Interview mit Pia Laflör, Goldschmiedin und Jägerin

Kultur (allgemein) Kultur (lat. cultura) bedeutete ursprünglich Pflege, Landbau zur Kultivierung der Natur. Deshalb spricht man von einer „Kulturlandschaft“. Kultur im geistigen Sinne bedeutet seit der Aufklärung (17./18. Jahrhundert) die Pflege des Denkens und Handelns des Menschen einschließlich der Verbesserung der Sitten wie z. B. Esskultur, Wohnkultur oder Jagdkultur
(…)
Die deutsche Jagdkultur lässt sich in vier Gruppen einteilen: 1. Moralische Regeln (Weidgerechtigkeit) 2. Traditionelle Sitten und Bräuche (Jagdliches Brauchtum) 3. Handwerkliche Kenntnisse und Fertigkeiten 4. Verarbeitung des Jagderlebnisses in Literatur, Kunst und Musik (Kulturelle Schöpfungen)

-ABC der Jagdkultur


Jagd ist Schauen, Jagd ist Sinnen, Jagd ist Ausruhen, Jagd ist Erwartung, Jagd ist Dankbarkeit, Jagd ist Advent, Jagd ist Vorabend, Jagd ist Bereitung und Hoffnung.

-Friedrich von Gagern: Birschen und Böcke, Hamburg/Berlin 1985

Abb. und Bildquelle: Pia Laflör

In freier Natur den archaischen Wurzeln des Mannseins nachgehen? Jagen, Sex und Tiere essen? Das ist schon lange Schnee von gestern, nicht nur die Klimakrise und die Gefährdung der Umwelt führen dazu, dass immer mehr Frauen ihre Jagdneigung entdecken.

Die griechische Göttin Artemis und die römische Göttin Diana sind die Göttinnen des Waldes. Nicht Macht und Stärke sind die Voraussetzungen zur Jagd für die Göttinnen, sondern Besonnenheit, Weisheit und die Liebe zur Natur. In einer kultivierten Welt ist eine archaische Jagd, wie sie am Beginn der Menschheitsentwicklung stand, nicht mehr möglich. Das Handeln des heutigen Jägers wird deshalb durch eine Jagdkultur geformt, die von der Gesamtkultur der jeweiligen Zeit bestimmt wird und die den ethischen Ansprüchen dieser Zeit entspricht.

Kultiviert jagen heißt mit Herz und Seele jagen.

Aus prähistorischen Zeiten ist Schmuck aus Muscheln, Steinen und Knochen erhalten geblieben. Es ist wahrscheinlich, daß es schon früh als Schutz vor den Gefahren des Lebens oder als Zeichen von Status oder Rang getragen wurde. Prähistorische Funde von Grandeln belegen, daß Hirschzähne bereits seit der Steinzeit als Jagdtrophäe gesammelt und als Schmuck getragen wurden. Auch heute noch werden die Eckzähne von Rothirschen als Zeugnis einer erfolgreichen Jagd aus dem Gebiss des erlegten Tieres entfernt. Doch die Jagd gibt nicht nur Grandeln her, Hauer und Haderer, Geweihteile, Hirschhorn, Fuchshaken, Krallen und Zähne, all das läßt sich fassen und veredeln als Andenken an einen schönen Jagdtag und/ oder zur Zierde der Jäger (in).

Neues entdecken, Altbewährtes im neuen Design antreffen, nicht suchen, aber finden – es gibt unzählige Gründe, sich für den Jagdschmuck der eigenen Großmutter oder die Jagdausrüstung des Großvaters zu begeistern. Ob Collier, Ring, Ohrring, Anhänger, Jagdhornverzierung, für den Hund, Krawattennadel, Manschettenknöpfe, Anstecknadel oder Jagdmesserverzierung („Von dem Großvater, auf den Sohn, auf den Enkel“) – von großem künstlerischen, ideellen und materiellen Wert.

