Heilende Pilze: Fliegenpilz (Amanita muscaria)

von Jürgen Guthmann

 

AMANITA MUSCARIA
Fliegenpilz

 Fliegenpilz 3

Abb.: Fliegenpilz (Amanita muscaria); © Roland Letscher

Japanischer Name: Hayetoritake
Englischer Name: Fly Agaricus
Französischer Name: Amanite tue-mouches, Fausse oronge

 

EINFÜHRUNG

Wohl kaum ein anderer Pilz ist weltweit so bekannt wie der Fliegenpilz. Jedes Kind kennt ihn und wird fälschlicherweise stets vor dessen großer Giftigkeit gewarnt. Der rote Fliegenpilz symbolisiert das warnende Sinnbild für die giftigen Pilze.
Auf der anderen Seite kann sich wohl niemand der Faszination dieses Anblicks entziehen. Wenn wir im Wald unvermutet auf einige Exemplare stoßen, und die jungen, knallroten, eiförmigen Fruchtkörper quasi aus dem Boden geboren werden. Im Alter bildet der Pilz einen Kelch, in dem sich der Morgentau sammelt. Der Fliegenpilz gefällt uns, er macht uns glücklich, obwohl oder gerade weil er uns so oft im Leben begegnet. Wir erinnern uns an glückliche Momente im Leben, für die der Pilz ein Symbol ist. Dass der Pilz noch mehr kann, und dass es allerlei Interessantes über ihn zu berichten gibt, werden die folgenden Seiten zeigen.

KURZBESCHREIBUNG DER MEDIZINISCHEN WIRKUNG UND EINSATZGEBIETE

äußerlich bei Rheuma und Gelenkschmerzen
zur Behandlung von Geschwüren, Wunden und krebsartigen
Veränderungen der Haut
gegen Epilepsie und Lähmungen
zur Behandlung von Durchfällen
bewusstseinsverändernd 

MEDIZINISCHE VERWENDUNG

In Finnland wurde die alkoholische Tinktur aus dem Pilz zur äußerlichen Behandlung von Prellungen und Stauchungen verwendet. Zur Herstellung wurde die rote Huthaut des Fliegenpilzes für einige Tage in Wodka eingelegt. Die innerliche Verwendung kleiner Mengen lindert Kopf- und Magenschmerzen. In Sibirien wurden mit dem Kaltwasserextrakt die Beine bei Schlangenbissen massiert. Einige nordamerikanische Indianerstämme, wie die Cree nutzen den Fliegenpilz für Spülungen bei Infektionen des Auges.
Aus Sibirien stammen Berichte zur innerlichen Verwendung des Fliegenpilzes bei psychosomatischen Erschöpfungszuständen. Bis ins 19. Jahrhundert hinein wurde er sowohl als Hausmittel als auch als ärztlich verordnetes Medikament u. a. innerlich gegen Epilepsie und Fieber und äußerlich gegen Fistelgeschwüre genutzt. Unter dem Namen „Fungus muscarius“ war er sogar offizinell, also Bestandteil des Arzneischatzes. In der Homöopathie ist „Agaricus muscarius“ noch heute ein Mittel gegen Beschwerden des gesamten Nervensystems (Bremness 1995). Er wird als homöopathische Potenz (D4, D6, D30, D200) entsprechend dem Arzneimittelbild u. a. gegen Beschwerden der Wechseljahre, Übererregbarkeit sowie Blasen- und Darmkrämpfe durchaus mit Erfolg verwendet. Es gibt einzelne Hinweise, nach denen es durch die Einnahme des homöopathischen Mittels zu einer Besserung der Parkinson-Symptome kommt. Alle homöopathischen Zubereitungen sind zwar apothekenpflichtig, aber nicht verschreibungspflichtig (nicht einmal die Urtinktur). Weder das Sammeln noch das Konsumieren des Fliegenpilzes ist illegal. Waldschmidt (1992) beobachtete bei seinen Patienten nach der Einnahme der Urtinktur eine Intensivierung des Traumerlebens. Negative körperliche und psychische Begleiterscheinungen blieben offenbar auch am nächsten Tag aus.

Fliegenpilz 1Abb.: Fliegenpilz (Amanita muscaria); © Roland Letscher

Offenbar wird der Pilz noch immer medizinisch eingesetzt. Beispielsweise verwendet man ihn in Sibirien (Novosibirsk) gegen verschiedene Krebserkrankungen, Drüsenerkrankungen und Rheuma. Dem Autor liegen Schilderungen zu einer erfolgreichen innerlichen Verwendung des alkoholischen Pilzauszuges bei Pfeifferschem Drüsenfieber vor. Niedrig dosiert ruft die Anwendung keine bewusstseinsverändernden Effekte hervor, es wird aber von einer stimmungsaufhellenden Wirkung berichtet. Äußerlich hilft die Anwendung bei Rheuma.
In Litauen wird der Pilz für Einreibungen bei Gelenk – und Rückenschmerzen verwendet. Hierfür werden 3 bis 4 Fliegenpilzköpfe zunächst zwei Tage im Kühlschrank gelagert, dann klein geschnitten, in ein Glas gegeben und fingerbreit mit Wodka aufgefüllt. Der Ansatz verbleibt für zwei Wochen im Kühlschrank. Anschließend werden die Pilze entfernt. Schmerzende Gelenke sollte man damit regelmäßig einreiben. Zur Bevorratung wird empfohlen, Fliegenpilzköpfe in ein großes Glas zu füllen und das Glas tief (ca. 1 m) in die Erde zu vergraben. Unter günstige Bedingungen entsteht nach einem Monat eine flüssige Masse mit einem spezifischen Geruch. Diese Masse wird durch eine Gaze gegossen und die dadurch entstandene Flüssigkeit 1:1 mit Alkohol verdünnt. Die Tinktur halt mehrere Jahre (Martisiene 2013).
Wie bereits angesprochen können neben frischen Pilzen auch alkoholische Auszüge eingesetzt werden. Hierfür werden etwa 2 bis 3 Fliegenpilze für mehrere Tage in eine Flasche Wodka verbracht. Der alkoholische Auszug kann anschließend innerlich oder äußerlich angewandt werden. Traditionell wird ein Wodkaauszug in Russland zur äußerlichen Behandlung von Gelenkschmerzen genutzt. Auch pulverisiertes Pilzmaterial wird verwendet, beispielsweise zur äußerlichen Behandlung von geschwürigen, schlecht heilenden Wunden. Auf der Halbinsel Kamtschatka werden kleine Stücke des Fliegenpilzes bei Entzündungen im Hals- und Rachenraum gelutscht. Die innerliche Anwendung des Fliegenpilzes ist wegen seines sehr stark schwankenden Wirkstoffgehaltes nicht unproblematisch. Aus diesem Grund muss eine diesbezügliche Verwendung immer mit äußerster Vorsicht erfolgen.

