Kulinarische Kalendergeschichten: 25. September – Das schwedische Krebsfest

von Meike Dahlström

Das kräftskiva oder kräftkalas (Krebsfest) ist ein traditionelles Fest, das während der Krebssaison von Anfang August bis Ende September in ganz Schweden gefeiert wird. Dabei darf man dieses Krebsfest nicht als eine einzige besondere Feierlichkeit missverstehen: Vielmehr geht es darum, im Kreis der Familie oder mit Freunden ein ausgelassenes Krebsessen zu veranstalten – idealerweise zum Picknick, Mittag- oder Abendessen. Vielleicht kann man die launige Veranstaltung am ehesten mit einer sommerlichen Grillparty hierzulande vergleichen.

Abb.; „Der Krebsfang“ (Kräftfångst) von Carl Larsson, um 1895; Bildquelle: Wikipedia

Der Begriff kräftskiva wurde erstmals 1931 in der schwedischen Tageszeitung Dagens Nyheter als Synonym für einen festlich gedeckten Tisch verwendet: Das Wort skiva bedeutet einfach Tischplatte.

Doch warum diese zeitliche Begrenzung auf die Spätsommerwochen? Der zunehmende Krebskonsum Ende des 19. Jahrhunderts führte zu Überfischung – konsequenterweise wurde daraufhin eine Beschränkung des Fischfangs samt Sonderfreigabe eingeführt. Dieses Gesetz existiert seit 1994 nun nicht mehr, und Krebse werden seither in den Supermärkten das ganze Jahr hindurch feilgeboten. Auch Importe aus der Türkei und Spanien und vor allem aus China machen das saisonunabhängige Feiern möglich. Dennoch halten weiterhin viele Schweden an der Tradition fest und warten geduldig bis Anfang August, ehe sie die Krebse-Party steigen lassen. Der Spätsommer in Schweden kann herrlich sein, bei mitunter hochsommerlichen Temperaturen: Die Sonne scheitn, die Schweden sind gut erholt aus ihren langen Sommerferien zurück und freuen sich über die Gelegenheit, Freunde, Familie und Kollegen zu treffen und ausgelassen miteinander zu feiern.

Abb.: Kräftskiva, 1991; Bildquelle: Wikipedia

Meine schwedische Freundin Gabriella erzählte mir, dass ihre Familie die Krebse früher sogar eigenhändig an Land gezogen hat: Durch das nächtliche Auslegen der Reusen im nahegelegenen See konnte man am nächsten Tag eine köstlich kräftskiva mit fangfrischen Krebsen veranstalten.

Schon seit dem Mittelalter werden in Schweden Flusskrebse verzehrt; der Anstoß dazu kam wohl aus Mitteleuropa. Ab dem 16. Jahrhundert galten Flusskrebse als Festspeise am Königshof; Schwedenkönig Erik XIV. (* 1533; † 1577) wusste sich diese Köstlichkeit sogar selbst zu beschaffen: Er züchtete eigene Krebse in den Wassergräben rund um das Renaissanceschloss im südschwedischen Kalmar. Damals wurden Flusskrebse nicht im Ganzen serviert, sondern ihr Fleisch war die Hauptzutat in verschiedenen Eintopfgerichten. Auch Würstchen und Pasteten aus Krebsfleisch wurden gerne als Beilage verspeist.

Erst im Zusammenhang mit der Krebsfischerei Ende des 19. Jahrhunderts etablierte sich das Krebsessen in der heutigen Form. Die Krebse wurden von nun an den hungrigen Gästen zur Kräftskiva als Hauptspeise samt Schale und geeignetem Werkzeug zum Knacken der Scheren vorgesetzt.

Wer sich ein bisschen Schweden in die Heimat holen möchte, kann das nicht nur mit den altbekannten köttbullar bei IKEA tun – die kräftskiva lässt sich auch hierzulande relativ einfach nachkochen.

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Meike Dahlström

Meike Dahlström hat Literaturwissenschaft und Geschichte studiert und über Adalbert Stifter promoviert. Sie schreibt leidenschaftlich gerne über all die Dinge, die das Leben ein bisschen schöner und verspielter machen: Dazu zählen unter anderem Pokémon sowie charmante schwedische Traditionen und Kulturgeschichten. 2024 erschien im Leiermann-Verlag ihr Buch Kulturgeschichten der schwedischen Küche. Sie ist Deutschösterreicherin und lebt in Göteborg in Schweden.


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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe sowie Becher aus Emaille und Porzellan

Titel: Kulinarische Kalendergeschichten

Verlag: Der Leiermann

Verlagslink: https://www.verlag.der-leiermann.com/kulinarische-kalendergeschichten/

ISBN: ‎ 978-3903388697


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