von Werner Berens
Vor Jahren habe ich damit begonnen, einer Kollegin das Angeln zu erklären. Diese Kollegin ist äußerst pragmatisch veranlagt und vermag nicht einzusehen, dass man Fische zurücksetzt. Sie begreift auch nicht, dass man nicht sofort nach Hause fährt, wenn man nach einer halben Stunde nicht so viele Fische gefangen hat, dass mindestens der Gegenwert eines halben Stundenlohns für gut bezahlte Akademiker herausgekommen ist.
Ich habe lange gebraucht, bis ich verstand, dass alle Bemühungen, in meine Schilderungen Begriffe wie Naturerlebnis oder Beutetrieb einzuflechten, auf vollkommenes Unverständnis stoßen. Angeln hat mindestens so viele Farben wie der Regenbogen, der aber alle diese Farben braucht, um ein Regenbogen zu sein, und ich hatte den Versuch unternommen, einer „Blinden“ den Regenbogens zu beschreiben. Jemand, der nicht sehen kann, dem kann man den Regenbogen nicht erklären. Seit ich das weiß, erläutere ich nichts mehr, ohne mich vorher zu vergewissern, dass die Gabe der Wahrnehmung über den eigenen Horizont hinausgeht.
Nun ist niemand verpflichtet, dem Fischen etwas abgewinnen zu können, aber seit meinen Erklärungsversuchen beschäftigt mich die Frage, was treibt eine bestimmte Sorte von Menschen eigentlich dazu, bis ins hohe Alter ein Leben lang zu angeln. Oder anders gefragt, was ist das Wesen unserer Passion, wieso verstehen viele Fischer dieses Wesen und etliche andere Menschen nicht ?
Im Sinne einer Definition ist das nicht zu erklären, was die einen Menschen von den anderen unterscheidet. Man kann es nur vermuten. Es hat auf jeden Fall damit zu tun, dass man sich überhaupt für irgendetwas begeistern kann. Es gibt Angler, die nehmen auch nach 40 Anglerjahren noch ihre Vorfreude an das Gewässer mit, gespannt darauf, was der Tag bringen werde. Und wenn man als Kind oder Jugendlicher einige Jahre Gelegenheit hatte, sich als Teil der Natur wahrzunehmen, dann hat man auf jeden Fall einen Vorsprung.
Ich erinnere mich an einen 13-jährigen Angler, der in den Ferien jeden Morgen mit seinem Fahrrad und einem Fahrradanhänger an unserem See auftauchte. Ob es regnete oder die Sonne schien, er war immer da. Auf seinem Anhänger hatte er alles, was er zum Fischen und zum Leben an diesem jeweiligen Tag brauchte. Manchmal bleib er, wenn es warm genug war mit zwei drei anderen zusammen auch über Nacht.
Als er seinen ersten Karpfen an der Angel hatte, sprang er aufgeregt hin und her, und die Gefahr bestand, dass er im Übereifer den Fisch verlieren würde. Doch es gelang ihm, den Fisch zu keschern.
Einige Tage später sah ich, wie er mit zwei Kameraden zusammen am Abend an einem Lagerfeuer am Seeufer saß und die drei auf Weidenstöcke gespießte Barsche in der Glut grillten.
Und am Ende der Ferien sah ich ihn abermals einen noch größeren Karpfen drillen. Diesmal mit erstaunlicher Souveränität und Gelassenheit. Über die Ferien war aus ihm ein Fischer geworden, und er erzählte mir später, was er in den vergangenen Wochen alles gefangen habe.
Als er 16 Jahre war, hörte er mit dem Fischen auf, denn als 16-Jähriger hat man womöglich anderes zu erledigen. Aber ich gehe jede Wette ein, dass dieser vormals 13-jährige an einem noch unbekannten Zeitpunkt seines Lebens sich zurückerinnern und wieder ein Fischer sein wird.