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Abb.: Fliegenpilz (Amanita muscaria); © Roland Letscher

Es gibt Berichte nach denen Rentiere bei Verdauungsproblemen ebenfalls den Fliegenpilz fressen.
Neben diesen rein physischen Anwendungen spielt der Fliegenpilz seit Urzeiten eine überaus bedeutsame Rolle in den Heilungsritualen der Schamanen überall auf der Welt. Der Pilz half ihnen dabei, neben den rein körperlichen auch die geistig seelischen Ursachen für eine Erkrankung zu suchen, zu finden und rituell zu überwinden. Erst langsam kehren wir wieder zurück zu dieser ganzheitlichen Sichtweise und müssen anerkennen, dass vieles was wir lange belächelt haben den Menschen heilt und wieder ganz macht. In Hagers Handbuch der pharmazeutischen Praxis, Folgeband 2, 5. vollst. überarbeitete Aufl. 1998 finden sich Monographien zu folgenden Amanita-Arten: Amanita citrina (Agaricus citrinus hom.), Amanita pantherina (Agaricus pantherinus hom.), Amanita muscaria und Amanita phalloides.

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Abb.: Fliegenpilz (Amanita muscaria); © Roland Letscher

INHALTSSTOFFE

Ganz im Gegensatz zu seinem Namen enthält der Fliegenpilz nur sehr wenig L-(+)-Muscarin (0,0002 % bezogen auf die Frischmasse). Muscarin (Abb. 2) wurde 1869 von Schmiedeberg und Koppe in winzigen Mengen im Fliegenpilz entdeckt.

Guthmann, Heilende PilzeMuscarin existiert in zwei optisch aktiven Konfigurationen, von denen im Fliegenpilz nur das L-(+)-Muscarin vorkommt. Die Konzentration ist allerdings derart gering, dass sie toxikologisch ohne Bedeutung ist. Der wichtigste Giftstoff im Fliegen- und Pantherpilz ist die Ibotensäure. Dieser wurde erst Mitte der 1970er-Jahre von dem Schweizer Eugster und dem Japaner Takemoto unabhängig voneinander entdeckt. Der Gehalt im Fliegenpilz erreicht Werte von bis zu 0,3 % (in getrockneten Pilzen). Allerdings schwanken die Werte außerordentlich stark. Beim Pantherpilz (A. pantherina) sind die Gehalte anscheinend etwas geringer. Der Gehalt von Muscimol im Fliegenpilz liegt um 0,1 % beim Pantherpilz ist er offenbar etwas höher. Untersuchungen zeigen wiederum stark schwankende Werte. Das Fleisch der Pilzhüte enthält höhere Konzentrationen an Ibotensäure und Muscimol (Abb. 3) als die Huthaut.

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In den Stielen sind die Gehalte an beiden Stoffen geringer als in den Hüten (Tsujikawa et al. 2006). Sauer und Weilemann 2001 geben den Gesamtgehalt an Isoxazolen (Ibotensäure, Muscimol etc.) mit 0,03 bis 0,18 % bezogen auf die Trockenmasse an. Beim Kochen, Trocknen, oder Lagern der Pilze bildet sich aus der Ibotensäure das etwa 5-mal wirksamere Muscimol und das pharmakologisch kaum aktive Muscazon. Muscimol entsteht auch im Körper selbst aus der zugeführten Ibotensäure und ist dann im Urin nachweisbar. Beide Stoffe sind wasserlöslich. Sie unterliegen derzeit nicht dem Betäubungsmittelgesetz. Offenbar sind sie auch für die insektentötende Wirkung des Fliegenpilzes verantwortlich. Eine Grundvoraussetzung dafür, dass beide Substanzen eine intensive Wirkung auf das Gehirn entfalten können, liegt in ihrer Fähigkeit, die Blut-Hirn-Schranke passieren zu können. Muscimol ist ein Agonist des natürlich im Körper vorkommenden Botenstoffes (Neurotransmitter) γ-Aminobuttersäure (GABA). Wie dieser ist es in der Lage, an spezielle GABA-Rezeptoren zu binden und eine Hemmwirkung auf bestimmte Bereiche des Gehirns zu entfalten. Außerdem führt es zu einer Erhöhung des Gehaltes an Neurotransmittern wie Serotonin, Dopamin, Acetylcholin und einer Verminderung an Noradrenalin. Matsumoto et al. (1969) wiesen mit 4-Hydroxy-pyrrolidon (Abb. 4) eine weitere Verbindung nach, deren chemische Struktur der von Ibotensäure und Muscimol sehr ähnlich ist.

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Verbindungen mit diesem chemischen Grundgerüst kommen bei mikroskopisch kleinen Schimmelpilzen häufig vor und wirken gegen Bakterien und Pilze. Wahrscheinlich werden sie alle aus Glutaminsäure als Vorstufe gebildet
Ein synthetisches Derivat des Muscimols (THIP = 4,5,6,7-tetrahydroisoxazolo (4,5-e)-Pyridin-3-ol) ist ein spezifischer Agonist des GABARezeptors, indem es an diesen bindet und zu seiner Aktivierung führt. Es wirkt schmerzhemmend und stellt bei Parkinsonpatienten mit Schlafstörungen die normale Schlafstruktur wieder her.
Ibotensäure bindet vor allem an den NMDA-Rezeptor (N-methyl-D-Aspartinsäure), dessen natürlicher Bindungspartner das Glutamat (Glutaminsäure) ist und wirkt dort aktivierend. Außerdem ist die Verbindung stark neurotoxisch (nervenschädigend). Die im Fliegenpilz enthaltenen Inhaltsstoffe stören das koordinierte Wechselspiel der natürlichen Neurotransmitter im Gehirn. Die damit verbundene psychotrope Wirkung kann nicht nur durch den Verzehr, sondern auch durch das Rauchen getrockneter Huthäute oder Pilzkörper erreicht werden. Dabei ist Rauchen eine aus pharmakologischer Sicht sehr schnelle und wirkungsvolle Methode, um Wirkstoffe, die sich verdampfen lassen, aufzunehmen. Getrocknete Fliegen- und Pantherpilze wurden mit Tabak und einer ganzen Reihe von anderen teils zentral wirksamen Kräutern (Damiana, Nachtschattengewächse, Hanf etc.) vermischt und geraucht. Neben einem sehr schnellen Wirkungseintritt sind auch die bei der inhalativen Anwendung verwendeten Mengen geringer als bei oraler Einnahme.
Bei der Aufnahme über den Mund werden zur Erzielung eines Rauschzustandes üblicherweise etwa drei getrocknete Pilze verspeist. Ein Gramm getrockneter Pilze enthält etwa 1 bis 5 mg Ibotensäure und 3 bis 10 mg Muscimol. Nach Hagers Handbuch fuhren bereits 10 mg Muscimol bei oraler Aufnahme zu Vergiftungserscheinungen.
Eine andere Möglichkeit besteht darin, ein bis zwei frische Pilze oder eine bis drei Huthäute pro Person in Wasser, Milch oder Alkohol für mehrere Stunden einzulegen und davon eine kleine Menge zu trinken. Die zur Erzielung eines Rauschzustandes angegebene Zahl von Pilzen ist je nach Quelle sehr uneinheitlich.
Da die rauscherzeugenden Stoffe offenbar hitzestabil sind, können die Pilze auch gekocht und der Sud eingenommen werden. Muscimol wird in den Nieren nur wenig abgebaut und praktisch unverändert über den Urin ausgeschieden. Ibotensäure besitzt strukturelle Ähnlichkeit mit dem als Geschmacksverstärker verwendeten Glutamat bzw. der Glutaminsäure und übertrifft dessen Wirkung auf den Geschmack um ein Vielfaches. Erstaunlicherweise wurde für diese Wirkung 1969 sogar ein Patent ausgestellt.

