Zanderblau

von Werner Berens

Der Baggersee war wie geschaffen für Zanderbesatz. Auf seiner Südwestseite war er von den Saugbaggern schon vor Jahren verlassen worden. Hier hatte sich auf der allmählich entstehenden Schlickschicht ein Wasserpflanzenteppich angesiedelt, der Im Sommer undurchdringliche Verstecke für die Fischbrut und Nahrung in Hülle und Fülle bot. Auf der Abbruchkante über dem Wasserspiegel wuchs ein Dschungel aus Erlen, Weiden und Brombeergestrüpp, in den hinein mehrere Angelplätze geschlagen worden waren.

Die andere Seite des Sees war das genaue Gegenteil : eine Kies- und Sandwüste, über die sich auf ihren Stelzen aus Stahl die Förderbänder schräg nach oben fortpflanzten, wo sie an ihrem Ende die Kiesfracht des Saugbaggers in einem hohen Kiessilo abluden. Der Bagger arbeitete von morgens bis in die Nacht und das Gerassel der Maschinen gehörte mittlerweile zur kaum noch wahrgenommenen, gewohnten Geräuschkulisse. Die Kiesentnahme und die Rückführung des Wassers aus der Kieswaschanlage führten in dem klaren, kalten Grundwasser des Sees zu einer ständigen Eintrübung durch feinen Sand, der im Wasser schwebte und dann langsam zu Boden sank auf die grob- und feinschotterigen Kiesbänke, auf denen die großäugigen Raubfische stehen. Zander jagen gern im Trüben, und deshalb war der See, sauber, fruchtbar mit seinem gelb-türkisfarbenem von Sandpartikeln durchschwebtem Wasser für diese Jäger gemacht.

Das Leben im und am See gedieh. Große Hechte wurden gefangen ,das Friedfischaufkommen war gewaltig und Schwärme von Barschen kreuzten im Sommer durch das Wasser.Wenn man einen solchen Schwarm fand, konnte man am kleinen Spinner einen Barsch nach dem anderen landen.

Doch wo waren die Zander ? Außer dem ein oder anderen Zufallsfang beim Nachtangeln wurde kein Zander gefangen und man vermutete, dass sie sich gegen die Hechtkonkurrenz nicht durchgesetzt hatten. Etliche versuchten in den Jahren nach dem reichlichen Zanderbesatz, gezielt diesen Räubern nachzustellen. Doch der Erfolg war so dürftig, dass man nach einiger Zeit das Zanderfischen einstellte und sich mit dem unerklärlichen Verschwinden der Jäger abfand.

Es war ein sonnendurchglühter Tag Ende August gewesen, an dessen Abend wir uns am Baggersee zum Nachtfischen einrichteten. Am Horizont erschienen einige Wolken, aber es sah so aus, als werde es trocken bleiben.

Die Aalruten wurden beködert und eine Rute sollte mit einem toten Köderfisch und einer unausgesprochenen Hoffnung versehen auf Grund liegen, vielleicht wäre ja doch noch einmal ein Zander zu bekommen.

Vor uns lag eine flache Sandbank. Hier hatte früher eine gewaltige Rohrleitung die Sandfracht aus der Waschanlage abgeladen und auf dem Kiesgrund eine weit in den See hinaus sich fortsetzende Sandbank gebildet.

Die Sonne ging unter und die ersten Fledermäuse taumelten bei ihrer Insektenjagd knapp über den Wasserspiegel. Das Feuer brannte und die Nacht hüllte den See in eine geheimnisvolle dunkelblaue Welt, aus der fernes Hundebellen und nahe Vogellaute ans Feuer drangen. Gelegentlich raschelte es im Gebüsch, und außerhalb unserer Wahrnehmungsmöglichkeit musste sich reges, heimliches Leben in den Gebüschen und im Wasser entfalten. Es platschte im Wasser, es raschelte im Gebüsch und das Notgeschrei einer Ente sagte uns, dass der Fuchs unterwegs sei. Fliegende Wesen taumelten über das Wasser durch unser Blickfeld, es quakte aus dem Schilf und es huschte hinter dem Feuerschein durch das Gras. Fast schien es so, als kämen alle Wesen in der Heimlichkeit der Nacht gleichzeitig aus ihren Verstecken zu einem bewegten Treiben am und im See für die Dauer dieser dunkelblauen Nacht.

An der Zanderrute befand sich das Schwanzstück einer kleinen Plötze, getragen von einer Pose, die so eingestellt war, dass der Köder knapp auf dem Grund auflag. Oben auf der Pose war ein Knicklicht befestigt. Unsere Aufmerksamkeit galt jedoch den Aalglöckchen an den Grundruten und die Knicklichter auf den Posen der Zanderruten nahmen wir nur aus den Augenwinkeln wahr.

Die Pose musste schon eine ganze Weile auf der spiegelglatten Wasseroberfläche getanzt haben, ehe wir das Auf und Ab wahrnahmen. „Biss“ ? Diese halb fragende, halb ungläubige Feststellung meines Angelkollegen machte mich aufmerksam. Da bewegte sich die Pose meiner Zanderrute langsam auf und ab wippend in den See hinaus. Als sie endlich unendlich langsam unterging und der Schein des Knicklichtes verblassend in der Tiefe verschwand, schlug ich an. Kein Widerstand, nichts. Ich kurbelte den Köder heran. An ihm war nichts zu sehen. Ein Zander hätte gehakt sein müssen, denn mit der Nadel hatten wir die Fetzenköder so auf das Vorfach aufgezogen, dass der Zwillingshaken mit den Hakenbogen aus ihm herausstach und beim Anhieb einfach greifen musste. Da tanzte auch schon das Knicklicht meines Mitanglers Chris über die Oberfläche. Auch er setzte erst den Anhieb, als die Pose abtauchte. Das gleiche Ergebnis. Nichts.