Als mein Sohn mit neun oder zehn Jahren zum ersten Mal fischte, verlor der kleine Kerl nach einer längeren Zeit ohne Biss an seiner Stipprute die Geduld. Als modernes Kind hätte ihn jetzt die Sehnsucht nach irgendeiner Fernsehserie überfallen müssen. Doch das war nicht so, irgendetwas in der gemeinsamen Erinnerung aller Menschen musste geweckt worden sein, denn er langweilte sich nicht. Ich glaubte so etwas wie Beutetrieb erkennen zu können, denn er hielt nach anderen lohnenden Jagdobjekten Ausschau. In den umherhüpfenden Heuschrecken fand er sie. Nachdem er die Lage sondiert hatte, überlegte er sich eine geeignete Taktik und fing statt der Fische die Heuhüpfer im Gras, was gar nicht so einfach war. Diese setzte er nach erfolgreichem Fang in ein Marmeladenglas und war begeistert bei der Sache. Als wir am Abend unsere Angelgeräte zusammenpackten, ließ er die Tierchen wieder frei, womit er den Grundgedanken von Catch and Release so ganz nebenbei auch schon verstanden hatte.
Alle Fischer, mit denen ich mich über das Thema unterhalten habe, sind offenbar mit einem Bedürfnis ausgestattet, Tiere auf irgendeine Weise zu überlisten, Beute zu machen. In der Zeit, als der Mensch Jäger und Sammler war, diente dies sicher vordergründig dem Nahrungserwerb. Heute ist der Kern unserer Passion vermutlich dieser Jagdtrieb, den wir losgelöst von der zu erwartenden Nahrung in die Neuzeit mitgenommen haben. Etlichen Menschen, so auch uns Fischern, ist er offenbar erhalten geblieben. Das wiederum gefällt anderen nicht, die sich kulturell „weiter entwickelt“ haben, und deshalb z.B. Computerspiele als angemessene Freizeitbeschäftigung bevorzugen. Wir sind nun einmal- in den Augen vieler Tierschützer – archaische Wesen, die sich, mit moderner Ausstattung versehen, gefühlsmäßig und kulturell noch in der Altsteinzeit befinden. Das gilt für Fischer ebenso wie für Jäger.
Ich hoffe inständig, dass die Tierschützer Recht haben, denn ich bin sehr froh, dass ich in mir die Prägung meiner Altvorderen in die Neuzeit retten konnte. Wenn das nicht so wäre, würde mir fischen keinen Spaß machen und was dann ? Dann müsste ich mich mit weitaus „sinnvolleren“ und kulturell angemessenen Passionen befassen, zum Beispiel mit der Liebe zu hoch motorisierten Autos.
Glücklicherweise macht mir Fischen so viel Freude, dass ich mir vorgenommen habe, es bis zum Alter von hundertzwanzig Jahren aktiv zu betreiben. Dann möchte ich, beim Fang und der Landung einer mindestens fünfzig Zentimeter großen Forelle nach dem Releasen derselben, plötzlich und sanft in die ewigen Jagd- und Fischgründe abberufen werden, um dort oben mit den schon verstorbenen Kollegen in Ruhe fachsimpeln zu können.

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Werner Berens

Werner Berens ist Fliegenfischer, Jäger, Autor und Genussmensch, der den erwähnten Tätigkeiten soweit als möglich die lustvollen Momente abzugewinnen versucht, ohne aufgrund kulinarisch attraktiver Beute übermäßig in die falsche Richtung zu wachsen. Als Leser und Schreiber ist er ein Freund fein ziselierter Wortarbeit mit Identifikationssmöglichkeit und Feind von Ingenieurstexten, die sich lesen wie Beipackzettel für Kopfschmerztabletten. Altermäßig reitet er dem Sonnenuntergang am Horizont entgegen und schreibt nur noch gelegentlich Beiträge für das Magazin Fliegenfischen.
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Anmerkungen
Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe sowie Becher aus Porzellan und Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

Titel: Von Fischern und Fischen – Geschichten vom Abenteuer Angeln
Autor: Werner Berens
Verlag: Franckh Kosmos Verlag
ISBN: 978-3440098578
Titelbild: Foto von Domie Sharpin auf Unsplash
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