Jagen, Sex & Tiere essen

von Florian Asche

 

Was ist archaisch?

 Am 28. September 2002 füllten 16.000 Menschen die COLORLINE-ARENA in Hamburg, um Zeugen zu werden, wie LUAN KRASNIQI gegen LAMON BREWSTER um den Titel des WBO-Schwergewichtsweltmeisters boxte. Um den Ring saßen Prominente aus Medien und Sport. Neben ihnen die übliche Mischung aus Welt und Halbwelt. Die Vorkämpfe hatten die Stimmung schon erheblich angeheizt. Die Halle brodelte wie ein Motor, und die Atmosphäre war mit einem Messer zu schneiden, als gegen 22.00 Uhr die beiden Kontrahenten in die Halle einmarschierten. Der Deutsche Krasniqi wurde dabei von seinen Landsleuten frenetisch gefeiert. Ein tausendstimmiger Chor bejubelte ihn und feuerte seinen Kampfgeist an. Nach dem unvergessenen MAX SCHMELING sollte endlich wieder einem Landsmann der Griff nach der Krone des Weltmeisters gelingen. Als ihm dann der Titelträger folgte, wandelte sich der Applaus der 16.000 in das wutentbrannte Schnauben eines einzigen gigantischen Ungeheuers, das dem Champion am liebsten den Kopf abgebissen hätte. Pfiffe und Buh-Rufe prasselten wie Regentropfen auf Brewster hinab, als dieser in den Ring stieg. Sein Gesicht war ausdruckslos. Er blickte ins Leere.

Eine halbe Stunde später schien die Halle zu explodieren. Krasniqi hatte Brewster an den Rand des Knockout gebracht. Mehrfach hatte sein Gegner schwere Linke einstecken müssen, doch der Champion verdaute die härtesten Schläge und ging nicht zu Boden. Der Deutsche musste nach Punkten vorn liegen. Beide Kämpfer waren völlig entkräftet. Schließlich riss Brewster alle noch verbliebenen Kräfte und den letzten Rest von Courage und Moral zusammen und startete in der neunten Runde einen letzten Angriff. Die Schläge hagelten auf Krasniqi herab wie Bomben. Er wankte und brach zusammen. Die Halle tobte, als er wieder auf die Beine kam. Mit dem Mut der Verzweifelung stellte er sich seinem Gegner in den Weg, als der Ringrichter wegen technischer Überlegenheit den Kampf abbrach. Der alte und neue Titelträger war Lamon Brewster. Doch er musste gestützt werden, als man ihn aus dem Ring führte.

Ich habe diesen Kampf gesehen und hatte dabei das Gefühl, als würde mich die Bestie der 16.000 selbst erwürgen wollen, als stünde ich selbst im Ring und müsste die Schläge, die Schreie und den wabernden, schwitzend-schwülen Atem der Halle ertragen. Ich sah zwei Boxer, die bis an den Rand ihrer physischen und moralischen Fähigkeiten aufeinander einschlugen. Ich sah Männer und Frauen mit vor Geilheit verzerrten Gesichtern, die von der Welle des vieltausendstimmigen Chors überrollt wurden, denen der Schweiß dieser auf Biegen und Brechen kämpfenden Gegner wie ein Aphrodisiakum ins Gesicht spritzte. Ich sah tief in das Herz von Menschen, die ihren Höhlen nur auf Zeit entronnen sind. Und dort in der Tiefe liegt das Archaische.

Der Begriff des Archaischen hat zunächst eine historische Bedeutung. Als ARCHAIOS bezeichnet die Gräzistik die politische Epoche Griechenlands, zwischen 750 und 500 v. Chr. Als Vorstufe zur Klassik und Phase großer innenpolitischer Krisen wird die Archaios durch die Herrschaft verschiedener Tyrannen gekennzeichnet. Erst durch die politischen Reformen des KLEISTHENES mündet diese historische Phase in der ATTISCHEN DEMOKRATIE. Die Kulturphilosophie versteht unter dem Archaischen eine urtümliche, mitunter primitive Form menschlicher Existenz.

 

Praktisch bedeutet das:

Je grundlegender die Dinge sind, die uns umgeben, desto archaischer sind sie. Das gilt zunächst für den Lebenskampf, der sich in zwei Männern symbolisiert, die im Boxring stehen und nichts haben als ihre Fäuste, um anzugreifen und sich zu verteidigen. Noch mehr gilt es für das System des Fressens und Gefressenwerdens, des Entstehens und Vergehens, das Prinzip von Sex und Tod.

Ein Archaiker ist jemand, der sich für diese einfachen, grundlegenden Dinge des Lebens begeistert, der die Nase voll hat von Schnickschnack und Schischi.

