An das Wilde glauben

Buchvorstellung von Thomas Thelen

Die autobiografische Geschichte des schmalen Bändchens der französischen Anthropologin Nastassja Martin ist schnell erzählt, ohne zu spoilern: Bär beißt Frau; Frau haut Bär. Beide überleben verletzt und gehen ihrer Wege.

Aber sind die Beiden nun andere Wesen, ist sie ein anderer Mensch als zuvor? – Um diese Frage und die Antworten aus persönlicher, vor allem aber aus Sicht indigener arktischer Völker geht es in dem – wie stets bei Matthes & Seitz Berlin – schön und ansehnlich ausgestattetem Buch mit einer expressiven Covergestaltung von Pauline Altmann. Der kompakte, durchaus anspruchsvolle anthropologisch-philosophische Text führt uns ins Ungefähre, in Grenzgebiete zwischen Gewissheiten und Fragen. Ganz so, als strahle der Schauplatz der Geschichte, die unwirtliche Grenzregion im Südosten Kamtschatkas, am Rande des Beringmeeres, selbst eine zusätzliche, intensive Verunsicherung aus.

Wieviel Glauben braucht das Wissen?

Wieviel Glauben verträgt das Wissen?

Wieviel Wissen verträgt das Glauben?

Wieviel Nichtwissen verträgt das Wissen, benötigt das Glauben?

Wie umgehen mit Noch-nicht-Wissen, mit Glauben wider (besseren) Wissens? Ab wann wird aus Geglaubt-haben jetzt-Wissen?

Wie sehr muss man ans Wissen glauben?

Ein Büchlein, das fordert. Beim Lesen, beim Denken, beim Nachdenken. Ein Büchlein, das wie eine Leuchtrakete grelle Schlaglichter wirft auf unsere aktuelle Situation, auf Corona, auf Klima, auf die Welt. Auf Grundsätzliches. Schlaglichter, die, aller Helligkeit trotzend, nur Grautöne illuminieren – Schatten im Licht, Lichter in den dunkelsten Schatten.

Ein Büchlein, das Positionierung einfordert. Wo stehe ich in der Anerkennung des Wissens – auf Seiten der Naturwissenschaften oder auf Seiten des Natur-Wissens? Jenseits oder diesseits von Esoterik, Mystik und Mythen? Oder im Zwischenreich eines einfachen – oder komplizierten? – Sowohl-Als auch? Wie grenze ich mich ab in die eine, die andere Richtung? Ist alles endgültig verifiziert resp. falsifiziert, das einmal naturwissenschaftlich bewiesen resp. widerlegt ist? Wie und ab wann wird aus Geglaubt-haben dann Wissen?

Wo im Geviert von Glauben / Unglauben / Wissen / Unwissen sind Natur-Wissen und indigene Weisheiten zu verorten? Was tun, wenn die Wissenschaft einen Wissensbereich nicht oder unzureichend beleuchtet? Gilt dann das nicht-wissenschaftliche Wissen bis zur bewiesenen Klärung? Ist es additiv zur Naturwissenschaft zu verstehen? Oder alternativ, sich gegenseitig ausschließend?

Ein zentrales Alleinstellungsmerkmal des Menschen in der Natur scheint mir die Fähigkeit, wider besseren Wissens zu handeln – sei es aus Daffke, aus Dummheit oder aus Draufgängertum. Ganz im Unterschied zum wohlkalkulierten Zweifel, der als Ausgangsbasis für den den Fortschritt Suchenden die Motivation für Experimente und Versuche, für Expeditionen und Entdeckungen ist. Und wohl auch ganz im Unterschied zum Tier – oder?

Gewiss nicht aus Daffke, sondern wohlüberlegt und bestens ausgebildet, begibt sich Martin auf ihren Weg. Die Wissenschaftlerin erlebt den Angriff des Bären in Kamtschatka, im Land der Ewenen, fernab jeder „Zivilisation“, seinen Biss in ihr Gesicht und in ihr Bein als Invasion – und auch die Erzählungen und das Wissen der Ewenen um Bärenbegegnungen bestärken sie in ihrem Erleben, in dieser Erfahrung des Invasiven.

Für die Autorin, für das Opfer des Bären besteht die invasive Begegnung darin, dass zwei Individuen einander begegnen, gar mit einer gewissen Zwangsläufigkeit, einem Naturgesetz folgend, sich ihre Wege auf einem Berg am Ende der Welt kreuzen. Eine Naturgewalt bricht sich Bahn, die etwas Neues entstehen lässt, da sind Martin und ihre Gastgeber, Retter, Freunde und Pfleger, die Ewenen, sicher: Ein Mensch, der einen Bärenangriff überlebt, ist so besonders, so spezifisch gezeichnet, so andersartig, dass die Ewenen sogar einen Begriff für diese Wesen in ihrer Sprache haben – miedka.

