Masse oder Klasse? Haben wir ein jagdliches Fachkräfteproblem?

von Florian Asche

„Sag mal, mein Lieber, hast Du denn überhaupt kein Fernglas dabei?“.

Kopfschüttelnd steht die Jagdherrin vor ihrem jungen Gast. Vor 23 Jahren hat Marion das Hochwildrevier in der Müritz mit ihrem Mann zusammen gepachtet. Für beide war es das Paradies einer gemeinsamen Passion. Nach dem Tod ihrer weit schlechteren Hälfte kümmert sich Marion nun vermehrt um den jagdlichen Nachwuchs. Deshalb lädt sie zu den Intervallansitzen außer ihren Freunden auch immer ein oder zwei jagdliche Neulinge dazu. Begleitung auf dem Weg in die jagdliche Praxis. Auch an diesem Freitagabend stehen zwei Anfänger auf dem Forsthof, Absolventen einer bekannten Jagdschule. Noch vor einigen Wochen haben sie dort über den Prüfungsfragen geschwitzt. Heute aber soll es hinausgehen, ins Revier, selbst schauen und hoffen, eigene Beute zu machen. „Grau, lieber Freund, ist alle Theorie und grün ist des Lebens goldener Baum“, denkt sich Marion. Ihr machen diese Erlebnisse mit jungen Menschen unendlich viel Freude. Schließlich ist die eigene Lebensstrecke so groß, dass Teilen zur Freude wird. Und nichts ist so spannend, wie die ersten Schritte junger Menschen in Richtung grüne Praxis.

Bildquelle: Sven Leupold

Doch einiges hat sich in den letzten Jahren geändert.

Früher waren ihre Gäste meistens selbst Jägerkinder. Sie hatten mit den Eltern und durch eigene (verbotene) Jagderlebnisse das Handwerk schon kennengelernt. Rattenjagd in der Scheune, das Kaninchen vom Ansitz oder die Taube auf der Stoppel hatten vor der Zeit Jäger aus ihnen gemacht. Nur der grüne Schein fehlte. Diese Gruppe junger Praktiker wird immer kleiner. Heute sind die ersten Gäste meist Absolventen von Intensivkursen aus der Stadt. Häufig möchten sie „Biofleisch“ nach Hause zu bringen oder etwas Sinnstiftendes in der Freizeit unternehmen. Deshalb haben sie die Prüfung gemacht. Die Motive sind vielfältig und wer sich die Jagd aneignen will, der ist bei Marion herzlich willkommen. Doch soll man sich keine falschen Vorstellungen machen, die Jagdherrin ist streng. So gilt der erste Blick der Ausrüstung. Welche Jacke, welche Büchse, welches Messer? Wer betritt heute das Revier? Und da weiten sich die Augen: Alles ist heute vom Feinsten. Man trägt Funktionswäsche in Camouflage und führt natürlich den Geradezug-Repetierer. Auf dem Lauf mit Silencer sitzt ein weiteres Riesenrohr, die unvermeidliche Nachtzieltechnik.

Bildquelle: Sven Leupold

Marion hat ihren ersten Bock (natürlich einen Knopfer!) noch mit dem klapprigen 98er von Opa Bruno geschossen. Mit vierfachem Glas und dem schrecklichen Absehen 1. Sie hat ihr durchgeschwitztes Kinderhütchen getragen und den abgelegten Lodenmantel von Onkel Michael. Ihr erster Dackel (Anton) hat sie begleitet. Mutterseelenallein war sie vor Tagesanbruch rausgefahren, hatte gebibbert vor Passion und war dann, nach allerlei Versuchen, so stolz! Aufgebrochen, verblendet und mit dem Vater dann den Bock geholt. Heute ist anscheinend alles anders.

Doch Marion ist ein freier Geist und schließlich soll man nicht von der Kleidung auf den Menschen schließen. Vorsichtshalber fragt sie, was bei ihren jungen Freunden so aus den Gewehrläufen fliegt. „300 Win mag! Damit kann man alles schießen haben sie uns gesagt.“ Marions Stirn runzelt sich. „Dir ist aber schon klar, dass wir hier auf Rehwild und Schmaltiere jagen oder? Die möchte ich nachher noch essen können.“ Marion kassiert die Artillerie ein und kommt mit ihrer alten Kipplaufbüchse in 7 x 57 R zurück. „So, das sollte für heute reichen.“ Sie lässt ihren Adlatus ein paar Mal den Abzug abschlagen und fragt dann nach seinem Fernglas. „Reicht denn das Zielfernrohr nicht?“. Marions Stirn runzelt sich wieder. „Ohne vernünftiges Fernglas entgeht Dir doch so vieles. Willst Du immer über den Gewehrlauf schauen, um die Natur zu beobachten? Du willst doch auch Piepmätze sehen. Na, wir teilen uns mein Fernglas. Los, es wird Zeit.“

Drei Stunden später steht die Truppe wieder vor dem Jagdhaus. Ein Gast erzählt, er habe ein kleines braunes Tier gesehen. Was für eines? Er schaut etwas betroffen. Marion einigt sich mit ihm nach langem Fragen auf einen Baummarder. Zwei Freunde haben die ihnen zugedachten Rehböcke geschossen und einer hat ein Damschmaltier nach Hause gebracht.