„Ich schwärme für einfache Genüsse! Sie sind die letzte Zuflucht der Komplizierten.“

So schreibt der große Genießer OSCAR WILDE, selbst alles andere als ein Archaiker. Er erkannte, dass in einer Welt, in der alles sich zunehmend um Dinge dreht, die außerhalb des Menschlichen liegen, die Grundfragen unseres Seins immer wichtiger werden. Natur, Stille, Essen, Trinken und Sex sind diese grundlegenden Dinge unseres Lebens. Um sie kreisen die Interessen des Archaikers.

Ein Archaiker hat gern schmutzige Hände, schläft auf dem Boden, pflückt etwas ab und gräbt etwas aus. Er isst gern ungesunde Sachen wie fette Landwurst auf Brot. Der Archaiker macht gern Feuer und spießt etwas auf einen Stock, um es darin zu rösten, ein Höhlenmensch. Er kennt das Wort „Igitt“ ebenso wenig wie „das ist unhygienisch“. Ein Archaiker lacht ein wenig lauter als andere, flucht aber auch so und sagt auch mal „Fotze“ oder „Wichser“ (je nach Geschlecht). Der Archaiker macht sich einfach keinen Knoten in seinen Magen. Er lebt sein Ich nach außen.

Der Archaiker mag einen bürgerlichen Beruf haben. Mitunter hat er sogar einen Bürojob. Er ist vielleicht Werbegrafiker oder Steuerberater. Er steht schließlich inmitten einer modernen Zivilgesellschaft und kann sich ihren Erwerbszwängen nicht entziehen. Er hat sicher auch seine Freude an den Errungenschaften unserer Zivilisation. Er geht ins Kino oder ins Theater, er hat einen Fernseher und ein I-Phone. Diese Attribute der Moderne schließen das Archaische jedoch nicht aus. Sie sind nämlich nicht Teil seiner Identität. Den Charakter eines Archaikers erfährt man aus seinen Erzählungen, wenn dabei seine Augen zu glänzen beginnen.

Ein Freund, Konzertmeister in einem Symphonieorchester, erzählte mir mit strahlendem Gesicht von seinem letzten Angelausflug mit der Familie. Sie hatten Feuer gemacht und ein halbes Dutzend Forellen gefangen. Die Kinder hatten kleine Fischermesser dabei, mit denen sie interessiert und ohne Murren und Knurren den Fang ausweideten. Als dann das Feuer zur Glut heruntergebrannt war, da hatten sie im Wald Bärlauch gesucht, die Fische gesalzen und gepfeffert, mit dem Kraut gefüllt, gegrillt und gegessen. Dazu gab es ein paar Kartoffeln, die sie in der Glut gebacken hatten. „Du, das war das beste Essen des letzten Jahres, ach was, der beste Tag!“, schwärmte er und ich hatte das Gefühl, einen wahrhaft glücklichen Menschen vor mir zu haben. Es war die pure Lust am Archaischen, die aus ihm sprach. Und doch weiß ich, wie viel ihm seine Musik bedeutet.

Je komplizierter unsere Welt wird, desto stärker wird unsere Sehnsucht nach Dingen, die wir aus unserer eigenen Kraft bewältigen, die wir verstehen und in denen wir uns sicher und geborgen fühlen können. Es wächst die Lust am Archaischen. Dieser Lust wollen wir uns im folgenden Kapitel zunächst ganz unverdächtig nähern, nämlich über den Appetit. Das Essen von Tieren, die man selbst gejagt und getötet hat, ist ein Genuss. Zugleich aber bietet der Weg zu diesem Essen – die Jagd – Erkenntnisse, die für den Menschen in einer modernen Gesellschaft noch wichtiger sind als ein voller Magen. Leider tun sich Jäger, Angler und andere Archaiker manchmal etwas schwer, diese Vorteile beim Namen zu nennen. Ein sprachloser Zustand ist das, den wir überwinden wollen.

 

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KRAUTJUNKERAnmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Facebook-Gruppe.

jagen-sex-und-tiere-essen
Titel: Jagen, Sex und Tiere essen

Autor: Florian Asche

Verlag: Verlag J. Neumann-Neudamm Aktiengesellschaft

ISBN: 978-3788814960

Verlagslink: http://neumann-neudamm.de/jagdbuecher/jagdliche-belletristik/romane-und-erzaehlungen/3443/jagen-sex-und-tiere-essen

 

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Warum wir jagen und angeln?

https://krautjunker.com/2016/10/11/mit-den-fischen-ist-es-wie-mit-den-pilzen/

https://krautjunker.com/2016/10/07/wilder-heinrich-auf-der-pirsch/

https://krautjunker.com/2016/06/14/meditationen-ueber-die-jagd/

 

 

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