Abb.: ROTHAARVORHOEHEN – Hutanstecker mit Schrotpatrone und Federn; Bildquelle: Pia Laflör


Wir freuen uns Euch Pia Laflör, eine Jägerin mit Herz und Seele, vorzustellen (vielleicht kennt Ihr sie schon?) und haben sie gebeten, uns ihre Erfahrungen, Wahrnehmungen und Ideen zum Thema Jagd zu schildern. Eigentlich wollte Laflör Kunst an der Akademie in Düsseldorf studieren. Die Vernunft brachte sie aber dazu ein geisteswissenschaftliches Studium zu beginnen. Nach dem Studium der Kommunikationswissenschaft, Medienwissenschaft und Psychologie stehen die Kinder im Vordergrund. Der Wunsch nach Gestaltung, Kreativität und Handwerk blieb jedoch immer bestehen. Mit 33 Jahren absolvierte sie deshalb eine Goldschmiedelehre bei einem Schmuckdesigner in Düsseldorf und so beginnt zweifellos ihr persönlichstes und engagiertestes Projekt.

Abb. u. Bildquelle: Pia Laflör

Pia, warum bist Du Jägerin geworden?


Pia Laflör: Bei Freunden im Montafon war ich morgens um 5 Uhr im Garneratal im Revier unterwegs, als die Sonne hinter den Bergen aufging. Ich drehte mich einmal um mich selbst und beim abglasen der wunderschönen Hänge hatte ich stolzes Rotwild, kapitales Rehwild, imposantes Steinwild, akrobatische Gämse und flinke Murmel im Anblick. Da wusste ich, dass ich Jägerin werde. Ein paar Wochen später begann ich mit der 9 monatigen Jagdausbildung.

Ich möchte meinen Teil dazu beitragen, die Schönheit der Natur zu verstehen und zu erhalten. Tiere und Pflanzen benennen, hegen und pflegen können.

Dazu kam, dass ich komplett auf industrielles Fleisch verzichten wollte. Ich habe mir geschworen: wenn ich weiter Fleisch essen möchte, muss ich auch in der Lage sein, ein Tier zu erlegen. Den wirklichen Respekt vor der Kreatur zu spüren und sich beim Essen von Fleisch bewusst zu sein, dass man dafür ein Leben genommen hat.

Mittlerweile esse ich ausschließlich Wildfleisch und das sehr bewusst und wenig. Ansonsten lebe weitestgehend vegan, um jegliche industrielle Herstellung von tierischen Erzeugnissen nicht mehr zu unterstützen.

Mein Traum ist es, gesund und in Frieden eine komplette Mahlzeit, ausschließlich aus von mir selbst erzeugten, gepflanzten und erlegten Lebensmitteln zuzubereiten und diese mit Menschen, die ich liebe im Garten meines eigenen Hauses zu mir zu nehmen und zu genießen. An einer schlichten Tafel, mit weißem Leinentuch und einem selbst gepflückten Blumenstrauß.

Pia, was ist Deine Motivation als Jagdschmuckdesignerin?

Pia Laflör: Ich möchte den hohen Stellenwert, die Schönheit und den Respekt vor der Natur, vorm Wald und vorm Wild am Menschen durch meinen Jagdschmuck sichtbar und im Alltag tragbar machen. Die Liebe zur Kunst und zum Handwerk wird gepaart mit der Praxis der so notwendigen Nachhaltigkeit und des Naturschutzes.

Abb. u. Bildquelle: Pia Laflör

Mit künstlerischer Ästhetik und Erdigkeit, mit dem altertümlichen Handwerk der Goldschmiederei und der Jagd, verbindet sich etwas mit sehr viel Energie und alter Zeit.

Wildes Trophäenmaterial geht eine Verbindung mit Gold und Silber, Steinen und Perlen ein, und ist so archaisch und zeitgemäß zugleich. Die Böden der Patronen besonderen Jagderlebnisse von Kunden werden du bleibender Erinnerung und zum Geschichtenerzähler des Jagenden mit Jagdglück.

Abb.: ALPSPITZE – Hirschhornring gegossen mit Patronenboden in GoldBildquelle: Pia Laflör

Das ich mein gelerntes Handwerk ohne moderner Technik, mit Mundblas-Lötrohr und Fasserpunzen betreibe, verstärkt das kraftvolle und spannungsreiche Aussehen meiner unikaten Jagdschmuckstücke.   