Reichl (1997) beschreibt den Verzehr von zehn Fliegenpilzen als tödlich giftige Menge. Nach Hagers Handbuch der Pharmazeutischen Praxis liegt die tödliche Dosis für einen Erwachsenen bei über 100 g Frischpilz (ca. 10 Trockenmasse).

Neben der Ibotensäure enthält der Fliegenpilz auch geringe Gehalte an Bufotenin. Bufotenin (Abb. 5) ist als Inhaltsstoff aus dem Abwehr-Drüsensekret verschiedener Kröten bekannt, spielt aber offenbar für die Giftwirkung des Fliegenpilzes keine Rolle.

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Es kommt auch im Gelben Knollenblätterpilz (Amanita citrina, Abb. 6) in stark wechselnden Mengen vor und wirkt antibakteriell.

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Für den Menschen ist es nur giftig, wenn es direkt in die Blutbahn gelangt. Die parenterale Verabreichung führt zu Kopfschmerzen, Schwindelgefühlen und Halluzinationen.

Der Gelbe Knollenblätterpilz (Abb. 7) ist essbar, aber wegen der bestehenden Verwechslungsgefahr mit giftigen Arten zu meiden, und insbesondere aufgrund seines typischen Kartoffelkellergeruches ein minderwertiger Speisepilz.

Guthmann, Heilende PilzeRoh ist der Pilz giftig, da er hämolysierend wirkende Lektine enthalt. Diese werden durch ausreichendes Kochen oder Braten zerstört.
Die intensiv rote Farbe des Fliegenpilzes wird durch eine ganze Palette sogenannter Betalaine hervorgerufen, beispielsweise die orangegelben Muscaaurine (s. Abb. 8) und die rotvioletten Muscapurpurine.

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Betalaine kommen auch in vielen Blütenpflanzen vor. Das gelbe Muscaflavin (s. Abb. 8) ist auch in Pilzen aus der Gattung der Saftlinge (Hygrocybe) zu finden. Manche Farbstoffe wirken auch antibiotisch, beispielsweise das rote Muscarufin.

Weitere Wirkstoffe im Fliegenpilz sind Cholin, Acetylcholin, Betain, Muscaridin, Hercynin, Uracil, Adenosin, Hypoxanthin, Xanthin und β-D-n-Butylglukopyranosid (Michelot et al. 2003).

Der Fliegenpilz enthält ungewöhnlich hohe Gehalte des Elementes Vanadium (200 mg/kg). Das Metall liegt im Fliegenpilz in Form einer besonderen Verbindung vor, die man als Amavadin (Abb. 9) bezeichnet.

Guthmann, Heilende PilzeAuch die Gehalte an Selen (18 mg), Cadmium (14 mg), Kobalt (2,5 mg), Chrom (2 mg), Blei (33 mg), Quecksilber (61 mg) und Nickel (7,5 mg) sind erhöht. Alle Werte bezogen auf 1 kg der Trockenmasse (Michelot et al. 1998, Siobud et al. 1999).

Immer wieder wird behauptet, dass sich der größte Teil der Giftstoffe in der Huthaut befindet. In der Literatur findet man allerdings sehr widersprüchliche Angaben hierzu. Manche Autoren wollen den höchsten Gehalt an psychoaktiven Stoffen auch im Fleisch und in den Lamellen gefunden haben. Einen ausführlichen Überblick über die Inhaltsstoffe, Toxikologie, Biologie und ethnomykologische Verwendung bietet das Review von Michelot et al. (2003).

Toxikologie/Vergiftungsverlauf

Obwohl der Fliegenpilz sehr auffällig und kaum zu verwechseln ist, kommen Vergiftungen vor. Sie sind in den allermeisten Fällen nicht Folge einer Verwechslung, sondern resultieren aus der missbräuchlichen Einnahme des Pilzes als Rauschdroge. Da man den Pilz leichte identifizieren kann und er zudem fast überall vorkommt, ist der Fliegenpilz einer der am meisten verwendeten psychotropen Pilze weltweit. Dieser Umstand wird in neuerer Zeit noch dadurch verstärkt, dass er in etlichen Szenepublikationen zusammen mit dem Pantherpilz in diesem Zusammenhang erwähnt wird. Zur Erzielung eines Rauschzustandes kann man neben den frischen oder getrockneten Fruchtkörpern auch die Huthäute verwenden. Sie werden abgezogen, getrocknet und geraucht. Diese Art der Applikation ruft einen milden Rauschzustand hervor. Die inhalative Einnahme führt zu einer raschen Wirkstoffaufnahme und lässt sich normalerweise gut steuern. Ich rate trotzdem dringlichst vor diesbezüglichen Versuchen ab.
Davon abgesehen, dass der Verzehr von Fliegenpilzen ab einer gewissen Aufnahmemenge selbstverständlich zum Tod führt, wird der Pilz trotzdem nicht zu den tödlich giftigen Pilzen gezahlt. In der Literatur werden die Symptome einer Fliegenpilzvergiftung unter der Bezeichnung Pantherina-, Fliegenpilz- oder Ibotensäure-Syndrom zusammengefasst. Ursache für die Vergiftungserscheinungen ist hauptsächlich die enthaltene Ibotensäure. Neben dem Fliegenpilz rufen auch der Königsfliegenpilz (Amanita regalis, s. Abb. 10), der Pantherpilz (Amanita pantherina, Abb. 15 + 16) und weitere Arten, wie der Narzissengelbe Wulstling (Amanita gemmata) das Syndrom hervor.

