Buchvorstellung von Werner Berens
Vorbemerkungen
So heißt das Buch bzw. die Übersetzung aus dem Englischen, erschienen als Buch bei Matthes & Seitz Berlin.
Der Autor, Jonathan C.Slaght, berichtet, beschreibt, erzählt darin auf 295 eng beschriebenen Seiten in 3 Teilen und insgesamt 33 Kapiteln von seinen Forschungen über den Riesenfischuhu an der östlichen Küste Russlands nördlich Wladiwostok.
Der Autor ist amerikanischer Ornithologe, der für seine Dissertation und aus anderen noch zu erwähnenden Gründen für mehrere Frühjahre die amerikanische Komfortzone gegen die russische Wildnis tauscht.
Leseerlebnis
Man mag sich als mitteleuropäischer Leser fragen, ob denn die Lebensweise und die Bedürfnisse eines großen Eulenvogels, den es fast nur in eng begrenzten Gebieten des östlichen Russlands und in Japan gibt, zur eigenen Horizonterweiterung unbedingt notwendig ist. Gibt es doch für ornithologisch Interessierte „vor der Haustür“ genügend Geflügel, mit dessen Lebensbedingungen und möglichen Schutzvorhaben man sich auseinandersetzen könnte. Die Gefahr besteht, dass man die Eule des östlichen Eises hinsichtlich ihrer Priorität ähnlich einordnet wie den „berüchtigten“ Sack Reis, der im nahen China umfällt. Diese Befürchtung verfliegt augenblicklich, liest man den Prolog.
»Was für ein Vogel da über uns saß, wussten wir erst einmal nicht,…..Ungefähr so groß wie ein Adler, aber fluffiger und stattlicher…………fast so, als hätte jemand ein Bärenjunges hastig mit einem Haufen Federn beklebt und das verwirrte Tier auf einen Baum gesetzt…..«
Schon hier versteht der Autor es, seine Faszination bei der ersten Begegnung mit der Eule so bildhaft in Worte zu fassen, dass die Erwartungen zu dem, was da an Skurrilitäten und Unbekanntem die Aufmerksamkeit des Lesers fesseln könnte, weiter lesen lässt. Man will mehr darüber erfahren: über den Vogel, über den Autor und seine Forschungen dazu…
Man muss sich selbst nicht sonderlich für den Uhu interessieren, um das Buch spannend zu finden. Das eigentlichen Abenteuer besteht darin, mitzuerleben, was jemand, der den Vogel spannend findet, alles anstellt und auf sich nimmt, um herauszufinden, wo er lebt, wie er lebt und was es braucht, damit er nicht wie der Amurtiger in der gleichen Region, der Zivilisierung der „Wildnis“ zum Opfer fällt. Diese ist geprägt durch Wilderei in den wald- und wildreichen Gebieten des russischen Ostens, durch rücksichtslose, illegale Lachsfischerei in den Flüssen, durch „Zivilisierung“ mit der Brechstange mittels Kahlschlag und Straßenbau. Der Autor nimmt den Leser mit zu brandgefährlichen Fahrten über das schmelzende Eis der Flüsse, zu abenteuerlichen Flussquerungen nebst unfreiwilligen Vollbädern, zu aufreibenden Suchen nach Uhunestern bei 20 Grad minus. Er nimmt den Leser mit zu Gewohnheiten der russischen Helfer und Gastgeber bei der „Wodkavernichtung“ und der Lebensbewältigung… einer Bevölkerung mit unerschöpflichem Improvisationstalent, die sich in einer seltsamen Zwischenwelt zwischen rudimentärer moderner Technik und dem Überleben bei 30 Grad minus in einer Waldhütte „durchwursteln“ muss.
Der Autor schafft es, als „verwöhnter“ Amerikaner, für seine Forschungen mit erstaunlicher Gelassenheit all das auf sich zu nehmen, was für seine russischen Helfer/Mitforscher Business as usual ist. Und er kann dieser Art von Forschung in der Wald- und Wasserwelt des russischen Ostens mehr als Forschungsnotwendigkeiten abgewinnen. Er freut sich darauf im nächsten Frühjahr in einer Region, die er lieben gelernt hat, weiter zu machen. Weiter machen bedeutet: Wohnen im Zelt oder Truck bei tiefen Minusgraden, aufreibende Suchen in der Wildnis auf Skiern und zu Fuß, abenteuerliche Fahrten mit KFZ und Motorschlitten, zusammenleben auf engstem Raum mit „originellen“ Mitforschern und Helfern.
Der Leser, die Leserin erlebt mit dem Autor Forschungsreisen, bei denen kaum etwas vorgegeben ist-weil noch nie unter diesen Bedingungen erforscht- und bei denen vieles nach der Methode Versuch und Irrtum erst erfunden werden muss, wie z.B. die richtige Methode, adlergroße Greifvögel so zu fangen und mit Sendern auszustatten, dass weder die Vögel noch die Fänger mehr „Federn“ dabei lassen müssen, als unvermeidlich ist.
Den „Charakter“ des Buches als Abenteuer illustrieren auch die Kapitelüberschriften, als da z.B. sind: „Ein Dorf namens Hölle“, „Der Ritt über das letzte Eis zur Küste“,“Reißende Fluten“, „Wo es keine Verkehrsschilder mehr gibt“.
Sprache
Die bildhaften Vergleiche, die ironische Distanz zum manchmal gefährlichen Geschehen auf dem Eis, beim landestypischen „Vernichten“ von Wodka und der Beschreibung skurriler Angewohnheiten seiner Helfer tragen neben der Handlung dazu bei, ein an sich „trockenes“ Forschungsgeschehen als „Abenteuerfilm“ vor dem Auge des Lesers erscheinen zu lassen…
»Andrei Katkow war Mitte 50, korpulent, hatte einen Bart und einen Pansen wie ein hedonistischer Römer…….Am katastrophalsten war aber vielleicht, dass Katkow Weltmeister im Schnarchen war….er war ein wahrer Teufelsschnarcher. Während sich seine Schlafgenossen an das rhythmische Muster von Luftschnappen und Ausschnaufen………hielt Katkow alle in seiner Hörweite mit einer erstaunlichen Vielfalt von Knallern, Pfiffen, schrillen Schreien und Ächzen im Zustand höchster Alarmbereitschaft.«
Quintessenz
Warum ich das Buch gern gelesen habe und warum ich mir ähnliche Bücher wünsche, ist sicher auch subjektiven Vorlieben geschuldet, die ich unter zwei Gesichtspunkten zusammenfasse:
1. Die Forschung zu einem Vogel, für den sich im Gegensatz zum Pandabären und Amurtiger „niemand“ interessiert, als Abenteuer in lebendige, bildhafte Sprache zu bringen, ist sehr gut gelungen. Den zivilisationsgewohnten Leser in eine ihm unbekannte, ferne Zwischenwelt aus Überleben im Wald mit rudimentären Einsprengseln westlichen Lebensstandards mitzunehmen ist ebenso ungewöhnlich und führt zu 2.
2. Das Buch hat meinen Horizont erweitert. Dass Forschung außerhalb der Labore ein anstrengendes, aber dennoch spannendes Abenteuer zu sein vermag, war mir in dieser Deutlichkeit bislang nicht klar. Eben sowenig klar waren mir die Lebensumstände einer russischen Landbevölkerung, die zwischen Archaischem und der Moderne in einer kaum bewältigbaren Ambivalenz „feststeckt“ und zwischen diesen Polen ihr Auskommen finden muss. Das lässt von diesem Standort aus betrachtet vieles von dem, was verwöhnte Westler (z.B. Wilderei, Naturvernichtung) als No go betrachten, in einem anderen Licht erscheinen… Kurz: Ich kann die Lektüre allen, die meinen erwähnten Prioritäten etwas abgewinnen können, uneingeschränkt empfehlen.
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Jonathan C. Slaght