Ich möchte Traditionen und Werte erhalten und im modernen Gewand Freude und Aufmerksamkeit schaffen. Wir brauchen die Natur, aber die Natur braucht uns nicht. Es gilt, sie zu bewundern und zu erhalten.

Trophäenmaterial und Patronen wertschätzend und respektvoll zu behandeln und zu verarbeiten, ist eine Hommage an die Natur und an alle Lebewesen.

Man sagt mir nach, ich habe viel Drang nach dem Leben eines Freigeistes, was mir nicht bewusst ist.

Abb.: ZUGSPITZE – Gürtelschnalle mit Hirschschädeln; Bildquelle: Pia Laflör

Kreativität leben zu dürfen und frei in der Gestaltung zu sein, ist für mich selbstverständlich und unablässig. Das Erarbeiten von persönlichen Aufträgen gemeinsam mit dem Kunden ist ein Geschenk und eine Inspiration.

Bei mir gibt es keine Massenware, jedes Schmuckstück und jeder Arbeitstag gestaltet sich anders.

Meine Arbeit und Privates lässt sich nicht scharf abgrenzen.

Ich genieße meine Flexibilität, welche meinen Kindern zugutekommt, genauso wie der Partnerschaft, meinen Freunden, der Jagd und dem Naturerleben, der Ruhe und dem intensiven Gefühl, mich und mein Leben ausgewogen und selbstbestimmt zu gestalten.

Abb.; BLUEMLISALP – Bockhornkettchen mit Perle; Bildquelle: Pia Laflör

Liebe Pia, vielen Dank für die interessante Vorstellung! Geistige Klarheit bringt gute Leistung, ob als Jägerin oder Designerin!

Abb. und Bildquelle: Pia Laflör

Will man heute das Jagdwesen ethisch rechtfertigen, genügt es nicht mehr, von einer rein anthropozentrischen (den Menschen in den Mittelpunkt stellenden) Sichtweise auszugehen. Anthropozentrische Interessen mögen zwar immer noch eine Rolle spielen und sind wohl nie ganz wegzudenken, sie allein rücken die Jagd aber in ein schiefes Licht. Aus diesem Grund bedarf es einer Berücksichtigung umweltethischer Aspekte, die ökologisch fundiert sind. Darüber hinaus sollte sich die Jägerschaft vermehrt mit den Überlegungen der Tierethik auseinandersetzen, um die eigene Jagdpraxis im Sinne der Weidgerechtigkeit immer wieder neu zu hinterfragen und zu verbessern. Wildtiere sind unsere Mitgeschöpfe. Sie verdienen als solche einen respektvollen und achtsamen Umgang und dürfen nicht einfach zu Objekten menschlicher Interessen degradiert werden. (Der ungekürzte Beitrag samt Literaturangaben ist unter www.jagdverband.it abrufbar und wurde erstmals in der Zeitschrift »Ethika« veröffentlicht).

„Die aller mutigste Handlung ist immer noch selbst zu denken. Laut.“
Coco Chanel

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Interviewerin Sabine Noelle-Wying

Abb.: Symbolbild von Sabine Noelle-Wying; Bildquelle: Girotti

Ihr Vater nannte sie ´Ricke mit Lackschuhen´, ihr Großvater nannte sie Zicklein, ihr Bruder nannte sie auch schon mal Schmeißfliege… Dieser Mix aus kuriosen Tieren ergibt eine Bienenfreundin, die Honigkreationen aller Art liebt. Außerdem liebt Sabine Bäume, Sträucher und Pflanzen und was sich daraus machen läßt, wie z.B. Gin und Champagner.  Vieles mehr, was uns die Natur anbietet wie Geräusche oder Stille, alle kleinen oder großen Bewohner des Waldes, der Flüsse und Seen, auf oder unter Steinen, in der Luft, über- oder unterirdisch, sind ihreFreunde und Freude!

Ihr Revier teilt sie mit Heini, dem Kaninchendackel – er hat die bessere Nase, Sabine die längeren Beine. Ein gutes Team!

Langes Warten in der Natur ist nie langweilig. Sabine und Heini haben gerne Gäste und genießen inspirierende Gespräche wie auch sie versucht, Paradiesvögel aller Art zu inspirieren.

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe sowie Becher aus Porzellan und Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.


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