Guthmann, Heilende PilzeDer LD50-Wert (Dosis bei der 50 % der Versuchstiere versterben) für Ibotensäure beträgt bei Mäusen 38 mg/kg Körpergewicht.
Ibotensäure wird im menschlichen Stoffwechsel in die Wirkkomponente Muscimol (s. o.) umgewandelt. Muscimol ist wesentlich wirksamer als Ibotensäure und wird schließlich mit dem Urin ausgeschieden wird. Die Ibotensäure hat pharmakologisch einen ähnlichen Wirkmechanismus wie das stark giftige Atropin aus der Tollkirsche (Atropa belladonna). Früher bezeichnete man die Inhaltsstoffe des Fliegenpilzes deshalb als Pilzatropin.
Eine atropinähnliche (anticholinerge) Wirkung zeigt sich durch stark geweitete Pupillen (Mydriasis), warme trockene Haut und gesteigerten Pulsschlag (Tachykardie). Es gibt aber auch Vergiftungen mit komplett gegensätzlichen Symptomen. In diesen Fällen zeigen sich vor allem „cholinerge“ Wirkungen, mit Pupillenverengung (Miosis), Pulsverlangsamung (Bradykardie), Schweißausbrüchen und Speichelfluss. Die genauen Hintergründe für diese eigentlich gegensätzlichen Wirkungen sind noch nicht restlos geklärt (Hohn und Schoenemann ohne Jahresangabe).
Der Fliegenpilz beeinflusst die in besonderem Maß die Fähigkeit zu geregelten Bewegungen. Einen starken Einfluss üben die Inhaltsstoffe darüber hinaus auf das Zentralnervensystem aus. Anfangs erinnern die Symptome an einen Alkoholrausch. Etwa eine halbe bis maximal vier Stunden nach der Einnahme kommt es zu Verwirrtheit, Sprach- und Sehstörungen, Mattigkeit und starker Müdigkeit. Das Bewusstsein trübt sich zusehends. Gleichzeitig können aber auch Erregungszustände auftreten.
Körperliche Symptome sind Bauchschmerzen, Erbrechen, Durchfall und Übelkeit, außerdem treten häufig Zittern, Krämpfe und Muskelzuckungen auf. Oft ist auch vermehrter Speichelfluss zu beobachten. Auf der psychischen Ebene kann es im weiteren Verlauf der Vergiftung zu teilweise drastischen Veränderungen der Persönlichkeit und der räumlichen und zeitlichen Wahrnehmung kommen. Häufig werden Farb- und Gehörillusionen (Synästhesien), sowie ein Gefühl des körperlosen Schwebens beschrieben. Typisch für eine Vergiftung sind außerdem optische Halluzinationen und eine verzerrte Größenwahrnehmung. Ein kleines Zimmer erscheint dem Berauschten wie ein riesiger Saal. Oft werden kleine Hindernisse mit grotesk hohen Sprüngen gemeistert. Die Farbwahrnehmung kann erheblich verändert sein. So erscheint der Himmel beispielsweise purpurrot oder Flüsse tiefschwarz. Der britische Schriftsteller Lewis Carrol verarbeitete die durch den Fliegenpilz verursachte Rauschwirkung mit optischen Halluzinationen im Märchen „Alice im Wunderland“: „Von der einen Seite wirst Du größer und von der anderen kleiner, erklärt die Raupe der Alice. Eine Seite wovon? denkt Alice. Vom Pilz! sagte die Raupe und verschwand“.
Wie bei allen Rauschzuständen ist die bereits vorbestehende Stimmungslage und Erwartungshaltung (set) des Konsumierenden sehr wichtig für die Qualität und Intensität der Empfindungen. Diese können von großer Euphorie, von Gleichgültigkeit oder aber angstvollen Gefühlen oder depressiven Gedanken geprägt sein. Selbstverständlich spielt es eine große Rolle, ob die Pilze zur Erzielung eines Rauschzustandes oder versehentlich eingenommen wurden. Bei versehentlicher Einnahme überwiegen Angstgefühle und lassen auch körperliche Missempfindungen bedrohlicher erscheinen, als sie in Wirklichkeit sind. Bei wissentlicher Einnahme des Pilzes geraten die meisten Konsumenten in einen starken Erregungszustand, der durch rasche, unkontrollierbare Stimmungswechsel mit Lachen, Weinen, ausgeprägten Rededrang, Singen, Tanzen, aber auch Toben und Schreien verbunden ist. Da die Betroffenen häufig über gesteigerte Körperkräfte verfügen, ist auch die Gefährdung der eigenen Person oder Außenstehender dabei nicht ausgeschlossen. Anders als von Lewis Lewin (1924) geschildert, treten üblicherweise weder Tobsuchtsanfälle noch gewalttätiges Verhalten auf. Bei der Durchsicht einer großen Zahl von dokumentierten Vergiftungsfällen fehlen diesbezügliche Schilderungen.
In schweren Vergiftungsfällen kann es zu einem Delirium kommen. In den meisten Fällen beendet ein tiefer Schlaf die Vergiftungserscheinungen nach etwa 10 bis 15 Stunden folgenlos. Lediglich bei schweren Vergiftungen kann die Bewusstlosigkeit auch über 24 Stunden andauern und würde ohne ärztliches Eingreifen möglicherweise tödlich enden. Üblicherweise haben Konsumenten keine Erinnerung an die rauschhaften Erlebnisse und den oft dramatischen Verlauf der Vergiftung.
Trotz der durchaus nicht seltenen Verwendung ist kein einziger Todesfall mit dem Fliegenpilz ursächlich nachgewiesen.
Wie bei vielen anderen Pilzen, schwankt der Giftgehalt in Abhängigkeit der Witterung, Jahreszeit und den geografischen Bedingungen. Natürlich spielt auch die individuelle Verträglichkeit eine große Rolle. Die geschilderten Wirkungen resultieren aus der Wirkung vieler Einzelkomponenten und lassen sich nicht eindeutig einem spezifischen Inhaltsstoff zuordnen. Vergiftungen durch die Fliegen- und Pantherpilz sind auch von Hunden dokumentiert. Symptomatisch zeigten sich Appetitlosigkeit, Erbrechen, Krämpfe, Benommenheit, Aggressivität, Lähmungen und Atemnot.

