Wie man einen Jäger zeugt

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von Roderich Götzfried

Einmal im Leben sollte sich auch der passionierteste Jäger Zeit zur Zeugung eines Sohnes nehmen. Freilich bedarf es dazu neben der ohnehin schon bis zum Exzess toleranten Partnerin auch Konzentration und Zeit. Man kann die Sache in der Schonzeit versuchen, wenn im Revier nichts los ist, dann wird es vielleicht ein Christkind. Solche Winterkinder kommen schon als Jährlinge in den nächsten Schnee, das ist immer gut. Allerdings fällt dann die Geburt in die Treib- und Drückjagdzeit, mit der Folge, dass die werdende Mutter den Vater ihres Kindes meist wenig zu Gesicht bekommt.

Als es bei uns mit meinem Max losging, kam ich gerade von einer Saujagd im Büdinger Forst heim. Sattgejagt und mit einer säuselnden Alkoholfahne ließ ich mich aufs Ehebett plumpsen, da ging es neben mir auch schon los. Der noch ungeborene Max hatte die Fruchtblase gesprengt und die Sache mit der Geburt war eilbedürftig geworden. Diese schreckliche Traumasituation aller Ehemänner erwischte mich im ungünstigsten Augenblick. Allerdings hatte diesmal der Schreck so seine Last, mir in die Glieder zu fahren, denn die waren todmüde und mein Wahrnehmungsvermögen war vom Umtrunk stark abgefiltert. Vielleicht machte ich auch deshalb nichts Unvernünftiges, Aufregung kam aus besagten Gründen nicht mehr auf und der Wunsch, bald ins Bett zu kommen, ließ mich „traumhaft“ sicher zum Krankenhaus und zurück fahren. Morgens um sieben Uhr war dann Max schon da, Zweitkinder fackeln ja ohnehin nicht lange.

Ich bin mir ganz sicher, dass man sich bei der Zeugung seines Sohnes konzentrieren muss, es soll ja einen Jäger geben.

Schon wegen der Transzendenz, und so sollte der Grundstein entweder vor, während oder gleich nach der Jagd gelegt werden, damit von Anfang an der Zusammenhang mit unserer grünen Passion gewahrt bleibt. Denkbar ist, dass die Liebste da nicht mitmachen möchte, weil sie der dereinstigen Frau des programmierten Sohnes einen Jäger nicht zumuten möchte, aber solche Bedenken müssen zerstreut werden, das ist die richtige Erbanlage schon wert.

Zur Sache selbst kann ich keine Tipps geben. Nur so viel: wenn man ein aufgewecktes Kerlchen haben möchte, darf es nicht nach der Jagd angesetzt werden, die Müdigkeit des Erzeugers könnte sich vererben und das wäre gewiss sehr schlecht. Ein guter Freund von mir beging diesen Fehler, er schlüpfte nach der Frühpirsch ins warme Bettchen, passte nicht auf und ist heute Vater einer Tochter, einer sehr schönen, allerdings, mit langwimprigen Schlafzimmeraugen. „Mein Bambi“ sagt er manchmal resignierend zu ihr, wenn er an seinen damaligen Fehler zurückdenkt. Seine Frau schmunzelt dann, nur wenn sie Wut auf ihn hat, wenn er es mit der Jagd wieder zu toll getrieben hat, dann lacht sie laut und schadenfroh.

Fraglos glücklicher waren unsere Vorväter, sie konnten frei drauflos werkeln, da kam es auf ein paar Kinder mehr oder weniger nicht an. Da war nicht erst der Wunsch nach einem Sohn der Vater vieler Töchter, da brachte auch die Geburt eines Stammhalters das muntere Treiben noch lange nicht zum Ende. Zur Silberhochzeit stand da längst eine tüchtige, hausgemachte Treiberwehr, das waren eben noch Zeiten! Aber heute, wo die Reviere immer kleiner und die Pachten immer höher werden, wäre es verantwortungslos, so zu handeln, sieht man einmal davon ab, dass dem Staat selbstverständlich künftige Renteneinzahler sehr zu passen kämen. Heute reichen ein Sohn und ein guter Dackel zum Durchhusten der klein gewordenen Dickungen völlig aus. Jetzt kann man auch die liebe Gattin dazu mitnehmen, sie ist ja geschont und verfügt daher ohnehin über einen Kräfteüberschuss, dessen Ausgleich manchen müden Waidmann oft in arge Verlegenheit bringt.

