Artemis

von Florian Asche

Wenn man den Berg Kynthos auf der griechischen Insel Delos betrachtet, dann ist man zunächst etwas enttäuscht. Eine kleine Kuppe völlig verkarsteter Steine erhebt sich über den Trümmern einer antiken Siedlung, mitten in der Ägäis. Kein Baum und kein Strauch beleben das Bild. Alles Stille. Und doch, wenn man sich die Trümmer im Tal zu Häusern und Tempeln zusammendenkt und im Geiste die Menschen der Antike durch die Straßen laufen sieht, dann regt sich auch unsere Phantasie in Richtung dieses kleinen Berges.

Wenn es dort unter Wolken krachte und blitzte, dann schauten die Insulaner ängstlich hinauf und fragten sich, was dort wohl geschehen mochte. Hatte Zeus, der Blitzeschleuderer, ihren Untergang beschlossen? Oder ließ der Sonnengott Helios seinen Streitwagen besonders strahlend hinter dem Berg über den Himmel ziehen? So machten sich diese frühen Kulturen ihre Gedanken und eines Tages kamen sie auf eine besondere Geschichte. Vielleicht färbte an diesem Tag ein außergewöhnlicher Regenbogen oder ein prächtiger Sonnenuntergang den Himmel und verhieß ihnen etwas Besonderes, das sich auf dem Gipfel wohl gerade ereignete.

Dorthin, so erzählte man sich, sei die schwangere Titanin Leto geflohen, um ihre Zwillinge zur Welt zu bringen, die sie dem Göttervater Zeus verdankt. Geflohen? Wovor sollte eine Titanin fliehen? Nun, in der Nähe des Olymp war es der Schwangeren zu unsicher. Zu groß war die Wut Heras, der andauernd betrogenen Ehefrau des Zeus, Wächterin über Ehe und Familie. Titanen waren zwar unsterblich, doch Hera schickte einen Drachen, um Leto zu verschlingen und so suchte sich Zeus für Leto ein ruhig und diskret gelegenes Wochenbett aus, abseits vom Olymp und sicher vor einer Nebenbuhlerin, die ihr am liebsten jedes göttliche Haar einzeln ausgerissen hätte.

Nach 9-tägigen Wehen erblickt nun die Tochter Artemis das Licht der Welt. Das Kind ist so frühreif, dass es der Mutter schon bei der Entbindung des Zwillingsbruders Apoll hilft. Zeus, der stolze Vater, überträgt den beiden geliebten Kindern entsprechend ihre Geburt besondere Zuständigkeiten. Artemis, die Ältere, wird mit dem Schutz der Natur und der Wildtiere beauftragt. Als Zeichen ihrer Macht erhält sie einen Bogen, den die Zyklopen gebaut haben, menschenfressende Riesen, mit denen später Odysseus Bekanntschaft schließen wird. Ihre Jagdhunde bekommt sie von Gott Pan. So gewappnet stellt Zeus sie auf ihre Jägerprobe. Sie muss der kyrenitischen Hirschkuh hinterherjagen, jedoch ohne sie zu töten ohne wirklich einzufangen. Erst nach dieser langen Lehrzeit und Durststrecke schenkt ihr Zeus dieses edle Tier, das ausschließlich ihr gewidmet ist. Von da an schützt Artemis die Wildtiere, jedoch auch deren Jäger.

Apoll, der Jüngere, ist dagegen der Gott der schönen Künste. Und so wie Natur und Kultur immer wieder Konflikte miteinander austragen, sind Apoll und Artemis zwar in geschwisterlicher Liebe verbunden, streiten aber auch immer miteinander, lieben und hassen sich. Gerade Apoll ist dabei manchmal von einer besonderen Grausamkeit. Als Artemis einen jungen Jäger namens Orion kennenlernt und sich mit ihm anfreundet, da ergreift ihn die göttliche Eifersucht. Scheinheilig schleicht er sich an seine Schwester heran und flüstert ihr ins Ohr: „Artemis, mein Liebling, schau doch, dort hinten, das Fass, das im Meer treibt.“ Und er zeigt auf einem verschwommenen Punkt am Horizont. „Dein Bogen soll ja unfehlbar sein, so sagt man. Doch dieses Ziel, das kannst Du unmöglich treffen!“ Artemis springt natürlich sofort über das Stöckchen, dass ihr der Bruder hinhält, nimmt den berühmten Bogen und schießt dem friedlich im Meer dahinschwimmenden Orion den Pfeil genau durch den Kopf. Aus Reue hebt sie den toten Freund als Stern in den Himmel. Ein Denkmal für die unglücklich verlaufene Freundschaft.