Gegenmaßnahmen bei Vergiftungen
(Bresinsky und Besl 1985)

Durch die Einnahme von Aktivkohle kann das Gift gebunden werden. Abführmittel fördern anschließend die Elimination der Giftstoffe aus dem Körper. Erbrechen sollte nicht herbeigeführt werden. Bei Vorliegen schwerer Erregungszustande kann die Gabe von Benzodiazepinen (Valium) sinnvoll sein. Selbstverständlich gehört die Behandlung eines Vergifteten immer in die Hand eines Arztes! Bei allen Vergiftungen mit Pilzen ist vor allem wichtig zu klären, ob lebensgefährlich giftige Arten beispielsweise Knollenblätterpilze (Amanita phalloides, A. verna etc.) verzehrt wurden.
Eine medikamentöse Behandlung richtet sich nach dem Auftreten der cholinergen bzw. anticholinergen Symptome. Tritt die cholinerge Wirkung mit Pupillenverengung und Pulsverlangsamung in den Vordergrund, so kann die Gabe von Atropin erwogen werden. Siehe zu diesem Thema auch Guthmann J. et al. (2011).

VERWENDUNG IN DER KÜCHE

Obwohl der Fliegenpilz eindeutig giftige Inhaltsstoffe enthält, findet man immer wieder Angaben zu seiner Verwendung als Nahrungsmittel, insbesondere in Gebieten, in denen er häufig vorkommt. So wurde zum Beispiel in der Gegend um Hamburg, die sehr reich an Fliegenpilzen ist, aus den Pilzen Suppe bereitet. Als Entgiftungsmaßnahme wurde die rote Huthaut von den Hüten entfernt. Es gibt auch Schilderungen, nach denen man noch heute in einigen Alpentälern aus frischen, in Scheiben geschnittenen Fliegenpilzen mit Essig, Öl, Salz und Pfeffer eine Vorspeise macht. In Japan wird der Fliegenpilz insbesondere von der Landbevölkerung als kulinarische Besonderheit verzehrt. Offenbar können junge Fruchtkörper nach entsprechender Vorbehandlung ohne Vergiftungssymptome verzehrt werden.
Fast immer wird geraten, die Huthaut zu entfernen. Durch zusätzliches Auslaugen in Wasser (1 bis 2 Tage), Blanchieren und Verwerfen des Kochwassers, aber auch Bestreuen mit Salz, wird der Fliegenpilz entgiftet. In manchen Gegenden Frankreichs und Italiens konsumiert man ihn derart präpariert offenbar ohne nachteilige Wirkungen. In Japan gibt es ebenfalls Restaurants, die den Pilz nach entsprechender Verarbeitung als Delikatesse anbieten. Die geschilderten Prozeduren könnten durchaus Wirkung zeigen, da es Hinweise darauf gibt, dass sich die höchste Konzentration an Giftstoffen tatsächlich in der roten Huthaut befindet und sie zudem wasserlöslich sind. Eine mehr als 20-seitige Beschreibung zum Thema findet sich bei Rubel et al. 2008. Die Autoren gehen unter anderem auf die Problematik ein, dass etliche Pilzarten vorschnell als nicht essbar gelten, obwohl sie nach entsprechender Zubereitung und Verarbeitung durchaus essbar sind. Beispiele dafür sind verschiedene scharfe Milchlings- und Täublingsarten in Russland und die Frühjahrslorchel (Gyromitra esculenta), die in Skandinavien noch immer als Köstlichkeit gilt. Hierzulande käme niemand auf die Idee die Gartenbohne (Phaseolus vulgaris) als Giftpflanze zu betrachten, obwohl sie roh giftig ist. Auch die Entgiftung von Maniok ist ein eindringliches Beispiel für die unterschiedliche Sichtweise in unterschiedlichen Ländern. Bis ins 19. Jh. hinein war in vielen Gegenden bekannt, dass Fliegenpilze durch vorheriges Auskochen und Verwerfen des Kochwassers entgiftet werden können. Allerdings wurde dieses Wissen so gründlich ignoriert, dass es zunehmend in Vergessenheit geriet und es nur noch wenige Menschen gibt, bei denen sich die Tradition des Verzehrs nach entsprechender Verarbeitung erhalten hat.
Trotzdem rät der Autor von diesbezüglichen Versuchen ab. In Russland werden frische Fliegenpilze in Wodka eingelegt, um dessen berauschende Wirkung zu steigern.
Seit die Möglichkeit besteht, Fliegenpilz genetisch zu untersuchen, mehren sich die Hinweise, dass es viele verschiedene Varietäten des Pilzes gibt, die sich auch im Gehalt an giftigen Inhaltsstoffen unterscheiden konnten (Geml et al. 2008).

WISSENSWERTES

Der wissenschaftliche Gattungsname Amanita leitet sich vermutlich vom gr. Amanos ab. Damit wird das Küstengebirge am Golf von Iskenderun bezeichnet, aus dem viele Speisepilze gr. amanitai bezogen wurden. Das Epitheton muscaria hat seinen Bezug vom lat. musca – Fliege, wegen der Verwendung kleiner gezuckerter Pilzstückchen als Lockmittel für Fliegen (Genaust 1996).
Glaubt man den germanischen Mythen, verdanken wir die Existenz des Fliegenpilzes dem germanischen Gott Wotan (Odin). Wotan wird immer wieder zusammen mit seinen Botschaftern den Raben beschrieben. Aus diesem Grund wird er auch als Rabengott bezeichnet. Als Gott der Erkenntnis und Ekstase reitet er am Tag der Wintersonnwende (21.12.) mit seinem Gefolge der „Wilden Jagd“ über den Himmel. Der aus den Nüstern seines Reitpferdes tropfende Schaum fällt zu Boden. Wo er in die Erde dringt, wachsen neun Monate später, also im darauffolgenden Herbst, Fliegenpilze.  Die uralte Verbindung des Fliegenpilzes mit dem Rabengott zeigt sich in der volkstümlichen Bezeichnung des Pilzes als Rabenbrot.
Sehr wahrscheinlich steht der Fliegenpilz mit dem populären, japanischen Fabelwesen „Tengu“ in Verbindung. Die Legende um den Tengu kam etwa 700 n. Chr. erstmals in Japan auf. Die erste schriftliche Erwähnung stammt aus dem 13. Jh. Der Tengu besitzt Bezüge zum Buddhismus und zur uralten Naturreligion des Shintoismus. Es gibt zwei verschiedene Arten, der mit übernatürlichen Kräften versehenen Tengus, die sich äußerlich unterscheiden. Eine von ihnen, der sogenannte Yamabushi Tengu, eine Mischung aus Mensch und Vogel weist einen deutlichen Bezug zum Fliegenpilz auf. Er besitzt eine lange phallusähnliche Nase und rote Haut. Darüber hinaus trägt auch der Fliegenpilz in Japan den Namen „Beni-Tengu-Take – Roter Tengupilz“. Noch heute werden zum Neujahrsfest in Japan überall die häufig knallroten Masken des Yamabushi Tengus aufgehängt, um böse Dämonen fernzuhalten. Es besteht die Assoziation, dass man auf den Tengu am ehesten treffe, wenn man einige Exemplare des Fliegenpilzes zu sich nimmt.
Ein anderer weißroter Geselle der mit seinen Rentieren über den Himmel zu den Menschen reist, ist der Weihnachtsmann. Auch hier sehen einige Autoren eine Metapher für den Fliegenpilz.
Interessant ist auch die Tatsache, dass sich Abbildungen bzw. Anspielungen auf den Fliegenpilz in einigen christlichen Kirchen befinden. Beispielsweise zeigt eine Tafel der bemalten Holzdecke der Hildesheimer St. Michaels Kirche aus dem 13. Jahrhundert den Sündenfall von Adam und Eva. Das Paar steht sich gegenüber, in der Mitte der Baum der Erkenntnis. Den Hintergrund bildet eine kreisförmige rote Scheibe mit weißen Tupfen, die stark an einen Fliegenpilzhut erinnert (Abb. 11).