Es wird zentral aufgebrochen, damit die Jungjägerschar Praxis bekommt. Marion erklärt und hilft überall. Doch sie merkt deutlich, wie weit entfernt ihre Schützlinge doch von dem sind, was für sie schon in der Kindheit selbstverständlich war. Wo sitzt die Leber? Wo bricht man das Schloss? Häufig herrscht große Ratlosigkeit. Dabei hatte ein junger Gast doch beim Kaffee von seinen ersten Drückjagderfolgen im letzten Jahr berichtet. „Du hast doch gesagt, dass Du fünf Sauen geschossen hast. Warum tust Du Dich denn jetzt so schwer?“ Doch Drückjagd ist heute nicht mehr Praxis, sondern Event. „Da wurde doch immer zentral aufgebrochen und es waren Metzger dabei. Da wollte ich mich nicht dazwischendrängen.“ Als schließlich die Brüche überreicht werden, da muss sich ein glücklicher Schütze den Hut seines Nachbarn leihen. Stolz prangt das Zweiglein an der Tarnkappe.

Vom Harvard-Politologen Samuel Huntington stammt der Begriff des „Clash of cultures“, des Zivilisationskonflikts. Doch was der Wissenschaftler als Phänomen zwischen geografisch/kulturellen Räumen beschreibt, das zieht sich mitten durch unsere Gesellschaft. Es erreicht unsere Wälder und unsere Jagd. Junge Menschen fühlen sich heute einer derartigen Vielzahl an Informationen und Lebensgestaltungen ausgesetzt, dass es immer schwerer fällt, auszuwählen und spezifische Expertise zu schaffen. Was früher Mangel war, das bedeutete zwangsläufig, das wenige Vorhandene auch zu beherrschen. Heute verändern Sportclub, Auslandsjahr, Fernreisen, Internet, soziale Netzwerke usw. unseren Blick auf die Welt. Dabei wird die Aufmerksamkeitskurve immer kürzer. Alles soll im Tik-Tok-Tempo vermittelt werden. Dementsprechend kurz sind auch die Intensivkurse unserer Jagdschulen. Diese Institute haben durchaus eine Daseinsberechtigung. Allerdings kann man von niemandem verlangen, innerhalb von Wochenfristen zum Jäger zu werden. Dazu bedarf es einer großen Praxis, eines Vor- und Nachreifens des Erlernten. Doch das gibt es immer seltener.

Denn wer hat das Glück, im Heckwasser eines Lehrprinzen zu schwimmen? Wer läuft in einem Revier mit und hat sich dort noch für seine Fehler zu verantworten? Wer erlebt noch eine echte Dramaturgie der Jagd, die mit der kleinen Beute beginnt und nach Jahren beim Hirsch endet? In Namibia erlebte ich eine Familie, deren jüngster Sohn als erstes Stück Wild seines Lebens einen Oryx nach Hause brachte. Er war 14 Jahre alt. Was soll eigentlich noch in diesem Leben kommen?

Und wer liest heute noch Jagdliteratur? Von mittlerweile 400.000 Jagdscheininhabern schaut höchstens die Hälfte noch regelmäßig in eine Jagdzeitung. Insbesondere junge Menschen surfen eher im Internet. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden, doch was wird dort geboten? Der riesige Haufen von „Influencern“ vermittelt meistens keine Inhalte, sondern beschränkt sich auf pornografisch angehauchte „Jagderlebnisse“ im Totschieß-Modus. Wir erfahren nichts über Biotopgestaltung, Wildtierschutz, nichtjagdbare Arten und jagdpolitische Probleme. Solche Themen belasten die Klickraten zu sehr und schrecken die Sponsoren ab. Peng-Knall-Puff läuft einfach besser. Dazu kommt noch ein Bild der eigenen Großartigkeit. Rehbock mit Blütensträußchen und dahinter die Erlegerin mit duckface oder der Schütze mit modernster Artillerie. So wird die Beute zum Teil der Eigenkosmetik. Wer heute die Jägerei lernen möchte, der ist verdammt einsam in der Kakophonie des Internets.

Heraus kommt eine Form des jagdlichen Vulgärlateins mit Hightech-Ausrüstung. Unsere Fachsprache wird nicht mehr beherrscht („und dann lief der Bock einfach weg!“). Und das Aufarbeiten des Wildes gerät zum Gemetzel. Auf einer Drückjagd wurden die Schützen einmal gebeten, das Wild „zu lüften“. Als wir einen Jungjäger dann von seinem Stand abholten, da hatte er seinem Frischling die Keulen und Blätter abgeschärft, der Bauch aber blähte sich…

Die Technik ersetzt alles, was uns verloren gegangen ist. Oder geht es uns nicht vielmehr verloren, weil wir der Technik hinterherlaufen? Da machen die ersten „Jäger“ ihre Nachsuchen mit WBG und Drohne. Einen Hund führen sie nicht mehr ab. Zu wenig Zeit. Zu viel Technik.