Martin beschreibt ihren Zustand als eine Metamorphose, eine Zwischenexistenz, quecksilberhaft mäandrierend zwischen Bär und Mensch, stets die indigenen Erzählungen aus den arktischen Regionen, in denen sie forscht, mit einfließen lassend. Es muss eine wahrhaft existentielle als auch transzendente Erfahrung gewesen sein, eine Erfahrung, die auch in anderen indigenen Weisheiten und Erzählungen aufblitzt, bspw. bei den Initiationszeremonien oder -riten vieler jagender Völker auf der ganzen Welt. Selbst das Alte Testament weiß von der Veränderungskraft einer eindrücklichen Begegnung von großem Tier und Mensch zu berichten – sei es nun Jona und der Wal oder Daniel in der Löwengrube.

Doch die Story in An das Wilde glauben leidet nach meinem Empfinden trotz ihrer Kürze an einer Überladung, es wird too much, wenn nach der Gewaltexplosion zwischen Bär und Frau noch Krankenhauskeime, der Überfall auf das Bataclan in Paris und ein Tuberkuloseverdacht die Macht unterschiedlicher invasiver Aggressoren auf unsere menschliche Existenz – tja: was? – illustrieren, verbreitern, verdeutlichen oder verwässern sollen. Die Wucht des Aufeinandertreffens von Bär und Mensch hätte völlig ausgereicht, um all die wesentlichen intellektuellen und emotionalen, kulturellen und gesellschaftlichen Impulse zu setzen, die dieser Text vermittelt.

(Selbst) Wir @ KRAUTJUNKER als naturnahe, als naturinteressierte Leser, Jägerinnen und Jäger erleben invasive Arten zumeist nicht als lebensbedrohlich im Kampf „Mann gegen Bär“, sondern eher als freche, kleine Viecher, die in neue Lebensräume eindringen und bestehende Biotope, aber auch akut Leben gefährden können. Seien es nun, aktuell sehr beliebt, Viren, oder seien es Bakterien, Käfer und Insekten, Mücken, Grundeln oder Flusskrebse, Nutria oder Waschbären. Doch selbst, wenn Insektenstiche oder -bisse zu schweren Erkrankungen führen können, so empfindet man den Angriff selbst wohl kaum als überbordende feindliche Invasion eines Raubtieres, wenn auch das Bild bei einem Mücken- oder Wespenschwarm nicht falsch ist.

An das Wilde glauben passt aber perfekt in unsere wirren Tage, in denen zu gelten scheint: „Ich leugne, also bin ich!“. (Sarkasmus-Warnung:) Ob die Erde nun eine Scheibe oder Viren nur ein Modell seien, Corona inexistent sei oder eine Grippe, ob eine Impfung wirke oder nicht, ob die Spritze Chips oder ein Office-365-Abo enthält – wer weiß das schon? Klar jedoch ist, dass wir in einer Ökodiktatur leben – aber anders als vielfach gemeint: Denn die Naturgesetze wirken, unabhängig davon, wie sehr wir sie naturwissenschaftlich verstehen oder „nur“ an sie glauben.

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>… Oder, wie der Unbekannte in The Big Lebowski sagt: „Manchmal frisst du den Bären, und manchmal, yeah, frisst der Bär eben dich.“ Aber wenn man begriffen hat, dass diese Stimmen im Kopf nur Gedanken sind, Meinungen und keine Fakten, wird vieles leichter. Man sollte sich selbst gegenüber öfter mal ein bisschen nachgiebiger sein. <

Quelle: http://cargocollective.com/inspiary/Manchmal-frisst-du-den-Baren-und-manchmal-yeah-frisst-der-Bar-eben

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Jo Lendle ist ein deutscher Schriftsteller und Verleger des Carl Hanser Verlages.

There is no such thing as non fiction. Das ist alles nur in deinem Kopf.

Oder zumindest gibt es den Unterschied nicht, die Demarkationslinie. Und die Nichtexistenz dieser Grenze nimmt an Intensität zu.

Uns (im Verlag) jedenfalls gelingt es immer weniger, die Bücher sauber einzuordnen. Das ist ein echtes, lebensnahes Problem. Für einen stetig wachsenden Teil des Programms gilt: es steht zwischen den Stühlen. Um nur einige Autorinnen aus den eigenen Programmen der letzten Zeit zu nennen: Dorothee Elmiger, Maggie Nelson, Eula Biss, Leslie Jamison, Lisa Olstein. Und wir sitzen in unseren Programmrunden und haben keinen Schimmer, in welchen Topf sie gehören.