Guthmann, Heilende Pilze

Beide Figuren halten eine dieser weißen Strukturen in der Hand, bereit von diesen Früchten der Erkenntnis zu kosten. Berühmt ist ein ebenfalls aus dem 13. Jh. stammendes Fresko im französischen Pleincourault. Wiederum werden Adam und Eva dargestellt, in deren Mitte klar und deutlich ein großer Fliegenpilz (und vier kleinere) steht, um den sich eine Schlange windet.
Der auffällige Pilz wird seit vielen Jahrtausenden als schamanistische Heil- und Zauberpflanze zur Erzeugung einer prophetischen Trance benutzt (Rosenbohm 1995). Diesbezügliche Informationen liegen weltweit vor (Alaska, Kanada und weitere nordamerikanische Gebiete, Südamerika und Europa). Wahrscheinlich gelangte die rituelle Verwendung des Pilzes zusammen mit den ersten Ureinwohnern über die Beringstraße auf den amerikanischen Kontinent. Bei den Stämmen im kanadischen Mackenzie-Gebirge findet sich die halluzinogene Verwendung des Fliegenpilzes, genauso wie bei den Maya, die den Fliegenpilz Kakulja-kox-Blitzpilz nannten. In Guatemala und Mexiko existiert in der Quiche-Sprache die Bezeichnung „kaqulja“ mit derselben Bedeutung.
Der Fliegenpilz ist praktisch auf der ganzen Nordhalbkugel verbreitet und wurde fast überall für rituelle Handlungen genutzt. Sogar Regenwasser, das sich in den nach oben gebogenen Hüten ausgewachsener Pilze sammelt, soll psychoaktive Wirkungen entfalten. Der so entstandene Kaltwasserextrakt wurde als Zwergenwein bezeichnet. Manche Autoren (vgl. Wasson 1968) sehen in ihm das Soma-Getränk, das in uralten indischen Überlieferungen (Rigveda) beschrieben wird. Niemand weiß bis heute, welche Zusammensetzung dieser mystische Rauschtrank besaß und ob es überhaupt eine materielle Entsprechung dafür gibt. Soma wird in den Veden als Flüssigkeit beschrieben, die durch Auspressen gewonnen wird. Die zugrunde liegende Substanz stammt aus dem Gebirge und steht im Zusammenhang mit dem Mond. In allen Schilderungen wird es als rot, feuer- oder sonnenfarben beschrieben. Eine Erwähnung von Merkmalen wie Blätter, Wurzel, Blüten oder Samen fehlt gänzlich, weshalb Wasson schlussfolgerte, dass es sich um einen Pilz handeln müsse. Endgültig überzeugten ihn aber Textpassagen, in denen davon gesprochen wird, dass das Soma durch den Körper zieht und geschwollene Priester Soma pissen“.

Es gibt Autoren, die psychedele Pilze, wie den Fliegenpilz, gar mit dem Beginn des religiösen Empfindens überhaupt in Verbindung bringen.

Eine interessante Quelle, die eine Vielzahl von Thesen bezüglich möglicher Zusammenhange zwischen Pilzkulten mit psychedelen Pilzen, insbesondere aber dem Fliegenpilz und den großen Weltreligionen aufzeigt, ist das Buch „Die Magie der Pilze“ von Clark Heinrich.
Vermutlich wird der Fliegenpilz auch heute noch in einigen Gegenden Sibiriens von Schamanen für ihre Reisen genutzt. Wie so oft fehlen dazu aber eindeutige Berichte.
Interessant ist die Beschreibung einer Kombination mit dem Kleinblütigen Weidenröschen (Epilobium angustifolium). Dabei wird von einer eher anregenden, als einer traumfordernden Wirkung berichtet. Aus medizinischer Sicht gibt es dafür keine Erklärung.
Rätsch (2010) beschreibt ein traditionelles Rezept für eine Räucherung zur Zeit der Wintersonnwende (Rauhnächte) aus Norddeutschland. Darin sind zu gleichen Teilen Tannennadeln, Wacholdernadeln, Fichtenharz, und Beifußkraut neben den psychedelen Bilsenkrautsamen, Hanfblüten, Tollkirschenblättern und getrockneten ganzen Pilzen des Fliegenpilzes enthalten. Die Zutaten werden zu Pulver zerrieben über glühende Holzkohle gestreut.
Offenbar nutzen einige russische Kosmetikhersteller den Fliegenpilz in ihren Pflegemitteln. Auch hierfür gibt es keine pharmakologische Grundlage.

Der Fliegenpilz als Glückssymbol.

Heute ist der Fliegenpilz allgemein als Glückssymbol bekannt und diesbezügliche Applikationen werden häufig verwendet. Mittlerweile gibt es eine unüberschaubare Zahl von Gebrauchsgegenständen (Tischleuchte, Sparbüchse, Würfelspiel, Tassen, Bucheinbände oder Stoffpilze) in Form oder zumindest mit der Farbkombination des Fliegenpilzes.
Geschichtlich findet sich kein Zusammenhang zwischen seiner physiologischen Wirkung und seiner Verwendung als Glückssymbol. Im 18. Jahrhundert taucht erstmals der Begriff „Glückspilz“ auf. Allerdings besaß er eine andere Bedeutung als heute. Man sah darin in Analogie zum üblichen Wachstum der Pilze einen „Emporkömmling“, der quasi wie ein Pilz über Nacht aus dem Nichts erscheint. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jh. wandelt sich diese Bedeutung und wird gleichbedeutend mit dem Glückskind, also einen vom Glück begünstigten Menschen. Zur heutigen Popularität des Fliegenpilzes trägt das gleichzeitige Auftreten der ersten Postkarten bzw. Glückwunschkarten (s._Abb. 12) bei.