Ist das des alten Mannes Klage?

Die Jagd keine Insel. Sie teilt die gesamten Probleme des Bildungsstandortes Deutschland. Vor 30 Jahren war ein Hauptschüler ohne weiteres in der Lage, eine handwerkliche Lehre zu beginnen und abzuschließen. Realschüler konnten vollständig sicher schreiben und formulieren und Gymnasiasten hatten einen Überblick über die deutsche Literatur. Mittlerweile hat sich der Anteil der Abiturienten verdoppelt. Das rechtfertigt die Frage, ob wir auch doppelt so intelligent geworden sind. Oder kann es sein, dass unsere Bildungsstandards gesenkt wurden? Anders lässt es sich nicht erklären, dass immer mehr Ausbildungsbetriebe und Universitäten die Frage stellen, ob die neue Generation studien- und ausbildungsfähig ist. Zugleich werden heute unsere Schulkinder mit Beifall und Bestnoten überschüttet. So brachte 1/3 aller Hamburger Abiturienten 2021 einen Einserschnitt nach Hause. Das entspricht ungefähr 17 % aller Schulabgänger. Regelmäßiges Atmen und ganze Sätze sprechen in Deutschland mittlerweile für Hochbegabung. Zugleich sind knapp 24 % unserer Viertklässler nicht in der Lage, mathematische Mindestleistungen zu erbringen. Die Qualität spaltet sich, auf der einen Seite stehen immer weniger echte Leistungsträger und auf der anderen immer mehr bildungsferne Freizeitoptimierer.

Nichts anderes gilt für die Jagd. Sie teilt die allgemeine Entwicklung unserer Gesellschaft, wird unkonzentrierter, unbedachter und ausgerichtet auf schnelle Erfolge. Doch ist das unser Schicksal? Wenn wir uns entschließen könnten, statt seelenloser Fragenkataloge einen praktisch-ethischen Ausbildungsteil zumindest als Folgeausbildung zur Jungjägerausbildung anzubieten, dann wäre das ein echter Fortschritt gegenüber einer Tendenz zum Schmalspurhobbyisten.

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Florian Asche

Der Rechtsanwalt Dr. Florian Asche ist Vorstandsmitglied der Max Schmeling Stiftung und der Stiftung Wald und Wild in Mecklenburg-Vorpommern.
Einem breiten Publikum wurde er bekannt durch seinen literarischen Überraschungserfolg über den göttlichen Triatlhon: Jagen, Sex und Tiere essen (siehe: https://krautjunker.com/2017/01/04/jagen-sex-und-tiere-essen/https://krautjunker.com/2017/09/19/sind-jagd-und-sex-das-gleiche/)

Website der Kanzlei: https://www.aschestein.de/de/anwaelte-berater/detail/person/dr-florian-asche/

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Mehr von Dr. Florian Asche: https://krautjunker.com/?s=florian+asche

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe sowie Becher aus Porzellan und Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.


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  1. Avatar von Dr. Herbert Wessel Dr. Herbert Wessel sagt:

    Immer wieder sehen wir, dass in Jagdkursen die Teilnehmer darauf getrimmt werden, sich ohne Sinn und Verstand mit den „allerbesten“ Waffen und anderen Ausrüstungsgegenständen zu versorgen. Da kommt es dann zur .300 Winchester mit 4~18×56 in Anfängerhand. Die Jagdpatronen, die von Durchschnittsschützen ohne zu mucken beherrscht werden, hören bei der .308 oder 7×57 auf, die 6,5×55 funktioniert auch hervorragend, für diese Patronen ist Übungsmunition preiswert und das Schiessen ist wegen des moderaten Rückstoßes dauerhaft nebenwirkungsfrei. Regelmäßige Besuche auf dem Schiessstand sind sicher sehr viel wirksamer als jedes HiTech Gewehr. Das erfahren die Jungjäger in den meisten Fällen nicht. Ein vierfaches Zielfernrohr ist bis einhundert Meter und ein sechsfaches bei 200m ausreichend, als Jungjäger sollte man sich vor Weitschüssen sowieso hüten. Die Mondschein und Drückjagd Situationen sind Sonderfälle, aber als Anfänger die Ausrüstung auf Doubletten und flüchtige Schüsse auf über sechzig Meter auszurichten, ist wirklichkeitsfremd. Davon abgesehen, die Weidgerechtigkeit ist vielmehr eine Frage des Charakters als des jagdlichen Ausbildungsstandes. Jeder Jäger, nicht nur der Jungjäger, der selbstkritisch ist, befindet sich in einem ständigen Lernprozess und entwickelt seine Fähigkeiten weiter. Schön, wenn die Alten den Jungen dabei zu Seite stehen.

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