Kerbholz

Buchvorstellung von Thomas Thelen

Die Eckpunkte der Handlung sind schnell gesetzt: Autounfall einer britischen Familie inmitten des Urwaldes in Neuseeland Ende der 70er Jahre, nur einige der Kinder überleben und werden von zwei „Outlaws“ in der Wildnis gefunden und gerettet. Gerettet? Nur in dem Sinne, dass die Kinder hier ein gerade ausreichendes Maß an Nahrung, Unterkunft und Hilfe erfahren, vor allem aber werden die Kids festgehalten und als Arbeitskräfte ausgenutzt.
Eine Tante der Kinder im fernen England lässt das Schicksal ihrer Schwester – der Mutter der Kinder – und der Familie nicht los, sie macht Druck bei Behörden und sucht nach den Vermissten während mehrerer Reisen persönlich vor Ort.
Rückblenden erzählen einige Episoden aus der Perspektive der 2010er Jahre.

Damit keine Unklarheiten aufkommen, liefert der Verlag oder der Autor gleich auf der ersten Seite des Buches zwei Begriffsdefinitionen:

Kerbholz: historisch, mit Einkerbungen über Schulden markiertes Holzstück, das in zwei Teile gespalten wird, die als Beweisstücke an Kreditgeber und Schuldner ausgehändigt werden.

Familie: eine Gruppe aus Eltern und Kindern oder Verwandten, die zusammenlebt oder nicht.
(Wobei meiner bescheidenen Meinung nach offen bleibt, ob sich das „oder nicht“ in der Definition auf den Teilbegriff „zusammen“ oder den Teilbegriff „lebt“ bezieht…)

Soll diese dürre Familiendefinition dazu dienen, die merkwürdig disparaten Verhältnisse der überlebenden Teenager als „familiär“ zu beschreiben? Oder die der Überlebenden mit den beiden „Rettern“? – Schon in Wikipedia ist die Definition von Familie wesentlich umfassender und eröffnete weitergehende Perspektiven auf das Setting des Buches.

Familie (von lateinisch familiaGesinde“,[1] „Gesamtheit der Dienerschaft“, einer Kollektivbildung von famulus „Diener“[2][3][4][5][6]) bezeichnet soziologisch eine durch Partnerschaft, Heirat, Lebenspartnerschaft, Adoption oder Abstammung begründete Lebensgemeinschaft, meist aus Eltern oder Erziehungsberechtigten sowie Kindern bestehend, gelegentlich durch weitere, mitunter auch im selben Haushalt lebende Verwandte oder Lebensgefährten erweitert. Die Familie beruht im Wesentlichen auf Verwandtschaftsbeziehungen.

Ja, der Roman entbehrt nicht einer gewissen Spannung und natürlich fragt man sich, fragt sich wohl jeder Leser, ob, wann und wie es den Kindern gelingen mag, den beiden ihnen Nahrung und Unterkunft, aber keine Perspektive bietenden „Outlaws“ zu entkommen. Und – ohne nun spoilern zu wollen – die Frage bleibt bis zur letzten Seite des Buches relevant.

Die unterschiedlichen Erzählstränge – sie spielen Ende der 70er Jahre und in den 2010er Jahren – werden physisch verbunden durch einen Teil des titelgebenden Kerbholzes, der in die Hände der Familie der auch 30 Jahre nach dem Unfall suchenden Tante gerät. Doch bringt der Kontinente und Familien verbindende Staffelstab „Kerbholz“ tiefergehende Erkenntnisse? Wer ist Schuldner, wer Gläubiger?

Das Setting – der Mensch, durch Unglück oder eigene (Fehl-)Entscheidung in die wilde Natur geworfen – war Lesemotivation und erinnerte mich an einige andere Bücher, die wir hier auf Krautjunker bereits besprochen haben, vor allem an

Andrin von Martina Altschäfer (ein Debütroman) und an

Cloris von Rye Curtis (ebenfalls ein Debütroman); und an den Band

An das Wilde glauben von Nastassja Martin, ein autobiographischer Erfahrungsbericht einer Wissenschaftlerin.

Bei allen drei Bänden spielte die Natur eine herausragende Rolle, im Positiven wie im Negativen aus der Perspektive der jeweiligen Protagonistinnen – denn in allen drei Büchern sind es starke Frauenpersönlichkeiten, die die Prüfungen meistern, vor die sie gestellt sind.

Aber im Vergleich zu den drei genannten Büchern spielt die Natur in Kerbholz eine eher untergeordnete Rolle, sie ist letztlich reduziert auf eine Rolle als physisches Hindernis für die Kinder, ihren Gastgebern leichtfüßig zu entkommen. Die Outlaws können darauf vertrauen, dass die widerborstige Natur sie in ihrem Ansinnen, die Kinder dauerhaft auszubeuten, unterstützt. Genau so aber wäre auch ein Setting in einer städtischen Umgebung vorstellbar, in dem Geiseln, Gefangene sich nach und nach ihren „Haltern“ annähern und bleiben, statt abzuhauen – Stockholm lässt grüßen.

Kerbholz endet irritierend – mit einer möglicherweise versöhnlichen Perspektive auf Familie… Mehr soll hier nicht verraten werden.