Jonathan C. Slaght ist Koordinator für Russland und Nordostasien bei der Wildlife Conservation Society, wo er Forschungsprojekte zu gefährdeten Arten leitet. Über seine Arbeit berichtete er unter anderem in der New York Times, The Guardian, BBC und Scientific American. Eulen des östlichen Eises wurde mit dem PEN/E.O. Wilson Literary Science Writing Award sowie dem Minnesota Book Award for General Nonfiction ausgezeichnet und stand auf der Longlist für den National Book Award. Slaght lebt in Minneapolis.
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Werner Berens

Werner Berens ist Fliegenfischer, Jäger, Autor und Genussmensch, der den erwähnten Tätigkeiten soweit als möglich die lustvollen Momente abzugewinnen versucht, ohne aufgrund kulinarisch attraktiver Beute übermäßig in die falsche Richtung zu wachsen. Als Leser und Schreiber ist er ein Freund fein ziselierter Wortarbeit mit Identifikationssmöglichkeit und Feind von Ingenieurstexten, die sich lesen wie Beipackzettel für Kopfschmerztabletten. Altermäßig reitet er dem Sonnenuntergang am Horizont entgegen und schreibt nur noch gelegentlich Beiträge für das Magazin Fliegenfischen.
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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe sowie Becher aus Porzellan und Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

Titel: Die Eulen des östlichen Eises
Autor: Jonathan C. Slaght
Übersetzung: Sigrid Ruschmeier
Verlag: Matthes & Seitz Berlin
Verlagslink: https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/die-eulen-des-oestlichen-eises.html?lid=1
ISBN: 978-3-7518-0219-2
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