Und so bilden sich allmählich zwischen fiction and non-fiction neue Formen, eine Art drittes Geschlecht der Literatur. Als hors-sexe steht es nicht einfach neutral irgendwo im Raum zwischen den anderen, sondern als ein Eigenes. Was wir für Menschen gerade mühsam und ziemlich grimmig durchbuchstabieren, das Nonbinäre, die Identitäten und Nichtidentitäten, gelingt der Literatur ganz von selbst. Das sind Texte, die ein Thema umkreisen, aber starke erzählerische Elemente aufweisen. Sie argumentieren nicht von der Kanzel, sondern sind persönlich und subjektiv. Für die Autofiktion fehlt die Fiktion, für den Essay sind sie womöglich zu verletzlich. Sie werfen das eigene Ich mit ins Spiel, das zum Lackmusteststreifen eines Gedankens wird…“

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PRESSESTIMMEN

„In Nastassja Martins Erzählbericht »An das Wilde glauben«, der […] hier in der hervorragenden Übersetzung von Claudia Kalscheuer erstmals auf Deutsch vorliegt, hat die ethnologisch inspirierte Prosa eine Ebene betreten, die hierzulande bisher einzig von Hubert Fichte in seinem großen Buch »Explosion« […] abgeschritten worden ist.“
– Cord Riechelmann, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

„Nun ist Nastassja Martin einerseits Wissenschaftlerin genug, Distanz zu ihrem Gegenstand zu wahren, und hat andererseits einen wachen schriftstellerischen Blick für das Potential ihrer Geschichte, um es in einer reflektierten und dabei äußerst anschaulichen und atmosphärisch dichten Erzählweise voll ausschöpfen zu können. So entsteht eine fesselnde Annäherung, ein lebendiger literarischer Bericht, eine essayistisch-philosophische Auseinandersetzung mit ihrer inneren und äußeren Verwandlung, die sich jeder Genrebezeichnung entzieht.“
– Antje Rávik Strubel, Frankfurter Allgemeine Zeitung

„[E]ine poetische Sprache, die den Animismus ernst nimmt, aber nie esoterisch wird; die voller Zärtlichkeit ist, aber nie kitschig.“
– Marcel Hänggi, WOZ

„›An das Wilde‹ glauben ist ein fulminanter Text. Die gerade mal 140 Seiten schlagen mit der Wucht eines scharf geworfenen Steins ein.“
– Christiane Lutz, Süddeutsche Zeitung

„Nastassja Martin hat über diesen Zusammenstoß von Mensch und Tier ein überaus beeindruckendes Buch geschrieben, das weit mehr als ein autobiographischer Bericht ist. Es oszilliert zwischen Erzählung und Essay, zwischen größtmöglicher Nüchternheit und lyrischer Verdichtung. Eine Genrebezeichnung verbietet sich.“
– Bettina Schulte, Badische Zeitung

„Dieses schmale Buch hallt lange in einem nach, es führt uns an Grenzen, an Ränder unserer Existenz, in Übergangszonen und Zwischenwelten. Es ist der zugleich nüchterne wie poetische Forschungsbericht einer Frau, die drüben gewesen und zurückgekommen ist, die gezeichnet ist und verwandelt.“
– Johannes Groschupf, CULTurMAG

„Martins eindringliche Geschichte […] folgt den Jahreszeiten mit der atemberaubenden, aber doch absolut plausibel wirkenden Metamorphose der Autorin zur miedka. So nennen die Ewenen eine ›vom Bären gezeichnete‹ Person, welche die Begegnung überlebt hat und von da an halb Bär, halb Mensch ist.“
– Claus Leggewie, Merkur

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Verlagsvorstellung der Autorin Nastassja Martin

Nastassja Martin, 1986 in Grenoble geboren, ist Anthropologin und Schriftstellerin. Die Schülerin Philippe Descolas ist Spezialistin für die Kosmologien und Animismen der Völker Alaskas und veröffentlichte vor ihrem ersten Roman, der großes Aufsehen erregte, u. a. mit Les âmes sauvages, ein Buch über die Widerständigkeit der Inuit gegen die Zivilisation.

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Thomas Thelen

Thomas Thelen ist Deutsch-Drahthaar-Bändiger, Leihhund-Bespaßer, Fliegenfischer, Holzwerker und Genießer – und eher nebenher Unternehmensberater und Autor.
Zuhause in den südbadischen Weinbergen, hält er nicht nur nach Schwarz- und Rehwild Ausschau, sondern auch nach empfehlenswerter Lektüre und leckeren Rezepten. Wenn sie seinen Geschmackstest bestehen, werden sie hier umgehend weiterempfohlen – oder kritisch betrachtet.

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe sowie Outdoor-Becher aus Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

Titel: An das Wilde glauben

Autorin: Nastassja Martin

Übersetzung: Claudia Kalscheuer

Verlag: Matthes & Seitz Berlin

Verlagslink: https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/an-das-wilde-glauben.html?lid=8

ISBN:  978-3751800174


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