Guthmann, Heilende Pilze

Mit deren zunehmender Verbreitung und Beliebtheit etablieren sich zunächst Pilze als Glückwunschmotive, ehe der charakteristische Fliegenpilz schließlich seinen Siegeszug als Motiv antritt. Nach 1900 ist der Fliegenpilz das alleinige Motiv und ziert zahllose Glückwunschkarten. Allerdings ist seine Verbreitung als Glückssymbols auf dem europäischen Kontinent nicht einheitlich. Außer dem Fliegenpilz kommen in verschiedenen Ländern gelegentlich noch andere Pilze wie der Steinpilz, der Pfifferling und der Champignon auf Weihnachts- oder Neujahrskarten vor. Warum gerade der Fliegenpilz zum Glückssymbol wurde, liegt vielleicht in seinem jedermann vertrauten Farbmuster begründet. Der farbenfrohe Hut hat eine Symbolwirkung wie keine andere Pilzart. In Asien ist es vor allem der Glänzende Lackporling (Ganoderma lucidum), der nicht nur wegen seiner medizinischen Eigenschaften, sondern auch als Glückssymbol seit Jahrtausenden hohes Ansehen genießt.

Da Fichtensteinpilze (Boletus edulis) und Fliegenpilz sehr ähnliche Standortsansprüche haben, gelten Fliegenpilze bei Fichte als gute Steinpilzindikatoren.

GESCHICHTE

Die kultische Verwendung des Fliegenpilzes ist wahrscheinlich schon sehr alt. In Anbetracht der nach wie vor üblichen Verwendung des Pilzes durch die Eingeborenstämme der Chukchi, Koryaken und anderer erscheint es nicht unwahrscheinlich, dass einige Felszeichnungen auf der Chukotka-Halbinsel im äußersten Nordosten Russlands den Fliegenpilz darstellen. Die Felszeichnungen wurden 1965 durch den Geologen N. Samorukow an den Ufern des Flusses Pegtymel entdeckt. Im Verlauf einiger Expeditionen untersuchte der Archäologe N. Dikov (1971) die Gegend, fand mehr als 100 verschiedene Ritzzeichnungen an etwa elf verschiedenen Orten und publizierte seine Funde in einem Buch. Im Jahr 2000 schuf A. Golonev einen außergewöhnlichen Film mit dem Titel „Pegtymel“. Diese zeigt die Petroglyphen (Abb. 13 + 14), die Eingeborenen und ihren traditionellen Verzehr des Fliegenpilzes als Droge. Dikov schätzte die Entstehung der Petroglyphen auf einen Zeitraum vom 1 Jahrtausend v. Chr. bis etwa 500 Jahre n. Chr. Allerdings ist dies nicht unumstritten. Weitere Informationen finden sich bei Devlet (2008) und Kiriyak (2003).

Guthmann, Heilende Pilze

 

Guthmann, Heilende Pilze

Die vermutlich erste schriftliche Erwähnung des Fliegenpilzes unter dem Namen „fungus muscarius“ findet sich 1256 in den Schriften „De Vegetabilibus“ des Mönchs Albertus Magnus. Eine der ältesten Quellen, die namentlich den Fliegenpilz erwähnt, ist das Kräuterbuch des Arztes Johannes Hartlieb von 1440. In vielen alten Quellen wird der Fliegenpilz zur Bereitung eines für Fliegen giftigen Gebräus beschrieben. Wahrscheinlich enthält der Pilz Inhaltsstoffe, wie beispielsweise 1,3-Diolein, die auf Insekten und insbesondere Fliegen anziehend wirken. Früher benutzte man in gezuckerte Milch eingelegte Fliegenpilze als Fliegenfalle. Sobald die Fliegen von der Milch naschen, werden sie bewegungslos. Aller Wahrscheinlichkeit werden die Insekten dadurch aber lediglich betäubt und die vermeintlich toten Fliegen würden sich nach einiger Zeit wieder erholen, wären sie dann nicht bereits ertrunken. Dieser Zusammenhang hat auch einen besonderen Bezug zu seiner Namensgebung als Pilz der Fliegen (s. o.). Bereits Albertus Magnus spricht im 13. Jh. vom „Mückenschwamm“. Wegen seines charakteristischen Aussehens gehört der Fliegenpilz zu den Pilzarten die sich eindeutig bei Hieronymus Bock (1577) identifizieren lassen. Er bezeichnet die Pilze ebenfalls als „Mückenschwemm“. Eine weitere Erklärung, die oft im Zusammenhang mit dem „Fliegen“-Pilz gebraucht wird, betrifft seine Einschätzung als Pilz des Teufels oder Teufelshut. Der Teufel und die Fliegen stehen in engem Zusammenhang miteinander. Die Fliegen, als des Teufels Herrscharen, als Wesen in deren Gestalt der Leibhaftige fast unbemerkt in der Nähe des Menschen weilt und ab und an Besitz von ihm ergreift. Geschieht dies, dann ist der Mensch besessen, von Fliegen befallen und narrisch. Die Verbindung der Fliegen, die von einem Menschen Besitz ergreifen und dem Zustand der trunkenen Verwirrung, gibt es auch in Frankreich, England und Russland. Aus diesem Grund bezeichnete man den Fliegenpilz auch als Narrenschwamm. Letztere Bezeichnung steht aber vor allem im Zusammenhang mit anderen Pilz-Arten wie dem Spitzkegeligen Kahlkopf (Psilocybe semilanceata). Die Nutzung des Pilzes zur Insektenabwehr wurde auch aus einigen Gegenden Schwedens beschrieben. Gemäß einer Schilderung aus dem 18. Jh. zerdrückte man Fliegenpilze und bestrich mit dem frischen Saft Schlupflöcher, in denen man Bettwanzen vermutete. Aus Frankreich gibt es Berichte nach denen man einzelne Pilze als natürlichen Fliegenfänger von der Zimmerdecke hängen lies.
Eine andere Erklärung für den Namen nimmt Bezug darauf, dass der eingenommene Pilz beim Berauschten den Eindruck des Fliegens hervorruft. Eine derartige Verwendung dürfte uralt sein und bis in die Steinzeit zurückreichen. Seltsamerweise fehlen in alten Schriften aber Hinweise auf seine psychoaktive Wirkung. Diese wird erst im 18. Jh. von dem Schweden Filipp Johann von Strahlenberg erwähnt. Als er in Kamtschatka in Kriegsgefangenschaft gerät, wird er mehrfach Zeuge des Fliegenpilzgebrauchs durch die Einheimischen. Dabei beobachtet er auch die mehrmalige Verwendung des Urins, mit den darin enthaltenen psychoaktiven Inhaltsstoffen. Da die betreffenden Stoffe den Körper unzerstört verlassen, wurde der Urin gesammelt und mehrfach (bis zu 4-mal) von weiteren Personen zur Erzielung eines Rauschzustandes verwendet. Eine derartige Verwendung wirft einige Fragen auf. In unserem Kulturkreis ist die Einnahme von Urin nicht gerade üblich, dies dürfte umso mehr für das Trinken von Fremdurin gelten. Wie also kam man überhaupt darauf, die flüssigen Ausscheidungsprodukte erneut aufzunehmen? Eine Erklärung dafür könnte aus der Beobachtung von Rentieren herrühren. Die Tiere fressen nicht nur gerne Fliegenpilze, sondern werden offenbar auch von dem Pilzurin angezogen und lecken diesen auch im Schnee begierig auf. Möglicherweise ist irgendwann jemand dieser Beobachtung auf den Grund gegangen, hat seinen eigenen Pilzurin eingenommen und dabei erstaunt festgestellt, dass sich damit erneut ein Rauschzustand erzielen ließ. Ein weiterer Grund dürfte darin liegen, dass der durch den Urin erzeugte Rausch als nebenwirkungsärmer beschrieben wird. Vermutlich waren die Pilze in den betreffenden Gegenden außerdem eher selten und damit teuer. Offenbar spielten also auch finanzielle Gesichtspunkte eine Rolle dafür, dass sich den direkten Konsum nur betuchtere Mitglieder der Gesellschaft leisten konnten.
Das einzige europäische Gebiet in dem der traditionelle Gebrauch des Fliegenpilzes noch existent ist, ist Katalonien.

