sich noch die Weblinks zu weiteren Leseproben.

 

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

Guthmann, Heilende Pilze

Titel: Heilende Pilze: Die wichtigsten Arten der Welt im Porträt

Autor: Jürgen Guthmann

Verlag: Quelle & Meyer Verlag GmbH & Co

Verlagslink: http://www.quelle-meyer.de/shop/heilende-pilze/

ISBN: 978-3-494-01669-6

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Bereits veröffentlichte Leseproben:

https://krautjunker.com/2018/04/13/heilende-pilze-fliegenpilz-amanita-muscaria/

https://krautjunker.com/2018/07/06/heilende-pilze-laerchenschwamm-laricifomes-officinalis/

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