Merken Sie, geneigter Leser, wie sich die Zeiten auch in unserem ureigenen grünen Bereich geändert haben? Dann werden Sie auch verstehen, warum ich gleich beim ersten Mal zu einem Volltreffer rate. Auch des Waidmanns Weib muss dafür volles Verständnis haben und von Anfang an mitmachen, sonst „wird’s nix“ und das wäre doch wirklich sehr schade.

Nun aber genug herumphilosophiert, wenn er erst einmal da ist, der heiß ersehnte Sohn, dann muss man das Beste aus ihm machen, dann darf man keine Zeit mehr verlieren. Das Ziel, sobald als möglich einen treuen Jagdgefährten zu haben, ist fest und unerschütterlich ins Auge zu fassen und unverzüglich anzusteuern.

Abb.: Maximilian Götzfried; Bildquelle: Roderich Götzfried

Gleiche Gedanken finden sich übrigens in allen Hundebüchern, die selbstverständlich bei der Erziehung eines Sohnes nicht herangezogen werden sollten. Da aber die meisten Jägerväter im Hundewesen längst firm sind, bevor sie Vater werden, möge ihnen jedoch der Hinweis auf eine derartige Parallele, die zunächst latent vorhandene Angst vor den auf sie zukommenden Erziehungsproblemen etwas nehmen. Ganz Schwerfällige unter uns, denen ein entsprechender Leitfaden fehlte, konnten sich in der Vergangenheit bei der Erziehung ihres Sohnes einfach an diese Hundebücher halten, zumal dann, wenn sie auch gleichzeitig noch Junghunde auszuführen hatten.

Soweit ersichtlich, fehlt in unserer sonst doch schon so vollständigen grünen Jagdliteratur bis heute ein Buch über Jägerkinder. Gerade aber ihre Erziehung ist oft durch die Leidenschaft des Familienvaters oder gar beider Eltern gefährdet. Ein Grund mehr, nunmehr schnellstens wenigstens Erfahrungen auf den Tisch zu legen, zu echten Leit- und Richtlinien ist es wohl noch zu früh, aber die Tatsache, dass sich die menschliche und jagdliche Erziehung meines Sohnes zufriedenstellend gestaltet hat, ermuntert mich zum Niederschreiben meiner Erfahrungen und Erlebnisse mit ihm.

Abb.: Maximilian Götzfried; Bildquelle: Roderich Götzfried

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KRAUTJUNKER-Kommentar:
Dieser Text ist das Vorwort des Buches. Den Titel habe ich gewählt.

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es nicht nur eine Facebook-Gruppe, sondern jetzt auch Outdoor-Becher aus Emaille…

Titel: Bei Fuß, mein Sohn

Autor: Roderich Götzfried

Verlag: Neumann Neudamm

Verlagslink: https://www.jana-jagd.de/buecher/jagdbelletristik/erzaehlungen/6830/goetzfried/goetzfried-bei-fuss-mein-sohn

ISBN: 978-3788811303

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Erste Leseprobe: https://krautjunker.com/2020/02/15/erstes-jagdliches-erleben/

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Website des erwachsen gewordenen Protagonisten Max Götzfried:
https://www.maxgoetzfried.de/

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Titelbild des Blogbeitrages: Photo by Andriyko Podilnyk on Unsplash

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Rolwes, Cornelia sagt:

    Die Zeugung dieses „Jägerkindes“ hatte immerhin für mich auch den Vorzug, mir von einem entzückenden Blumenkind, gewandet in kurzer Lederhose und Jägerhut, also schon sehr zünftig seiner Bestimmung entsprechend gekleidet, den Weg ins kirchliche Glück verschönern zu lassen. Seinen Eltern sei Dank und eine liebevolle Erinnerung….

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  2. Kornelia Kirchner sagt:

    Ich finde das so genial. Ich sitze gerade auf dem Sofa und stelle mir das alles bildlich vor 😉

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