STANDORT UND BESCHREIBUNG

Der Fliegenpilz ist ein Mykorrhizapilz und geht eine Symbiose mit einer ganzen Reihe von Laub- und Nadelbäumen ein. Man findet ihn im Wald, aber auch in Parks oder an Wald- und Wegrändern. Er bevorzugt saure bis neutrale Boden und wächst gerne an Fichte und Birke. Er kommt weltweit vor. Gar nicht so selten findet man mehrere Pilze, wie an einer unsichtbaren Schnur aufgereiht nebeneinander wachsen, indem sie dem Wurzelsystem ihres Baumpartners folgen oder ringförmige Strukturen, sogenannte Hexenringe bilden.
Der Pilzhut kann bis zu 25 cm groß werden. Ganz junge Pilze werden vom weißen, krümeligen Velum vollständig überdeckt. Schon bald kommt der halbkugelige, rote Hut, auf dem die typischen, weißen   Velumflocken zu finden sind, zum Vorschein. Mit zunehmendem Wachstum wird der Hut konvex und schließlich flach ausgebreitet bis leicht trichterförmig nach oben gebogen. Die Velumflocken können durch Regentropfen abgewaschen werden. Die Huthaut ist glatt und fettig glänzend. Die Färbung reicht von orangegelb bis tief scharlachrot. Sie ist vollständig, tortenstückartig abziehbar. Der glatte Hutrand reicht meist über die Lamellen. Bei älteren Exemplaren zeichnen sich die Lamellen am Hutrand riefig ab. Die weißen Lamellen sind normalerweise angeheftet und laufen mit kleinem Zähnchen herab. Im Alter können die Lamellen auch cremegelb verfärbt sein und gedrängt stehen. Das Sporenpulver ist weiß. Der zylindrische, weiße Stiel kann bis über 20 cm lang werden und ist feinflockig genattert. An seiner Basis findet sich eine Runde oft leicht gelbliche Knolle, die mit kleinen Warzen bedeckt ist. Am Stiel findet sich ein kräftiger, hängender, girlandenartig gerandeter, ungeriefter Ring. Das Fleisch ist normalerweise weiß, unter der roten Huthaut gelb bis orange. Der Geruch ist aromatisch würzig. Der Geschmack wird als mild und nussartig beschrieben.
Der Fliegenpilz tritt in einigen Varietäten auf. Bekannte Varietäten sind beispielsweise A. muscaria var. alba (weis), A. muscaria var. aureola, A. muscaria var. formosa (Hut eher gelbfarben), A. muscaria var. muscaria und A. muscaria spp. flavivolvata.

GATTUNGSMERKMALE

Alle Pilze der Gattung besitzen eine Gesamthülle (Velum universale). Häufig verbleiben auf dem Hut häutige Reste oder kleine Flocken. Die Stielbasis ist meist knollig und sitzt in einer ausgeprägten wulstartigen Hülle (Volva) oder besitzt wenigstens einen Flockengürtel. Der Hut lässt sich leicht vom Stiel lösen. Die Huthaut ist dünn und lässt sich tortenstückartig abziehen. Alle Arten sind Mykorrhizapilze. Das Sporenpulver ist bei den allermeisten Arten weis. In Deutschland unterscheidet man etwa 60 Arten, die in vier Hauptgruppen untergliedert werden.

 

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook

Guthmann, Heilende Pilze

Titel: Heilende Pilze: Die wichtigsten Arten der Welt im Porträt

Autor: Jürgen Guthmann

Verlag: Quelle & Meyer Verlag GmbH & Co

Verlagslink: http://www.quelle-meyer.de/shop/heilende-pilze/

ISBN: 978-3-494-01669-6

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Bildnachweise für die Abbildungen aus dem Buch:

Abb. 6: Amanita Citrina (S.61 m). Bild ist von Michael Hoffmann

Abb. 7: Amanita Citrina (S.61 u). Bild ist von Frank Moser

Abb. 10: Amanita regulis (S.63). Bild ist von Michael Hoffmann

Abb. 11: Holzdecke der Hildesheimer St. Michaels Kirche (S.65). „The Yorck Project, Zenodot Verlagsgesellschaft mbH, Wikipedia (GNU Free doumentation License)

Abb. 12: (S.65). Bild ist von Anny Tekauz

Abb. 13: Pilzfigur Pegtymel (S. 66). Bild ist von Jürgen Guthmann

Abb. 14: Grafiken Pegtymel (S.66). Bild ist von Ekaterina Devlet

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Mehr über Fliegenpilze und ihre halluzinogene Verwandtschaft auf KRAUTJUNKER:

https://krautjunker.com/2017/09/16/zauberpilze-und-schamanen/

https://krautjunker.com/2017/09/03/krustenschmutz-und-pustelwulst-perlpilz-amanita-rubescens/

 

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