Jetzt bestückten wir die Angeln mit einer ganzen Sardine aus dem Supermarkt und warfen wieder aus. Nach noch nicht einmal 5 Minuten begann der Tanz der Posen erneut. Zwei grüne Lichtstäbchen irrlichterten über den See, verschwanden schwächer werdend in der Tiefe- und tauchten heller werdend wieder auf, verschwanden wieder und wurden dann beim Anhieb jäh nach oben gerissen. Die Köder waren unbeschädigt, also half es auch nichts, lange mit dem Anschlag zu warten. Wieder brachten wir die Ruten aus und das Geschehen begann von neuem. Diesmal setzten wir den Anhieb sehr früh. Nichts, nicht einmal kurzer Widerstand.

Dort in dem nachtschwarzen Wasser mussten unerklärliche Kräfte am Werk sein, denn der gleiche geisterhafte Ablauf wiederholte sich noch mehrere Male. Ein Aalglöckchen riss uns in die Wirklichkeit zurück. Ein guter Aal verschwand nach der Landung im dafür vorgesehenen Eimer und beide vergaßen wir, die Rute erneut auszuwerfen, denn die Aale waren uns nun gleichgültig. Wir wollten den Unheimlichkeiten da draußen in der von blassem Mondlicht erleuchteten, dunkelblauen Welt auf die Spur kommen. Einer legte Holz nach. Das Feuer und die Gasleuchten an unserem Angelplatz waren unsere Insel innerhalb einer fremden uns umschließenden, nicht sichtbaren Welt, in der es raschelnd, quakend, schreiend und platschend lebte und starb.

Wir entfernten die Posen von unseren Angeln, versahen die Leinen mit einem sehr leichten Laufblei und ließen die restliche Montage so, wie sie war. Dann warfen wir die Köder an die gleichen Stellen auf der Sandbank und befestigten die Aalglöckchen an den Zanderruten. Der Rollenbügel war geöffnet und die Schnur lediglich auf der Rute unter ein Gummibändchen geklemmt.

Keiner sprach. Beide saßen wir in Gedanken an die irrlichternden Posen und versuchten das Unverständliche zu verstehen, doch da läutete das Glöckchen an der Angel von Chris. Er ließ den Fisch einige Meter Schnur ziehen und setzte dann den Anhieb. Die leichte Rute bog sich und nach kurzem Drill und geringer Gegenwehr tauchten aus dem Dunkelblau in Ufernähe die gelb leuchtenden, großen Augen eines Zanders im Schein der Taschenlampe auf. Er hatte fast 80 cm. Zehn Minuten später wiederholte sich an meiner Rute das Geschehen. Mein Zander war 20 cm kleiner. So schnell wie möglich wurden die neu beköderten Ruten wieder ausgelegt. In dieser Nacht fingen wir auf der flachen Sandbank noch 4 Zander, alle auf die gleiche Weise.

Natürlich wollten wir wissen, ob es sich um Zufallsfänge gehandelt habe und wiederholten bei der nächsten Gelegenheit in einer ebenso blauen Nacht unser Zanderfischen. Und wieder hatten wir Glück, wieder waren die Zander auf der Sandbank und wieder war die Nacht so blau, so fremd, so lebendig wie beim ersten Mal. Nach etlichen weiteren erfolgreichen Versuchen wussten wir, dass die Zander da waren und dass wir sie gefunden hatten. Nur an dieser Stelle in den knapp eineinhalb Meter tiefen Rückzugsgebieten der Kleinfische fuhren sie des Nachts in die Schwärme ihrer Beute, trieben sie auseinander, jagten sie und nahmen vielleicht im Vorüberschwimmen die auf dem Boden liegende Sardine oder das kleine Rotauge mit und wurden so selbst zur Beute.

Wenn die Nächte zu dunkel oder beim Vollmond zu hell waren, hatten wir mit den Zandern wenig Glück. Zander fingen wir nur, wenn die Nächte zanderblau waren, dieses dunkle, fast schwarze, lebendige Blau der nicht sichtbaren fremden Welt um die Insel aus Licht musste es sein, von der aus wir die Zander in unsere Welt holten.

*

KRAUTJUNKER-Autor Werner Berens

Abb.: Werner Berens beim Fliegenfischen; Bildquelle: Werner Berens

Werner Berens ist Fliegenfischer, Jäger, Autor (siehe: https://www.kosmos.de/search?sSearch=werner+berens) und Genussmensch, der den erwähnten Tätigkeiten soweit als möglich die lustvollen Momente abzugewinnen versucht, ohne aufgrund kulinarisch attraktiver Beute übermäßig in die falsche Richtung zu wachsen. Als Leser und Schreiber ist er ein Freund fein ziselierter Wortarbeit mit Identifikationssmöglichkeit und Feind von Ingenieurstexten, die sich lesen wie Beipackzettel für Kopfschmerztabletten. Altermäßig reitet er dem Sonnenuntergang am Horizont entgegen und schreibt nur noch gelegentlich Beiträge für das Magazin Fliegenfischen.

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es nicht nur eine Facebook-Gruppe, sondern jetzt auch Outdoor-Becher aus Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

Titel: Von Fischern und Fischen – Geschichten vom Abenteuer Angeln

Autor: Werner Berens

Verlag: Franckh Kosmos Verlag

ISBN: 978-3440098578

Titelbild: Photo by Zab Consulting on Unsplash

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Yoschko Polte sagt:

    Tolle Story, schöner ruhiger und spannender Schreibstil, hab ich gerne gelesen!

    Gefällt 1 Person

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