Überhaupt hat Artemis kein besonders glückliches Händchen, wenn es um Liebe und Zuneigung geht. Sie ist eine jungfräuliche Göttin, die niemals heiratet und auch keine Kinder in die Welt setzt. Als die Nymphe Kallisto, eine ihrer liebsten Jagdgefährtinnen, von Zeus vergewaltigt wird, bekommt sie nicht etwa Artemis Mitgefühl zu spüren, sondern ihren ganzen Hass gegen die erzwungene Unkeuschheit. Kallisto wird von ihr in eine Bärin verwandelt und vom Hofe gejagt. Artemis Keuschheit geht soweit, dass sie sich auch keinem Mann unbekleidet zeigt. Als eines Tages ein Jäger namens Aktaion sie beim Baden beobachtet, da ist ihre Rache grausam und jagdlich zugleich. Sie verwandelt den harmlosen Voyeur in einen Hirsch und lässt ihn von seinen eigenen Hunden in Stücke reißen.

Obwohl Artemis ein Singledasein zu führt, wird sie in der antiken Kunst regelmäßig als große Mutter gezeichnet. Im berühmten Artemis-Tempel von Ephesos zeigte beispielsweise eine Figur mit hundert großen und kleinen Brüsten die Allzuständigkeit und die lebensspendende Kraft der Göttin als einer Art großer Mutter. Der Tempel selbst war eines der sieben antiken Weltwunder. Er wurde erst im Jahr 262 nach Christus zerstört.

Auf den ersten Blick überrascht es, dass die Hoheit über die Jagd, einer doch besonders männlich anmutenden Tätigkeit, gerade einer weiblichen Gottheit anvertraut wurde. Doch zugleich liegt darin eine gewisse Logik, denn die Beziehung der Griechen zu ihren Göttern war stets von einer gewissen erotischen Grundstimmung geprägt. Da ist dann die Göttin der Jagd auch zugleich die Person, zu der sich Jäger, also Männer, besonders hingezogen fühlen.

Wenn wir uns heute fragen, was die griechische Mythologie uns durch diese Frau zu sagen hat, dann können wir feststellen, dass in ihr das Grundphänomen der Jagd schon enthalten ist, das Miteinander von Naturschutz und Naturnutzung. Artemis ist einerseits Hüterin der Natur, die alle ihre anvertrauten Tiere und Pflanzen gegen Missbrauch verteidigt. Zugleich aber gewährt sie den Menschen das Recht, dem Wild nachzustellen und es zu töten. Als Gegenleistung verlangt sie von ihnen den Ethos, die Waidgerechtigkeit oder neudeutsch „fair chase“.

Dass allerdings auch die Weste der Artemis nicht ganz fleckenrein ist, beweisen ihre eigenen Fehlleistungen. Man schießt einfach nicht auf ein vermeintliches Fass am Horizont, wenn man nicht korrekt angesprochen hat. Licht und Schatten auf der Jagd sind so alt wie die Jagd selbst. Man muss die Griechen bewundern, dass sie sich ihre Götter so ähnlich machten, damit man die Chance hatte, den Menschen mit all seinen Fehlern auch in den höchsten Wesen wiederzuerkennen.

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Florian Asche

Der Rechtsanwalt Dr. Florian Asche ist Vorstandsmitglied der Max Schmeling Stiftung und der Stiftung Wald und Wild in Mecklenburg-Vorpommern.
Einem breiten Publikum wurde er bekannt durch seinen literarischen Überraschungserfolg über den göttlichen Triatlhlon: Jagen, Sex und Tiere essen (siehe: https://krautjunker.com/2017/01/04/jagen-sex-und-tiere-essen/https://krautjunker.com/2017/09/19/sind-jagd-und-sex-das-gleiche/)

Website der Kanzlei: https://www.aschestein.de/de/anwaelte-berater/detail/person/dr-florian-asche/

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Mehr von Dr. Florian Asche: https://krautjunker.com/?s=florian+asche

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Anmerkungen

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