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Text des Verlages
Eine britische Familie stürzt an der einsamen Westküste Neuseelands mit dem Auto über eine Klippe, nur die drei Kinder auf dem Rücksitz überleben. Unter moosbehangenen Felswänden suchen sie Schutz vor Insekten und dem unerbittlichen Regen, bis endlich Rettung naht: Zwei Outlaws bringen die Kinder auf ihre abgelegene Farm. Doch schnell zeigt sich, dass ihnen günstige Arbeitskräfte sehr gelegen kommen. In der rauen Landschaft auf sich allein gestellt, führt jedes der Kinder bald seinen ganz eigenen Kampf um Freiheit und ums Überleben. Und im fernen England macht sich ihre Tante auf die Suche nach den Vermissten.

Mit einem tiefen Verständnis für die Psychologie seiner Figuren fragt Nixon danach, welche äußeren und inneren Zwänge den Menschen prägen und was eine Familie im Kern ausmacht.

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Pressestimmen

»Existenziell, elegant und unerbittlich. Mit Donnerhall bis zur letzten Seite.«
― Alf Mayer, Strandgut

»Psychologisch meisterhaft komponiert, mit Figuren, die einen immer dann überraschen, wenn man glaubt, die Handlung vorauszuahnen. Klischeefrei, komplex und fesselnd bis zur letzten Seite.«
― Theresa Hübner, WDR

»Nixon komponiert kunstvoll. Dazu gehört auch, den Sprachverlust der Kinder in den Prozess einsickern zu lassen, in dessen Verlauf sie sich in tierhafte Gestalten verwandeln – und sich immer weiter von ihrer Herkunft entfernen.«
― Hannes Hintermeier, Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Solch eine Familiengeschichte wie Kerbholz haben Sie noch nicht gelesen. Dieses Buch hat Echo. Und wie.«
― CrimeMag

»Keine der Figuren lässt sich in eine Schublade stecken. Kerbholz erzählt davon, wie der Mensch sich an fast alles anzupassen vermag.«
― Sylvia Staude, Frankfurter Rundschau

»Der Kriminalroman zeigt psychologisch geschickt, wie offenbleibende Rechnungen und Anspruchsdenken das menschliche Miteinander vergiften können.«
― Katrin Doerksen, Deutschlandfunk Kultur

»Carl Nixon ist ein sensationeller Roman gelungen über den Kampf ums Überleben, über das Ausgeliefertsein und das, was Familie ausmacht. Hellwach und hochwertig geschriebene Literatur mit einem raffiniert komponierten Plot, eine erschütternde, psychologisch vielschichtige Geschichte direkt aus der Neuseeländischen Wildnis. Wirklich herausragend.«
― Günter Keil, egoFM Buchhaltung

»Ein mehrdimensionales Buch mit starken psychologischen Elementen, das in die fremde Welt der Landbesetzer in Neuseelands Busch entführt, nach dem Wert von Familie fragt und die Konzepte von Gut und Böse verschwimmen lässt.«
― Doris Krauss, Die Presse

»Nixon gewährt einen gänzlich anderen Blick auf das Sehnsuchtsland europäischer Urlauber. Eindringlich beschrieben wird die Wildnis Neuseelands, die das Leben der Kinder von Grund auf verändert. Große Empfehlung für einen spannenden und psychologisch komplexen Roman.«
― Beate Frauenschuh, EKZ

»Ein atmosphärischer Kriminalroman, die neuseeländische Version des Outback Noir. Nicht aus der Hand zu legen.«
― Alison Flood, The Guardian

»Nixons fesselnde Prosa erzeugt eine anhaltende Faszination für diese emotionsgeladene Geschichte. Elektrisierend.«
― Publishers Weekly

»Nixon besticht neben der vielschichtigen, psychologisch tiefgründigen Story, mit deren stilistischer Aufbereitung sowie mit ausgeprägten, klischeebefreiten Charakteren. Kerbholz geht unter die Haut.« 
― APA

»Äußerst filmisch und eindringlich.«
― Radio New Zealand

»Herausragender Spannungsroman aus Neuseeland. Raffiniert komponiert, grandios geschrieben, Klassikerpotenzial.«
― Playboy

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Carl Nixon

Carl Nixon, geboren 1967 in Christchurch, Neuseeland, studierte Religionswissenschaften und Pädagogik und lebte in Japan und New York. Sein Werk umfasst Romane, Kurzgeschichten und Dramen und wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Katherine Mansfield Short Story Award. Nixon lebt in Christchurch.

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Thomas Thelen

Thomas Thelen ist Deutsch-Drahthaar-Bändiger, Leihhund-Bespaßer, Fliegenfischer, Holzwerker und Genießer – und eher nebenher Unternehmensberater und Autor.
Zuhause in den südbadischen Weinbergen, hält er nicht nur nach Schwarz- und Rehwild Ausschau, sondern auch nach empfehlenswerter Lektüre und leckeren Rezepten. Wenn sie seinen Geschmackstest bestehen, werden sie hier umgehend weiterempfohlen – oder kritisch betrachtet.


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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe sowie Porzellantassen. Weitere Informationen hier.

Titel: Kerbholz

Autor: Carl Nixon

Übersetzung: Jan Karsten

Verlag: Unionsverlag

Verlagslink: https://www.unionsverlag.com/info/title.asp?title_id=8879

ISBN: 978-3-293-71012-2

Verlag: UnionsverlagVerlagslink: https://www.unionsverlag.com/info/title.asp?title_id=8879


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